Mountainbike-Trip auf den Ätna

Wenn der Berg kocht: Siziliens Ätna

  • Stefan Eisend
 • Publiziert vor 6 Jahren

Aus der Ferne betrachtet, ist der Ätna ist ein freundlicher Vulkan. Aber ist es wirklich eine gute Idee, ihn bis an den Kraterrand zu reizen? Eigentlich nicht...

Mein Kopf sinkt ins Kissen, lässt sich aber nicht ausschalten. Wahrscheinlich könnte man das Gefühl, das ich gerade habe, zu Hause ganz leicht nachstellen. Dazu müsste man nur einen Schnellkochtopf auf den Herd stellen, auf mittlere Hitze einschalten – und dann versuchen, daneben einzuschlafen. Okay, der Größenvergleich hinkt etwas. Ich versuche nämlich nicht neben einem Kochtopf, sondern im Rifugio Bruneck Schlaf zu finden. Das Blockhaus befindet sich auf halber Höhe an der Nordflanke des Ätnas. Die vier Hauptkrater des Vulkans da oben seien derzeit randvoll mit glühender Lava gefüllt, hatte uns Bergführer Salvo schon am Flughafen berichtet. Unser Vorhaben, bis zum Kraterrand hinauf zu biken, sei zwar "possibile", aber auch "un poco pericoloso". Erst im Juli dieses Jahres hatte der Nordostkegel des Ätnas ein spektakuläres Feuerwerk gegeben. Zu Schaden ist dabei niemand gekommen, aber seither rumort es in dem Berg, und die Behörden warnen derzeit vor "jeder Menge kleinerer Beben und steigender Gefahr von Bombas an den Kratern". "Bombas", so erklärt uns Salve, werden nuss- bis autoreifengroße Felsbrocken genannt, die der Vulkan aus seinem Schlund mehrere hundert Meter weit schleudern kann.

Fünf Uhr – endlich klingelt der Wecker. Der Himmel ist stahlblau. Auch die anderen haben praktisch nicht geschlafen. Zu groß ist die Aufregung, aber wir sind uns einig, dass wir heute an den Kraterrand fahren und der Hölle direkt ins Auge sehen wollen. Nur, dann müssen wir jetzt sofort los, denn uns trennen noch 2000 Höhenmeter bis zum Gipfel, und unsere Rucksäcke sind schwer. Neben warmen Sachen und genügend Proviant muss unbedingt noch Verbandszeug mit. Der Lava-Asche-Boden sieht zwar feingemahlen aus, enthält aber bei genauerem Hinsehen messerscharfe Splitter. Die Reifen halten das aus, menschliche Haut eher nicht. Doch zunächst kurbeln wir auf schwarzem Bimsstein-Untergrund bergauf. Die Ketten ganz links, denn die Steigung ist vom Start weg hart. Drei Stunden brauchen wir allein bis zum Hochplateau auf 2800 Metern Höhe. Von hier schweift der Blick über die Straße von Messina bis in die Hügel von Calabrien. Und ganz hinten im Dunst leuchtet sogar die Feuerfontäne des Stromboli, der im Moment kräftig spuckt. Wir müssen weiter, denn der eisige Wind zerrt bereits an unseren Energiereserven. Nur noch 500 Höhenmeter sind es bis zum dampfenden Krater des Bocca Nuovo hinauf. An Fahren ist nicht mehr zu denken, dazu sind seine Flanken zu steil.

Italien: Siziliens Ätna

6 Bilder

Aus der Ferne betrachtet, ist der Ätna ist ein freundlicher Vulkan. Aber ist es wirklich eine gute Idee, ihn bis an den Kraterrand zu reizen? Fotograf Stefan Eisend sagt im Nachhinein: eigentlich nicht.

Schon seit einigen Schritten meine ich, ein Vibrieren unter den Füßen zu spüren, habe aber noch nichts gesagt. Doch jetzt ist das Rumpeln des Bodens so deutlich, dass alle erschrocken stehen bleiben. Keine Frage, wir sind längst in der Gefahrenzone. Kein anderer Tourist ist hier mehr unterwegs. Sollen wir weitermachen? Ja, komm, weiter. Ist ja nicht mehr weit! Wir passieren Erdspalten, aus denen giftiger Schwefeldampf zischt. Das macht das Atmen auch nicht gerade leichter. Die Steigung ist jetzt so steil, dass man schon die Hände zu Hilfe nehmen möchte, doch der Aschesand ist fast schon zu heiß dafür. Der Berg selbst brummt und kracht, als wolle er uns abschütteln. Doch das stachelt uns jetzt nur noch mehr an. Wie besessen kämpfen wir uns durch den stinkenden Dampf, den heißen Sand hinauf. Unsere Füße brennen vor Hitze, hoffentlich schmelzen die Schuhsohlen nicht. Nur noch zehn Meter, fünf – dann blicken wir wie elektrisiert über den Rand des Kraters. Ein riesiger Kessel. Es blubbert und brodelt, es dampft und stinkt – das muss die Hölle sein. Da schießt ein kochend heißer Dampfstoß in unsere Gesichter. Jetzt überreißen wir erst, in welcher Gefahr wir uns befinden. Die Seitenwände des Kraters könnten jederzeit einstürzen. Es knallt – drüben aus dem Südost-Krater fliegen Bierträger große Felsbrocken in den Himmel, einer davon schlägt nur wenige Meter neben uns ein.

Jetzt hat Anne genug: "Lasst uns abhauen!" Vor uns liegen nun 2000 Höhenmeter Abfahrt. Erst lassen wir es einfach geradeaus laufen, dann trauen wir uns, wie beim Tiefschneefahren, Turns in diese riesigen, jungfräulichen Aschefelder, zu ziehen. Wir passieren Seitenkrater und gerade erst erkaltete Lavaflüsse. Erst beim Cappuccino im Rifugio realisieren wir, was das eigentlich für ein heftiges Erlebnis war.


INFOS ÄTNA


Das Revier

Das etwa 3400 Meter hohe Ätna-Massiv hat einen Umfang von insgesamt 250 Kilometern. Es gibt so viele Wege und Wander-Routen, dass man hier mehrere Tage Touren in alle Himmelsrichtungen unternehmen kann. Allerdings sollte man die Touren immer nach der Windrichtung auswählen, um den Schwefeldämpfen auszuweichen.


Beste Tourenzeit Von Mai bis Oktober ist die Gipfelregion schneefrei. Touren zu den Kratern sind nur mit einem Guide erlaubt!


Infos B&B, www.sotto-ilvulcano.it

Themen: ÄtnaItalienSizilien


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