​​Funktionswäsche im HochsommerSinnvoll oder überflüssig?

Stefan Frey

 · 15.07.2026

​​Funktionswäsche im Hochsommer: Sinnvoll oder überflüssig?Foto: Wolfgang Papp
Ein Unterhemd im Hochsommer? Das kann durchaus sinnvoll sein. Wann sich ein Baselayer unter dem Trikot lohnt und welche Materialien am besten geeignet sind, erklärt dieser Artikel.
Die Sonne brennt, das Thermometer kratzt an der 35-Grad-Marke und selbst der Fahrtwind bläst einem wie ein heißer Föhn ins Gesicht. In solchen Momenten erscheint die Idee, unter dem Fahrradtrikot auch noch ein Funktions-Unterhemd zu tragen, zunächst absurd. Weniger Stoff muss schließlich kühler sein – doch stimmt das auch?

Themen in diesem Artikel

Tatsächlich ist die Sache komplexer. Wer sich bei den Profis im Peloton umsieht, entdeckt selbst auf den heißesten Tour-Etappen häufig ärmellose Mesh-Baselayer unter dem Trikot. Zufall ist das nicht. Die Frage lautet daher nicht, ob Funktionswäsche für den Sommer sinnvoll ist, sondern wann und welche.

Das Phänomen dahinter: Warum wir überhaupt schwitzen

Der menschliche Körper besitzt eine äußerst effektive Klimaanlage: Schweiß. Verdunstet Schweiß auf der Haut, wird Wärmeenergie abgeführt. Genau dieser Verdunstungseffekt ist die wichtigste Methode der Thermoregulation während sportlicher Belastung.

Kleines Beispiel: Um 1 Gramm Wasser zu verdunsten, werden etwa 2,4 kJ Energie benötigt. Diese Energie wird hauptsächlich dem Körper entzogen. Schon wenige Hundert Gramm verdunsteter Schweiß pro Stunde können daher eine beträchtliche Kühlleistung erzeugen.

Das Problem: Schweiß muss möglichst schnell von der Haut wegtransportiert und über eine große Oberfläche verteilt werden. Bleibt er als Film auf der Haut stehen oder sättigt das Trikot vollständig, sinkt die Verdunstungsleistung. Die Folge: Das subjektive Hitzeempfinden steigt.

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Welche Funktion erfüllt ein Funktionsunterhemd im Sommer?

Hier setzt Funktionsunterwäsche für Radfahrer an. Ein Sommer-Baselayer soll nicht wärmen. Seine Aufgabe ist vielmehr das Gegenteil:

  • Schweiß von der Haut aufnehmen
  • Feuchtigkeit großflächig verteilen
  • die Schweißverdunstung beschleunigen
  • das Fahrradtrikot von innen trockener halten
  • Reibung zwischen Haut und Trikot reduzieren

Insbesondere sehr luftige Mesh-Unterhemden oder Netz-Unterhemden erzeugen eine größere Verdunstungsfläche als die Haut allein. Dadurch kann die Kühlwirkung verbessert werden.

Eine Untersuchung zur Wärme- und Feuchtigkeitsregulierung von Radbekleidung zeigte zudem, dass Materialwahl und Feuchtigkeitsmanagement einen messbaren Einfluss auf das thermische Empfinden und die Schweißverdunstung während Belastungen in heißer Umgebung haben.

Wann ist Funktionswäsche im Hochsommer sinnvoll?

1. Bei langen, schweißtreibenden Radtouren

Je länger die Belastung dauert, desto mehr Schweiß produziert der Körper. Ein leichtes Funktions-Unterhemd für den Sommer kann verhindern, dass das Trikot komplett durchnässt auf der Haut klebt.

Vor allem Rennradfahrer und Marathon-Mountainbiker profitieren häufig von einer trockeneren Trikot-Innenseite und einem stabileren Mikroklima direkt auf der Haut.

2. Bei wechselnden Belastungen

Im Gebirge wechseln sich steile Anstiege und rasante Abfahrten ständig ab. Wer einen langen Pass hochschwitzt und anschließend mit 60 km/h talwärts fährt, kennt das unangenehme Auskühlen.

Ein Baselayer fürs Radfahren puffert diese Wechsel teilweise ab, weil er die Feuchtigkeit gleichmäßiger verteilt und dadurch Verdunstungs- und Kältespitzen reduziert.

3. Bei enganliegenden Aero-Trikots

Moderne Aero-Trikots kleben förmlich am Körper. Ein dünnes Netz-Unterhemd schafft eine minimale Distanz zwischen Haut und Trikotstoff. Dadurch kann Luft besser zirkulieren und der Stoff reibt weniger direkt auf der Haut.

4. Für Fahrer mit hoher Schweißproduktion

Manche Menschen verlieren pro Stunde deutlich mehr als einen Liter Flüssigkeit. Hier kann ein atmungsaktives Funktionsshirt helfen, die Feuchtigkeit kontrollierter abzuleiten und das Tragegefühl angenehmer zu gestalten.

Wann kann man auf ein Funktionsshirt verzichten?

Nicht jeder profitiert gleichermaßen von einem Funktionsunterhemd im Sommer. Vor allem bei:

  • kurzen Feierabendrunden
  • moderater Intensität
  • extrem trockener Hitze
  • sehr luftigen Sommertrikots

ist der Effekt oft gering. In manchen Situationen fühlt sich das Fahren ohne zusätzliche Schicht schlicht angenehmer an.

Hinzu kommt: Jede zusätzliche Lage erhöht zunächst die Verdunstungsstrecke. Wenn also Material und Belüftung nicht optimal aufeinander abgestimmt sind, kann ein Unterhemd sogar als zusätzliche Wärmeschicht wirken.

Die Vor- und Nachteile von Funktionswäsche im Sommer

Vorteile

  • Verbessertes Feuchtigkeitsmanagement: Schweiß wird schneller verteilt und verdunstet effizienter.
  • Angenehmeres Hautklima: Das Trikot klebt weniger direkt auf der Haut.
  • Weniger Auskühlen bei Abfahrten: Besonders im Gebirge spürbar.
  • Reduzierte Geruchsbildung: Vor allem bei Merinowolle.

Nachteile

  • Zusätzliche Bekleidungsschicht: Kann subjektiv zunächst wärmer wirken.
  • Qualitätsabhängig: Billige Baumwollshirts oder dicke Kunstfaser-Shirts verschlechtern den Effekt häufig.
  • Mehr Aufwand: Zusätzliche Wäsche nach jeder Ausfahrt.
  • Nicht für jeden spürbar: Der Nutzen hängt stark von Schweißproduktion, Intensität und Wetterbedingungen ab.

Welches Material eignet sich am besten?

Polyester und Polypropylen

Polypropylen gilt als einer der effizientesten Werkstoffe für schweißintensive Einsätze, da es nahezu keine Feuchtigkeit aufnimmt. Polyester liegt knapp dahinter und dominiert deshalb den Markt für Funktionsunterwäsche im Radsport.

Eigenschaften:

  • sehr leicht
  • extrem schnelle Trocknung
  • geringe Wasseraufnahme
  • hoher Feuchtigkeitstransport
  • langlebig

Mesh-Gewebe

Netzstrukturen sind weniger ein Material als vielmehr eine Konstruktion.

Eigenschaften:

  • maximale Belüftung
  • große Verdunstungsfläche
  • minimales Gewicht
  • besonders hohe Luftdurchlässigkeit

Deshalb setzen viele Hersteller bei Funktionswäsche für heiße Temperaturen auf großflächige Mesh-Unterhemden. Ideal geeignet sind diese Arten von Unterhemden für Temperaturen über 25 Grad.

Merinowolle

Klingt paradox, funktioniert aber erstaunlich gut. Merinofasern können Feuchtigkeit puffern und ein stabiles Mikroklima aufrechterhalten. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Merino insbesondere bei wechselnden Belastungen eine sehr konstante Thermoregulation ermöglicht und Feuchtigkeit deutlich besser puffert als Polyester.

Eigenschaften:

  • natürliche Geruchsresistenz
  • gutes Temperaturmanagement
  • hoher Tragekomfort
  • auch feucht noch angenehm

Nachteile:

  • trocknet langsamer
  • teurer
  • etwas weniger robust

Ideal für: Alpencross-Touren, Bikepacking und Mehrtageseinsätze.

Mischgewebe

Merino-Synthetik-Mischungen kombinieren die Vorteile beider Welten:

  • bessere Haltbarkeit
  • schnelleres Trocknen
  • gute Geruchskontrolle
  • ausgewogene Thermoregulation

Fazit: Ist Funktionswäsche im Sommer sinnvoll?

Die verbreitete Annahme „Je weniger Stoff, desto kühler“ stimmt beim Radfahren nur bedingt. Ein hochwertiges, dünnes Funktionsunterhemd für heiße Tage kann selbst bei Temperaturen von über 30 Grad sinnvoll sein. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein echtes Sommermodell mit offenem Mesh-Gewebe, hoher Atmungsaktivität und exzellentem Feuchtigkeitstransport.

Besonders auf langen Rennradtouren, bei intensiven Trainingseinheiten oder in den Bergen kann ein leichtes Mesh-Baselayer fürs Radfahren das Hautklima verbessern und die Schweißverdunstung unterstützen. Wer hingegen nur locker durch die Ebene rollt oder bereits ein sehr luftiges Sommertrikot trägt, kann meist problemlos darauf verzichten.

Kurz gesagt: Die beste Funktionswäsche für den Sommer wärmt nicht – sie unterstützt die natürliche Kühlung des Körpers und sorgt für ein angenehmeres Tragegefühl auf dem Fahrrad.


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Stefan Frey

Stefan Frey

Redakteur

Stefan Frey ist Niederbayer, er liebt die moosig-lehmigen Trails des Bayerischen Waldes ebenso wie den schroffen Fels der Dolomiten. Für technische Abfahrten nimmt er nahezu jeden Anstieg in Kauf – gerne aus eigener Kraft. Als Zubehör-Spezialist ist er die erste Anlaufstelle bei Fragen zu Ausrüstung und Anbauteilen, während er als Textchef die Sprachkrümel von den Seiten der BIKE-Print-Ausgaben fegt.

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