Laurin Lehner
· 29.03.2026
Roman Arnold, der Gründer von Canyon, ist seit September 2025 als Executive Chairman wieder zurück in der Unternehmensleitung. Der bisherige CEO Nicolas de Ros Wallace hat das Unternehmen nach dreieinhalb Jahren einvernehmlich verlassen. Mit diesem Führungswechsel will Canyon wieder stärker an seine Gründungswerte anknüpfen – und gleichzeitig weiter wachsen.
Ende Januar machte das Unternehmen allerdings Schlagzeilen: Bis zu 320 Stellen – rund 20 % der Belegschaft – sollen an den Standorten Koblenz und Amsterdam wegfallen.
Für die Mitarbeitenden ist es dabei ein Vorteil, dass es bei Canyon einen Betriebsrat gibt – in der Fahrradbranche eher ungewöhnlich. Außerdem hatten IG Metall und Canyon 2024 den ersten Tarifvertrag der Branche abgeschlossen. Das heißt: Die geplanten Kündigungen müssen mit dem Betriebsrat verhandelt und begründet werden. Der Betriebsrat kann auch einen Sozialplan fordern und eigene Vorschläge einbringen. Wie es konkret für die Mitarbeiter weitergeht, ist aktuell noch offen – die Verhandlungen laufen noch.
Die Mehrheit von Canyon gehört seit 2020 der belgischen Investmentholding Groupe Bruxelles Lambert (GBL). Schon länger sind die schlechten Zahlen des Unternehmens bekannt: Der Wert der Canyon-Beteiligung fiel von 460 auf 261 Mio. Euro – bei GBL führte das zu einer Abschreibung von fast 200 Mio. Euro.
2024 meldete Canyon einen Umsatz von 792 Mio. Euro – allerdings mit zweistelligem Verlust. Auch in den ersten drei Quartalen 2025 ging der Umsatz zurück, und erneut wurden Verluste verzeichnet. Zuletzt musste Canyon außerdem große Mengen an E-Bike-Akkus zurückrufen. Laut Global Communications Manager Ben Hillsdon waren diese Rückrufe jedoch weder der Grund für die schlechten Zahlen noch für die geplanten Kündigungen.
Wir haben bei Canyon-Gründer und Executive Chairman Roman Arnold nachgehakt, warum dieser Schritt nötig war und wie es dazu kam.
Du bist seit September zurück als Executive Chairman, besitzt aber nur noch ein Drittel der Firmenanteile. Wie viel kannst du noch entscheiden?
ARNOLD: Als Executive Chairman kann ich sehr viel entscheiden. Der Druck ist groß und ich muss liefern – das ist auch aktuell der Fall. Ich bin überzeugt, dass wir im Moment den richtigen Kurs eingeschlagen haben.
Während der Covid-Zeit wirkte es so, als wollte die Fahrradbranche zur Automobilbranche aufschließen: Top-Manager von außen statt Garagen-Gründer an der Spitze. Das war auch bei eurem Mitbewerber YT Industries so – und bei euch mit dem ehemaligen Nike-Manager Nicolas de Ros Wallace. War das eine gute Entwicklung?
Teils, teils. Es gab viele neue Impulse, neue Managementprozesse, wertvolle Kontakte und frische Perspektiven. Gerade beim Aufbau unseres Geschäfts in den USA hat das enorm geholfen. Solche Entwicklungen gehören zum Wachstum eines Unternehmens dazu.
Das eigentliche Problem war eher, dass zu dieser Zeit viele Investoren eingestiegen sind und eine regelrechte Goldgräberstimmung herrschte. Dass dieser Boom nicht ewig anhalten würde, wollte damals kaum jemand wahrhaben. Die Folge waren ein Rückgang der Nachfrage und enttäuschte Investoren. Den externen Managern kann man dafür aus meiner Sicht keine Schuld geben.
In meinen Augen ist die aktuelle Krise hausgemacht. Viele in der Branche waren vom Erfolg geblendet. Wie konnte man eine Marktsättigung nur ignorieren?
Da stimme ich dir zu. Canyon ist vergleichsweise glimpflich davongekommen, andere Hersteller hat es deutlich härter getroffen. Natürlich kamen zusätzliche Faktoren hinzu, etwa der Ukrainekrieg oder eine gewisse Innovationsflaute im Mountainbike-Bereich. Trotzdem hätte diese Entwicklung so nicht passieren dürfen.
Am Ende gilt jedoch: Wer Teil der Branche ist, spürt auch die Konsequenzen. Selbst Unternehmen, die sich nicht vollständig von der Goldgräberstimmung haben mitreißen lassen, bekommen die Auswirkungen jetzt zu spüren. In dieser Situation sitzt die gesamte Branche im selben Boot.
Du bist nun nach deiner Pause wieder am Ruder. 320 Mitarbeiter sollen das Unternehmen verlassen. Wer entscheidet, wer gehen muss?
Du kannst dir vorstellen, dass eine solche Entscheidung alles andere als leichtfällt. Wer mich kennt, weiß, wie wichtig mir Verantwortung ist.
Dabei geht es nicht um einzelne Personen, sondern um Rollen innerhalb des Unternehmens. Einige dieser Positionen sind in einer Phase entstanden, in der viele davon ausgingen, dass der Boom dauerhaft anhalten würde. Kurz gesagt: Die Organisation ist in dieser Zeit stark gewachsen – und jetzt müssen wir sie wieder etwas verschlanken.
Was sind deine Vorgaben?
Wir brauchen wieder klarere Strukturen, eindeutige Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Ziel ist ein Unternehmen, das schneller und effizienter arbeiten kann. Weltweit beschäftigen wir rund 1.600 Mitarbeiter, und ich trage die Verantwortung dafür, dass möglichst viele von ihnen auch in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz haben.

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