Klimmzüge statt Kettenöl, Tarnfleck statt Trikot: Beim BIKE Festival in Willingen war zwischen Carbon-Bikes und Federgabeln plötzlich auch die Bundeswehr präsent. Ein seltsamer Anblick? Vielleicht. Andererseits: Wer freiwillig bei Regen Wurzelteppiche hinunterballert wie die Downhiller in Willingen bringt schon einige Eigenschaften mit, die auch anderswo gefragt sind.
Zwischen Testbikes, Bierstand und Bike-Wash standen plötzlich Tarnzelte und olivefarbene LKW. Soldaten veranstalteten Klimmzug-Challenges, ließen Besucher beim Crossfit schwitzen und präsentierten sich so, wie die Bundeswehr heute gesehen werden möchte: jung, sportlich, modern. Möglichst weit entfernt vom alten Kasernen-Klischee aus Stubenappell, Kommiss-Mief und Spindkontrolle.
Es war kein Zufall, dass der grüne Fuhrpark ausgerechnet auf einem Mountainbike-Festival parkte. Die Botschaft war klar: Wer Trails liebt, könnte vielleicht auch Gefallen an der Truppe finden.
Noch vor wenigen Jahren schien das Militär vielen Deutschen wie ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Die Wehrpflicht war ausgesetzt, Europa wirkte friedlich, internationale Gipfeltreffen bestanden aus Händeschütteln und Gruppenfotos. Merkel scherzt mit Putin, alle gut drauf, die alten Zeiten passé. Panzer? Brauchte doch keiner mehr.
Dann kam die Realität zurück.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich die sicherheitspolitische Lage schlagartig. Deutschland soll aufrüsten, heißt es nun, die Bundeswehr wachsen. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das Ziel formuliert, Deutschland zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Dafür braucht es vor allem eines: Menschen.
Warum also ein Bike-Festival?
„Mountainbiker sind genau unsere Zielgruppe“, sagt eine Karriereberaterin der Bundeswehr, Caudia S. in Flecktarnuniform. Statt Nachname steht der Vorname auf dem Namensschild. Wer bei Regen trainiert, sich durch Matsch kämpft, konditionsstark ist und auch unter Stress einen kühlen Kopf behält, bringe viele Eigenschaften mit, die im Soldatenberuf gefragt seien.
Ganz falsch ist die Beobachtung nicht. Mountainbiker mögen Herausforderungen, Technik und Adrenalin. Sie sind gern draußen, wetterfest und scheuen sich nicht davor, auch mal an ihre Grenzen zu gehen. Natürlich endet der Vergleich spätestens dort, wo aus Sport Ernst wird. Ein Trail ist eben kein Einsatz.
Die Bundeswehr wirbt heute nicht mehr mit Exerzieren, sondern mit Hochglanzbildern. Auf Social Media seilen sich Spezialkräfte aus Hubschraubern ab, Leopard-Panzer pflügen durchs Gelände, Eurofighter steigen senkrecht in den Himmel. Der Beruf wirkt fast wie ein Actionfilm – oder wie ein Videospiel mit Staatsvertrag: Indiana Jones spielen auf Staatskosten und Dinge erleben, die im zivilen Arbeitsleben nahezu unerreichbar sind.
Daneben verweist die Truppe auf handfeste Vorteile: Studium und Ausbildung, medizinische Versorgung, geregeltes Einkommen, Sport während der Dienstzeit und kostenlose Bahnfahrten in Uniform. Wer sich informieren möchte, landet schon beim ersten Suchbegriff im Internet nicht bei „Panzer“, sondern bei Karriere.
Dass die Bundeswehr künftig häufiger auf Bike-Festivals auftaucht, dürfte kaum überraschen. Die Zielgruppe passt, der Gesprächseinstieg gelingt zwischen Trails-Shredden und Bikepark-Labs leichter als auf einem Marktplatz.
Ob daraus tatsächlich neue Soldaten werden, entscheidet am Ende allerdings nicht der Klimmzug-Wettbewerb. Sondern die Frage, ob aus der Lust auf Abenteuer auch die Bereitschaft entsteht, Verantwortung zu übernehmen.
Bis dahin bleibt der wohl ungewöhnlichste Messestand des Festivals derjenige, an dem man nach der Probefahrt nicht über Federweg, sondern über den Dienst an der Waffe spricht. Und zugegeben: Zwischen all den Bigbikes, Federgabeln und Protektorenwesten wirkte der Tarnfleck erstaunlich selbstverständlich.

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