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Als wäre heute Morgen noch jemand mit dem Staubsauger durchgegangen: optimal für ein sattes Kurvengefühl. Als wäre heute Morgen noch jemand mit dem Staubsauger durchgegangen: optimal für ein sattes Kurvengefühl.

Sauze 12 MTB-Trail im Piemont

Italien: Sauze 12 Supertrail

Stefan Herrmann am 25.01.2010

Im italienischen Piemont wird seit den Olympischen Spielen 2006 an einem Bikepark gebastelt. Fahrtechnik-Experte Stefan Herrmann hat dort einen Trail gefunden, auf dem Bremsen und Treten unnötig ist.

Also, Sauze d’Oulx sagt wahrscheinlich den wenigsten was. Hat es mir auch nicht. Was da nach einem französischen Eintopfgericht klingt, ist ein kleiner Ort im Piemont – italienische Westalpen, eher wildes Gebirge. Sestriere war mir von den Olympischen Spielen 2006 ein Begriff. Sauze d’Oulx selbst liegt auf 1550 Metern Höhe, etwa 80 Kilometer westlich von Turin entfernt. Wer 2006 die olympischen Freestyle-Wettkämpfe im Fernsehen verfolgt hat, der war praktisch mit den Augen schon mal hier.

Aufstieg in zwei Etappen: Die Sessellifte im Park haben lustige Namen...

Ich weiß, dass ich damals mal kurz reingezappt habe. Dabei ist mir gar nicht aufgefallen, dass der Sessellift einen ausgesprochen lustigen Namen hat: “Sportinia” nennt sich die Aufstiegshilfe. Aber ehrlich gesagt hab ich so meine Zweifel, ob es in diesem Bikepark, an dem man hier seit 2007 bastelt, auch wirklich sportlich zur Sache geht. Aber die Berge drumherum sind schon mal aufregend. Jetzt wäre ich gerne ein Adler, um diese feinen Gebirgsketten abzufliegen.

Aber statt dessen heißt es für mich noch mal: umsteigen. Vom Sportinia-Lift geht’s jetzt weiter mit dem Seggiovia-Rocce-Nere-Lift. Er bringt mich endlich zum Einstieg des Trails, der sich mir als “Super Sauze” vorstellt. Das soll der Beste sein. 900 Höhenmeter angelegter Bike-Spaß. Herrlich, ich mag das, an den Start zu rollen und so gar keine Ahnung zu haben, was mich erwartet. Der Puls pumpt hoch und alle Gedanken an Job, Wohnung und Frauen sind weg. Der Blick wird frei für das Wesentliche.

Gelungene Schreinerarbeiten: Wer immer hier gebastelt hat – er hat Gefühl für den Flow.

Uuund Action: Baumfrei schießen die ersten Kurven mit viel Panorama dahin. Weg Nummer 12 besticht mit offenen, schnellen Kurven. Also immer Druck übers kurvenäußere Pedal und Knie zum Rahmen hin aufbauen. Satt und zielgenau dreht sich das Bike, wohin ich will, geil. Zwischen den Kurvenkombinationen ist das Gelände kupiert. Je nach Gusto kann man die Wellen nun ansurfen, bunny-mäßig drüberhoppen oder, wenn sich eine Landung erahnen lässt, auch schon mal springen. Juhuuuu, ich liebe jungfräuliches Geläuf!

Das zweite Drittel der Strecke nennt sich “Pian della Rocca” oder auch einfach Weg Nr. 6. Hierher hätte man auch von der Bergstation des Sportinia-Lifts queren können. Doch von oben kommend reißt der Flow nicht ab. Im Gegenteil, er wird noch um ein paar herausragende Eigenschaften ergänzt. Andere wiederum behaupten, der Trail-Fluss würde hier ein wenig unterbrochen. Aber das ist natürlich Ansichtssache. Die Rede ist von Drops und Sprüngen, die sich plötzlich vor dem Lenker auftun. Die Hindernisse sind von Hand gezimmert und alle optimal bemessen. Unterschiedlich hoch bauen sie sich vor mir auf, immer so, dass man sich auch als Strecken-Novize schön rantasten kann. Die Landungen: perfekt. Steil genug für einen sanften Aufsetzer und lang genug für einen stressfreien Auslauf. Trotzdem sollte man sich jedes Gerät natürlich vorher kurz ansehen. Auch dafür wurden die deutlich leichteren Umfahrungen in den Boden gezogen.

Jetzt geht’s durch den Wald. Das letzte Drittel der Abfahrt. Hier war wieder ein Fuchs am Werk. Die Kurven schmiegen sich harmonisch in die Anlieger. Immer im schlauen Richtungswechsel. Ein bisschen fühle ich mich wie eine Flipperkugel, nur dass ich selbst die Knöpfe drücke. Die nächste Kurve, die nächste Wurzel, der nächste Absprung – all das lässt sich hier wunderbar einschätzen und planen. Irgendwie wirken diese Trails, als wäre da heute Morgen noch einer mit dem Staubsauger durchgegangen.

Kleine Wellen und Hügel sorgen dafür, dass man den Schwung ohne Bremsen halten kann.

Keine Ahnung, wie lange wir für diese 900 Höhenmeter gebraucht haben. Aber das ist auch egal. Das Einzige, was für mich zählt: Es waren Momente der Leichtigkeit dabei und das zeichnet einen wirklich guten Trail doch aus. Selten war ich auf einer Abfahrt so gefordert wie hier auf dem Super Sauze. Und zwar gar nicht, weil er so schwer wäre. Vom Schwierigkeitsgrad her würde ich ihn eher als “mittel” einstufen. Nein, es sind vielmehr die vielen Aufgaben, die hier so schnell aufeinanderfolgen. Dazwischen lässt sich mit Hilfe von kleinen Wellen immer schon Schwung aufbauen oder erhalten. Möglichst ohne Pedalieren oder Bremsenziehen. Dem Pushen gehört die Zukunft. Mein Glücks-Akku ist nach diesem Erlebnis jedenfalls voll aufgeladen. Nur der Energie-Akku hat noch Reserven für etwa vier bis fünf Abfahrten.

Den gesamten Artikel zum Sauze 12-Supertrail im Piemont gibt es unten auch als PDF-Download.

Der Sauze 12-Supertrail in der Übersichtskarte.

Stefan Herrmann am 25.01.2010