Graubünden – wirklich das „Home of Trails“? Graubünden – wirklich das „Home of Trails“? Graubünden – wirklich das „Home of Trails“?
Seite 1: Auf Danny MacAskills Spuren durchs Engadin

Graubünden – wirklich das „Home of Trails“?

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 2 Jahren

Seit mehreren Jahren vermarktet sich Graubünden selbstbewusst als „Home of Trails“. Im letzten Herbst konnten wir diesem Versprechen auf den Spuren Danny MacAskills vier Tage lang auf den Zahn fühlen.

Blauer Himmel, bestes Bergwetter und kaum eine Wolke zu sehen. Die Stollen meines Vorderrades graben sich in den ockergelben Trail und doch fühle ich mich nicht ganz wohl: Denn man sieht kaum zwei Radlängen weit. Es ist bereits Mitte Oktober, aber der heiße Sommer ist im Engadin noch nicht verdaut und der Regen lässt seit über einer Woche auf sich warten. Alles ist gelb, sandig und verödet. Leo, meinen Vordermann, kann ich inmitten der Staubwolke vor mir nur erahnen. Mit vielem hatten wir gerechnet, Mitte Oktober auf rund 3000 Metern. Mit Regen, erstem Schnee auf den Gipfeln, eisigen Winden. Aber dass die Hitze und Trockenheit uns ausbremsen würden, wer hätte das gedacht…

Der Mann von der Isle of Skye und das „Home of Trails“


Eigentlich beginnt die Geschichte dieser Reise aber an einem ganz anderen Ort. In einem Land, das vielleicht auch für seine gelben Heidehügel berühmt ist, aber ganz sicher nicht für sein trockenes Klima. Schottland ist nämlich die Heimat von Trial-Ass und Youtube-Star Danny MacAskill. Auch eines seiner letzten Videos vom April 2018 – Home of Trails – hat mittlerweile gut zwei Millionen Klicks auf Youtube. Kein Vergleich mit den 90 Millionen Klicks von Video-Hits wie "Imaginate" , aber trotzdem erstaunlich. Schließlich war das Ganze ja eher eine gut getarnte und lustig gemachte PR-Aktion der Bündner.


Bildgewaltig setzt der Clip den größten Kanton der Schweiz als Mountainbike-Mekka in Szene. Flowige Trails, epische Abfahrten, Danny-mäßige Stunts, feines Essen, spektakuläre Sonnenaufgänge und alles umgeben von einem Panorama, das einem schier den Atem raubt. Zu schön, um wahr zu sein? Wir wollen es herausfinden. Vier Tage Graubünden sind dafür eingeplant. Erst in Celerina bei St. Moritz, dann in Scuol im Unterengadin. So können wir die meisten Spots aus dem Video in kurzer Zeit abklappern und trotzdem das Auto zu Hause lassen. Denn den Transport zwischen den beiden Orten besorgt stilecht und gewissensgerecht die Rhätische Bahn.

Fährt fast überall hin. Die Rhätische Bahn ist die höchstliegende Eisenbahnlinie Europas und in Graubünden eine vorzügliche Alternative zum Auto. Manchmal geht's sogar so steil rauf, dass man die Bahn als Shuttle nutzen kann.

In 60 Minuten auf 3000 Meter – Kurvenorgie unterhalb der Trais Fluors


Aber die Planung mit öffentlichen Verkehrsmitteln hat auch ihre Nachteile. Der Transfer dauert immer etwas länger als mit dem Auto und so ist unser Zeitplan eng gestrickt. Trödeleien können wir uns nicht leisten, wenn wir in vier Tagen unser Programm schaffen wollen. Also springen wir als Allererste aus dem Zug, werfen nur schnell das Gepäck ins Hotel und sitzen kaum eine halbe Stunde später wieder auf dem Bike. Eine Gondel trägt uns von Celerina aus ein Stück nach oben, dann heißt es selbst treten. „Kinderwagenweg“ stand da auf der Karte, aber Pustekuchen. Die Schotterrampe ist richtig steil und die elektronischen Helferlein vermelden bereits 2500 Meter Höhe. Da wird die Luft schon dünn für zwei nicht akklimatisierte Flachlandtiroler, bei denen das letzte Intervalltraining schon ein paar Jahre zurückliegt.


Aber das Panorama gleicht es aus und der Anstieg währt auch nicht ewig. Mit brennender Lunge geht’s in die zweite Gondel und nur Augenblicke später spuckt uns die Bergbahn auf dem Piz Nair wieder aus, dem 3000 Meter hohen Hausberg von St. Moritz und Sonnenaufgangsspot für das Danny-Video. Schnell ein (zugegeben, wenig verdientes) Gipfelfoto mit Steinbock "Gianni" gemacht und ab auf den Trail. Zur Routenplanung kommt zu Testzwecken die hauseigene App des Graubünden-Tourismus zum Einsatz , aber auch die großen Internetplattformen á la Trailforks, komoot und Herbert-Bike bieten jede Menge Tourenmaterial für die Region an.

Panoramatour mit Trailspaß unterhalb des Piz Nair


Die Richtung, in die uns die App navigiert, stimmt jedenfalls, doch die Tourenbeschreibung hat in Sachen Panorama eindeutig untertrieben. Bis zu einem kleinen Stausee nordöstlich des Gipfels führt uns der Weg, dann klettern wir auf einem steinigen Trail wieder gut 400 Höhenmeter Richtung Trais Fluors, passieren nach einer guten halben Stunde einen weiteren Kamm und sind im Kurvenparadies. Vor uns breitet sich die Berglandschaft aus, vor unseren Rädern schwingt sich der Weg den Kamm hinunter. Nur ruhig sollte man es angehen lassen, denn der Untergrund bietet bei Trockenheit erstaunlich wenig Grip und oft rutscht das Hinterrad durch die engen Kehren, auch wenn man es – dem Umwelt- und Trailschutz zuliebe – eigentlich vermeiden wollte.

Sieht zwar dynamisch aus, war aber ein Versehen. Der Rutscher sollte auf natürlichen Trails absolut nicht vorkommen, damit auch noch viele andere das tolle Panorama unterhalb der Trais Fluors genießen können.

Drei Klimazonen in einer Stunde – Trais Fluors, Poschiavo, Val Suvretta


Der Trail fesselt uns und als solcher bleibt er nicht allein. In zweieinhalb Tagen rund um St. Moritz nehmen wir noch die große Runde über Pontresina nach Poschiavo mit einem Abstecher zum Rifugio Sassal Masone unter die Stollen, ebenso wie alle Flowtrails an der Corviglia und den anspruchsvollen Trail durch das Val Suvretta. Insbesondere Letzterer sowie der Kurventrail unterhalb der Trais Fluors und der Abstecher hinter dem Rifugio Sassal Masone bleiben uns lange in Erinnerung. Die Trails sind verblockt und fordernd, aber nicht nur was für absolute Profis. Beim Panorama bleibt einem die Spucke weg und die Abfahrten wollen zum Teil gar nicht enden.

Das Wasser des Suvrettasees ist kalt und klar, der Trail für unseren Geschmack genau richtig. Nicht zu heftig, aber trotzdem immer wieder mit kleinen Schlüsselstellen durchsetzt.


Die Flowtrails dagegen sind gut gebaut und bieten auch Einsteigern gute Möglichkeiten, sich an den Sport heranzutasten. Leider wurden Steine, Wurzeln und andere natürliche Hindernisse fast vollständig aus den Trails entfernt, was bei uns nicht nur auf Begeisterung stößt – aber gut: Es sind eben speziell angelegte Flowtrails und man kann es nicht jedem Recht machen.

Auf den MTB-Trails rund um St. Moritz

9 Bilder

So ist zumindest für jeden was dabei. Die auf Massen von Skifahrern eingestellte Infrastruktur bewältigt den Sommertourismus völlig problemlos und sorgt so für einen reibungslosen Ablauf, wenn man einen der zahlreichen Lifte benutzen möchte, um mehr Tiefenmeter zu sammeln. Und zu guter Letzt ist Trailpflege auch kein Fremdwort für die Region. Bremsrillen oder ausgewaschene Passagen suchten wir selbst am Ende einer langen Saison vergebens. Nur die Beschilderung, abseits der offiziellen Hauptrouten (Flowtrails, Poschiavo-Runde), könnte noch etwas ausgebaut werden, damit man das GPS-Gerät dauerhaft in der Tasche lassen kann.

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Themen: Danny MacAskillEngadinGraubündenPoschiavoReiseReportageSchweizScuolSt. MoritzTrails


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