DH Men: Downhill mit dem Einrad DH Men: Downhill mit dem Einrad DH Men: Downhill mit dem Einrad

Video: Lutz Eichholz – Finale by Unicycle

DH Men: Downhill mit dem Einrad

  • Sebastian Brust
 • Publiziert vor 2 Monaten

Schroffe Felsen, schmale Spalten, loses Geröll: Lutz Eichholz bezwingt die Enduro-Pisten in Finale Ligure – per Einrad! Und wirbt so nebenbei für mehr Toleranz.

Rollercoaster, Isalo Extasy, Revenant, DH Men: Die Trails in Finale Ligure gelten als Eldorado für wagemutige Enduro-Biker. Hier zählt die Jagd nach Glückshormonen mit federwegstarken Fullys zum Tagwerk. Einmal im Jahr schießen die Profis der Enduro World Series im Renntempo über die steilen Tracks in Richtung Meer.

Auch Lutz Eichholz liebt die italienische Outdoor-Hauptstadt, wie sich der Ferienort am Mittelmeer selbst nennt. Wegen der Trails, aber vor allem, weil man sich hier als Mountainbiker willkommen fühlen darf. Und selbst unter den Mountainbikern darf man Lutz Eichholz getrost als Exot bezeichnen. Er fährt Municycle – kurz für Mountain Unicycle, Berg-Einrad.

Marco Küster Lutz Eichholz ist als Abenteuer-Biker auf der ganzen Welt unterwegs – mit dem Einrad. Hier auf der Nato-Base von Finale Ligure.

Die Inspiration dazu kam ihm, als er eine Show von Municycling-Erfinder Kris Holm sah, der uns – manch einer erinnert sich vielleicht – mit seinen todesverachtenden Balanceakten in den legendären New-World-Disorder-Filmen das Blut stocken ließ.

Mit spektakulären Erstbefahrungen, eigenen Weltrekorden oder Weltmeistertiteln hat Lutz Eichholz inzwischen selbst für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt. Die Trails in Finale Ligure boten ihm in Zeiten der Corona-Pandemie Gelegenheit, seinen Hunger auf Abenteuer, Reisen und adrenalingeladene Einrad-Downhills zu stillen – und zwar nicht zu weit weg von Zuhause.

Von der Idee sofort elektrisiert war auch Marco Küster, ein Sportsfreund von Eichholz. Der Pfälzer Outdoor-Filmemacher begleitete ihn und dokumentierte das Projekt mit seiner Kamera. Hier das Video Finale by Unicycle – viel Spaß beim Anschauen!

"Einfach ein Traum!": Interview Lutz Eichholz

BIKE: Lutz, im Video überzeugst Du einen offenbar erst skeptischen Shuttle-Fahrer davon, Dich mitzunehmen. Du hast ja nur einen Gang, kannst Du mit Deinem Einrad eigentlich auch lustvoll bergauf fahren?

Lutz Eichholz: Die 1-zu-1-Übersetzung ist gar nicht so schlecht zum Bergauffahren. Es gibt einige Einradfahrer, die sich mehr auf die konditionellen Aspekte des Sportes spezialisieren und bergauf richtig stark sind. Ben Soja zum Beispiel erreicht regelmäßig bei MTB-Uphill-Veranstaltungen vordere Platzierungen. Ich selbst bin nicht motiviert, bergauf Gas zu geben. Ich genieße lieber beim Hochlaufen die Landschaft und spar mir so viel meiner Kraft wie möglich für den Downhill.

Schroffe Felsen, schmale Spalten und loses Geröll: Der DH Men in Finale ist ein ziemlich wilder Ritt, hier stürzen sich sonst die Profis der Enduro World Series mit Highspeed in Richtung Meer. Wie fühlt sich so ein Downhill auf einem Einrad ohne Federung und ohne Freilauf an?

Der DH Men ist einfach nur ein Traum! Selbst als Asphaltweg würde er durch die wunderbare Aussicht Spaß machen. Beim Runterfahren bin ich allerdings völlig konzentriert, denke immer nur an die nächsten zwei bis drei Meter des Trails. Und wenn ich unten angekommen bin, sind nicht nur meine Muskeln schlapp, sondern auch mein Kopf braucht eine Pause von der totalen Konzentration.

Viele Biker jagen gerne mit möglichst viel Federweg oder auf geshapten Flow-Trails nach Glückshormonen. Was bedeutet der Begriff Flow für Dich?

Flow bedeutet für mich vor allen Dingen, dass ich mich völlig auf meinen Sport konzentrieren muss. Wenn ein Trail leicht ist, fang ich schnell an, an andere Dinge zu denken und bin nicht im Moment. Beim MTB kann ich das teilweise durch hohe Geschwindigkeiten auch auf perfekt geshapten Trails erreichen. Mir persönlich machen aber nur Dinge Spaß, die sehr schwer sind. Drum hab ich wenig Interesse, mit einem perfekten DH-Bike zu fahren, sondern nehme Einrad oder ein Hardtail und fühle lieber jede Wurzel der Trails.

Michael Kies Fahren mit dem Einrad ist schon knifflig genug. Lutz Eichholz liebt es noch extremer. "Mir machen nur Dinge Spaß, die sehr schwer sind."

Beschreibe uns doch bitte kurz die typische Reaktion von Zweirad-Mountainbikern, wenn Du in ihrem vermeintlichen Revier wilderst.

Neugierde, Freude und Begeisterung. Wenn wir nicht gerade zu schnell aneinander vorbei fahren (meistens die Biker an mir, auf sehr technischen Trails hab ich auch schon mal welche überholt) entstehen häufig kurze Gespräche, in denen vor allen Dingen technische Fragen gestellt werden.

Hast Du auch schon einmal Anfeindungen auf dem Trail erlebt?

Vielleicht ein- bis zweimal von männlichen älteren Herren im Pfälzerwald. Generell sind aber alle Leute freundlich, und ich tu mein bestes, das zurückzugeben. Mein Vorteil ist, dass ich nicht so schnell fahre und eher Neugierde als Abneigung entsteht.

Lutz, gilt für Dich als Einradfahrer eigentlich die Zwei-Meter-Regel?

(lacht) Ich hoffe nicht, hab mich damit aber noch nicht wirklich befasst. Generell ist ein Einrad aber ein Spielzeug, da gelten einige andere Regeln als für Fahrräder. Und da es glücklicherweise nicht für alles, was fährt, spezielle Gesetze gibt, versuche ich einfach immer, gesunden Menschenverstand anzuwenden und hab noch nie Probleme bekommen. Einzig in Argentinien wurde ich mal gebeten in einem sehr vollen Nationalpark nicht zu fahren. Da habe ich mich natürlich dran gehalten.

Michael Kies Blick hinter die Kulissen von "Finale by Unicycle": Lutz Eichholz und Marco Küster in Action.

Im Video sagst Du, dass es in Finale Ligure mit eigenen Angeboten für unterschiedliche Nutzergruppen gelungen ist, eine Outdoor-Destination für alle zu schaffen. Ist die Forderung nach mehr Toleranz auf den Trails vielleicht eine Utopie? Braucht es für ein friedliches Miteinander in der Natur getrennte Wegenetze für Wanderer und Biker?

Ich hoffe und denke, dass es keine Utopie ist, wenn alle versuchen, mit möglichst viel Verständnis aufeinander zu reagieren. Kampagnen wie "Love Trails – Respect Rules" können dazu beitragen, dass es ein gelungenes Miteinander aller sich in der Natur rücksichtvoll Verhaltenden gibt.

In meinem angestellten Job arbeite ich in der urbanen Radverkehrsforschung. Meine Ergebnisse zeigen, dass auf Straßen mit viel Verkehr und unterschiedlichen Geschwindigkeiten eine Trennung die beste Möglichkeit ist, Menschen dazu zu bekommen, kein Auto zu fahren.

Ich denke, dass für Trails, auf denen mit sehr hohen Geschwindigkeiten Mountainbike gefahren wird, das gleiche gilt. Auf technischen Trails, wo auch Biker nur wenig schneller sind als Wanderer, kann ich mir geteilte Trails deutlich besser vorstellen. Der Trend zu E-Bikes, die selbst bergauf sehr schnell fahren können, macht geteilte Trails bei nicht zu hohen Geschwindigkeitsunterschieden aber nicht leichter.

Unsere Kampagne LOVE TRAILS – RESPECT RULES will Biker für das richtige Verhalten in den Wäldern und in der Natur sensibilisieren. Marco, als Outdoor-Filmer bist Du ja hauptberuflich als Beobachter in der Natur unterwegs. Wie erlebst Du die Situation auf deutschen Trails?

Marco Küster: Oh, ich bin zum Glück auch oft ohne meine Kameraausrüstung draußen. Neben dem Klettern ist das Biken meine zweite Leidenschaft geworden. Wenn ich die aktuelle Situation bezüglich Trailbau in Deutschland betrachte, insbesondere in meiner Wahlheimat der Südpfalz, denke ich oft an die Entwicklung der "Legalisierung" des Klettersports in der Südpfalz zurück. Hier wurden unter anderem durch die Gründung des Arbeitskreises Klettern und Naturschutz offizielle Regelungen geschaffen. So konnten Komplettsperrungen von Felsen vermieden werden.

Ich hoffe sehr, dass dies auch beim Biken gelingt, nicht nur hier in der Pfalz! Dass bei LOVE TRAILS - RESPECT RULES auch die Bike-Industrie Gelder zur Verfügung stellt, finde ich absolut super und angebracht. Ich wünsche der Initiative viel Erfolg!

Lutz und Marco, Ihr seid viel unterwegs in den verschiedensten Gegenden rund um den Globus. Ist der Begriff Trail-Toleranz weltweit gültig? Was bedeutet er für Euch ganz persönlich?

Lutz: Ich denke, der Begriff ist weltweit gültig. Aber gerade in Deutschland wird gerne etwas mehr diskutiert oder gemeckert. Statt starrer Regeln wie die 2-Meter-Regel fände ich es perfekt, wenn auf der einen Seite mehr versucht würde, sich in andere reinzuversetzen und auf der anderen Seite es auch mal möglich wäre, sein Fahren entsprechend anzupassen. In Italien zum Beispiel habe ich das Gefühl, dass es etwas besser geht, bin mir aber sicher, dass wir auch in Deutschland langfristig eine höhere Trail-Toleranz erreichen können.

Marco: Ich glaube wir sind auf einem guten Weg. Die Alpenregionen gerade im umliegenden Ausland wie der Schweiz machen es uns vor. Dort ist der Begriff nach meinem Eindruck auch schon in den Köpfen der Menschen angekommen und das nicht nur bei den Bikern.

Für mich persönlich bedeutet es, dass ich auf "geteilten" Wegen vorausschauend fahre und Wanderer freundlich und respektvoll behandle. Auch diese wollen meistens einfach nur einen unbeschwerten Tag in der wundervollen Natur genießen.

Michael Kies Outdoor-Filmer Marco Küster (links) und Lutz Eichholz kennen sich schon lange. In Zeiten der Corona-Pandemie drehten sie gemeinsam das Video Finale by Unicycle.

Themen: EinradFinale LigureLove-Trails-Respect-Rules


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