Schmuggler-Trails um Livigno

Italien: Livignos alte Schmugglerpfade

  • Markus Greber
 • Publiziert vor 9 Jahren

In Livigno gibt es einen feinen Bikepark und hunderte Trail-Kilometer. Dass diese Pfade einst von Schmugglern gebaut wurden, wissen die wenigsten. Eine Reise in die Vergangenheit.

Diese Nacht bietet perfekte Bedingungen. Zur Dunkelheit gesellen sich Nebel und Kälte. Schritt für Schritt, Meter für Meter tastet sich Juliano Martinetti durch die blinde Nacht Richtung Passo Trela, dem höchsten Punkt seiner gefährlichen Reise. Der Weg ist steil, felsdurchsetzt und stellenweise unter einer tiefen Schneedecke begraben. Juliano ist ein alter Hase im Schmugglergeschäft. Seit Jahren, sommers wie winters, passiert er die schroffe Route zwischen Livigno und Bormio, kennt jeden Felsen auswendig und hat schon tonnenweise Zigaretten illegal über die Grenze gebracht. Trotzdem sitzt ihm immer wieder die Angst im Nacken. Weniger davor, mit seiner 40 Kilo schweren „Bricola“, einem Tragegestell voll mit Zigarettenstangen vom italienischen Zoll erwischt zu werden und im Gefängnis zu landen. Das wäre das kleinere Übel. Don Parente, Dorfpfarrer von Trepalle, ehemaliger Jurist und Schmuggler-Boss in Personalunion, würde ihn da schon wieder rausboxen. Nein, es ist pure Überlebensangst, die Juliano in den Gliedern sitzt. Die Angst, sich ein Bein zu brechen und zu erfrieren, von einer Lawine begraben zu werden, oder in eine der steilen Schluchten links und rechts vom Weg zu stürzen und sich den Hals zu brechen.

Trails um Livigno: abseits des Bikepark-Trubels

Viele Jahrzehnte ist das inzwischen her. Heute ist es weder dunkel noch kalt. Es ist ein klarer, sonniger Herbsttag, und statt der schweren Bricola schleppen wir unsere Bikes den steilen Trail Richtung Passo di Val Trela hinauf. Am Passo d’Eira hatten wir den Bikepark-Trubel hinter uns gelassen, um auf der Ostseite des Massivs in die Vergangenheit einzutauchen. Denn heute geht es nicht darum, Steilkurven zu kratzen und über Dropbatterien zu hüpfen. Bike-Legende Hans Rey, der Schweizer Cross-Country-Profi Ralph Näf, Tour-Guide Patricia Roth und ich hatten uns heute zu einem ganz besonderen Bike-Erlebnis in Livigno verabredet.


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