Dimitri Lehner
· 03.07.2026
Gravel steckt noch immer mitten in der Pubertät. Die einen wollen immer breitere Reifen, Federgabel, mehr Gelände. Die anderen immer weniger Gewicht, mehr Aerodynamik, mehr Tempo. Dazwischen liegt eine Frage, die jeder für sich beantworten muss: Was soll ein Gravelbike eigentlich sein?
Für mich war die Antwort erstaunlich schnell klar.
Wer mit Federgabel, Variostütze und 2,2-Zoll-Reifen über Wurzelteppiche pflügen möchte – bitte. Ich nicht. Dafür wurden Mountainbikes erfunden. Und zwar ziemlich gute.
Ich habe damals das Hardtail in dem Moment in die Ecke gestellt, als vollgefederte Bikes endlich funktionierten. Natürlich kenne ich die Litanei der Puristen: Auf dem Hardtail lernt man Technik. Dort entstehen wahre Mountainbiker. Mag alles stimmen.
Trotzdem ziehe ich Komfort dem Märtyrertum vor. Niemand muss sich freiwillig Tritte ins Kreuz verpassen lassen.
Mich reizt das andere Ende der Gravel-Skala.
Race-Gravel. Oder neuerdings: Speed Gravel.
Die Idee ist verblüffend simpel: Rennrad-DNA – leicht, explosiv, aerodynamisch – aber dort einsetzen, wo Autos fehlen. Im Wald. Auf Schotter. Auf schnellen Feldwegen.
Genau deshalb habe ich Gravelbikes von Anfang an gefeiert. Nicht, weil ich plötzlich Lust auf Kieswege bekam. Sondern weil ich mich nie auf das Chaos aus hupenden SUVs, Lastwagen und Überholmanövern übermotivierter BMW-Piloten einlassen wollte – und deshalb also nie Rennrad gefahren bin.
Ich wollte zwar Rennrad fahren. Nur eben ohne Straße.
Mein erstes Gravelbike war ein Ghost Asket. Mit Federgabel. Mit Variostütze. Eine Ausfahrt genügte.
Beides brauchte ich nicht.
Danach arbeitete ich mich Stück für Stück Richtung Race-Gravel vor: Cervélo Áspero. Rose Backroad FF. Wilier Rave. Genau dort fühlte ich mich zu Hause. Diese Räder beschleunigen nicht – sie preschen nach vorne.
Dann begegnete ich Markus Storck.
Beim BIKE-Festival in Willingen stellte er mir sein neues Fascenario 5 vor. Ein aerodynamischer Carbon-Pfeil in leuchtendem Notarzt-Orange. 7,3 Kilogramm leicht. Zweifach-Antrieb. 35-Millimeter-Reifen. Cockpit schmal und scharf wie ein Rasiermesser.
Mein erster Gedanke?
Völlig übertrieben.
Wahrscheinlich hätte ich das Rad längst vergessen.
Hätte Markus Storck mir das Fascenario 5 mit Profilreifen nicht zum Test nachgeschickt.
Schon nach den ersten Metern zerbröselt jedes Vorurteil. Das F5 macht etwas mit seinem Fahrer. Aus dem gemütlichen Cruiser, der ich war, wird plötzlich ein Sprinter.
Ein Rad wie eine EPO-Kur.
Ein Rad als Persönlichkeitsverschiebung.
Ich rase über Radwege.
Ich rase über Feldwege.
Ich rase durch den Wald.
Das Rad wirkt wie eine Tablette Speed.
Raus aus dem Sattel.
Reintreten.
Beschleunigen.
Grinsen.
Alle überholen. Sich schnell fühlen.
Noch mehr Grinsen.
Der Freilauf kreischt, als wolle er die ganze Umgebung daran erinnern, dass Geschwindigkeit Geräusche macht. Er ist unanständig laut. Vermutlich will er verhindern, dass die Zeitjaeger-Carbonlaufräder je zum Stillstand kommen – immer weitertreten, sonst heult er auf.
Der schmale Carbonlenker liegt in den Händen wie ein Formel-1-Frontflügel. Oben kaum breiter als 34 Zentimeter und klingenscharf. Unten wird er dank kräftigem Flare angenehm breit. Wenig Drop im Bügel, das ist gut! Meine Hände rutschen leicht und kontrolliert in den Untergriff. Fürs Angasen.
Das will ich ständig: Angasen.
Das macht süchtig. Reintreten und schneller werden sind eins.
Die Bremshebel stehen seitlich ab wie Fühler einer Hornisse. Giftig und aggressiv.
Alles an diesem Rad wirkt aggressiv.
Und ansteckend.
Vielleicht ist Speed Gravel gar keine neue Fahrradkategorie.
Vielleicht ist es einfach das Rennrad, das endlich den Wald entdeckt hat.
Für mich jedenfalls ist genau das die Zukunft: Rennradgefühl ohne Straßenverkehr. Leicht. Schnell. Elegant. Weniger Gerumpel. Mehr Flow.
Manchmal braucht es eben kein neues Fahrrad.
Sondern nur die Erkenntnis, in welche Richtung man eigentlich fahren möchte.

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