MTB Protektoren Rucksäcke im TÜV-Labortest

Test 2015: Protektoren-Rucksäcke für Mountainbiker

  • Stefan Frey
 • Publiziert vor 5 Jahren

Wie eine Hauptstromleitung durchzieht das Rückenmark unsere Wirbelsäule. Ob Protektoren-Rucksäcke ausreichend Rückenschutz geben können, zeigt unser BIKE-Labortest beim TÜV Rheinland.

Absolute Stille. Jeder kennt diesen winzigen Moment vor dem Aufprall, in dem die Welt stillzustehen scheint. Und jeder weiß: Gleich wird es richtig wehtun. Wenn sich der Sturz bereits nicht mehr vermeiden lässt, kann man nur noch hoffen: dass man den Busch neben dem Felsen trifft, dass man im Reflex nicht den Arm gestreckt in den Boden rammt, oder eben, dass man gut gerüstet ist. Ein Rucksack mit Rücken-Protektor kann mit Sicherheit keine Schürfwunden oder Prellungen am Schienbein verhindern. Aber er kann ein lebenswichtiges Organ schützen: das zentrale Nervensystem. Oder besser gesagt einen Teil davon, nämlich das Rückenmark.

Test 2015: Protektoren-Rucksäcke für Mountainbiker

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Ob diese Protektoren-Rucksäcke zuverlässig schützen, zeigt unser BIKE-Test im Labor des TÜVs Rheinland.

Diese Protektoren-Rucksäcke finden Sie im Test:

• Aplifi Stratos MK II
• Bliss ARG Vertical LD
• Camelbak K.U.D.U. 12 (BIKE-Tipp: Testsieger)
• Cube Freeride 20+
• Deuter Attack 20
• Ergon BA3 Evo Enduro Protect
• Evoc FR Trail
• Poc VPD 2.0 Spine Pack 25
• Scott Grafter Protect 12

Um zu prüfen, wie gut die aktuelle Generation der Protektoren-Rucksäcke unsere motorische Verteilerzentrale abschirmt, haben wir neun Modelle ins Testlabor des TÜVs Rheinland gebracht. Dort werden nicht nur die Normprüfungen durchgeführt, sondern viele im Handel erhältliche Produkte auch zertifiziert. Dass die Rücken-Protektoren wirklich schützen, müssen die Hersteller durch das CE-Prüfsiegel, gut sichtbar am Produkt belegen. Ohne darf die Schutzausrüstung ebenso wenig in den Handel, wie der Latzhosenträger in die Münchner Nobel-Disco P1.

So testet BIKE die Rücken-Protektoren im Prüflabor des TÜV Rheinland.

Eine spezielle Prüfnorm für den Gelände­sport gibt es übrigens nicht. Deshalb werden alle Rücken-Protektoren nach der aktuellen Motorrad-Norm EN 1621-2 geprüft. Wir haben uns beim Test an dieser Norm orientiert. Anstelle eines flachen Schlagelements fällt jedoch ein keilförmiger, fünf Kilo schwerer Metallkörper aus einem Meter Höhe auf die Rucksäcke. Dadurch werden die Bedingungen im Gelände realistischer dargestellt. Zum einen stürzt man mit dem Mountainbike selten auf flachen Asphalt, sondern im schlimmsten Fall auf einen kantigen Felsen. Zum anderen lassen sich die Protektoren-Platten alleine ohne Rucksack gar nicht nutzen. Mit Ausnahme von Evoc: Beim FR Trail lässt sich das Protektoren-Element abzippen und separat tragen. Einen guten Protektor erkennt Christiane Reckter von der Abteilung für Produktprüfung bereits am Klang. Sobald sie den grünen Knopf am Prüfstand betätigt, wird der Metallkörper der Erdanziehungskraft überlassen und rauscht mit bis zu 180 Kilonewton auf die Messeinheit. Schlägt er leise und gedämpft im Testrucksack ein, bedeutet das: alles in Ordnung. Ein harter, metallischer Knall verheißt dagegen selten etwas Gutes. In der Regel kann man dann von starken Prellungen ausgehen, im schlimmsten Fall splittern Knochen. Dass die getesteten Protektoren vom Ernstfall weit entfernt sind, hört sogar der Laie. Der Prüfkopf prallt beinahe sanft, wie in einen Stapel Federkissen, in die Prüflinge.

Die Protektoren-Rucksäcke im Schlagtest

Die Testergebnisse der Protektoren-Rucksäcke im Schlagtest.


Der Camelbak K.U.D.U. erzielt mit einer mittleren Restkraft von 5830 Newton den Bestwert im Test. Insgesamt liegen sechs Produkte unterhalb der 9000-Newton-Grenze und erfüllen somit das bessere Level 2 der CE-Prüfung EN 1621-2. Amplifi, Cube und Bliss erreichen "nur" Level 1, das bis zu einer mittleren Restkraft von 18000 Newton reicht. Jedoch liegt auch der schlechteste gemessene Wert mit 13743 Newton noch weit innerhalb des maximal vertretbaren Wertes von 24000 Newton. 

Bereits im "schlechtesten" Rückenschoner verpuffen bereits 92 Prozent der Aufprallenergie. Damit erfüllen Amplifi, Bliss und Cube immer noch mit Leichtigkeit Level 1 der Prüfnorm. Beim Camelbak dringen nur noch 5,8 von den ursprünglich 180 Kilonewton bis zu den Messsensoren, also quasi zum Träger, durch. Für Level 2 dürfte das Messdiagramm maximal 9 Kilonewton anzeigen. Die Werte erstaunen umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Protektoren nur etwa so dick sind wie eine Tafel Schokolade.

Die EPS-Platten von Ergon und Evoc haben allerdings nach einem Crash ihren Dienst getan. So, wie man bei einem Auto-Airbag nur einen Versuch hat, muss auch der Einweg-Protektor nach einem Crash getauscht werden. Der Kunststoff wird gequetscht oder bricht. Die Schaum-Protektoren der übrigen Hersteller funktionieren dagegen ähnlich wie ein Tennisball: Bei einem Schlag verformen sich ihre mikroskopischen Bläschen und nehmen danach ihre Ausgangsform wieder an. Theoretisch könnte man also viele Male auf den Protektor stürzen. "Allerdings ist nie hundert Prozent sicher, ob ein Aufprall die Struktur des Schaumes nicht doch beschädigt hat", erklärt Christiane Reckter. Sie rät auf jeden Fall, die Protektoren-Platte nach einem Sturz beim Händler oder Hersteller überprüfen zu lassen und gegebenenfalls auszutauschen.

Das ist jedenfalls sicherer, als sich darauf zu verlassen, dass man beim nächsten Sturz sanft im Busch landet und nicht doch den Felsen daneben trifft.

Knowhow: Soft-Protektoren

Die Vorteile von Soft-Protektoren liegen auf der Hand: Sie sind leicht und flexibel und somit perfekt für den sportlichen Einsatz geeignet. Im Grunde gibt es zwei unterschiedliche Bauformen. Den Begriff "mehrschlagfähig" sollte man jedoch mit Vorsicht genießen.


EPS-Protektor

Bei Evoc und Ergon kommen sogenannte Einweg-Protektoren zum Einsatz. Ihr Kern besteht aus expandiertem Polystyrol (EPS), dem gleichen Material, das auch bei Helmen zum Einsatz kommt. Bei einem Schlag verformt sich das EPS dauerhaft und muss somit ausgetauscht werden. Beim Transport sollte man vorsichtig sein. Wird die Platte zu stark geknickt, kann das Material brechen und seine Schutzwirkung verlieren.

EPS-Protektoren


Schaum-Protektor

Camelbak, Deuter, POC und Scott setzen auf Polyurethan-Schaum. Der besteht aus unzähligen luftgefüllten Bläschen, die sich bei einem Schlag verformen und danach wieder in die Ausgangsform zurückkehren. Auch wenn die Hersteller die Produkte für mehrere Schläge freigeben, kann die Struktur durch einen harten Aufprall beschädigt werden. Deshalb sollten auch Schaum-Protektoren nach harten Stürzen gründlich untersucht und gegebenenfalls ersetzt werden.

Schaumprotektoren bestehen häufig aus mehreren zusammengefügten Schichten


Armourgel-Protektor

Einen speziellen Fall bildet das Armourgel, wie es von Amplifi, Bliss und Cube eingesetzt wird. Das Material ist kein Schaum, sondern eine Silikon-Flüssigkeit, die in eine spezielle S-Zellen-Form gebracht wird. Bei einem Sturz wird die Aufprallenergie seitwärts durch Scherkräfte abgeleitet und so der Aufprall entschleunigt. Der Vorteil von Armourgel liegt vor allem in der Temperaturstabilität: der Protektor funktioniert bei extremer Hitze genauso wie bei -20°C und bleibt stets flexibel. Zudem enthält das Material keine Luft. Somit kann sich Armourgel nicht mit Feuchtigkeit vollsaugen und sogar bei 30° gewaschen werden.

Armourgel-Protektor

Wissenswertes zu MTB-Rucksäcken

Was darf man, und wovon sollte man besser die Finger lassen? Wir haben neben den Rucksacktests noch andere Situationen nachgestellt und zeigen, wo Probleme auftreten können.

Wissenswertes zu Protektoren-Rucksäcken

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Was darf man, und wovon sollte man besser die Finger lassen? Wir haben neben den Rucksacktests noch andere Situationen nachgestellt und zeigen, wo Probleme auftreten können.

So testet BIKE Protektoren-Rucksäcke


Labortest
Im Prüflabor des TÜVs Rheinland in Köln haben wir alle Protektoren-Rucksäcke einer Vergleichsmessung in Anlehnung an die aktuell gültige Norm für Rücken-Protektoren EN 1621-2 2014 unterzogen. Um einen Protektor zu zertifizieren, muss die Fähigkeit des Protektors, mechanische Energie zu absorbieren, über einen Schlagtest ermittelt werden. Aus einem Meter Höhe wird ein Stempel mit der Aufprallkante in Form einer Bordsteinkante mit fünf Kilo Masse auf den Protektor fallen gelassen. Der Protektor liegt dabei auf einem leicht gewölbten Amboss mit einer Kraftmesseinrichtung. Gemessen wird nun, wie viel Kraft noch unter dem Protektor auftritt. Diese Restkraft wirkt auf den Rücken und führt letztlich zu Verletzungen. Je kleiner dieser Wert ist, desto besser absorbiert der Protektor. Bei den fünf geforderten Schlägen darf keine Restkraft über 24 Kilonewton (kN) liegen, während der Mittelwert unter 18 kN sein muss (Level 1). Schläge ohne Protektor (Stahlfallkörper auf Amboss) erzeugen ungebremst eine Spitzenkraft von zirka 150 bis 180 kN. In einer zweiten Qualitätsstufe wird diese Anforderung auf 12 kN als Maximalwert und 9 kN als Mittelwert angehoben (Level 2). Da Rücken-Protektor und Rucksack immer im System verwendet werden (Ausnahme: die Rückenplatte des Evocs kann auch ohne Packsack verwendet werden) und die Gesamtkonstruktion eine große Rolle auf die Schlagabsorption spielt, haben wir die Protektoren-Platten nicht separat getestet. Zudem haben wir uns auf drei, anstelle von fünf Schlägen beschränkt.


Praxistest
Tragekomfort und Handhabung der Rucksäcke wurden von den Testfahrern mit einer standardisierten Zuladung von sechs Kilo überprüft. Der Inhalt entsprach dabei einer vollständigen Touren-Ausrüstung samt gefüllter Zwei-Liter-Trinkblase.

Im Labor des TÜV Rheinland wird nach der Norm EN 1621-2 2014 getestet.


So lesen Sie die Ergebnisse in den Kurvengrafiken:

Protektoren-Rucksäcke: Testergebnisse richtig lesen

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Testergebnisse: So lesen Sie die Kurven-Grafiken.

Gehört zur Artikelstrecke:

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Themen: ProtektorRückenprotektorRucksäckeTestTÜV


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