Diese Rechte hat der Endverbraucher im Schadensfall

Jörg Spaniol

 · 28.11.2019

Diese Rechte hat der Endverbraucher im SchadensfallFoto: Dan Milner
Diese Rechte hat der Endverbraucher im Schadensfall

Der Dämpfer leckt, die Bremse zieht Luft, die Regenjacke löst sich auf. Da schwillt einem schon mal der Hals. Aber zum Glück gibt es ja Garantie und Gewährleistung. Doch wann tritt die in Kraft?

Garantie oder Sachmängelhaftung/Gewährleistung?

Innerhalb der ersten beiden Jahre muss der Händler alle Mängel beheben, die schon beim Kauf vorhanden waren auch wenn sie sich erst später zeigen. Das ist gesetzlich durch die Sachmängelhaftung/Gewährleistung vorgeschrieben. Zusätzlich sprechen viele Hersteller eine freiwillige Garantie aus, die sie nach Belieben gestalten können (siehe ganz unten: Liste der Garantieleistungen bei den top Fahrrad-Marken). Als Kunde kann man beides in Anspruch nehmen, aber nicht gleichzeitig.

Verlagssonderveröffentlichung


Vorteile der gesetzlichen Sachmängelhaftung/Gewährleistung

  • Beweislast: Innerhalb der ersten sechs Monate muss der Händler beweisen, dass das Produkt beim Kauf fehlerfrei war. Das ist schwierig. Klarer Vorteil für den Kunden.
  • Der Händler ist in der Haftung. Damit ist er vor allem beim Kauf vor Ort der unmittelbare Ansprechpartner. Kein Gezicke mit anonymen Reklamationsabteilungen der Hersteller.
  • Bei Komplett-Bikes geht es zunächst um Nachbesserung oder Reparatur. Im Rahmen der Gewährleistung trägt der Händler die teils erheblichen Kosten für Transport und Montage.
  • Nach zwei fehlgeschlagenen Nachbesserungen kann der Kunde auf Kaufpreisminderung oder die Rückerstattung (mit einer Kompensation für die bisherige Nutzung) drängen.
  • Das Produkt muss alle zugesicherten Eigenschaften haben und als Ganzes für den "billigerweise" (also aufgrund der Werbung, des Preises etc.) zu erwartenden Zweck geeignet sein. Am Ende einer erfolgreichen Reklamation aufgrund der Sachmängelhaftung steht ein komplettes, voll funktionsfähiges Produkt.


Nachteile der Sachmängelhaftung

  • Umkehr der Beweislast nach dem ersten halben Jahr: Käufer muss beweisen, dass der Mangel schon beim Kauf bestand.


Vorteile der Garantie

  • Kurz gefasst: ihre Dauer. Eine Garantie ist nur wirklich hilfreich, wenn sie deutlich über die gesetzliche Zwei-Jahres-Frist der Sachmängelhaftung/Gewährleistung hinausgeht. Inhaltlich ist ansonsten fast immer die Sachmängelhaftung/Gewährleistung vorzuziehen.
  • Wenn im engeren Sinn kein Garantiefall vorliegt, kann sich ein Hersteller dennoch gegenüber dem Kunden kulant zeigen – eher als ein Händler.


Nachteile der Garantie

  • Meist keine Übernahme von Montage- und Transportkosten sowie nötigen Austauschteilen.
  • Kein Anspruch auf ein identisches, sondern meist auf "gleichwertiges" Produkt. So können sich bei einem Rahmentausch gegen das Nachfolgemodell Farbe, Einbaumaße und andere Details ändern.

GARANTIELEISTUNGEN DER TOP-FAHHRAD-MARKEN*


(*Laut BIKE-Leserumfrage 2018 in der Kategorie "Kaufabsicht". Reihenfolge alphabetisch, nicht nach Umfragewerten.)

CANNONDALE

  • Rahmen / Gabel (Dauer): Lebenslang auf Rahmen; Rahmen-Kategorie 5 (Freeride, DH o. ä.) begrenzt auf 3 Jahre;
  • Fully-Hinterbauten 5 Jahre; Cannondale-Gabeln (auch Lefty) Struktur lebenslang
  • Lack: 1 Jahr ab Kauf, nicht gegen Verwitterung
  • Komponenten: Eigenmarken 1 Jahr
  • Crash Replacement: Nein

CANYON

  • Rahmen / Gabel (Dauer): 6 Jahre auf Material- und Verarbeitungsfehler von Canyon-Bauteilen (inklusive Lenker, Rennradgabeln etc.)
  • Lack: Keine Angabe
  • Komponenten: Eigenmarke 6 Jahre, ansonsten Verweis auf Hersteller
  • Crash Replacement: Innerhalb 3 Jahren nach Kauf; Ermäßigung auf Canyon-Bauteile wie Rahmen/Gabel

CUBE

  • Rahmen / Gabel (Dauer): 6 Jahre auf Rahmen und Starrgabeln aus Aluminium; 3 Jahre auf Rahmen und Starrgabeln aus Carbon und Alu/Carbon
  • Lack: Nein
  • Komponenten: Keine Angabe
  • Crash Replacement: Auf Anfrage

GIANT

  • Rahmen / Gabel (Dauer): Lebenslange Garantie auf Rahmen; 10 Jahre auf Starrgabeln; 3 Jahre auf DH-Rahmen
  • Lack: 1 Jahr
  • Komponenten: 1 Jahr auf Eigenmarken
  • Crash Replacement: Keine Angabe

LITEVILLE

  • Rahmen / Gabel (Dauer): 10 Jahre auf Syntace-/Liteville-Bauteile; Rahmen 5 Jahre; danach 5 Jahre 50 % Rabatt
  • Lack: "Alle Material- und Herstellungsfehler"
  • Komponenten: Eigenmarken 10 Jahre
  • Crash Replacement: Nein

RADON

  • Rahmen / Gabel (Dauer): Alu-Rahmen 6 Jahre, Carbon-Rahmen 3 Jahre; nicht auf Swoop 200 und Dirtbikes; bei Kauf vor 1.5.2015: nur Alu-Rahmen 5 Jahre
  • Lack: Nein
  • Komponenten: Nein
  • Crash Replacement: Ermäßigung auf Rahmen, die nach dem 1.5.2015 gekauft wurden: 5 Jahre (Carbon) bzw. 6 Jahre (Alu)

SANTA CRUZ

  • Rahmen / Gabel (Dauer): Lebenslang auf Rahmen, Schwingenlager
  • Lack: Keine Angabe
  • Komponenten: Reserve-Carbon-Laufräder lebens­lang; SC-Carbon-Lenker 5 Jahre
  • Crash Replacement: Ja, Sonderangebot auf Anfrage

SCOTT

  • Rahmen / Gabel (Dauer): 5 Jahre auf Rahmen/Hinterbau, sofern jährliches Wartungsintervall bei Händler; nicht auf FR/DH-Modelle; nur bei Komplettradkauf; 2 Jahre auf Gabel
  • Lack: Nicht gegen Farbveränderung
  • Komponenten: Keine Angabe
  • Crash Replacement: 3 Jahre für Mitglieder Scott Riders Club; auch Leih-Bike während Reklamationsabwicklung

SPECIALIZED

  • Rahmen / Gabel (Dauer): Lebenslang auf alle Rahmen und Gabeln von Eigenmarken
  • Lack: 2 Jahre
  • Komponenten: Lebenslang auf Roval-Laufräder
  • Crash Replacement: Auf Anfrage

YT INDUSTRIES

  • Rahmen / Gabel (Dauer): 5 Jahre auf Rahmen, außer Verschleißteile, Dichtungen etc.; Bruch des Schaltauges gilt als "Überbeanspruchung"
  • Lack: Nein
  • Komponenten: Nein
  • Crash Replacement: Keine Angabe

Sechs Richtige

Selbst gewiefte Konsumenten stoßen irgendwann an die Grenzen ihrer Rechtskenntnis. Dann hilft nur noch der Anruf beim Experten. Wir haben den Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Michael Heidelbach um Rat in sechs Problemfällen gebeten.


1 Was passiert mit der Garantie beim Kauf außerhalb der EU?
Beim Kauf außerhalb der EU richten sich die Gewährleistungsrechte nach den gesetzlichen Vorgaben des Landes, in dem die Sache gekauft wurde. Die davon zu unterscheidenden Garantiebestimmungen bestimmt dagegen der Verkäufer oder Hersteller. Wenn dieser beispielsweise eine weltweite Garantie anbietet, kann man diese im Land des Verkäufers oder Herstellers geltend machen. Bietet er nur eine landesweite Garantie an, fällt die für einen ausländischen Käufer weg.


2 Was tun, wenn bei einem Gewährleistungsfall die Farbe nicht gefällt oder ein Austauschrahmen nicht zum übrigen Setup passt?
Bei einer mangelhaften Kaufsache schuldet der Verkäufer Nacherfüllung. Er hat dann den Käufer so zu stellen, wie dieser ohne Mangel dastehen würde. Das heißt, er hat beispielsweise dem Käufer den gleichen Rahmen einzubauen, den er vorher ausgebaut hat. Dies gilt auch für die Farbe. Hat der Rahmen plötzlich eine andere Farbe oder handelt es sich gar um einen anderen Rahmen, darf der Käufer erneut Nachbesserung vom Verkäufer fordern.


3 Geht beim Gebrauchtkauf die Gewährleistung auf den neuen Besitzer über?
Bei der gesetzlichen Gewährleistung ist die Regelung einfach: Der gewerbliche Händler schließt mit dem privaten Käufer einen Vertrag – und nur mit diesem. Veräußert der erste Käufer die gekaufte Sache später weiter, gibt es einen neuen Vertrag zwischen dem ersten Käufer und dem neuen Käufer. Will der neue Käufer reklamieren, ist damit der private Verkäufer der richtige Ansprechpartner. Oft schließen private Verkäufer jedoch jegliche Gewährleistungsansprüche aus. Der zweite Käufer kann dann keine Gewährleistungsansprüche mehr geltend machen.


4 Nach neuester Rechtslage muss der Händler im Gewährleis­tungsfall eine "sperrige Sache" auf seine Kosten abholen lassen. Ist ein Fahrrad so eine sperrige Sache?
Ja. Wenn der Käufer Verbraucher ist, ist der Verkäufer verpflichtet, alle erforderlichen Aufwendungen zu tragen, insbesondere Transport-, Wege-, Arbeits- und Materialkosten.


5 Selbst bei einem Racebike kann der Hersteller den Renneinsatz oder das Training dafür von der Garantie ausnehmen. Aber kann er sich damit auch der Gewährleistung entziehen?
Nein. Solange das Rad dem "bestimmungsgemäßen Gebrauch" nach genutzt wird, können bei einem auftretenden Mangel Gewährleistungsrechte geltend gemacht werden. Kauft man also ein Racebike, kann man Gewährleistungsrechte geltend machen, wenn das Rad bei einem Rennen kaputtgeht. Das Radrennen ist dann der "bestimmungsgemäße Gebrauch".


6 Bei einem Individualaufbau wird der Radhändler zum Hersteller. Habe ich dann noch Garantieansprüche an den Rahmenhersteller?
Bei einem Individualaufbau wird zwischen dem Radhändler und dem Käufer in der Regel ein Werkvertrag über die Herstellung eines individuellen Rades geschlossen. Eventuelle Ansprüche des Käufers richten sich dann nicht mehr gegen den ursprünglichen Rahmenhersteller, sondern – nach Werkvertragsrecht – gegen den Verkäufer des Rades.

  Wolfgang Schobert, Leiter Technischer Service bei Scott SportsFoto: Jörg Spaniol
Wolfgang Schobert, Leiter Technischer Service bei Scott Sports


Wolfgang Schobert leitet den Technischen Service bei Scott Sports. Die umfassende Garantie von Scott verpflichtet den Kunden zu einem jährlichen Service bei einer Fachwerkstatt. „Der Stempel ist uns im Zweifelsfall auch mal egal, wenn der Gesamtzustand des Bikes passt. Wir wollen einfach ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ein technisches Produkt Service und Pflege braucht. Beim Auto wird das als selbstverständlich akzeptiert.“


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