Autoren: Tim Farin und Dr. Katharina Kremser
Im Sommer ist die Sache für die meisten klar. Aber in Zentraleuropa haben wir nun einmal Jahreszeiten und Übergänge: Wie verpacken wir unsere Beine, wenn wir im Herbst oder im Frühling aufs Rad steigen? Dazu gibt es höchst unterschiedliche Ansichten, Gefühle, auch Traditionen. „Unter 20 Grad solltest du nicht mit kurzer Hose fahren“, hat mal Asphalt und Köpfchen-Ergonomie-Experte Sebastian Klaus gesagt. Unsere Trainerin Dr. Andrea Jeschke wiederum gibt zu, dass sie bei diesem Thema bislang nur „nach eigenem Temperaturempfinden“ vorgeht. Reicht das? Oder gibt es darüber hinaus objektive Vorgaben?
Ob eine kurze, halblange oder lange Radhose sinnvoll ist, hängt nicht allein von der angezeigten Lufttemperatur ab. Wind, Regen, Fahrtempo, Höhenmeter, Dauer und die geplante Intensität beeinflussen, wie stark dein Körper auskühlt. Du erzeugst auf dem Rad zwar Wärme mit deiner arbeitenden Muskulatur. Aber du sitzt dauerhaft im Fahrtwind. Der kann viel Wärme abführen. So zeigte auch eine Untersuchung[1] zum Radfahren unter realen Bedingungen, dass der kühlende Wind die thermische Belastung im Vergleich zum Training drinnen auf dem Ergometer deutlich verändert. Wer schon mal im Keller ein Rennen auf der Rolle gefahren ist, weiß das ganz genau.
Die arbeitende Muskulatur produziert Wärme. Mehr Leistung bedeutet auch mehr Wärme. Wer einen alpinen Pass im Schneefall hochfährt, kann trotz der Witterung aufheizen. Bergab sieht das wiederum anders aus. Während einer lockeren Fahrt ist die Wärmeproduktion geringer.
Kleidung beeinflusst mehrere Wege des Wärmeverlusts: Sie hält Wärme auf, die sonst an die Umgebung abgegeben und durch Luftbewegung abtransportiert würde, oder lässt Schweiß verdunsten, der den Körper kühlt. Die sportmedizinische Literatur[2] beschreibt Kleidung deshalb als Teil der Thermoregulation. Sie soll wärmen, ohne die Verdunstung unnötig zu blockieren.
Die Wetter-App zeigt meist die Lufttemperatur an. Dein Körper erlebt aber den Fahrtwind. Bei 12 °C und 50 km/h kann sich eine Abfahrt deutlich kälter anfühlen als dieselbe Temperatur beim Spaziergang. Das gilt besonders für die Vorderseite der Oberschenkel und Knie, die dem Luftstrom ausgesetzt sind. Das American College of Sports Medicine (ACSM) empfiehlt[3] deshalb, bei Kälte nicht nur die Lufttemperatur und Belastungsintensität, sondern auch Wind und Nässe mit einzubeziehen.
Denn Wasser leitet Wärme deutlich besser als Luft. Eine nasse Hose oder ein durchnässter Untergrund kann deshalb die Auskühlung beschleunigen. Dazu kommt: Wenn Wasser auf der Haut oder im Gewebe verdunstet, wird dafür Energie in Form von Wärme benötigt.
Bei kurzen Schauern kann eine normale, lange Radhose mit wasserabweisender Oberfläche reichen. Bei kaltem Dauerregen, starkem Wind oder einer langen Tour ist die entscheidende Frage: Wie bleibe ich möglichst trocken und kann im Notfall eine zusätzliche Schicht anziehen? Eine dünne, wasserabweisende oder wasserdichte Überhose, die vor Wind und Wasser schützt, ist dann oft sinnvoller als eine besonders dicke, aber saugfähige Hose. Sie sollte allerdings atmungsaktiv genug sein, damit du dich nicht von innen komplett durchnässt.
Kälte kann die Muskelkraft und die Geschwindigkeit der Muskelkontraktion verringern; zugleich werden Sehnen und andere Schichten des Gewebes kurzfristig steifer und die Gelenkschmiere zähflüssiger. Für das Knie gibt es Hinweise[4], dass lokale Kühlung die mechanischen Eigenschaften der Patellasehne verändert. Das spricht dafür, Knie und Oberschenkel bei kaltem Fahrtwind warm zu halten und vor intensiven Antritten ausreichend einzufahren. Eine Übersichtsarbeit[5] findet zwar Zusammenhänge zwischen Kälte und Beschwerden des Bewegungsapparats, kann daraus aber keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Nachweis ableiten. Es wäre deshalb nicht ganz seriös zu behaupten, dass kurze Hosen zu Verletzungen führen können. Andererseits berichten viele unserer Leser, dass sie aus Schutz für die Knie die langen Hosen anziehen.
Die kurze Radhose ist die beste Wahl, wenn die Beine während der Fahrt ausreichend warm bleiben und du nicht mit längeren Kältephasen rechnen musst. Das ist häufig ab etwa 15 bis 18 °C der Fall – bei intensiver Fahrt eventuell schon bei niedrigeren Temperaturen auch früher, bei Wind, Schatten und langen Abfahrten erst bei höheren Werten später.
Sie hat drei praktische Vorteile:
Du solltest grundsätzlich aber nicht nur auf die Temperatur beim Start schauen. Wenn du morgens bei 11 °C losfährst und die Sonne am Nachmittag 22 °C bringt, sind Beinlinge oft die bessere Lösung als eine dicke lange Winterhose. Auch bei einer schnellen Trainingsfahrt mit vielen Anstiegen kann kurz plus Beinlinge besser regulierbar sein.
Eine Kniehose, Dreiviertelhose oder kurze Radhose mit Beinlingen ist besonders praktisch, wenn der Oberkörper bereits sommerlich gekleidet werden kann, die Knie aber noch Schutz vor dem Wind brauchen.
Der sinnvolle Temperaturbereich ist grob zwischen 8 und 15 °C – abhängig von Wind, Sonne, Tempo und Dauer. Eine Kniehose schützt die Knie und einen Teil der Oberschenkel, ohne die Wärmeabgabe so stark zu begrenzen wie eine gefütterte lange Hose. Beinlinge haben zusätzlich den Vorteil, dass sie sich während der Tour ausziehen und in der Trikottasche verstauen lassen.
Für viele Alltagsfahrerinnen und -fahrer ist das die robusteste Lösung im Frühling und Herbst: lieber modular. Denn eine Kleidungsschicht, die du ausziehen kannst, ist auf einer wechselhaften Tour oft wertvoller als eine vermeintlich perfekte Entscheidung an der Haustür.
Eine lange Radhose ist nicht erst bei Frost notwendig. Sie wird sinnvoll, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen:
Bei niedrigen Temperaturen sollte die Hose nicht nur lang, sondern passend zur Situation gewählt sein. Eine dünne, nicht gefütterte lange Hose kann bei 10 °C genau richtig sein. Eine dicke Winterhose kann bei 8 °C und hoher Intensität schon zu warm werden, während sie bei einer lockeren dreistündigen Tour angenehm bleibt.
Besonders wichtig ist der Windschutz an der Vorderseite. Ein winddichtes Panel an den Knien und Oberschenkeln kann bei Fahrtwind mehr bringen als zusätzliche Dicke überall. Gleichzeitig darf die Hose die Beweglichkeit nicht einschränken und sollte am Knöchel sicher sitzen, damit sie nicht in Kette oder Kurbel gerät.
Die folgenden Ratschläge gelten für eine typische Ausfahrt mit moderater Intensität, trockene Kleidung und durchschnittliches Kälteempfinden. Zusammengetragen sind sie aus Fachmedien, Herstellerangaben und Input aus der Community. Aber natürlich ist das nur eine grobe Übersicht, die nicht deiner körperlichen Empfindung entsprechen muss:
Die Übergangsbereiche sind absichtlich breit. Ein gut trainierter, schwerer Fahrer, der mit hoher Intensität bergauf fährt, kann bei 10 °C anders gekleidet sein als eine Wiedereinsteigerin, die bei gleicher Temperatur zwei Stunden locker durch flaches Gelände rollt. Auch Alter, Körperbau, Gewöhnung an Kälte, Durchblutung und individuelle Erfahrung spielen eine Rolle.
Ein guter Praxistest ist, wie du dich nach zehn bis 15 Minuten Fahrt fühlst. Du bist zu kalt angezogen, wenn deine Beine taub werden, du unkontrolliert zitterst, die Muskulatur sich steif anfühlt oder du Hände und Füße kaum noch sicher bedienen kannst. Dann solltest du nicht „durchbeißen“, sondern eine zusätzliche Schicht anziehen, die Tour abkürzen oder dich aufwärmen.
Du bist zu warm angezogen, wenn du bereits früh stark schwitzt, die Hose innen feucht wird und dir bei der ersten längeren Abfahrt deshalb kalt wird. Denn Schweiß in der Kleidung kann später die Auskühlung beschleunigen. In diesem Fall ist eine dünnere Schicht oder eine bessere Belüftung sinnvoller als mehr Isolation.
Wichtig: Wenn es draußen so heiß ist, dass du auch im kurzen Dress sofort stark aufheizt und schwitzt, solltest du auf ein Training möglicherweise verzichten. Große Hitze kann Kreislauf- und andere Probleme verursachen und sogar zum Hitzschlag führen.
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