Gravel boomt. Doch der Markt zieht in zwei Richtungen: Hier die Aero-Racer, dort die Adventure-Bikes mit Federgabel, Taschen und Ballon-Reifen. Wer braucht was? Wir haben mit Marcus Klausmann gesprochen. Der 15-fache Deutsche Downhill-Meister überrascht mit einer klaren Meinung.
BIKE: Marcus, Gravelbikes werden immer extremer. Auf der einen Seite Aero-Racer, auf der anderen Adventure-Bikes mit Federgabel und Bikepacking-Ausstattung. Wohin geht die Reise?
Marcus Klausmann: Ich bin ein absoluter Gravel-Fan. Meine Töchter fahren viel Gravel, im Winter Cyclocross. Und wir gehören alle ganz klar zur Aero-Fraktion. (lacht)
BIKE: Also kein Fan der neuen Gelände-Graveller?
Klausmann: Überhaupt nicht. Mit einer Federgabel am Gravelbike kann ich nichts anfangen. Das geht für mich am Thema vorbei. Dann fahre ich lieber gleich ein Hardtail. Dafür wurde es schließlich gebaut.
BIKE: Das überrascht. Ausgerechnet ein 15-facher Downhill-Meister plädiert gegen mehr Gelände?
Klausmann: Eigentlich ist das doch konsequent. Wenn ich ins richtige Gelände will, nehme ich ein Mountainbike. Gravel bedeutet für mich: runter von der Straße, rauf auf Schotter. Schnell, flüssig, sportlich – ich bin der klassische Schotter-Pilot. Ich fahre einen 38-Millimeter-Reifen – das reicht vollkommen.
BIKE: In Mode kommen jetzt richtig breite Schlappen.
Klausmann: Ja, selbst im Rennradsport sind 35er je nach Einsatz nichts Außergewöhnliches. Auf dem Gravelrad brauche ich persönlich aber nix, was über 40 oder 45 Millimeter hinaus geht. Doch logisch, das ist Geschmackssache. Ich fahre lieber mit etwas mehr Luftdruck – zwischen 2,5 und 3 Bar. Ich möchte weder Walkbewegungen spüren noch ständig die Felge auf Steinen hören.
BIKE: Was fasziniert dich am Graveln?
Klausmann: Beschleunigung. Dieses “van der Poel”-Gefühl! Antreten und das Rad schießt nach vorne. Deshalb kann ich mit Satteltaschen, Schräubchen rechts, links, vorne, hinten wenig anfangen. Das ist nicht meine Welt. Ich bin Racer. Federgabeln habe ich von Anfang an nicht verstanden.
BIKE: Trotzdem boomt Bikepacking.
Klausmann: Ich sehe wenige, die mit Sack & Pack unterwegs sind. Aber natürlich gibt es diese Zielgruppe. Und das ist auch völlig okay. Aber ich glaube, die Mehrheit kommt vom Rennrad. Die Leute haben keine Lust mehr auf Verkehr und Autos. Also fahren sie Wald- und Feldwege – aber genauso sportlich wie vorher. Dafür braucht es keine Federgabel.
BIKE: Macht der Gravelsport gerade eine Art Selbstfindungsphase durch?
Klausmann: Wahrscheinlich schon. Das ist bei jeder jungen Disziplin so. Aber ehrlich: Mit einem Rennlenker über anspruchsvolle Trails zu fahren, macht mir deutlich weniger Spaß als mit einem Hardtail. Das kann alles besser, du hast einen gescheiten Lenker – und die Bikes sind auch brutal schnell.
BIKE: Was fährst du selbst?
Klausmann: Ein Gravelbike von Airwolf. Ein chinesischer Rahmen mit Aero-Cockpit. Ich wollte ihn einfach ausprobieren.
BIKE: Ein Downhill-Profi auf einem China-Rahmen?
Klausmann: (lacht) Warum nicht? Der Rahmen hat 580 Euro gekostet, funktioniert tadellos und macht keine Probleme. Ich sitze auf keinem Rad so gut wie auf diesem – und ich bin wirklich viele Räder gefahren.
BIKE: Worauf achtest du beim Radkauf?
Klausmann: Es muss mir gefallen. Schön aerodynamisch mit One-Piece-Lenker.
BIKE: Worauf achtest du beim Radkauf?
Dann müssten dir doch die italienischen Traditions-marken gefallen.
Klausmann: Na, klar. Vor Jahren suchte ich ein neues Rennrad. Ich wollte immer ein Pinarello Dogma haben, doch das kostet 7000 €. Nur der Rahmen! Das ist verrückt. Das habe ich mir dann nicht gekauft, sondern ein Basso Diamante. Cooles Ding – du drehst den Lenker und dann kommt unten die italienische Flagge raus. Supergeil! Das Rad habe ich später meinem Sohn Levin vermacht.
BIKE: Wie bist du auf die China-Marke gekommen?
Klausmann: Durch Zufall. Zuerst wollte ich mir ein Wilier kaufen, dann entdeckte ich die Marke Airwolf. Und das Gravelbike von Airwolf fährt sensationell. Inzwischen sind sogar meine Töchter damit unterwegs.
Marcus Klausmann macht keine halben Sachen. Für ihn ist Gravel kein Ersatz-Mountainbike, sondern ein Rennrad für Schotter. Seine Formel ist einfach: schmale Reifen, viel Druck, wenig Ballast – und maximale Beschleunigung. Wer dagegen mit Zelt, Kocher und Federgabel in die Wildnis aufbricht, wird ihm vermutlich widersprechen. Genau darin liegt der Reiz des Gravelsports: Er ist alles. Nur nicht eindeutig.
Worldcupsiege, 15 Meistertitel und Technik-Passion
Er kommt aus Albstadt, fuhr einmal in die Weltspitze – und ist nie wirklich weggegangen. Marcus Klausmann, Jahrgang 1977, ist eine der eigenwilligsten Figuren im deutschen Mountainbike-Sport.
Der Anfang war unverschämt gut: Mit 14 und 15 Jahren holte Klausmann 1991 und 1992 den Trial-Weltmeistertitel. Dann wechselte er in den Downhill und machte auch dort weiter, wo er aufgehört hatte. 1996 gewann er das Weltcup-Rennen in Nevegal, wurde Zweiter der UCI-Gesamtwertung – und sammelte bis 2013 noch 15 deutsche Meistertitel nebenbei ein.
2016 stoppte sie ein Herzrhythmusstörung. Klausmann beendete seine aktive Laufbahn – und baute sie sofort in etwas anderes um. Heute betreibt er in Mahlberg Klausmann Suspension, ein Service-Center für MTB-Fahrwerke und hydraulische Sattelstützen. Wer weiß, wie ein Bike sich anfühlen soll, weiß auch, wie es eingestellt gehört. Seine analytische, fast schon wissenschaftliche Herangehensweise machen Marcus zu einem Federwegs-Mastermind. Heute wohnt Marcus mit Frau und Kindern in Mahlberg/Südbaden.
Daneben ist er Trainer – MTB, Rennrad, Bahn, Personal Training, C-Lizenz Leistungssport – und fährt als Propain-Teamfahrer selbst noch mit. Sein Rennteam Klausmann Suspension Racing schickt auch Sohn Lenny an den Start – im Downhill Worldcup bei den Junioren. Marcus Klausmann war Cyclecross-Rennfahrer und fährt heute leidenschaftlich Gravelbike.

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