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Seite 2: Auf Danny MacAskills Spuren durchs Engadin

Scuol – Wildnis im Grenzgebiet

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 2 Jahren

Seit mehreren Jahren vermarktet sich Graubünden selbstbewusst als „Home of Trails“. Im letzten Herbst konnten wir diesem Versprechen auf den Spuren Danny MacAskills vier Tage lang auf den Zahn fühlen.

Scuol – Wildnis im Grenzgebiet


Kaum 50 Kilometer trennen Scuol und St. Moritz. Aber als wir am dritten Tag unserer Reise nach einer guten Stunde Fahrt wieder aus dem Zug springen, merken wir sofort, dass in Scuol alles anders ist. Der Herbst fängt hier im Oktober gerade erst an, die Bäume sind grüner, alles ist wilder und ungezähmter. Fast angstvoll schmiegt sich das kleine Städtchen an die Hänge des tiefen Inntals. Mit seiner Kirche, die wie ein kurzer Finger trotzig gegen den weit entfernten Himmel zeigt.

Der Laj Nair (schwarzer See) oberhalb von Scuol ist ein Torfsee und macht seinem Namen alle Ehre.


Scuol war früher, das erzählt uns ein Guide, ein Schmugglerparadies wie fast jede Bergregion in Grenznähe. Zehn Kilometer nach Norden und man steht in Österreich, zehn Kilometer nach Süden und man hat Italien erreicht. Dazwischen jedoch eine gewaltige Gipfellandschaft, durch die nur wenige Biker-gerechte Pfade führen. Aber gerade im Kontrast zum Oberengadin mit seinen weiten, offenen Landschaften liegt der Reiz unserer Unternehmung. Seilbahnen gibt es hier im Oktober nur eine einzige und genau die trägt uns am nächsten Morgen hinauf aus dem Ort Richtung Alp Clünas.

Morgenstimmung auf der Alp Clünas


Unser Guide Werni von Supertrailrides ist ein Urgestein in Scuol und hat für unseren frühen Aufstieg seine Verbindungen spielen lassen. In der allerersten Gondel schweben wir um halb Acht gemeinsam mit dem Seilbahn-Personal in die Höhe. Von da aus geht es noch ein Stück weiter mit dem Jeep nach oben, damit wir schon kurz nach Sonnenaufgang auf der Alp Clünas ankommen und die Morgenstimmung in all ihrer Pracht genießen und festhalten können. So jedenfalls der Plan.

Das Wetter in Scuol hatte in letzter Minute ein Einsehen und sorgte für Gänsehautstimmung am letzten Morgen der Reise.


Aber die Wolken hängen dicht über dem Tal, der Himmel zeigt nur Nuancen von Schwarz und Grau und drückt förmlich auf die Gipfel am Horizont. Von Sonne keine Spur. Ich sitze im Jeep und mir wird jetzt schon ganz übel, wenn ich an die Fotos denke, die das nachher geben soll. Kaum laden wir aber die Bikes von der Ladefläche, da hat Petrus ein Einsehen und pünktlich zum Sonnenaufgang reißt der schwarze Himmel auf und hüllt uns in ein dramatisches, goldenes Licht.


Vielleicht ein gutes Omen. Denn auch der Trail, der folgt und uns über die Alp Clünas und die Alp Laret führt, hat es in sich. Oben geht es mit Highspeed über die baumlosen Fluren, dann wird der Trail schmaler und fräst sich am Berghang auf einer Höhe Richtung Norden, während die Abfahrt zum wilden Bergfluss Tasnan technisch und steinig gerät. Eine pittoreske Holzbrücke trägt uns über den Fluss, weiter unten treffen wir auf die steinernen Zwillingsbrücken bei Pra da Punt, die auch schon Danny MacAskills Hinterräder auf ihrem Rücken gespürt haben. Den Sprung von Brücke zu Brücke sparen wir uns aber, denn zwischen den Überwegen geht es steil hinunter und ein Fehler hier ist mit Sicherheit tödlich. Unglaublich, was der Schotte sich alles traut!

Waldtrails am schwarzen See

Oberhalb des Laj Nairs schwingen sich die Trails in wundervollen Kurven durch den lichten Wald. 


Die Abfahrt mit anschließendem Schlenker über einen Kurventrail östlich der Motta Naluns nimmt den Rest des Vormittages in Anspruch. Doch auch auf der Südseite des Ortes warten weitere Trails auf uns. Sie liegen zumeist oberhalb des Laj Nairs, der seinem Namen „schwarzer See“ alle Ehre macht. Werni, unser Guide vom Vormittag, spielt jetzt das Shuttle und kurvt uns gut 300 Meter in die Höhe, danach übernimmt sein Kollege Xaver die Führung, hält uns auf dem Transfer mit Stories von Bikern, Schmugglern und Zöllnern bei Laune, bevor er uns über grüne, offene Wiesen in den Kiefernwald hineinführt.


Tour und Reise enden nach einem Schmankerl von flowigen und einfach zu fahrenden Waldtrails an der Brücke über den Inn, von wo aus ein kurzer Transfer zum erfrischenden Brunnen im Ortszentrum von Scuol führt. Ganz im Danny MacAskill-Spirit feiert Mitfahrer Leo das Ende unserer Reise mit einer kleinen Stunteinlage auf der Brunnenmauer. Aber es ist eben nicht jeder mit Danny MacAskills Talent gesegnet und so landet das Kind im wahrsten Sinne des Wortes im Brunnen.

Auf den MTB-Trails rund um Scuol

6 Bilder

Graubünden: ein würdiges Home of Trails?


Es dürfte kaum überraschen, dass zumindest die beiden Spots St. Moritz und Scuol dem „Home of Trails“-Siegel durchaus gerecht werden. Gute Trails gibt’s in beiden Destinationen, weit mehr als wir in vier Tagen ausprobieren konnten! Während St. Moritz mit offener, freier Landschaft und toller Infrastruktur punktet, gerät Scuol eindeutig wilder, doch auch das hat seinen Reiz. Familien und Anfänger sind hier nicht so gut aufgehoben, für fahrtechnisch versiertere Piloten ist es dagegen ein absolutes Highlight. Trails ohne Ende, ein tolles Panorama und die Nähe zu anderen Hotspots wie Nauders oder Livigno sorgen in Scuol für eine Stammkundschaft, die dem Ort schon seit Jahren die Treue hält. Beschilderung und Karten mit den einschlägigen Wegen sucht man für Scuol allerdings ziemlich vergeblich. Wer ohne Guide fährt, sollte sich vorher umfassend vorbereiten, damit einem die besten Trails auch nicht entgehen.

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