MTB-Tour Madritschjoch

Italien: Panorama-Tour Madritschjoch

  • Marco Toniolo
 • Publiziert vor 14 Jahren

Der höchste Bike-Pass der Alpen: Wir sind seit gestern Mittag unterwegs auf den höchsten MTB-Pass der Ostalpen, den man per Bike erreichen kann: das 3123 Meter hohe Madritschjoch im Ortler-Massiv.

1972 bin ich geboren, 1978 war meine Einschulung ... – Mensch, bin ich k.o. Immer wenn ich merke, dass mir auf Tour die Kraft ausgeht, versuche ich mich abzulenken. So wie jetzt. Mein Tacho addiert die Höhenmeter so langsam, dass ich mir bei jeder neuen Zahl überlege, was ich in dem entsprechenden Jahr gemacht habe. 1980 ... das erste Silvester, an das ich mich erinnern kann. Wir sitzen seit zwölf Stunden im Sattel und haben schon mehr als 2000 Höhenmeter in den Beinen. Der schwere Fotorucksack zieht im Nacken und unser Ziel Sulden ist noch immer nicht in Sicht. Zum Essen haben wir auch nichts mehr. Mein Magen knurrt und alle Akkus sind leer. Wenn was passiert, können wir noch nicht mal Hilfe herbeirufen – sogar unsere Handys haben keinen Saft mehr. 1982 ... was war da noch mal? Mit dem schwindenden Tageslicht lässt auch meine Konzentration nach. Und genau in dem Moment, als ich mir selbst sage: "Aufpassen, gerade bei diesen Bedingungen passieren die meisten Bergunfälle ...", stürze ich ab.

Im Rücken immer das Eis: der Trail direkt am Sulden-Ferner.

Frühmorgens auf der Schaubachhütte. Bis hier ginge es auch mit dem Lift.

Auf dem höchsten Bike-Pass der Alpen

Wir sind seit gestern Mittag unterwegs. Endlich einmal auf den höchsten Pass der Ostalpen, den man per Bike erreichen kann: aufs 3123 Meter hohe Madritschjoch im Ortler-Massiv. Das Panorama von dort oben muss grandios
sein, die Auffahrt dagegen die Hölle. Aber wir sind ohnehin zu spät dran, um das Schottermonster mit durchschnittlich 20 Prozent Steigung aus eigener Kraft zu erstrampeln. Also sparen wir uns diese Tortur und kaufen uns ein Ticket für die Seilbahn zur Schaubachhütte hinauf.

Das Panorama von Königsspitze, Zebru und Ortler begleiten Biker bei der Tour aufs Madritschjoch.

Über die steile Schotterstraße klettert man hinauf zum Madritschjoch.

Der Trail auf der anderen Seite hat es in sich. Die Abfahrt vom Madritschjoch ins Martelltal. Der Trail wechselt zwischen "gerade noch fahrbar" und "einfach laufen lassen".

Wir sind also ausgeruht, als wir heute Morgen um sechs Uhr die Decken zurückschlagen. Die ersten Sonnenstrahlen schmeicheln Königspitze und Ortler. Ihre Gletscher glitzern rosarot im frühen Licht. Nur unsere Hütte liegt noch im Schatten und als wir vor die Tür treten, beißt uns die Kälte sofort ins Gesicht: zwei Grad über Null. Die Täler unter unseren Füßen schlafen noch. Jedenfalls hüllen sie sich in eine dicke Wolkendecke. Nur über unseren Köpfen strahlt der Himmel in glasklarem Blau. Wir müssen los, denn bis zum Madritschjoch warten noch 500 Höhenmeter. Die müssen wir allerdings schieben. Die Skipiste ist zwar schneefrei, aber so steil, dass an Fahren nicht zu denken ist. Erstaunlich, denn ich kenne diese Passage vom Winter her und mit dem Snowboard empfinde ich diese Passage immer als Flachstück. Allerdings ragt im Winter der Ortler auch nicht so majestätisch aus der Landschaft wie heute. Denn während man ihn im Winter aus vielen verschneiten Gipfeln erst heraussuchen muss, erkennt man ihn jetzt sofort an seinem Schneepelz.

Nicht lange und wir haben das Joch erreicht. Ein Glücksgefühl schauert durch meinen Körper. Ich habe schon viel gehört von der Trail-Abfahrt ins Martelltal hinunter, die uns jetzt bevorsteht. Aber die gemein steile Auffahrt von Sulden hatte mich bisher immer abgeschreckt. Und jetzt bin ich hier. Es weht kein Lüftchen. Wir setzen uns in die Sonne und packen unsere Specksemmeln aus. Dazu lassen wir uns die Aussicht auf die endlose Linie unseres Abfahrtstrails schmecken.

Mauro, unser Local, tastet sich als erster in den Trail. Aber ich kann sehen, wie er kämpft. Die ersten hundert Höhenmeter sind steil und teilweise ausgesetzt. "Am besten schieben wir. Sich hier oben zu verletzen wäre keine gute Idee!", schlage ich vor. Aber bald darauf sitzen wir alle fest im Sattel, während der Trail sanfter und flüssiger wird. Verblockte Passagen wechseln mit Wiesenabschnitten, die ersten Wanderer aus dem Martelltal stapfen uns entgegen, alles läuft nach Plan. Dieser lautet: Sobald wir die Talsohle des Vinschgaus erreicht haben, müssen wir wieder nach Sulden, unserem Ausgangspunkt, hinauf. Auf der Karte sieht das nicht nach einer allzu großen Herausforderung aus. Doch es sollte anders kommen.

Nach einer Rast am Stausee im Martelltal fliegen wir über eine Schotterstraße ins Tal und biegen in den Vinschgauer Radweg ein: ein Slalomkurs durch Apfelplantagen und entgegenkommende Alpenüberquerer. Als wir endlich an den Füßen der Stilfserjochstraße stehen, ist es bereits 16 Uhr. "Noch 1200 Höhenmeter bis nach Sulden, etwa zwei
Stunden!", schätze ich, meine Begleiter nicken. Aber wir sind uns auch einig, dass wir nicht die Asphaltstraße nehmen, sondern den Trail suchen, von dem wir bisher nur Gutes gehört haben. Und hier begann das Übel.

Die Orientierung ist nicht einfach. Erst im Nachhinein: Wir hätten stets der sanften Steigung der Militärstraße folgen und die Abzweige ignorieren müssen. Wir aber verfahren uns zweimal und verpulvern damit unsere letzten Körner, bis wir irgendwann doch am Einstieg des gesuchten Trails stehen. Eigentlich geht es nun flach bis Sulden dahin, doch manche verblockte Passagen erfordern absolute Konzentration. Und da passiert es: Mein Vorderrad rutscht weg. Ich falle. Adrenalin rauscht – und das Schmelzwasser unten in der Schlucht, in die ich falle und falle. Und plötzlich: stopp. Es dauert ein wenig, bis ich verstehe: Ich habe mich in einem Gebüsch festgekrallt. Über mir liegt mein Bike im Geröll und darüber starren mich die entsetzten Gesichter meiner Freunde an. Mit zitternden Knien klettere ich zurück zum Trail, setze mich auf einen Felsen. Die Stille der Dämmerung im Gebirge hat mich immer fasziniert, diesmal fürchte ich sie. Die Prellungen klopfen im Takt meines Herzschlags. Der Himmel ist rosarot, als wollte er sich entschuldigen. Da macht sich in mir wieder ein Gefühl von Geborgenheit breit. So wie nach einem Streit mit der Freundin, wenn man sich danach wieder in den Armen liegt. Heute habe ich mich einfach überschätzt, bin aber noch einmal mit einem großen Schrecken davongekommen.

Blick von der Schaubachhütte (2573 m) ins alte Gletscherbett.

Infos zur MTB-Tour auf das Madritschjoch


DIE TOUR
Gesamt: ca. 75 Kilometer, 4800 Höhenmeter
(davon 2100 Höhenmeter per Seilbahn).
Schwierigkeit: ★★★★★✩
Für diese hochalpine Tour sollten Sie sich in jedem Fall zwei Tage Zeit nehmen. Vor allem, wenn Sie nicht die Seilbahn nutzen wollen. Die Schotterpiste zur Schaubachhütte ist zwar sehr gut ausgebaut, aber an den durchschnittlich 20 Prozent Steigung werden auch Bergfexe zu knabbern haben. Am nächsten Morgen sollten Sie so früh wie möglich starten, denn es warten noch 2700 Höhenmeter bergauf und ein langer anspruchsvoller Trail durchs Martelltal auf Sie.


Strecke der Tour
Prad am Stilfserjoch – St. Johann (Kirche) – Pastelwies – gleich nach den Almen scharf links hinauf auf Asphalt (kein Schild, Karte genau studieren!) – nach ca. 500 Metern scharf rechts bergan (wieder kein Schild) – Obervalnairhof – Valnairalm – Markierung Nr. 6 Waldruhe (anfangs Schiebepassagen) – weiter auf Schotterweg Ri. Sulden – Sulden – Seilbahn – Schaubachhütte (Übernachtung) – Madritschjoch (3 123 m) – kurz vor der Zufallhütte links runter zum Schotterweg – Enzianhütte – Gasthof zum See – rechts auf den Schotterweg rechts vom See – am Damm rechts hoch zum Pfad Nr. 36 (schwieriger Downhill, alternativ über die Asphaltstraße) – runter nach Morter (auf dem Pfad Nr. 36, Schotterweg neben der Straße, später Singletrail, dann auf Nr. 22) – Vinschgauer Radweg nach Prad.

Seilbahn Sulden: Tel. 0039/0473/613047, www.seilbahnensulden.it , Sommerbetrieb ab Anfang Juni, täglich 8.30-12.45 Uhr und 14-17 Uhr. Übernachtung: Schaubachhütte, Tel. 0039/0473/613002, www.schaubachhuette.it . Die Hütte hat 12 Zimmer mit 2, 3, 4 oder 6 Betten.


ANREISE
Über Landeck – Reschenpass ins Vinschgau bis Prad am Stilfserjoch. Von München ca. 3 Std.


DIE BESTE TOUREN-ZEIT
Juli bis September. Wetterbericht checken! www.provinz.bz.it/wetter/suedtirol.asp


KARTE
Kompass-Karte Nr. 52 "Vinschgau", Maßstab 1:50 000.


Alles über diese MTB-Tour aufs Madritschjoch finden Sie im gratis PDF-Download.

Themen: ItalienMadritschjochOstalpenSulden

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