Mountainbike-Trip La Paz in Bolivien

Bolivien: La Paz

  • Tobias Kurzeder
 • Publiziert vor 16 Jahren

Boliviens Regierungssitz La Paz liegt auf knapp 4000 Meter Höhe. Der Himmel ist nicht mehr weit – zum Abgrund sind es oft nur Zentimeter.

Noch ist es stockdunkel und klirrend kalt. Doch langsam erwacht die Stadt zu neuem Leben. Ich zittere so stark, dass ich mir den dünnen Kaffee über die Hand schütte. Indio-Frauen ziehen an uns vorbei oder warten auf Busse und Sammeltaxis. Eingemummt in unzählige Lama-Wollröcke sehen sie ebenso rund wie klein aus. Seit ein paar Tagen kommen auch wir frühmorgens an diese zugige Straßenecke von La Paz frühstücken. Und warten auf unseren Shuttlebus, der uns aus der Stadt und auf die Trails der Anden bringt.

La Paz ist Regierungssitz Boliviens und zugleich höchste Großstadt der Welt. Sie liegt auf über 3600 Meter Höhe. Von oben sieht sie aus, als wären Millionen von Häuserwürfeln etwas zu schwungvoll in den gigantischen Talkessel geschüttet worden. Ein Siedlungsschwall hat selbst die steilsten Hänge überwunden und wälzt sich, als Armen-Vorstadt „El Alto“ weit in die staubtrockene Hochebene des Altiplano.

Der Touren-Tag in La Paz startet weit vor Sonnenaufgang. Sonst ist selbst der Hausberg Potosi mit seinen 6088 Metern nicht zu schaffen.

Mehr durch Zufall haben wir den Neuseeländer und Wahl-La-Pazianer Alistair getroffen. Er betreibt mit seiner Freundin Karen die Bike- Agentur „Gravity Assisted Mountainbiking“. Der Name ist Programm: Weil 1500-Höhenmeter-Anstiege in dieser Höhe purer Masochismus sind, bieten sie verschiedene Shuttletouren und Downhills rund um die Stadt an. Alistair hat inzwischen ein dichtes Netz verschiedenster Pfade entdeckt und die nötigen Genehmigungen eingeholt. Gepflegt werden die Wege von den Indios, die in der Höhe leben.

Gestern haben wir den Hausberg der Stadt erklommen, den 6088 Meter hohen Potosi. Heute stoppt Alistair nach eineinhalb Stunden Fahrt am 4600 Meter hohen Pass "La Cumbre". Der Übergang ist die einzige Verbindung zwischen La Paz und dem tropischen Tiefland des Amazonas-Beckens. Meine Finger sind fast zu steif gefroren, um den Schnellspanner meines Vorderrades festzudrehen. Die Temperaturen liegen immer noch unter null Grad. Mit dem Fahrtwind fangen meine Zähne an zu klappern. Nur nicht von der steilen Straße abkommen vor lauter Zittern – und vor allem dem Gegenverkehr ausweichen. Der oft nur drei Meter breite Highway nach Coroico, der an einen Feldweg erinnert, wird wegen seines hohen Blutzolls auch "The most dangerous road" genannt. Es gibt kaum Ausweichmöglichkeiten und natürlich auch keine Leitplanken. Dafür bietet er großzügige, bis zu 1500 Meter tiefe Ausblicke. Tief unten rosten Truck- und Bus-Reste. Kreuze am Straßenrand erzählen die Unfallgeschichten. Die Schläge und Stöße lassen sich kaum abfedern. Aber es hilft alles nichts. Das heißt – etwas hilft doch: Koka-kauen entspannt, vor allem in der Höhe. Es wirkt euphorisierend, entspannend und fühlt sich ein bisschen wie eine zu starke Spritze beim Zahnarzt an.

Abenteuerlich und extrem ausgesetzt: der Ex-Railway-Trail.

Nach über zwanzig Kilometern zweigen wir in ein kleineres Sträßchen ab, das uns durch uralte Dörfer führt. Dort bringen wir den frühen Morgen der letzten Bewohner durcheinander. Esel und dicke Schweine lungern auf der Straße herum. Weit oberhalb der Dörfer lugen die Reste einst mächtiger Gletscher über die steilen Felswände. Nach vielen Höhenmetern Abfahrt kommen wir wieder auf die Pass-Straße. Der Wiederaufstieg ist mühsam, besonders wegen der herunterdonnernden Busse. Manche fahren so dicht an uns vorbei, dass wir von der Straße springen müssen. Endlich zweigt die "Eco Via" ab. Dieser ehemaligen Eisenbahntrasse durch den Dschungel werden wir nun 100 Kilometer lang folgen. Aber vorher brauchen wir noch Proviant.

Wir halten an einer dick eingestaubten Baracke und kaufen Wasser und Sandwiches. Koch und Kellner sind zwei maximal sechs Jahre alte Kinder. Donnert ein Truck vorbei, gleicht die Situation einem Vulkanausbruch. Dichter Staub rieselt auf alles hinunter. Ab hier beginnt der Dschungel-Railway-Trail. Dank Alistairs Beschreibung finden wir auch den ehemaligen Bahnhof schnell. Aber es gibt ein Problem. Dieses Problem gestikuliert heftig und brüllt lautstark: "No, no, no!". Der junge Wächter, der nach Alistairs Auskunft "immer" schläft, ist gerade jetzt hellwach. Was oder wen er bewacht, können wir nicht herausfinden. Entscheidender ist, dass er uns partout nicht vorbeilassen will. Die Situation wird von drei jungen Dorf-Schönheiten gelöst. Mit viel Gekicher legen sie ein gutes Wort für uns ein und der Wächter lässt uns ziehen.

Ohne wirklich Höhe zu verlieren geht es ständig hoch und runter, an extrem steilen Hängen dahin. Bis zu 2000 Höhenmeter fallen die dicht bewaldeten Wände in die Tiefe. Irgendwann tauchen wir in den Dschungel ein. Manchmal ist der Bewuchs so dicht, dass wir uns durch wahre Pflanzentunnels schlagen müssen. So sehen wir wenigstens nicht mehr, wie Furcht erregend ausgesetzt sich der zwei Meter breite Pfad dahinschlängelt. 1000 Meter über dem Abgrund hängt der Weg – obwohl die Strecke technisch einfach ist, wäre ein Sturz fatal.

Der Kopf schmerzt, aber die Gletscher sind zum Greifen nah. Die Anden sind ein Bike-Paradies in XXL.

Wir rätseln, welcher kokasüchtige Ingenieur wohl eine Eisenbahntrasse gebaut hat, die ständig hoch und wieder runter führt. Erst viel später erfahren wir, dass man die Gegensteigungen zum Bremsen brauchte. Immer wieder ist der Weg durch Lawinen verschüttet. An einigen besonders exponierten Kurven sind Warnschilder und neue, etwas lächerliche Leitplanken befestigt. Mitten in einer engen Kehre, fehlt plötzlich der Weg. Die Notbremsung vor dem etwa 30 Meter tiefen Loch gelingt gerade noch. Mit Hilfe eines mitgebrachten Seils könnenwir den Abgrund aber umklettern.

Dann steigt der felsig glitschige Weg plötzlich wieder steile 250 Höhenmeter hinauf. Kaum zu glauben, dass hier jemals Züge fahren konnten. Trotz unzähliger Einschnitte gibt es weder Brücken noch Tunnels. Die Kehren sind so eng, dass wir uns kaum vorstellen können, wie hier je eine Lok um die Kurve kommen konnte – zumindest, wenn sie länger war als ein Traktor. Doch auch darüber erfahren wir später mehr: Die Bahn wurde in den 50er-Jahren erbaut. Nachdem die Schienen verlegt waren, kam es mal wieder zu einem Machtwechsel. Der neue Diktator entschied, eine andere Eisenbahnlinie zu bauen. Dafür benötigte er die Schienen. Also ließ er die Gleise der Dschungel-Eisenbahn kurz vor Inbetriebnahme wieder abbauen. In diesem Gelände ein mörderisches Unternehmen.

Der steile Pfad führt durch eine in den Felsgrat gesprengte Scharte über den Pass – schon wieder sind wir auf 3500 Metern Höhe. Jetzt geht es fast nur noch bergab. Kurze Anstiege unterbrechen den 50 Kilometer langen Downhill. Doch der Pfad wird immer glitschiger und überwachsener. Schlamm und Morast malträtieren Kette und Schaltung. Es ist später Nachmittag und immer noch liegen 3000 Höhenmeter vor uns – jetzt bloß keine Panne! Da öffnet sich die Schlucht: Ehrfurcht einflößende Tief- und Fernblicke tun sich auf.

Völlig entkräftet, zerschrammt und verdreckt erreichen wir im Lichtschein der Stirnlampen unsere Unterkunft. Das deutsch geführte Hotel "Esmeralda", ist ein Tipp von Alistair. Für zehn Dollar bekommen wir ein Riesen-Zimmer mit begehbarem Kleiderschrank. Das Haus thront hoch über dem Städtchen Coroico, das an der Grenze zwischen Urwald und genutztem Land liegt. Das Panorama ist überwältigend: Die tief eingekerbten Täler sind steil und mächtig. Vom Hotelgarten sieht man die grotesk ausgesetzten Kehren der "Most dangerous road". In der Dunkelheit irrlichtern die Scheinwerfer später Trucks und Busse, die sich auf der staubigen Todesstrecke die Felswand hoch- und runterquälen. Meine Hand spielt in der Hosentasche mit den letzten beiden Koka-Blättern – auch wir müssen morgen im Kleinbus die Straße wieder hinauf.

Infos zum Mountainbiken in La Paz (Bolivien)


Das Revier

Bolivien gehört zu den besten Bike-Revieren der Welt! Von Inka-Pfaden mit 4000-Höhenmeter-Downhills bis zur Grenztour durch die Anden nach Chile – hier ist alles möglich. Die Schwierigkeitsgrade der Touren und Downhills reichen von technisch einfach bis extrem. Doch man befindet sich meist in sehr großer Höhe. Das bedeutet: warme Tage und sehr kalte Nächte. Sehr warme Bike-Bekleidung ist wichtig.


Höhen-Akklimatisation

In La Paz landet das Flugzeug bereits auf 4000 Meter Höhe. Ausreichende Akklimatisationszeit (eine Woche) ist vor Beginn sportlicher Aktivitäten unbedingt notwendig. Bei Höhenbeschwerden (Reizhusten, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit) empfiehlt sich ein Tag Pause. Wenn die Beschwerden nicht abklingen, muss abgestiegen werden, sonst besteht Gefahr der lebensgefährlichen Höhenkrankheit (Höhenhirnoder Höhenlungenödem).


Anreise

Flüge nach Südamerika sind recht teuer. Ein Ticket nach Bolivien gibt es ab etwa 900 Euro: zum Beispiel mit Lan-Chile über Santiago de Chile. Etwas schneller geht es mit Varig über Brasilien.


Beste Reisezeit

April bis September. Wir haben den Trip im südamerikanischen Spätherbst (Mai) unternommen und hatten viel Sonne. Die Sommerregenzeit (November-März) ist weniger empfehlenswert.


Geführte Touren

Ansprechpartner für alle Touren in Bolivien (auch Chile) ist Alistair Matthew, Bike-Agentur Gravity Assisted Mountainbiking. Leihbikes von Kona. Tel. (591-2) 2-313-849, www.gravitybolivia.com .


Literatur & Karten

Die Klassiker unter den Reiseführern: Die Lonely-Planet-Ausgabe "Bolivia". Nicht ganz billig, aber niemand bietet mehr und komplettere Infos zu Land, Leuten, "Do’s and don’ts".


Karten

Fehlanzeige! Wir haben nichts Empfehlenswertes gefunden. Farbkopien aus einem gängigen Südamerika-Atlas sind eine Alternative zu den erhältlichen schlechten Karten.


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Schlagwörter: Abenteuer Bolivien La Paz Reise Südamerika

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