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Bikepacking: Abenteuer auf dem Mountainbike

MTB-Abenteuer vor der Haustüre: Bikepacking

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 5 Jahren

Waren das Zeiten, als sich der Mensch auf der Suche nach Nahrung durch die Wildnis schlug. Mit einem Mountainbike macht das sogar richtig Spaß. Bikepacking nennt sich die neue Lust zur Alltagsflucht.


"Fahren, bis die Beine leer sind. Schlafsack ausrollen. Riegel rein. Fertig. Das ist Freiheit." 
(Dominik Scherer (41), Sozialarbeiter)

Ganze Stunden, ach was, Tage hat er über die Frage der Fragen nachgegrübelt: Was ist der Unterschied zwischen einer Tour und einem Abenteuer? Zeit, den Gedanken freien Lauf zu lassen, hatte Dominik Scherer (Foto oben) schon reichlich. Wenn er in den Sattel steigt, dann dauert es meist länger. Bei der Tour Divide, dem mythenumrankten Selbstversorgerrennen von der kanadischen zur mexikanischen Grenze, spulte er in drei Wochen 4500 Kilometer ab. Über die Alpen ist er schon mehr als hundert Mal gefahren. Als Guide. Für sich alleine. Non stop. Und auch schon mit Singlespeeder. "Bike Punk ", steht auf seinem Stahl-Hardtail. Und "Cars-A-Coffin" – Autos sind Särge. Sein halbes Leben hat er im Sattel verbracht. Dennoch hat es Jahre gebraucht, bis er die Antwort auf die Frage gefunden hat: Was macht eine Tour zum Abenteuer? "Es geht um den Lichtschalter", sagt Dominik: "Bei einer normalen Tour schaltet man abends das Licht an. Daheim oder im Hotel. Bei einem Abenteuer nicht." Es sei das bedingungslose Verschmelzen mit der Natur, was Abenteuer ausmache, philosophiert Dominik. An einem Abend vor zehn Jahren sei er einfach so lange in die Alpen hineingefahren, bis es stockdunkel gewesen sei. Dann habe er am Geiseljoch auf 2000 Metern Höhe den Schlafsack ausgerollt. "Das war so schön. Das gibt mir heute noch Kraft", sagt Dominik , während die Sonne über ihm verglimmt. Lautlos und elegant. Ganz ohne Schalter.



"Wenn ich erzähle, was ich mache, schütteln viele den Kopf. Die denken, ich bin bekloppt." (Andrea Kohlndorfer (42), Marketing-Beraterin)

Andrea Kohlndorfer Andrea Kohlndorfer

Hotel? Frühstücksbuffet? Strandurlaub? "Brrr", schüttelt sich Andrea Kohlndorfer theatralisch, sobald ihr diese Signalworte in die Gehörgänge fahren. Etwas Faderes als durchorganisierten Wellness-Quatsch kann sie sich nicht vorstellen. Wenn ihr nach Entspannung ist, kämpft sie sich mit Biwak-Ausrüstung einem Gipfel entgegen. Im letzten Licht des Tages hoch. Schlafen unterm Sternenzelt. Im Morgenlicht zurück. Gerne auf Trails, bei deren Anblick den meisten Bikern die Knie schlottern. Freeriden, sagen die einen. Bike-Bergsteigen, sagen andere.
Sie selbst sagt: "Der völlige Wahnsinn. Aber so unfassbar geil!"

Dabei hatte Andrea früher ein eher gestörtes Verhältnis zu Gipfeln und Bergab-Trails. "Mein Stadtrad hätte mich fast mal getötet. Danach hatte ich einen Riesenrespekt vorm Bergabfahren. Außerdem habe ich Höhenangst."
Die Sturzangst schrumpfte im Laufe unzähliger Touren und einiger Fahrtechnik-Seminare. Die Höhenangst dagegen zerbröselte in einer einzigen Nacht. Ein paar Kumpels hatten sie zu einem Nightride überredet. Um ein Uhr nachts sei es losgegangen. Schließlich wollten sie bei Sonnenaufgang auf der schroffen, 2628 Meter hohen Alpspitze stehen.
"Dass die Route auch über Klettersteige verlief, hatte mir vorher natürlich keiner gesagt", grinst Andrea. Das Erlebnis war von derart emotionaler Wucht, dass sie zurück im Tal bis zum Stehkragen voll mit Glückshormonen vom Bike taumelte. Inzwischen hat sie auf fast jedem Gipfel des Alpenhauptkamms übernachtet. Euphorisch feuert sie Anekdote für Anekdote ab. Man kann das Feuer der Leidenschaft in ihrer Stimme förmlich knistern hören.

"Es gibt Leute, die im Urlaub Geld für einen Fallschirmsprung oder so etwas zahlen, um einen Kick zu haben. Das finde ich total schräg", grinst sie und schiebt hinterher: "Mit dem Bike habe ich drei-, viermal pro Woche meinen ganz persönlichen Kurzurlaub. Iso-Matte, Schlafsack, ein Kanten Käse – mehr braucht man nicht".
Es gehe nicht um Ländernamen, sondern um Kreativität. Sie lächelt: "Es ist ja kein Aufwand. Außer, dass man sich mühen muss."



"Das Schöne an Mini-Abenteuern ist, dass man sie jeden Tag erleben kann. Man muss nicht mal Urlaub nehmen dafür."  (Falk Diefenbach (48), Zimmermann)

Privatfoto Falk Diefenbach

Ein Summen, wie ein intergalaktischer Bienenschwarm. Die Köpfe der Spaziergänger zucken reflexartig in Richtung Straße. An sonnigen Tagen wie diesem pesen die Radfahrerscharen im Sekundentakt über die Isar-Brücke bei München. Doch das hat noch keiner gesehen: ein Bike, dessen Rahmen vor lauter Gepäcktaschen kaum zu sehen ist. Und dessen 29er-Monsterreifen beim Abrollen auf dem Asphalt ein lautes, sonores Summen erzeugen. "Das Rad vereint alles, was ich liebe. Biken und Draußensein", sagt Falk Diefenbach, nachdem er die Reporterhand zur Begrüßung mit seinem eisernen Zimmermannshändedruck quetscht.

Das schwarze Offroad-Monster ist Survival-Mobil und Fluchtfahrzeug. Ersonnen, um sich fern von Infrastrukturen durch Wälder, Länder und Gebirge zu schlagen. Nur weg von den Bebauungszonen, in denen die Häuser wie Betonstumpen aus dem Boden ragen. Wenn es sein müsste, könnte Falk mit dem Bike selbst in den Tiefen der Mongolei überleben. Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Bad – alles destilliert auf das absolut Nötigste. Jedes Detail ist präzise ausgetüftelt. Die Scheibenbremsen funktionieren mechanisch, um im Havariefall überall repariert werden zu können.

"Es gibt da so eine Fashion-Formulierung, die bei Leuten wie mir gerne verwendet wird: die Komfortzone verlassen. – So ein Quatsch. Für mich gibt es nichts Schöneres, als draußen zu übernachten", sagt Falk: "Das ist Erholung pur." Wann immer ihm danach ist, kurbelt Falk los. Manchmal nach Feierabend, um am nächsten Morgen wieder pünktlich auf der Arbeit zu sein. Manchmal tagelang immer der Nase nach. Im August will er beim neuen Selbstversorgerrennen Bikepacking Trans Germany starten. 1600 Kilometer durch Deutschland. Non stop. Ohne Verpflegungsstationen. "Die Platzierung spielt bei so was eher keine Rolle. Der Spaß darf schließlich kein Loch bekommen." Worum es dann gehe? Falk überlegt, schaut einen Moment stumm der Isar beim Dahinfließen zu. Dann: "Es geht darum, Dinge zu managen. Draußen zu sein. Darum, dass von jeder Tour etwas übrigbleibt, was für das Sparschwein der Glücksmomente taugt."


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