Laurin Lehner
· 06.02.2024
Die schweizerisch-amerikanische BMX-Fahrerin Nikita Ducarroz wuchs in den USA auf. Als Kind spielte Nikita Fußball, doch dann bekam sie Panikattacken und traute sich nicht mehr unter Menschen. Also begann sie im Hinterhof mit dem BMX zu tricksen – Youtube-Tutorials halfen ihr dabei. Damals war Nikita 14 Jahre alt. Heute ist sie zweifache Vizeweltmeisterin im BMX und holte Bronze bei den Olympischen Spielen 2020. Sie spricht offen über ihre Angststörungen und setzt sich für Mental Health im Sport ein.
FREERIDE: Nikita, verfolgst du die FMB World Tour?
Nikita Ducarroz: Hin und wieder guck ich mir einen Live-Stream an und bin fasziniert, was die machen. Und ja, es ist ähnlich aber doch komplett anders.
In diesem Jahr wird es bei Crankworx-Events der FMB World Tour eine eigene Frauen-Kategorie geben. Denkst du da manchmal, okay, die misch ich jetzt auf?
Ja, ich habe solche Fantasien. Doch ich bin noch nicht bereit, mein BMX in die Ecke zu stellen und aufs MTB zu steigen. Die Crankworx-Kurse sind zwar riesig, doch ich denke schon, dass ich es zumindest über alle Sprünge schaffen würde. Eine Gewöhnung an das Mountainbike vorausgesetzt.
Wie fit bist du auf dem Mountainbike?
Ich habe ein Dirtbike und sogar ein Fully, aber leider komme ich viel zu selten dazu, damit zu fahren. Dabei würde es mich reizen, meine BMX-Tricks auf das MTB zu transformieren. Ich erinnere mich noch, wie ich mich auf dem Dirtbike versucht habe. Die Federung fühlte sich komisch an und ich hatte ungewohnt viel Bike zwischen den Beinen. Ich fühlte mich wie ein Anfänger – kein gutes Gefühl. Aber nach kurzer Zeit flippte ich damit. Das ist aber schon ein paar Jahre her, seitdem habe ich die Bikes nicht mehr angefasst.
Warum nicht?
Wenn man in etwas erfolgreich sein will, sollte man sich nur auf eine Sache konzentrieren. Es wäre mein schlechtes Gewissen, das mir sagen würde: Warum sitzt du auf dem Mountainbike, du könntest jetzt auf dem BMX trainieren.
Manche behaupten, es sei wichtig einen Ausgleich zu haben. Um den Spaß nicht zu verlieren.
Klar ist Ausgleich wichtig. Ich bereise die Welt mit meinem BMX, sehe neue Orte. Aktuell bin ich in Costa Rica, wo ich neben dem Training wellenreite. Ans Mountainbiken will ich mich aktuell dennoch nicht gewöhnen, mein Fokus liegt auf Paris (Anm. d. Red.: Dort finden im Sommer die Olympischen Spiele statt).
Viele BMXer wechseln das Fahrerlager. Prominente Beispiele sind Kriss Kyle, Christian Rigal oder Brad Simms.
Ja, das bekomme ich natürlich mit. Und es fasziniert mich. Ich glaube, sie reizt das neue, ich dagegen hab´ noch nicht genug vom BMXen.
Wie können wir uns die BMX Freestyle-Szene vorstellen?
Puh, ich kenne die MTB-Szene nicht, deshalb fällt es mir schwer, einen Vergleich zu ziehen. Bei uns ist es sehr athletisch. Das heißt: viel Training im Gym, gesunde Ernährung und gezieltes Training im Park.
Hört sich seriös an, weniger nach Funrides wie bei den Street-BMXern.
Verstehe mich nicht falsch, wir haben auch Spaß. Außerdem ist dein Bild der Street-BMXer veraltet. Als würden die ewig ausschlafen, das Fitnessstudio meiden und sich von Fast Food ernähren. Nein, ich kenne viele, die genauso professionell trainieren wie wir. Denn auch hier ist die Leistungsdichte enorm. Grundsätzlich sehe ich viele Parallelen. Die Street-BMXer leben ihre Kreativität in den Innenstädten aus, wir im Skatepark.
Hast du das Zeug zum Street-BMXer?
Nein, du musst wissen, dass wir BMXer im Skatepark auf genormten Rampen mit ähnlichen Radien fahren. Auf der Straße musst du dich mit dem begnügen, was die Stadt hergibt. Aber klar, wenn da eine Hip ist, dann kann ich mich da auch rausfeuern oder Wallrides fahren.
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Du forderst mehr Unterstützung von den Verbänden, wenn es um Mental Health geht. Was erwartest du und was hast du bisher erreicht?
Ich fordere nicht, ich sensibilisiere. Ich spreche darüber, weil es kein Tabuthema sein darf. Ich glaube, gerade Athleten fällt es schwer, über psychische Probleme zu sprechen. Man muss wissen: Als Profisportler geht es darum, stark zu sein und stark zu wirken. Sei es während des Wettkampfes oder dazwischen. Man zeigt nicht seine verletzliche Seite und will auch nicht um Hilfe bitten. Ich halte das für Quatsch und will damit brechen. Mentaltrainer sind heute viel verbreiteter als noch vor ein paar Jahren. Das ist eine gute Nachricht.
Arbeitest du mit einem Mentalcoach und wie hilft er dir?
Bei mir geht es nicht nur darum, vor dem Wettkampf die Nerven zu behalten und mit dem Druck umzugehen. Ich hatte schon als Teenager mit Angststörungen und Panikattacken zu kämpfen. Deshalb habe ich schon lange einen Psychotherapeuten, der mir hilft, damit umzugehen.
Das heißt, Mental-Coaches helfen Sportlern eher, mit dem Druck vor einem Wettkampf umzugehen, als mit anderen Lebensproblemen wie Trauer, Trennung oder Depressionen?
Das hängt davon ab, was der Athlet möchte und wie qualifiziert der Mental-Coach ist.
Was macht einen guten Mental-Coach aus?
Ein guter Mental-Coach ist kompetent, stellt die richtigen Fragen und lenkt die Gedanken in Richtung der Lösung. Viele unterschätzen das und denken, der hört ja eh nur zu. Das stimmt aber nicht. Die Beziehung zwischen Athlet und Mental Coach ist sehr wichtig, sie muss stimmen. Der Coach muss dich verstehen und wissen, wie du tickst.
Hast du Tipps, wie man die Nerven behält? Zum Beispiel vor dem Wettkampflauf.
Das ist sehr individuell. Mir hilft es, den Lauf vor meinem inneren Auge zu visualisieren. Ich spreche mir auch gut zu. Das beruhigt mich. Eine gewisse Lockerheit hilft mir, wenn zum Beispiel vor dem Lauf gescherzt wird. Dazu kommen Atemübungen, wenn ich spüre, dass ich zu nervös werde.
Wann hattest du die letzte Panikattacke?
Es gibt große und kleine. Ich habe gelernt, damit zu leben. Die letzte heftige hatte ich nach der Europameisterschaft. Mein Flug ging in ein paar Stunden und ich war allein im Hotelzimmer. Mein Team und mein Mentalcoach waren schon weg. Mein Herz raste, ich bekam kaum Luft. Ich saß auf dem Bett und konnte mich nicht bewegen. Du musst wissen, das ist ein totaler Kontrollverlust. Vor einigen Wochen hatte ich eine kleine Panikattacke. Ich habe mit meinen Eltern und Freunden telefoniert, das hat geholfen. Das Schlimmste ist, wenn man versucht, den Anfall zu vermeiden.
Werden wir dich irgendwann als Profi-Mountainbikerin sehen?
Vielleicht. Ich bin mir zumindest sicher: Wenn ich das BMX zur Seite lege, steige ich aufs Mountainbike. Doch noch habe ich Lust, BMX zu fahren.

Redakteur