Das Dilemma der Trailwahl„Ich bin einsam!“

Dimitri Lehner

 · 21.03.2026

Wer besser fährt als seine Freunde, fährt oft allein. Eine kleine Tragödie auf schmalen Pfaden.

Wer besser fährt als seine Freunde, fährt oft allein. Eine kleine Tragödie auf schmalen Pfaden.

Es gibt dieses leise, nagende Problem, über das man nicht gern spricht, weil es ein bisschen nach Angeberei klingt. Ist es aber nicht. Es ist vielmehr ein Dilemma. Eines ohne elegante Lösung.
Die Trails, die mir Spaß machen, überfordern meine Freunde. Die Trails, die meine Freunde mögen, langweilen mich. Dazwischen: nichts. Kein Kompromiss, kein Happy End, nur ein Riss, der sich mit jedem gefahrenen Höhenmeter weiter auftut.

Der Reiz des Anspruchs

Ich kann mit meinen Freunden kaum noch biken. Mit Freundinnen erst recht nicht – gut, dass ich keine habe, möchte man fast zynisch hinzufügen. Die einen bleiben stehen, wo es für mich interessant wird. Die anderen fahren dort, wo für mich schon längst der Bildschirmschoner angeht.
Natürlich gibt es sie, diese wenigen Unerschrockenen, die mitziehen. Die, die bei „steil“, „ausgesetzt“ und „lose“ nicht nervös werden. Aber sie sind rar. Und vor allem: beschäftigt. Am Ende bleibt oft nur eine Option – alleine losziehen.

Allein ist Freiheit oder Einsamkeit

Ich beneide Menschen wie Stefan K. Der braucht niemanden. Der geht einfach. Allein auf Tour, allein in den Powder, allein in den Hang. Wenn ihn die Lawine verschüttet – nun ja. Auch das scheint Teil seiner Gelassenheit zu sein. Maximale Freiheit durch maximale Unabhängigkeit. Ich bewundere das. Ich kann das nicht. Ich brauche Gesellschaft. Nicht als Dekoration, sondern als Resonanzraum. Ohne sie bleibe ich zu Hause. Und das ist, nüchtern betrachtet, unerquicklich.

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Pädagoge auf dem Trail

Die Alternative wäre, die Freunde mitzunehmen. Mitten hinein ins alpine Gelände, in diese schmalen, ruppigen Linien, wo Fehler Konsequenzen haben. Aber dann fahre ich nicht mehr – ich begleite. Ich warne, warte, rechne Stürze durch. Ich sehe Linien, die ich fahren würde, und sehe gleichzeitig, wie andere sie schieben. Abwärts. Das ist der Moment, in dem aus Sport eine pädagogische Veranstaltung wird.
Und schlimmer noch: Ich werde zum Maßstab, den niemand bestellt hat. Ich fahre vor, die anderen hinterher – oder eben nicht. Und plötzlich steht da dieses unausgesprochene Gefühl im Raum: „Ich würde gern, aber ich kann nicht.“ Es ist ein unangenehmes Gefühl. Für alle Beteiligten.
Also doch die leichten Trails? Die freundlichen, fließenden, gutmütigen? Natürlich könnte ich. Ich tue es ja auch – auf dem Gravelbike etwa. Radel-di-radel, Puls im grünen Bereich, Gedanken im Leerlauf. Das hat etwas Meditatives. Aber auf dem Mountainbike will ich mehr. Ein bisschen Risiko. Ein bisschen Adrenalin. Ohne das fehlt mir etwas.

Ein Zurück gibt’s nicht

Das Problem: Ich habe verlernt, einfache Trails zu sehen. Wer mich nach Tipps fragt, bekommt oft ein Schulterzucken. „Kenn ich nicht.“ Große Augen auf der anderen Seite. „Wie, du arbeitest doch…?“ Ja, schon. Aber mein Koordinatensystem hat sich verschoben.
Vielleicht liegt es daran, dass ich einmal zu viel gesehen habe. Zu viel Gutes. Zu perfekte Trails, zu saubere Lines, zu ideal gebaute Kurven. Wer einmal in Whistler gefahren ist, weiß, was gemeint ist. Danach wirken viele heimische Strecken wie Skizzen. Fahrbar, ja. Begeisternd? Eher nicht.
Es ist wie mit Wein. Oder mit dem Meer. Wer das Beste kennt, wird anspruchsvoll. Und Anspruch ist, auf Dauer, ein ziemlich einsamer Begleiter.

Was also tun?

Zurück geht nicht. Vorwärts heißt oft: allein.
Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein bisschen schlechter. Oder zumindest genügsamer.
Stattdessen stehe ich am Einstieg eines perfekten Trails, schaue hinunter – und denke: Verdammt. Schön hier.

Wenn nur jemand da wäre, der es genauso sieht.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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