Max Fuchs
· 03.07.2026
„A simple bike is a fast bike“ – diese Überzeugung liegt allen Starling-Bikes zugrunde. Um der Firmenphilosophie gerecht zu werden, vertraut die gesamte Modellpalette auf den am einfachsten zu verarbeitenden Rohstoff im Rahmenbau: Stahl. Während Kohlefasern stundenlang im Autoklaven backen müssen oder Aluminium wegen seiner physikalischen Eigenschaften spezielle Schweißverfahren erfordert, könnte ein Reynolds-853-Rohrsatz von Starling auch von einem Hobbyschweißer zusammengeschweißt werden – salopp gesagt, natürlich. Dennoch: Nüchtern betrachtet haben Stahlrahmen kaum rationale Verkaufsargumente auf ihrer Seite. Sie sind schwer, teuer und besitzen eine geringe spezifische Steifigkeit. Wer sich dennoch für einen Stahlrahmen entscheidet, tut das meist aus emotionalen Gründen wie Nachhaltigkeit, Kultfaktor oder Optik.
Doch können wirklich nur eingefleischte Puristen und Liebhaber Stahlbikes etwas abgewinnen? Oder haben sie doch das Zeug zur Massentauglichkeit? Um das herauszufinden, haben wir unsere Dauertesterin Franzi Königer vorübergehend mit dem Starling MegaTwist verheiratet. Die Eckdaten: 170/165 Millimeter Federweg und Mullet-Laufräder – ein waschechtes Enduro also. Falls sie sich nicht mit dem Werkstoff anfreunden kann, stimmt zumindest der Einsatzbereich. Denn Franzi liebt Bikepark-Wochenenden und nimmt am liebsten grobe Enduro-Trails unter die Stollen.
| Merkmal | Angabe |
| Im Test seit: | Februar 2026 |
| Kategorie: | Enduro |
| Preis: | 3080 Euro (Rahmen ohne Dämpfer) |
| Federweg: | 170 mm vorn / 165 mm hinten |
| Laufradgröße: | 29"/27,5" |
| Gewicht: | 16,9 kg |
| Rahmengröße: | M |
| Kilometer: | 482,5 |
| Tiefenmeter: | 21.129 |
| Gabel: | Fox 38 Factory |
| Dämpfer: | Fox DHX2 Stahlfederdämpfer |
| Antrieb: | Shimano XT 1x12 |
| Laufräder: | Hope Fortus 30 Pro 5 |
Stahl gilt als das Sorglos-Material schlechthin. In der Praxis trifft das allerdings nur bedingt zu. Ja, bei einem Rahmenbruch kann man einen Stahlrahmen vergleichsweise unkompliziert wieder zusammenschweißen. Doch viel öfter als mit einem gebrochenen Rahmen haben Endverbraucher mit Korrosion zu kämpfen. Und in diesem Punkt zieht Stahl gegenüber Carbon oder Aluminium klar den Kürzeren.
Dennoch will das MegaTwist ein besonders unkompliziertes Bike sein. Und es besitzt eine Menge Features, die tatsächlich dafür sprechen. Da wäre zum einen der Eingelenker-Hinterbau. Durch den Verzicht auf zusätzliche Gelenke wirkt sich die reduzierte Bauweise auch positiv auf die Haltbarkeit aus und erleichtert Wartungsarbeiten. Letzteres gilt übrigens auch für die externe Kabelführung, das geschraubte Tretlager und den eingelegten Steuersatz. Kurzum: Wer stressfrei biken und vor allem schrauben will, landet bei der Marke aus Bristol einen Volltreffer – Stahlrahmen hin oder her.
Stahl: Top oder Flop? Bei der Frage bin ich mir noch unschlüssig. Da ich mich noch am Anfang der Testphase befinde, war ich bis vor Kurzem noch damit beschäftigt, mein Setup zu optimieren und mich an das Bike zu gewöhnen. Was ich bis jetzt aber sagen kann: Bis auf das Gewicht ist mir noch nichts aufgefallen, was mir meine Stahl-Premiere so richtig versalzen hat. Ganz im Gegenteil. Vom Look der schlanken Rundrohre bin ich sogar ein richtiger Fan geworden.
Das MegaTwist zieht mich stärker in die Bikeparks als jedes andere Bike, das ich zuvor gefahren bin. Zum einen, weil die Fahreigenschaften dort voll zünden, zum anderen, weil das MegaTwist mit seinem üppigen Kampfgewicht von 16,9 Kilogramm ohnehin lieber bergab als bergauf will. Aber das gilt für die meisten modernen Enduros: Bikes unterhalb der 16-Kilo-Marke sind selbst im Premium-Segment eine aussterbende Spezies. Zum Vergleich: Das Forestal Siryon, der Testsieger aus unserem letzten Vergleichstest, landet mit Vollcarbonrahmen und ähnlichem Ausstattungsniveau bei 16,2 Kilogramm.
Aber der Reihe nach, denn tatsächlich dominieren die Fahrqualitäten den Fahreindruck, nicht das Gewicht: 170 Millimeter Federweg vorn, 165 hinten – damit gleite ich selbst über die fiesesten Steinfelder, als läge ein fliegender Teppich unter den Reifen. Komfort und Traktion? Der absolute Wahnsinn. Ich werde auf langen Abfahrten normalerweise schnell müde. Nicht mit dem MegaTwist. Hier habe ich das Gefühl, dass es mich Vibrationen und Schläge supereffektiv vom Leib hält. Dicke Arme auf langen Abfahrten? Fehlanzeige. Dabei mangelt es trotz der satten Fahrsicherheit nicht an Spieltrieb. Muss das Heck in engen Kehren herumgerissen werden, spielt das MegaTwist seine Mullet-Bereifung mit dem kleineren 27,5-Zoll-Hinterrad aus.
Mein persönliches Ausstattungshighlight: die Hope Tech 4. Die Bremse erzeugt brachiale Bremskräfte, lässt sich trotzdem fein dosieren – und sieht im CNC-Fräs-Look auch noch todschick aus. Und weil die Rahmenplattform modular ist, läuft das Bike per se mit ein paar kleinen Umbauten wahlweise auch als Full-29er und mit kürzerem Federweg. Auf den Federweg will ich tatsächlich ungern verzichten, die 29er-Option will ich aber noch ausprobieren.
So traumhaft das MegaTwist als Enduro und Parkbike performt, an Allround-Qualitäten mangelt es ihm. Für tretintensive Touren oder die Feierabendrunde brauche ich eine Extraportion Motivation. Das hohe Gesamtgewicht und die klebrigen Michelin-Reifen kosten spürbar Körner. Genau hier setze ich beim Tuning an: Im ersten Schritt sollen schnellere Reifen mehr Vortrieb aus dem Rad kitzeln. Echte konstruktive Kritik habe ich nur an einem Punkt – der Flaschenhalteraufnahme. Weil der Dämpfer den Platz am Unterrohr blockiert, ist sie unters Oberrohr gewandert. Doch dort stößt jede Flasche am Ausgleichsbehälter des Dämpfers an. Ich habe sämtliche Modelle bis unter 0,33 Liter durchprobiert, keine passt. Ausfahrten ohne Hip Bag oder Trinkrucksack sind damit leider passé. Schade!
Dass moderne Enduros keine Leichtgewichte sind, war mir bewusst. Trotzdem hat mich die Trägheit des Starling bergauf zunächst überrascht. Mit diesem Wissen hätte ich das Bike wohl etwas anders aufbauen lassen und mich anstelle des schweren Stahlfederdämpfers und der Pummel-Pneus für etwas leichtere Parts entschieden. So läge das MegaTwist zwar immer noch jenseits der 16-Kilo-Marke, aber zumindest auf Augenhöhe mit dem Carbon-Enduro meines Mannes.
Abseits des Gewichts bin ich bislang jedoch rundum begeistert. Die Optik ist ein echter Hingucker, das Fahrwerk arbeitet überragend, die Sitzposition passt auf Anhieb, und das Handling überzeugt auf ganzer Linie. Besonders gespannt bin ich außerdem, wie sich das servicefreundliche Konzept des Starling im Alltag bewährt. Vielleicht kann ich im nächsten Update schon von meinen ersten Schrauber-Erfahrungen berichten.

Editor