Radfahren, Sex und GesundheitSechs Mythen auf dem Prüfstand

Tim Farin

 · 05.07.2026

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Radfahren, Sex und Gesundheit: Sechs Mythen auf dem PrüfstandPhoto: KI-generiert
Radfahren ist der Gipfel der Genüsse. Bleiben dabei aber andere Höhepunkte auf der Strecke? Unser Gesundheitsratgeber klärt auf zum Thema Radfahren und Sex...
Erektionsstörungen, verminderte Fruchtbarkeit, Prostatakrebs: Wie wirkt sich das Radfahren auf die sexuelle Gesundheit von Männern und Frauen aus – und was sollte man beachten, um gesundheitlich auf der sicheren Seite zu bleiben? Die Expertin unseres Gesundheitspartners Apotheken Umschau klärt auf.

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Die Vermutung hält sich hartnäckig, man begegnet ihr immer wieder: Wer regelmäßig Radsport betreibt, riskiere Probleme mit der sexuellen Gesundheit. Bei beiden Geschlechtern kursieren Geschichten über nachlassende Libido, Hautirritationen im Intimbereich, körperliche Beeinträchtigungen und Fruchtbarkeitsstörungen durch das Sitzen im Sattel. Doch wie viel Wahrheit steckt dahinter?

Prof. Dr. Sabine Brookman-May hat die Fakten parat. Sie lehrt Urologie an der LMU München, ist Fachärztin für Urologie sowie Sportmedizinerin – und fährt seit drei Jahrzehnten leidenschaftlich Rennrad.

Mythos 1: „Wenn Männer viel Rad fahren, bekommen sie Erektionsprobleme"

„Bis heute gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung, die belegt, dass dauerhaft Erektionsstörungen durch Radfahren entstehen. Das ist zwar einer der verbreitetsten Mythen – aber er ist schlichtweg falsch", erklärt Brookman-May. Was allerdings kurzfristig vorkommen kann: Nach einer besonders ausgedehnten Tour – wenn man mehrere Stunden oder einen halben Tag auf dem Rad verbringt – können durch den Druck auf die Beckenbodenregion die Nerven leicht irritiert und die Durchblutung geringfügig beeinträchtigt werden.

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Eine temporäre Beeinträchtigung der Erektionsfähigkeit in den Stunden im Anschluss ist dann möglich, bildet sich aber üblicherweise von selbst zurück. Auf mögliche vorübergehende Erektionsstörungen deuten auch einige Studien hin. Gleichzeitig belegen sie auch präventive Effekte bei Männern, die täglich weniger als drei Stunden im Sattel sitzen.

„Tatsächlich wirkt Radfahren insgesamt protektiv – es schützt also davor, langfristig Erektionsstörungen zu entwickeln", so die Expertin. Denn Faktoren wie Übergewicht, erhöhter Blutdruck, Diabetes und Tabakkonsum – all das kann zu Gefäßschädigungen und damit auch zur Entwicklung von Potenzproblemen beitragen. Fast alle diese Faktoren lassen sich durch regelmäßigen Ausdauersport günstig beeinflussen. Wer regelmäßig Rennrad fährt, stärkt das Herz-Kreislauf-System und wirkt einer Arterienverkalkung entgegen. Auch in jenen Gefäßen, die für die Versorgung der Schwellkörper zuständig sind.

Fazit: Wer in Maßen Rad fährt, muss sich keine Gedanken machen, dadurch langfristig seine Erektionsfähigkeit zu gefährden. Sollte es vorübergehend zu Problemen kommen, helfen Anpassungen bei Sattel, Lenkerhöhe und Fahrradtyp.

Mythos 2: „Ein taubes Gefühl im Schritt bei Männern und auch Frauen ist ein Warnsignal"

Ja, dieses taube Gefühl existiert tatsächlich. Es tritt relativ häufig auf. „Ein vorübergehendes Kribbeln oder Taubheitsgefühl nach einer ausgedehnten Tour ist nichts Ungewöhnliches", bestätigt auch Brookman-May. Es verschwindet in der Regel wieder. „Es besteht absolut kein Grund zur Sorge, dass dadurch dauerhafte Durchblutungs- oder Nervenschäden auftreten – das ist vollkommen unbegründet."

Die Ursache: Durch Druckeinwirkung im Dammbereich können oberflächlich verlaufende Nerven und Gefäße gereizt oder zeitweise zusammengedrückt werden. Diese Region ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen besonders empfindlich. Man sollte, so Brookman-May, Taubheitsgefühle nicht überbewerten, aber eben auch nicht völlig außer Acht lassen. Entscheidend sind Dauer und Häufigkeit. Ein kurzzeitiges Einschlafen nach einer längeren Fahrt ist etwas völlig anderes als Taubheit nach jeder einzelnen Ausfahrt oder Beschwerden, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben.

Allerdings: Wenn das Taubheitsgefühl regelmäßig nach jeder Ausfahrt auftritt oder längere Zeit bestehen bleibt, ist das kein Grund, noch intensiver zu trainieren oder sich an die Beschwerden zu gewöhnen. „Das ist vielmehr ein Signal dafür, dass man etwas verbessern kann – ob nun am Sattel selbst, an der Satteleinstellung, an der Sitzposition oder an der Radbekleidung", erklärt Brookman-May.

Fazit: Ein vorübergehendes Taubheitsgefühl ist nichts Außergewöhnliches. Es kann jedoch ein Hinweis darauf sein, dass Anpassungen sinnvoll sind.

Mythos 3: „Radsport schadet der Fruchtbarkeit"

„Es existieren keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Radsport langfristig die Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Das lässt sich ausschließen – selbst bei ambitioniertem, intensivem Training", stellt Brookman-May klar. Was allerdings vorkommt: Bei sehr hohem Trainingspensum im Profibereich oder bei extremer Hitzeeinwirkung kann die Qualität der Spermien zeitweilig eingeschränkt sein.

Ein wichtiger Hinweis für Frauen: „Bei Radsportlerinnen kommt es häufig zu Zyklusstörungen oder im Extremfall bleibt die Menstruation ganz aus – und dann ist natürlich auch die Empfängnisfähigkeit reduziert." Brookman-May weist auf das Phänomen RED-S hin, das zunehmend Beachtung findet. Es betrifft beide Geschlechter – und ist ein Thema, das im Newsletter bereits ausführlich behandelt wurde. Wer viel Sport treibt, muss auch ausreichend Nahrung zu sich nehmen.

Fazit: Radsport führt – in vernünftigem Umfang betrieben – weder bei Männern noch bei Frauen zu Unfruchtbarkeit. Bei Sorgen sollte man den Urologen oder die Frauenärztin aufsuchen – aber nicht das Radfahren dafür verantwortlich machen.

Mythos 4: „Sattel und Sex, das ist ein Männerthema – Frauen haben damit keine Probleme"

Falsch. „Das Gegenteil ist der Fall", sagt Brookman-May. „Wir Frauen leiden sogar häufiger unter Beschwerden im Intimbereich. Und wir sind es oft gewohnt anzunehmen, dass Taubheit oder Schmerzen irgendwie dazugehören." Studien belegen dies: In einer umfangreichen US-Studie berichteten 44 Prozent der befragten Radfahrerinnen von solchen Taubheitsgefühlen.

Brookman-May kann aus eigener Erfahrung berichten: Als sie vor drei Jahrzehnten mit dem Rennradfahren anfing, gab es ausschließlich Herrensättel. Keine anderen Frauen in ihrem Umfeld, mit denen sie sich austauschen konnte. Man akzeptierte einfach, dass Schmerzen zum Sport gehörten. „Aber genau das sollte eben nicht als selbstverständlich hingenommen werden. Wiederkehrende Taubheit, Brennen, Entzündungen, Beckenbodenschmerzen – das sind keine Begleiterscheinungen, die man tolerieren sollte."

Aber gibt es überhaupt den „richtigen" Frauensattel? „Den idealen Sattel findet man nicht über die Kategorie Männer oder Frauen, sondern über die eigene Anatomie und das persönliche Empfinden beim Fahren. Wir Frauen unterscheiden uns anatomisch untereinander genauso stark wie von manchen Männern. Ich würde deshalb nicht zu geschlechtsspezifischen Sätteln raten – sondern immer empfehlen, den individuell passenden Sattel zu finden", rät die Expertin.

Ein guter Ausgangspunkt sei die Vermessung des Sitzbeinhöckerabstands, um die geeignete Breite zu ermitteln. Wenn möglich, sollte man Sättel auch probeweise testen. Wichtig ist: Der Druck sollte auf den Sitzbeinhöckern lasten, nicht auf Weichteilen oder im Dammbereich. Und häufig müssen neben dem Sattel auch Höhe, Neigung und Position angepasst werden – denn: „ein guter Sattel kann durch falsche Einstellung dennoch unbequem sein", so Brookman-May.

Fazit: Kein Geschlecht bleibt verschont. Beschwerden sollten zum Handeln anregen. Bleiben sie bestehen, am besten mit dem Hausarzt oder der Frauenärztin Rücksprache halten.

Mythos 5: „Radsport kann das Risiko für Prostatakrebs erhöhen"

Nein, ein gesteigertes Risiko für Prostatakrebs besteht nicht. „Ganz im Gegenteil", sagt Brookman-May und verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen, die bei Ausdauersportlern ein verringertes Risiko zeigen. „Der Grund, warum dieses Thema immer wieder aufkommt: Weil beim Radfahren Druck auf die Prostata ausgeübt wird, kann das sogenannte Prostata-spezifische Antigen vermehrt freigesetzt werden und im Blut messbar sein."

Wird der PSA-Wert dann beim Urologen gemessen, etwa im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung oder zur Abklärung eines Krebsverdachts, kann er durch vorheriges Radfahren kurzfristig erhöht sein, was möglicherweise zu falsch-positiven Ergebnissen führt, zu unnötigen Ängsten und weiteren Untersuchungen. „Für Radfahrer ist es daher sinnvoll, mindestens ein bis zwei Tage vor der Messung auf intensive oder längere Radeinheiten zu verzichten – um nicht versehentlich erhöhte Werte zu verursachen."

Fazit: Radfahren wirkt als körperliche Aktivität eher präventiv gegen Prostatakrebs. Aber mindestens zwei Tage vor dem PSA-Test sollte das Rad besser in der Garage bleiben.

Mythos 6: „Radsport bremst das Sexleben"

Eher im Gegenteil. „Für beide Geschlechter hat Radfahren einen sehr positiven Einfluss auf die Sexualität", sagt Brookman-May. „Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die Gefäßfunktion, unterstützt den Hormonhaushalt, verringert Stress. Männer und Frauen, die regelmäßig Sport machen, berichten insgesamt häufiger von einer zufriedenstellenden sexuellen Gesundheit."

Rauchen, Diabetes, erhöhter Blutdruck und Bewegungsmangel – das sind Faktoren, die zu Schwierigkeiten im Sexualleben führen können. Auch exzessiver Sport kann Studien zufolge zu verminderter Libido führen. Aber: „Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Radfahren und Sexualität. Das ist der entscheidende Punkt", fasst die Expertin zusammen.

​Wissenschaftliche Prüfung: Dr. Katharina Kremser (Ärztin)

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Tim Farin

Editor

Tim Farin arbeitet als Redakteur bei unserem Partnermagazin Apotheken Umschau. Dort betreut er Themen zu gesundem Sport auf wissenschaftlichem Fundament. Als freier Autor hat er zuvor fast 20 Jahre lang zahlreiche Radsport-Themen für unsere Magazine TOUR und BIKE geschrieben. Von Farin erscheint wöchentlich der Newsletter Asphalt und Köpfchen.

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