BIKE 12/2017: Revier-Guide Fuerteventura BIKE 12/2017: Revier-Guide Fuerteventura

Kanaren: Revier-Guide Fuerteventura

Fuerteventura und seine Top-Touren [Video, GPS]

Ronny Kiaulehn am 25.02.2018

Herbst-Revier: Die Kanarische Insel Fuerteventura bietet mehr als nur perfekte Surf-Strände. In den staubtrockenen Hügeln der Wüsteninsel verzweigt sich ein feines Trail-Netz für Mountainbiker.

Die Wüste blüht: Seit 30 Jahren kommt Fotograf Ronny Kiaulehn nun schon nach Fuerteventura. Doch erst sein 12-jähriger Sohn Pietro brachte ihn darauf, dass es hier mehr als nur perfekte Surf-Strände gibt. In den staubtrockenen Wüstenhügeln der Kanareninsel blüht bereits ein fein verzweigtes Trail-Netz. Im Herbst lassen die sonst starken Winde nach. Das ist die beste Zeit für die Trails über Fuertes uralte Vulkanberge.


Eine Diele knarzt, ich schrecke auf. Dann das leise Klappen der Tür. Ach, Pietro schleicht sich wieder im Morgengrauen aus dem Haus. Mit Wattestäbchen in der Hand. Ich weiß schon, was er vorhat.

Fuerteventura ist nach Teneriffa die zweitgrößte Insel der Kanaren und hat im direkten Vergleich eigentlich nichts: keine Regenwälder, keine Bergriesen, keine Wasserfälle, keine Bananenstauden – nicht einmal Bienen. Jedenfalls nicht im windausgesetzten Norden der Insel. Aber was sollten Bienen hier auch? Es gibt auf Fuerte nichts, was sich zu Honig verarbeiten ließe. Nur Sand, Felsen, Staub und viel Wind. Genau deshalb macht sich Pietro jeden Morgen auf den Weg ins Gewächshaus. Die Zucchini-Pflanzen stehen gerade in voller Blüte und irgendjemand muss sie ja bestäuben. Zur Not eben mit Wattestäbchen. Gelernt hat mein Sohn das nicht von mir, sondern von meinem Kumpel Klaus. Vor ziemlich genau 30 Jahren kam ich mit Klaus nach Fuerteventura. Zum Surfen natürlich, wie wohl die meisten Inselbesucher auch. Damals interessierten uns die kahlen, wüstentrockenen Bergkuppen der Inselmitte nicht. Wichtig waren uns nur Strand, konstanter Wind und gute Welle. Und damit ist Fuerte bis heute wirklich gesegnet. Doch wenn der Wind im Herbst abflaute, zogen wir weiter zum nächsten Surfspot. Nach Tarifa oder zum Gardasee. Nur Rastamann Klaus nicht, der blieb irgendwann einfach hier. Verstehen konnte das niemand so richtig: "In dieser Wüste? Und von was willst Du da leben?"

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Küstenpfad an der Westküste: Auf der großen North-Shore-Runde um die Nordspitze der Insel legt man knapp 60 Kilometer zurück. Lange Anstiege stellen sich nicht in den Weg. Im Gegenteil – an der Westküste schiebt der Rückenwind noch ordentlich an.

Mittlerweile trägt Klaus seine Haare kurz und besitzt bei El Cotillo, im Norden der Insel, ein kleines Anwesen mit Gewächshäusern, Gästezimmern, drei Hunden und zehn Katzen. Sein Geld verdient er als Gartenbauer – und ich komme ihn mit der Familie regelmäßig besuchen.

Vom Innenhof her dringt jetzt der surrende Sound eines Freilaufs in unser Schlafzimmer. Pietro ist offensichtlich fertig mit Zucchini-Bestäuben.

"Du hast ihm versprochen, dass Ihr heute am Trail weiterbaut", murrt Fabiana und vergräbt ihren Kopf noch mal tief ins Kissen. Ach ja, der Trail. Unser gemeinsames Projekt.

Eine Stunde später kurbele ich mit meinem Sohn auf der Sandpiste Richtung Inselberge. Im Flachen kann ich noch gut mithalten, bergauf staubt mir der Zwölfjährige bereits ein paar Längen davon. Aber ich muss immer noch grinsen: Die Passion für die Insel hat er sicher von mir geerbt. Aber wenn es nach Pietro ginge, könnten wir die Surfboards auch zu Hause lassen. Schon als kleiner Junge bestand er darauf, dass wir sein BMX-Bike einpacken, wenn wir nach Fuerte flogen. Und seither geht es auch für mich nicht mehr so oft zum Strand, sondern immer öfter die Berge hinauf. Na ja, was heißt Berge – Fuertes höchster Gipfel befindet sich im 90 Kilometer entfernten Süden der Insel und misst gerade mal 807 Meter. Damit lockt man keine Höhenmeter-Fans und kratzt auch keine Passatwolken im Himmel, die für Bewässerung sorgen könnten. Unsere überschaubare Bergfahrt führt daher durch eine wüstentrockene Kamelbuckellandschaft. Durch die starken Winde ist der Vulkansand meist hartgepresst. Sandpfannen gilt es, möglichst rechtzeitig zu umkurven, weil man mit den Reifen sonst abrupt einsinkt. Schrappt man dagegen an einen der wahllos herumliegenden Lavasteine, hat man ein deutlich größeres Problem. Für Pietro waren diese Ausweichmanöver schon immer lustiger als jedes Pacman-Spiel. Mir gefällt dagegen diese komplett unverstellte Landschaft am besten. Von hier oben blickt man rundherum nur über Aschesandhügel, darüber Himmel und dahinter das azurblaue Meer. Nichts, woran das Auge hängen bleiben müsste. Nicht mal an einer Wegspur. Einfach nur Weite!

Doch dann, vor zwei Jahren etwa, blieben meine Augen doch an etwas hängen: Über einen der sonst so weglosen Kamelbuckel zog sich eine schwach im Abendlicht erkennbare Linie, die ins Tal führte. Ein Hauch von einem Trail?
"Kann schon sein, dass das noch ein Überbleibsel von den Ziegenhirten ist", erklärte uns Klaus damals beim Abendessen. "Aber fragt doch mal Rob. Er und seine Kumpels kennen sich mit den Trails hier bestens aus."

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Als wir heute unseren Ziegenpfad erreichen, kniet Rob schon im Staub und wirft größere Steine aus der angedeuteten Pfadspur. Seit wir Rob vor zwei Jahren das erste Mal trafen, ist er auf unseren Vater-und-Sohn-Ausritten meistens mit dabei. Der gebürtige Italiener kam ursprünglich zum Kitesurfen nach Fuerteventura und gilt hier in dieser Sportart bereits als Ikone. Aber wenn der Wind abflaut, folgt er seiner zweiten Passion: Trails entdecken. Unsere Trail-Entdeckung kannte er natürlich schon. Höchste Zeit, dass man den alten Ziegenpfad wieder aktiviere, meinte er und seither fegen und schaufeln wir immer mal wieder ein Stück weiter an unserem Goldstück. Einen knappen Kilometer lang lässt es sich mittlerweile sehr schön durch die Hügel dahinschießen. Dass wir in den zwei Jahren noch nicht viel weitergekommen sind, liegt daran, dass Rob nach ein paar Stunden die Lust am Graben verliert. Dann erzählt er wieder von einem bereits fahrbereiten Trail, den er im Frühjahr irgendwo aufgespürt habe, und schon lässt auch Pietro die Schaufel fallen.

So auch heute wieder. Der Antigua-Loop im Zen­trum von Fuerteventura sei gerade seine Lieblings-Tour. Ein anspruchsvoller Trail, der sogar durch einen Pinienwald führe. Okay, den gucken wir uns heute Nachmittag an.

Zurück im Haus treffen wir auf Klaus, der gerade in seinen Pickup steigt. "Ihr könnt mitfahren", sagt Klaus. "Ich fahre jetzt auch nach Antigua." Er hat mal wieder einen Großauftrag zu erledigen. Immer mehr Russen und Engländer kaufen sich auf Fuerte ein Anwesen, wollen aber auf einen grünen Garten nicht verzichten. Und wer sich für Tausende von Euro ausgewachsene Palmen einpflanzen lässt, möchte ihnen anschließend nicht beim Verdursten zusehen. Also rufen sie Klaus an. Er hat vor vielen Jahren mit dem Anbau von Basilikum angefangen und ist mittlerweile anerkannter Profi in Sachen Wüstenbewässerung.

Mitten im Dorf Antigua hüpfen wir eine Stunde später von der Ladefläche des Pickups und kurbeln erst mal auf Asphalt gen Norden, schlagen dann einen Bogen und klettern 200 Höhenmeter zum 670 Meter hohen Mirador de Betancuria hinauf. Von dieser Aussichtskanzel aus blickt man gen Norden in ein unendlich weites Meer aus Kamelhügeln und auf der anderen Seite in eine rot-braune Felskerbe mit grünem Talboden. Pinien, Kiefern, Palmen, Agaven und sogar Wiesen sprießen hier wie eine Fata Morgana aus der Wüstenerde. "Und unser Trail führt jetzt genau in dieses Tal runter!", sagt Rob und rollt schon mal los. Im Rauf und Runter reiten wir auf einem schmalen Sandpfad die Hügel ab. Die Pinien stehen zwar sehr licht und spenden nur sporadisch Schatten, duften aber so intensiv nach Harz, dass es in der Nase kribbelt. Bis Ende des 16. Jahrhunderts soll sich hier noch ein Fluss einen Weg durchs Tal gebahnt haben, daher die für Fuerteventura so untypische Vegetation. Doch auch unser Fahrfluss gerät zeitweise ins Stocken. In besonders felsigen Hügelflanken wurden die Pfade oft stufig in den Boden gehackt.

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Mercado de las Tradiciones in La Oliva: Jeden Dienstag und Freitag von 10–14 Uhr gibt’s frisches Gemüse in einer kleinen Finca.

Abrupte Richtungswechsel inklusive. Und einen Sturz auf Fuerteventuras scharfkantiges Vulkangestein bezahlt man eigentlich immer mit etwas Blut. Fahrfehler gilt es also zu vermeiden. Nach 300 Höhenmetern Abfahrts-Trail stoßen wir schließlich auf die Straße nach Betancuria. In dem kleinen Wallfahrtsort biegen wir wieder auf einen Singletrail ab und kämpfen uns die letzten 250 Höhenmeter der Runde steil bergauf, bis wir ins nächste Tal nach Antigua hinunterschauen können: ein Zickzack-Trail als Tour-Finale! "Sind das hier auch alte Ziegenpfade?", will Pietro wissen. Rob schüttelt den Kopf: "Nein, hier haben wir die Trails der Wallfahrtskirche in Betancuria zu verdanken." Seit dem 17. Jahrhundert pilgern die Leute hier an bestimmten Feiertagen aus allen Himmelsrichtungen über die Berge. Es hat ein wenig gedauert, bis Rob erkannt hat, dass es sich bei solch besonderen Orten immer lohnt, nach Trails zu suchen. Seine Touren-Sammlung kann sich inzwischen auch wirklich sehen lassen.

"Morgen zeig’ ich Euch mein neues Downhill-Fundstück am Mirador de Pájara. Dafür müsst Ihr aber unbedingt Protektoren einpacken."

Wir haben uns gerade das verdiente Après-Bier bestellt, als Klaus seinen Pickup vor der vereinbarten Bar parkt. Es gibt etwas zu feiern! Gerade eben habe er beschlossen, sich ein eigenes Bienenvolk anzuschaffen. Einen Versuch ist es wert, und auf dem Weg hierher ist es auch schon.

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Ronny Kiaulehn am 25.02.2018