BIKE: Die meisten Väter kämpfen darum, dass ihre Kinder wenigstens ihr Zimmer aufräumen. Du fährst mit deinem achtjährigen Sohn 470 Kilometer Gravel-Rennen. Wie kommt man auf so eine Idee?
Benjamin Trautmann: Ich habe ihn nicht gezwungen, falls das die Frage dahinter ist. Wir fahren zusammen Rad, seit er zwei ist. Eigentlich sind wir täglich irgendwo unterwegs: Bikepark, Trails, Schotterstraßen. Mit vier haben wir den Altmühlradweg gemacht: 240 Kilometer, vier Tage, Zelt. Am Ende wollte Max zurückfahren. Also sind wir zurückgefahren. Seine Entscheidung, nicht meine.
BIKE: Und von da an ging es geradewegs zum Langstreckenrennen?
Benjamin: Eher auf Umwegen. Mit fünf die erste Transalp ab Garmisch, fünf Tage. Dann immer mehr Bikepacking. Oder Klettern mit dem Rad verbinden, mit Karte und Kompass navigieren. Im vergangenen Jahr die Transalp zu dritt mit Zelt, diesmal war auch sein kleiner Bruder dabei. Die Kinder haben das Zelt aufgebaut, gekocht, vieles selbst gemacht. The Grit war dann das erste, was man wirklich Rennen nennen konnte. Ich habe uns angemeldet und geschaut, was geht.
BIKE: Was ging?
Benjamin: Am Ende standen 474 Kilometer auf dem Tacho. Der erste Tag war zum Einrollen. Der zweite war brutal: 130 Kilometer, 1400 Höhenmeter, Zielankunft um ein Uhr nachts in Tschechien. Eiskalt, Nebel, Stirnlampen. Ich hatte seine Fahrradhandschuhe dabei, Max zog meine darüber. Eineinhalb Stunden vor dem Ziel, irgendwo auf einem Pass im Nirgendwo, sprang zweimal die Kette runter. Und er fuhr einfach weiter. Das werde ich nicht vergessen.
Max sitzt neben seinem Vater, wirkt etwas schüchtern. Seine Antworten sind kurz: „Ja, hat Spaß gemacht.“ Oder: „Nee, ich hatte keine Angst nachts, Papa war ja da!“ Wir wollen ihn nicht quälen und reden weiter mit dem Vater.
BIKE: Was motiviert einen Achtjährigen, um Mitternacht noch weiterzufahren?
Benjamin: Das Abenteuer. Das ist kein Klischee, sondern der entscheidende Unterschied. Wären wir 130 Kilometer Landstraße gefahren, hätte er vermutlich nach 20 Kilometern keine Lust mehr gehabt. Aber wenn du durch Matsch fährst, an einem Bach einen Feuersalamander beobachtest, über Baumstämme kletterst und abends mit der Stirnlampe durch den Nebel rollst, sammeln sich die Kilometer fast von selbst.
Genau das ist der Reiz am Graveln: Es passiert ständig etwas. Ein Zaun liegt quer über der Strecke, also klettert man darüber. Ein Wasserrad steht am Weg, also hält man an. Man schaut, lacht, fährt weiter. Diese Momente bleiben hängen. Die Distanz wird zur Nebensache.
BIKE: Wie sah ein typischer Tag bei The Grit aus?
Benjamin: Losfahren, entdecken, anhalten, wenn es passt. Ich habe kaum auf die Uhr geschaut. Wenn Max sagte: „Da ist was“, haben wir angehalten. An einem See sind wir ins Wasser gesprungen, im Wald haben wir Pausen gemacht. Das Rennen war für uns eher der Rahmen als das Ziel. Ich wollte mich überraschen lassen – von der Strecke, von Max, von dem, was passiert. Und es ist deutlich mehr passiert, als ich erwartet hatte.
BIKE: Du bist Wirtschaftspsychologe. Wie nah ist das, was du da beschreibst, an Motivation durch Design – also an Manipulation?
Benjamin: (lacht) Ziemlich nah, ehrlich gesagt. Aber es macht einen fundamentalen Unterschied, ob ich sage: „Wir müssen heute 130 Kilometer schaffen“, oder: „Schau mal, da drüben ist ein See, da fahren wir hin.“ Das eine erzeugt Druck, das andere Neugier.
Kinder blocken sofort, wenn sie Druck spüren. Der Vater, der vor einer kleinen Brücke steht und sagt: „Komm, das schaffst du!“, und der Sohn verweigert – der hat wahrscheinlich zu früh zu laut gewollt. Man muss spielerisch anfangen. Kein großes Ziel ausrufen. Einfach losfahren und schauen.
BIKE: Hattest du nie Sorge, Max zu überfordern?
Benjamin: Nein. Ich kann das ziemlich gut einschätzen.
BIKE: Was sagt die Mutter?
Benjamin: Sie sagt: Hauptsache, wir haben Spaß. Sie vertraut meiner Einschätzung. Ich weiß, wann es zu viel wird. Und ich merke das. Wenn Max sagt: „Es passt jetzt so“, suchen wir die nächste Unterkunft. Keine Etappenpflicht, kein Ziel um jeden Preis. Bis jetzt wurde es nicht zu viel.
BIKE: Fragen dich Freunde, ob du noch alle Latten am Zaun hast?
Benjamin: Manche schon. Natürlich denkt man schnell: Der Vater zwingt sein Kind zu so etwas. Aber das geht am Kern vorbei. Es kommt nicht darauf an, was man macht, sondern wie.
Wer seinen Sohn auf ein schweres, billiges Mountainbike setzt und sagt: „Heute 80 Kilometer, kein Jammern“, wird wahrscheinlich scheitern. Wer mit einem vernünftigen Rad, ohne Zeitdruck und mit Molchen und Fröschen am Wegesrand loszieht, wird überrascht sein, wie weit ein Kind kommt.
Und Max hat nach The Grit nicht gesagt: „Nie wieder.“ Er sagte: „Im September fahren wir über die Dolomiten nach Venedig und dann nach Kroatien.“ Eine Tour, fünf Länder. Diesmal mit seinem Bruder.
BIKE: Wie läuft das dann? Dein jüngerer Sohn sitzt vorne bei dir auf dem Rad?
Benjamin: Genau. Shotgun-Position auf dem Gravelbike. Max fährt selbst, Julius sitzt vorne bei mir. Wir schauen, wie es sich entwickelt: Wer hat wie lange Lust, kommen wir tatsächlich ans Ziel? Das ergibt sich. Wir planen solche Touren nie zu fest.
BIKE: Was fasziniert dich persönlich an diesen Distanzen?
Benjamin: Ich komme nicht aus der Rennszene. Kein Leistungssport, kein Trainingsplan. Ich kombiniere alles: Klettern, Snowboard, Rad – Hauptsache, es macht Spaß. Aber Ultrarennen und Abenteuerprojekte wie die von Jonas Deichmann faszinieren uns beide. Max schaut sich die Videos an, und seine Augen leuchten. Auch Fabio Wibmer ist für ihn ein Vorbild, weil er zeigt, was mit einem Fahrrad alles möglich ist. Das sagt eigentlich alles.
BIKE: Wie ehrgeizig bist du selbst?
Benjamin: Sehr, wenn ich ein Projekt im Kopf habe. Früher noch mehr. Heute als Vater lautet mein Motto eher: Es wäre cool, wenn wir es schaffen – aber es muss nicht sein. Gerade bei Kindern ist dieser Unterschied wichtig. „Du musst das schaffen“ bringt dich nicht weit.
BIKE: Hast du Angst, dass das Kilometerfressen zur Sucht wird, wie bei manchen Ultra-Bikern?
Benjamin: Sucht ist ein hartes Wort. Passion trifft es besser. Ich freue mich, dass meine Kinder draußen sind, sich bewegen und etwas erleben wollen. Genau das macht mir selbst Spaß. Und ich genieße es, dass wir uns für dieselben Dinge begeistern.
Vor allem in einer Generation, in der Drittklässler bereits Handys haben und den ganzen Tag TikTok schauen. Da könnte man eher von Sucht sprechen.
BIKE: Und der Sucht-Aspekt im Sport?
Benjamin: Theoretisch kann daraus natürlich eine Abhängigkeit werden. Wenn du aber verschiedene Dinge machst – Radfahren, Klettern und anderes – und alles mit Freude, sehe ich die Gefahr weniger. Anders wäre es, wenn sich alles nur noch um extreme Ultra-Projekte dreht.
BIKE: Gibt es schon ein nächstes großes Ziel?
Benjamin: Im September der Trip nach Kroatien. Und nächstes Jahr wollen wir den Donauradweg fertig fahren. Rund 1600 Kilometer haben wir schon geschafft, mussten wegen großer Hitze aber abbrechen. Eigentlich wollten wir bis Istanbul. Das Projekt steht also noch auf der Liste.
BIKE: Wie schwer ist es, andere Kinder in dem Alter zu finden, die so etwas machen?
Benjamin: Wahnsinnig schwer. Wir leben in einer Konsolengeneration. Auch Eltern zu finden, die selbst gern draußen sind und das vorleben, ist selten geworden. Bikepark geht noch, weil man shutteln kann und sofort Spaß hat. Aber dass ein Kind sagt: „Ich fahre gern lange Strecken mit Papa“, entsteht nicht aus dem Nichts.
Das wächst. Und der Grundstein liegt im Elternhaus. Wenn Eltern selbst draußen sind, mit Leidenschaft, und die Kinder einfach mitnehmen, funktioniert es. Nicht als Programm, sondern als Teil des Lebens.
BIKE: Was rätst du Eltern, die das auch wollen?
Benjamin: Einfach anfangen. Ein halbwegs vernünftiges Fahrrad – kein Discounter-Schwergewicht, das nimmt Kindern jede Lust – und raus in den Wald. Egal wohin, egal wie weit. Kein Ziel, keine Strecke, kein Plan.
Wenn es Spaß macht, kommt der nächste Tag von selbst. Vielleicht irgendwann ein kleiner Gravel-Event, 30 oder 40 Kilometer, mit Familienrunde. Schauen, wie es sich anfühlt. Der Rest ergibt sich.
Man muss das nie als Rennen sehen. Man muss nichts durchpeitschen. Wer mit dem Spaß anfängt, kommt weiter als jemand, der mit dem Ziel anfängt.
BIKE: Letzte Frage an Max: Lieber Rennen oder lieber Abenteuer?
Max: Lieber Abenteuer.
BIKE: Und The Grit?
Max: War beides.
Benjamin: (lacht) Besser kann man es nicht zusammenfassen.
430 Kilometer, rund 5.000 Höhenmeter und kein Begleitfahrzeug, das die müden Beine rettet: Die selbstversorgte Gravel-Challenge führt als großer Rundkurs durch die Oberpfalz. Versteckte Wege, einsame Straßen, Seen, Burgen und historische Orte liefern die Kulisse. Der Untergrund ist demokratisch verteilt: etwa 50 Prozent Gravel, 50 Prozent Asphalt – anstrengend wird beides. Start und Ziel liegen in Regensburg. Gefahren wird ohne klassische Rundumversorgung. Navigation, Verpflegung und Pausen liegen weitgehend in der Hand der Teilnehmer. Damit gehört THE GRIT eher zum Bikepacking und Ultracycling als zum üblichen Gravelrennen mit Verpflegungszone und Zielsprint.
Die wichtigsten Fakten

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