Leo Eberhardt (29) will zur Red Bull Rampage. Dafür investiert er eigenes Geld, riskiert harte Stürze – und sogar seinen Sponsorenvertrag. Im Interview spricht er über Angst, Motivation und die Realität hinter dem härtesten Freeride-Event der Welt.
Leopold Erhardt: Ich komme aus Schwandorf bei Regensburg. Mit 20 bin ich zum Studieren nach Innsbruck gezogen – und dort geblieben.
Wie kommt es, dass ich deinen Namen gar nicht kenne?
(Lacht) Das weiß ich nicht. Ich habe im Slopestyle angefangen und mich dann immer stärker Richtung Freeride entwickelt. Aber es ist nicht leicht, in der Freeride-Szene Fuß zu fassen.
Beim Swatch Nines war ich zweimal dabei. Davor habe ich sicher fünf Jahre lang versucht reinzukommen. Dieses Jahr hätte ich gern beim Darkfest mitgemacht, doch Sam Reynolds hat mich auf nächstes Jahr vertröstet.
Ich mache niemandem einen Vorwurf. Die Plätze sind begrenzt – und es gibt unglaublich viele starke Fahrer.
Die Rampage hat noch einmal einen anderen Stellenwert. Wie schätzt du deine Chancen ein, einen Startplatz zu bekommen?
Es wirkt so, als beginne der Wettkampf viel früher. Nicht beim Event selbst – sondern beim Kampf um einen Startplatz. Heute wollen viel mehr Rider zur Rampage als früher. Fast jeder Freerider aus Utah will dort starten.
Beim Darkfest sind die Sprünge riesig, aber perfekt geshapt. Die Fahrer sagen: relativ sicher. Ernste Verletzungen sind selten. Bei der Rampage dagegen herrscht eher eine Alles-oder-nichts-Mentalität. Wenn ich an die letzte Rampage denke, läuft es mir kalt den Rücken runter.
Mir auch. (lacht)
Wie funktioniert das Auswahl-Verfahren?
Inzwischen ist es fast unmöglich, berücksichtigt zu werden, ohne in Utah einen Filmclip zu drehen. Den schickst du an Organisator Todd Barber und sein Team.
Das hast du auch gemacht.
Ja. Und das ist teuer. Ich habe mich mit Johnny Salido zusammengetan, um Kosten zu sparen. Trotzdem hat das Projekt rund 10.000 Euro gekostet.
Die Wettkampfteilnahme selbst kostet noch einmal mindestens 15.000 Dollar.
Viel Geld. Wie kannst du dir das leisten?
Ich habe in Innsbruck eine kleine Trailbau-Firma. Die läuft gut. Damit finanziere ich vieles selbst. Unterstützung bekomme ich von Aertime, einer neuen Komponenten-Marke. Außerdem helfen mir zwei Freunde: Erik Fedko mit Type Clothing und Stevie Schneider mit Flow Drops.
Ohne sie hätte ich das nicht geschafft.
Und dein Bike-Sponsor ist weiterhin Kona Bikes?
Nein. Die haben mich gekickt, als ich sagte, dass ich bei der Rampage starten will. An Weihnachten. Direkt an Heiligabend.
Was? Ich hätte gedacht, ein Freeride-Label zahlt extra Bonus für eine Rampage-Teilnahme.
Die Begründung war: Kona will sich neu ausrichten. Wettkämpfe wie die Rampage stehen dort nicht mehr im Fokus.
Und was für ein Bike fährst du jetzt?
Immer noch das Kona. Es gefällt mir einfach sehr gut. Aber ich habe die Schriftzüge abgeklebt.
Seit Guido Tschugg sind 18 Jahre vergangen. Seitdem hat kein Deutscher mehr teilgenommen.
Verrückt, ich weiß. Peter Henke hatte mal überlegt, mitzumachen, glaube ich.
Krass, krasser, Rampage. Sekt oder Sarg – ist das inzwischen das Motto? Ich denke da an Adolf Silva und Emil Johansson.
Nein. So würde ich das nicht sagen. Und man kann Adolfs Sturz nicht mit Emils vergleichen.
Aber riskieren musst du extrem viel, um vorne zu landen.
Das gilt schon für die Bewerbungsvideos. Ich habe mit DJ Brandt darüber gesprochen. Er war mehrfach dabei, hat aber keine Lust mehr auf dieses Risiko. Selbst er kann kaum glauben, was Rider heute riskieren müssen, um überhaupt einen Startplatz zu bekommen.
Bekommst du bei all dem Risiko keine Angst?
Natürlich habe ich Angst. Und natürlich frage ich mich: Ist es das wert? Warum mache ich das überhaupt?
Denk an Adolf Silva. Sein Sturz hat sein Leben verändert. Für mein Bewerbungsvideo habe ich den Drop „The Price is Right“ geflippt. Deshalb heißt mein Clip: „Is the Price Right?“
Sag du es mir: Ist der Preis richtig?
Das muss jeder selbst beantworten.
Aber ich frage dich.
Ich will dieses Risiko eingehen. Ich weiß nicht warum. Irgendetwas in mir sagt: Ich habe Lust darauf. Ich will mich pushen.
Wenn du meinen Clip mit dem Flip und dem anschließenden Crash siehst, denkst du: Pack zusammen, geh ins Kloster und sei froh, dass dir nichts passiert ist.
Aber du bist nicht ins Kloster gegangen.
Nein. Der Crash ist passiert, weil ich einen Fehler gemacht habe. Ich weiß, welcher. Das passiert mir nicht noch einmal.
Das wirkt fast naiv.
Ich will mir selbst beweisen, dass ich es kann. Warum klettert Alex Honnold ohne Seil den El Capitan hoch? Er muss das auch nicht machen. Aber er weiß, dass er es kann.
Es kann trotzdem immer etwas schiefgehen. Denk an Emil.
Absolut.
Andere Rider setzen stärker auf Style statt Risiko – etwa Jaxson Riddle oder Finley Kirschenmann.
Ja. Und dann gibt es Fahrer wie Cam Zink, Adolf Silva oder Tom Van Steenbergen. Die wollen gewinnen.
Oder denk an Szymon Godziek. Er will das Ding endlich gewinnen.
Sein Sturz letztes Jahr sah schlimm aus.
Definitiv ein Moment zum Zähneklappern. Gut, dass nichts passiert ist.
Du warst selbst vor Ort. Ist Rampage live noch krasser als im Video?
Oh ja. Absolut. Mir ging es genauso. Wenn du die Dimensionen zum ersten Mal siehst, machst du große Augen.
Ich war 2024 als Digger für Clemens Kaudela dort. Ohne ihn wäre ich heute nicht an diesem Punkt. Jetzt kenne ich die Utah-Features – und weiß: Das kann ich auch.
Darauf trainiere ich hin.
Wie trainiert man so etwas?
Du musst nach Utah fahren. Als ich den Drop „The Price is Right“ gesehen habe, wusste ich: Den will ich flippen. Das hat bisher nur Godziek gemacht, Reed Boggs und Adolf Silva.
Und Tom Van Steenbergen.
Genau. Er hat dort einen Frontflip gemacht.
Und wurde nur Vierter.
Ja. Für mich komplett unverständlich. Das war einer der härtesten Moves überhaupt.
Wie sieht deine Strategie aus, falls du einen Startplatz bekommst?
Allein die Aufregung, der Medienrummel und das Schaufeln bringen dich ans Limit. Deshalb darfst du beim Riding nicht ans Limit gehen.
Du musst das richtige Mittelding finden. Du willst ja keinen schwachen Run zeigen – aber auch nicht alles riskieren.
Jetzt muss ich erst einmal den Startplatz bekommen. Den Clip reiche ich im Juli ein. Im August erfahre ich mehr.
Leider bin ich beim Flip über „The Price is Right“ gestürzt. Deshalb überlege ich gerade, ob ich noch einmal nach Utah fliegen soll. Andererseits bin ich komplett pleite und muss arbeiten.
Ist das entscheidend für die Bewerbung?
Ich weiß es nicht. Aber ich will mir später nichts vorwerfen.
Wo gehst du bei uns zum Biken?
In Innsbruck. Viel E-Bike. Oder in Sölden Bike Republic auf dem Nines-Kurs.
Und als Trailbauer – was empfiehlst du?
Bikepark Leogang gefällt mir. Die Hot Shots weniger. In Bikepark Schladming habe ich am meisten Spaß.
Welche Rider inspirieren dich?
Godziek. Brandon Semenuk als GOAT. Tom Van Steenbergen. Die Ruso Brothers. Meine Freunde zuhause. Und immer noch Andreu Lacondeguy.
Hat Godziek dir Tipps für den Flip gegeben?
Ich habe ihn gefragt, wie schnell ich sein muss. Das hat er mir gesagt. Trotzdem war es verdammt scary.
Das glaube ich sofort.
Ja. Da schließt man fast ein bisschen mit dem Leben ab. Auch der Crash hat Spuren hinterlassen. Es dauert, bis man so etwas verarbeitet hat.
Meine Freundin findet es jedenfalls gar nicht gut, dass ich darüber nachdenke, den Stunt noch einmal zu wiederholen.

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