Danny MacAskill im Interview“Ein Laufrad bauen ist wie Therapie!”

BIKE Redaktion

 · 23.12.2022

Danny MacAskill im Interview: “Ein Laufrad bauen ist wie Therapie!”Foto: Taylor Chase

Mit seinen Trial-Stunts hält Danny MacAskill die Bike-Welt in Atem. Vor seiner Karriere als Youtube-Star hat der Schotte in Bikeshops geschraubt – mit der gleichen Passion, mit der er seine Tricks zelebriert. Im BIKE-Interview erzählt Danny von der Mediation Laufradbau, der Rolle von Musik beim Schrauben und Bremsflüssigkeit im Auge.

Der Schotte Danny MacAskill zählt seit über einem Jahrzehnt zu den Top-Stars der Bike-Szene. Mit spektakulärer Street-Trial-Akrobatik fing im Jahr 2009 alles an. Auch in seinem neuesten Clip “Postcard from San Francisco” zeigt er seine unglaublichen Skills und seine Kreativität mit Tricks, die für Normalsterbliche unmöglich sind.

Was viele vielleicht nicht wissen: Danny hat vor seiner Karriere als Youtube-Star als Mechaniker in Bikeshops geschraubt. Wir sprachen mit dem Wunder-Biker über Lust und Frust beim Schrauben, die Meditation Laufradbau sowie die Rolle guter Musik – und erfahren dabei, was selbst einen Superhelden wie Danny MacAskill aus der Konzentration bringen kann.

BIKE: Danny, Du hast vor Deiner Karriere als Trial-Star sieben Jahre lang als Mechaniker in Bikeshops in Schottland gearbeitet. Was hat Dich dazu gebracht?

DANNY MACASKILL: Das kam ganz einfach: durchs Biken. Schon mit acht Jahren habe ich verrückte Dinge auf meinen Fahrrädern gemacht. Ich fuhr Cantilever-Bremsen mit Plastikgriffen. Da ging fast jeden Tag was kaputt. Ich konnte die Bikes doch nicht jedes Mal in die Werkstatt bringen. Also habe ich sie selbst repariert. Am Ende der Schulzeit wusste ich nicht recht, was ich anderes machen sollte, als irgendetwas mit Fahrrädern. Ich brannte darauf, Bike-Mechaniker zu werden. Also fing ich bei Bothy Bikes an, in Aviemore, wo ich oft die Ferien verbracht hatte. Der dortige Mechaniker Martin Macbeth nahm mich unter seine Fittiche, und schon bald konnte ich für die Kunden edle Custom-Bikes aufbauen. Ich habe eine Menge gelernt dabei. Später wechselte ich zu MacDonald Cycles in Edinburgh.

An welche Werkstattmomente erinnerst Du Dich noch?

Ich wollte mal, damals noch bei Bothy Bikes, einem Mädchen zeigen, wie sie den Ölwechsel bei ihren Magura-Louise-Scheibenbremsen selbst erledigen kann. Ich hatte das bis dahin selbst selten gemacht und war wohl nicht ganz konzentriert, und da spritzte mir das Öl direkt ins Auge. Zum Glück war es Mineralöl. Ein anderes Mal sollte einer meiner Werkstattkollegen in Edinburgh den Ölwechsel an einer Federgabel machen. Er hatte vergessen, vorher die Luft abzulassen. Da flog das Innenleben der Gabel durch die Werkstatt und mir um die Ohren.

War die Werkstatt auch ein Ort, an dem Du von neuen Bike-Tricks und neuen Abenteuern geträumt hast?

Aber sicher. Gleichzeitig war die Werkstatt der Ort, an dem ich mit meinen Freunden abhing. Ich arbeitete fünf Tage die Woche, war aber auch an meinen freien Tagen dort. Das fühlte sich nicht nach Arbeit an. Es war meine Leidenschaft.

Deine Mittagspausen im Bikeshop hast Du sehr aktiv und kreativ verbracht.

Ja, das stimmt. Es war 2008. Für mein erstes Video filmten wir einen Winter lang. Für einige Tricks benötigte ich besonders trockene Verhältnisse. Mein Boss bei MacDonald Cycles erlaubte mir immer lange Lunch Breaks, wenn das Wetter passte. Das Video machte mich bekannt. Es war der Start in meine Trial-Karriere. Bald gab ich den Werkstattjob auf. Aber bis vor drei Jahren habe ich sogar meine Laufräder noch selbst aufgebaut. Und ich schraube immer noch mit Begeisterung. Ich würde gern mal als Worldcup-Mechaniker schrauben. Na ja (lacht), zuvor habe ich aber noch ein paar andere Dinge vor.

Laufräder zu bauen, kann die Nerven ziemlich strapazieren.

Oder das Gegenteil! Laufräder selbst einzuspeichen, ist für mich eine der Königsdisziplinen des Schraubens. Natürlich gibt’s auch mal Frust. Zum Beispiel, wenn ich die Speichen einen Millimeter zu kurz kalkuliert habe. Aber im Grunde ist es ein enorm befriedigender Prozess, aus den grazilen Einzelteilen Speichen, Felge, Nabe und Nippel ein unglaublich stabiles Teil wachsen zu sehen. Die Nippel ölen, die Spannung langsam aufbauen, die Speichen justieren. Am Ende steht ein Hochgefühl der Zufriedenheit. Um die Speichenspannung zu kontrollieren, benutze ich ein Tensiometer. Aber ich richte mich auch nach dem Sound, schlage die Speichen an wie die Saiten einer Gitarre. Das erfordert eine fast schon meditative Versenkung – und ist natürlich nicht die kommunikativste Weise zu arbeiten.

Danny bevorzugt auf der Tour effektive Mini-Tools für Reparaturen. Foto: Taylor Chase
Danny bevorzugt auf der Tour effektive Mini-Tools für Reparaturen.

Du bevorzugst es, allein zu schrauben?

Ja, ich mach’ das am liebsten allein. Ich gehe auch gerne alleine biken. So komme ich besser in einen Flow-Zustand. In der Werkstatt ist das ähnlich. Ein Laufrad oder ein Custom-Bike aufzubauen, kann wie eine Therapie sein, das macht mich richtig glücklich.

Bikes reden keinen Müll und widersprechen dir nicht. Ich steck’ meine Kopfhörer rein, höre Musik oder einen Podcast, und los geht’s!

Welchen Sound gönnst Du Deinen Ohren?

Anfangs war es Electronic-Music. Blood on the Motorway von DJ Shadow spielte ich rauf und runter. Aber auch Heavy-Metal-Klassiker wie Judas Priest. Bei meinem ersten Job als Bike-Mechaniker hatte mich ein Kollege auf den Geschmack gebracht. Danach in Edinburgh arbeitete ich in einem dunklen Keller, die Musik verwandelte ihn in einen freundlichen Ort. Musik ist genauso wie Essen oder Sport purer Genuss, nur eben fürs Gehirn. Sie begleitet mich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Beim Biken geben mir neue Songs das Gefühl, an einem neuen Spot zu sein, selbst wenn ich dort schon zigmal gefahren bin. Heute höre ich viel elektronische Musik, beim E-Biken auch Trance der 90er-Jahre und Techno.

Du redest viel von Musik. Sie scheint eine wichtige Rolle in Deinem Leben zu spielen.

Ja, als Kind hatte ich Klavierunterricht. Aber ich war nicht gut im Notenlesen. Trotzdem träume ich davon, Musik für meine Videos selbst machen. Ich habe mir schon Equipment dafür gekauft. Aber noch ist es nicht so weit. Ich arbeite lieber mit Leuten, die darin Profis sind. Es ist nicht einfach, da von Null einzusteigen. Vielleicht sollte ich besser Musik produzieren, als sie selbst zu spielen.

Danny ist immer auf der Suche nach dem ultimativen Supertrail. Foto: Markus Greber/Skyshot
Danny ist immer auf der Suche nach dem ultimativen Supertrail.

Man lernt nie aus. Siehst Du Parallelen bei den Lernkurven beim Biken und beim Schrauben?

Das kann Hand in Hand gehen. Je mehr du dein Bike fährst, desto häufiger hast du Defekte, und desto dringender möchtest du das schnell selbst wieder reparieren können. Am Bike zu schrauben, ist keine Raketenwissenschaft.

Je besser du beim Schrauben wirst, desto mehr kannst du dein Bike pushen, hast mehr Spaß, weil die Bremsen besser zupacken, das Fahrwerk smoother funktioniert.

Wie häufig schraubst Du heute noch an Deinen Bikes?

Ich bekomme Unterstützung von meinem Sponsor Santa Cruz. Aber ich baue mir die Bikes immer noch gerne selbst auf. Da muss nicht alles neu sein. Ich schraube zum Beispiel oft die Bremsen von meinem alten Rad an ein neues. Never change a winning Team. Wieso soll ich neue Teile anpassen, wenn die alten top funktionieren? Ein Bike aufzubauen, kostet mich gerade mal vier Stunden. Da verbringe ich manchmal mehr Zeit am Tag am Smartphone.

Was kann Dir beim Schrauben den Tag versauen?

Sauereien mit Tubeless-Dichtmilch (lacht). Nervig kann es werden mit all den unterschiedlichen Standards für Bike-Teile. Das macht heute vieles komplizierter als früher. Auch im Rahmen verlegte Züge neu einzuziehen, kann für böse Überraschungen sorgen.

Worauf kommt es bei der Wahl der Werkzeuge an?

Hochwertige Werkzeuge machen tatsächlich einen riesigen Unterschied. Mein wichtigstes Werkzeug ist ein großer Hammer (schweigt kurz und lacht dann laut los). Nein, ich mach’ nur Spaß! Ich verwende für die meisten Schraubereien ein kleines Multi-Tool – selbst zum Abschrauben der Pedale. Schließlich bin ich viel unterwegs und will nicht immer eine schwere Werkzeugkiste mitschleppen. Zu Hause habe ich eine kleine Werkstatt mit einem Workshop-Kit von Lezyne. Da sind die wichtigsten Tools drin. Das macht manches leichter. Für meine Trial-Bikes verwende ich meist nicht mal einen Montageständer.

Welches Mountainbike-Modell fährst Du gerade?

Ein Santa Cruz 5010 CC – ein agiles 27,5-Zoll-Trailbike mit 140 Millimetern Federweg vorne, 130 hinten und üppiger Überstandshöhe. Die Bremsgriffe meiner Magura MT 7 Race­line zeigen fast senkrecht nach unten. Das bin ich von meinen Trial-Manövern so gewöhnt. Dazu habe ich große 203-Millimeter-Bremsscheiben montiert. Mein Federungs-Setup ist etwas härter als normal. Der Federweg ist fast schon grenzwertig wenig für die Art von Trails, die ich gerne fahre, aber genau das taugt mir. So kann ich die Limits des Bikes ausloten.

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Zeig’ mir Dein Bike, und ich sage Dir, was für ein Typ Du bist. Was sagt Dein Bike über Dich aus?

Da ist nicht viel Blingbling. Ich habe eine konkrete Vorstellung, und die verwirkliche ich dann auch. Mein Mountainbike sieht ziemlich bodenständig aus. Ohne Schnörkel. Die Parts am Bike habe ich strikt nach funktionellen Kriterien ausgesucht. Du wirst an meinem Bike nichts klappern oder knarzen hören. Da bin ich ziemlich pingelig. Meine Bikes mögen viele Kratzer haben, aber ich möchte, dass trotzdem alles sauber funktioniert. Die Gänge flutschen, der Lenker passt exakt, ebenso die Position der Bremsen, auch wenn sie etwas eigenwillig ist. Scheint, als wäre ich ein korrekter Typ, oder?

Welche Tipps hast Du für einen kurzen Bike-Check vor dem Start ins nächste Bike-Abenteuer?

Natürlich solltest Du alle Schraubverbindungen kontrollieren. Außerdem: Ist noch genügend Dichtmilch im Tubeless-Reifen? Achte auf ein übersichtliches und bedienfreundliches Cockpit. Harmonieren die Schalt- und Bremsgriffe mit dem Lockout-Hebel für Dämpfer oder Gabel und dem Verstellhebel für die Remote-Sattelstütze? Checke, ob die Bremskolben sauber arbeiten und ob die Scheibe genau mittig durch den Bremssattel läuft. Stell’ das Rad auf den Kopf oder hänge es in einen Montageständer und kontrolliere die Spannung der Speichen. Gerade bei fabrikneuen Laufrädern lohnt es sich, sie nach einer Woche etwas nachzuziehen.

Als Bike-Profi geht bei Dir nicht nur am Bike immer wieder mal was kaputt. Auch der Körper leidet. Wie oft hast Du Dir schon die Knochen gebrochen?

Wohl so an die 20 Mal. Ich weiß das nicht einmal genau. Aber wenn ich überlege, wie viel ich fahre und wie häufig ich dabei ans Limit gehe, ist das kein schlechtes Verhältnis. Ich war nie lange verletzt.

Superstar Danny MacAskill

An die 113 Millionen Aufrufe seines Stunt-Videos „Cascadia” auf den Dächern Gran Canarias, 1,9 Millionen Follower auf Instagram – der Schotte Danny MacAskill zählt seit über einem Jahrzehnt zu den Top-Stars der Bike-Szene.

Bekannt wurde Danny mit seinem 2009 veröffentlichten fünfeinhalbminütigen Video mit dem Titel „Inspired Bicycles“, das allein innerhalb der ersten 40 Stunden etwa 350.000 Mal abgerufen wurde. Im Januar 2018 erreichte das Video die unfassbare Anzahl von 38.349.367 Aufrufen.

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