Stürze gehören zum Mountainbiken dazu. Die Frage ist nicht, ob man einmal zu Boden geht, sondern wann. Warum ein Paar Handschuhe dabei zur wichtigsten Schutzausrüstung auf dem Bike zählt und weshalb die eigenen Handflächen nach einem Crash oft über Wochen an die Folgen erinnern, erklärt BIKE-Redakteur Stefan Frey in einem persönlichen Kommentar.
Nennt mich verweichlicht, oldschool oder out of Style. Ich weiß, wer heute was auf sich hält, geht ohne Handschuhe biken. Gerne auch in Baggy-Jeans und Schlabber-Shirt. In den Kurven spritzt die Erde, als würde mein alter Schäferhund nach dem Hasenloch buddeln. Die Reifen burpen, wenn man mit Schmackes durch den Anlieger pusht. Und ohne High-Rise-Lenker so hoch wie an Peter Fondas Chopper ist keine Abfahrt mehr fahrbar.
Da bin ich irgendwie raus. Ich trage Funktionsklamotten, sogar eine Bib Short. Kurven fahre ich ohne blockierendes Hinterrad und mein Lenker liegt tiefer als mein Sattel, kein Scheiß! Damit habe ich in Kurven Druck dort, wo er hingehört, und kann im Anstieg fahren, wenn die anderen ihre High-Rise-Bikes längst schieben.
Was aber noch viel wichtiger ist: Ich fahre nie ohne Handschuhe. Nicht wenn die Sonne vom Himmel brennt und meine Hände sich wie im Backofen fühlen. Auch nicht, wenn es wie aus Eimern gießt und ich schon Schwimmhäute unter den Handschuhen habe. Erst recht nicht im Winter, wenn die Finger wie abgestorbene Äste am Lenker hängen - eh klar. Warum? Das wurde mir heute wieder schmerzlich bewusst, denn vor das “nie” muss dieses mal ein “eigentlich”.
Mit Kollege Laurin bin ich gestern Abend zur Gipfelübernachtung aufgebrochen und schon im Anstieg fiel mir auf: Verdammt, Handschuhe vergessen. Also schwitzte ich mich mit feuchten Patschehändchen und null Grip am Lenker den steilen Anstieg hoch. Aber das war noch annähernd erträglich.
Heute morgen dann: Ich hatte mich auf den wirklich grandiosen Trail gefreut - eine Alpenabfahrt wie aus dem Bilderbuch. Oben felsig steil, unten ein Wurzelmassaker durch den Wald. Doch schon an der ersten Engstelle schrappten die Fingerknöchel an den Latschen entlang. Autsch. Kaum Halt am Lenker in den Steilstufen, wenig Dämpfung auf dem Wurzelstakkato und dann in einer Spitzkehre zu faul gewesen zum Umsetzen.
Ihr könnt es euch bildlich vorstellen: Der Lenker knickt ein. Der Kopf weiß schon, was jetzt kommt, während der Körper langsam wie ein gefällter Baumstamm Richtung Boden segelt. Was kurz vor dem Aufprall passiert, nenn sich wohl Instinkthandlung. Die Arme schnellen nach vorne und die Hände versuchen verzweifelt, den Sturz abzufangen, wie ein Brummifahrer, der sich gegen seinen rollenden Truck stemmt. Bringt wenig, nur Schmerz.
Was dann passiert, ist Unfallmedizinern seit Jahrzehnten bekannt: Die Handflächen nehmen einen großen Teil der Aufprallenergie auf. Gleichzeitig wirken Schotter, Steine oder Asphalt wie Schleifpapier auf die Haut. Die Folge sind oft schmerzhafte Schürfwunden, Schnittverletzungen oder Prellungen - so wie bei mir heute.
Wer einmal versucht hat, mit aufgerissenen Handflächen zu arbeiten, Auto zu fahren oder auch nur eine Kaffeetasse zu halten, weiß, wie sehr solche vermeintlich kleinen Verletzungen den Alltag beeinträchtigen können.
„Bei Fahrrad- und Mountainbike-Unfällen sehen wir regelmäßig Schürf- und Weichteilverletzungen an den Händen. Ursache ist meist der natürliche Reflex, sich mit ausgestreckten Armen abzufangen“, erklärt ein Unfallchirurg. Aus medizinischer Sicht sind dabei insbesondere drei Aspekte problematisch:
Viele Biker unterschätzen Schürfverletzungen. Doch Erde, Staub und feine Steinpartikel gelangen häufig tief in das verletzte Gewebe. Werden die Wunden nicht sorgfältig gereinigt, drohen Entzündungen oder langwierige Heilungsverläufe.
Unsere Hände sind ständig in Bewegung. Greifen, tragen, tippen, lenken: Kaum ein Körperteil wird so intensiv genutzt. Genau deshalb können selbst oberflächliche Verletzungen lange schmerzen und die Heilung verzögern.
Neben Hautverletzungen können bei heftigen Stürzen auch Bänder, Sehnen oder das Handgelenk betroffen sein. Stürzt ein Fahrer mit ausgestreckter Hand auf harten Untergrund, sind Verstauchungen und Frakturen keine Seltenheit.
Die mit Abstand häufigste Verletzungsform.
Vor allem auf steinigen Trails oder bei Kontakt mit Ästen.
Entstehen durch den direkten Aufprall auf den Boden.
Typisch bei verdrehten Händen während des Sturzes.
Die schwerste der häufig vorkommenden Verletzungen.
Natürlich verhindern Handschuhe keine Knochenbrüche. Wer mit hoher Geschwindigkeit auf einen Felsen stürzt, wird die Gesetze der Physik auch mit den teuersten Modellen nicht aushebeln. Dennoch erfüllen sie mehrere wichtige Aufgaben:
Die robuste Handinnenfläche bildet eine zusätzliche Schutzschicht zwischen Haut und Untergrund. Schürfverletzungen fallen dadurch häufig deutlich geringer aus. Es gibt sogar Modelle, die an der Handinnenfläche über Protektoren wie D3O oder andere verfügen und dadurch zusätzlichen Schutz bieten.
Schweiß, Regen und Vibrationen können den Griff verschlechtern. Moderne MTB-Handschuhe erhöhen die Kontrolle und reduzieren das Risiko, vom Lenker abzurutschen.
Gerade auf engen Singletrails schützen Langfinger-Handschuhe Fingerknöchel und Handrücken vor Kontakt mit Vegetation und aufgewirbelten Steinen.
Gepolsterte Modelle reduzieren Druckspitzen und Vibrationen. Dadurch bleiben Hände und Unterarme auf langen Touren oft länger leistungsfähig.
Wer regelmäßig auf Trails unterwegs ist, entwickelt mit der Zeit ein anderes Risikobewusstsein. Nicht weil man ständig stürzt, sondern weil man erlebt hat, wie schnell ein kleiner Fehler große Folgen haben kann. Interessanterweise berichten viele langjährige Fahrer nicht von schweren Knochenbrüchen, sondern von den lästigsten Verletzungen überhaupt: offenen Handflächen. Verletzungen also, die medizinisch oft vergleichsweise harmlos sind, den Alltag aber massiv beeinträchtigen. Genau deshalb sieht man bei Enduro-Rennen, Bikepark-Tagen oder alpinen Touren kaum erfahrene Fahrer ohne Handschuhe.
Nach einem Sturz auf die Hände gilt: Erst prüfen, ob es sich nur um eine oberflächliche Verletzung handelt oder ob möglicherweise Bänder, Sehnen oder Knochen betroffen sind.
Prüfe beide Hände auf:
Kannst du Finger und Handgelenk normal bewegen, ist das ein gutes Zeichen. Schmerzen schließen eine ernsthafte Verletzung aber nicht aus.
Wenn die Haut aufgerissen ist:
Besonders bei Mountainbike-Stürzen gelangen häufig Erde, Sand und kleine Steinchen in die Haut. Werden diese nicht entfernt, können Entzündungen entstehen.
Bei Prellungen und Schwellungen:
Das kann Schmerzen und Schwellungen reduzieren.
Wenn das Handgelenk oder die Finger schmerzen:
Lass die Hand ärztlich untersuchen, wenn:
Gerade der sogenannte Kahnbeinbruch (Scaphoid-Fraktur) wird nach Fahrradstürzen häufig übersehen. Die Beschwerden erscheinen zunächst oft harmlos, können aber unbehandelt schwerwiegende Folgen haben.
Viele Fahrer steigen nach dem Sturz wieder aufs Bike und merken erst Stunden später, dass das Handgelenk verletzt ist. Adrenalin kann Schmerzen zunächst deutlich überdecken.
Mein Rat als Mountainbiker: Wenn die Hand nach einem Sturz spürbar schmerzt oder anschwillt, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig untersuchen lassen. Eine Woche Zwangspause ist meist angenehmer als mehrere Monate mit einer verschleppten Handverletzung.

Redakteur
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