Mountainbike-Trails rund um San Remo

Italien: San Remo

  • Marco Toniolo
 • Publiziert vor 13 Jahren

Bin dann mal weg – sagen die Biker in San Remo und meinen damit einen ausgedehnten Ausflug durch die Macchia-Trails an der Ligurischen Küste.

"Volaaaaaare. Cantaaaare. Nelblu dipinto di blu." 1958 gewann Domenico Modugno das Festival di San Remo mit diesem Klassiker. Jetzt, auf einer Bike-Tour oberhalb des Ligurischen Meeres, klingt die Schnulze wie für uns geschrieben. Blau ist der Himmel über uns, blau ist das Meer unter uns und wir, wir fliegen auf einem Sand-Trail durch die Macchia Richtung Strand. Blumen, Musik und Glamour. Dafür ist San Remo berühmt. Im Februar findet hier an der westlichen Küste Liguriens das größte italienische Musik-Festival statt. Verfolgt von allen möglichen Medien und Paparazzi bis zum Gran Finale, wenn der Gewinner bekannt gegeben wird. Noch Wochen später plärren die Finalistenlieder aus den Radios des Landes. So oft, dass einem fast schlecht wird. Insbesondere, wenn man diese Art von Musik sowieso nicht mag: Amore, Amore, Amore ...

Das war bisher meine einzige Beziehung zu San Remo – bis ich dorthin eingeladen wurde. "Marco, es gibt super Trails hier", sagte mir Alessandro am Telefon, "und kein Mensch weit und breit, noch nicht mal während des Festivals!" Allein wegen der Tatsache, dass man in San Remo unbekümmert auch im Februar biken kann, wurde ich stutzig. Trotzdem wurde es Mai, bis ich Alessandro besuchte.

Ausschau nach Bikers natürlichem Feind – dem Motocrosser: die Locals von San Remo.

Der nette Zahnarzt begrüßt mich mit einem perfekten 32-Zähne-Lächeln und zeigt mir gleich die beste Gelateria der Stadt. Der Blick fällt sofort auf die Berge, auf denen San Remo gebaut wurde. Bis zu einer bestimmten Höhe protzen Villen. Dazwischen wuchern die typischen Gewächshäuser, in denen San Remos Blumen gezüchtet werden. Doch darüber gedeiht nur noch struppige Macchia. "Hier, da fahren wir hin", zeigt Alessandro auf einer Landkarte. "Die Trails kannst du hier selbst kaum finden, zu ungenau ist die Kartographie und zu schlecht die Beschilderung. Dafür habe ich aber alles auf GPS aufgenommen."

DAS VERSTECKSPIEL IN DER MACCHIA

Es gibt einen Spruch auf Italienisch: "Son di Macchia". Das bedeutet, man taucht ab und lässt sich für eine unbestimmte Zeit nicht mehr blicken. Es ist kein Zufall, dass man sich am besten in der Macchia versteckt und nicht in einem herkömmlichen Wald: Die Macchia wächst extrem schnell und lässt jede Spur verschwinden. In San Remo schlängeln sich die Trails fast ausschließlich durch diese nach Kräutergarten riechenden Vegetation. Der Untergrund ist ein Mix aus Sand und rauen Felsen. Dort, wo das Gelände steiler wird, werden auch die Trails giftiger. Die sanfte Landschaft mit Meerblick täuscht. Man denkt, gleich wäre der Strand erreicht. Stattdessen kämpfe ich mit Stufen und rutschigen Stellen, die das Gewitter von gestern Abend noch rutschiger gemacht hat. Ich habe definitiv das falsche Bike mitgebracht. Ich dachte, die Trails wären wie in Finale Ligure, also viel Waldboden. Deswegen habe ich ein All-Mountain-Rad dabei. Richtig wäre aber mein Enduro-Bike gewesen, mit mehr Federweg. So was fährt Alessandro, der lächelnd bei einem Aussichtspunkt auf mich wartet. "Bei klarem Wetter kann man von hier Korsika sehen", erzählt er stolz. Ich würde die Insel sowieso nicht erkennen, so durchgeschüttelt wie ich bin. Zum Glück ist es fast Aperitivo-Zeit, die Tageszeit, in der man als Italiener in eine Bar geht, einen Prosecco bestellt und dazu verschiedene Häppchen aus der Theke gereicht bekommt.

Der San-Remo-Downhill: drei Kilometer mehr oder weniger geradeaus Richtung Meer.

Das knirscht schon mal: Kurze Steilstücke fordern Gefühl an der Bremse.

Meine Motivation steigt exponentiell und ich meistere die letzen kniffligen Stellen, bis uns die Stadt wiederhat. Wir biken gemütlich bergab durch alte Gassen, bis Alessandro seine Lieblingsbar erreicht hat. Gleich bereitet der Barista die Prosecchi vor, mein Magen knurrt laut, als ich die Theke voll mit Parmesan, Schinken, Oliven und Focaccia sehe. "Die ausgewaschenen Stellen, die du gesehen hast, sind die Folge des wilden Motocrossfahrens", erzählt Alessandro und wählt einen Tisch mit taktischem Blick zur Straße, damit wir alle sehen können, die vorbeigehen. "San Remo ist über Jahre die italienische Heimat dieser Disziplin gewesen." Jetzt bin ich mir nicht ganz sicher, welche Disziplin er genau meint, denn während Alessandro spricht, folgen seine Augen zwei vorbeiwippenden Miniröcken. Na, die Motocrosser meine ich! Die wühlen alle Trails auf. Und wenn es regnet, ziehen die richtige Rinnen in den Boden. So tief, dass sie für Mountainbiker teilweise unfahrbar werden. "Aber jetzt", Alessandro beugt sich weit über den Tisch, "haben wir uns neue Trails gesucht und die werden sie nicht so leicht finden."

Als wir am nächsten Tag wieder am Berg unterwegs sind, weht tatsächlich von irgendwoher ein Motoren-Knattern zu uns. herüber. Alessandro bleibt stehen und hält seinen Kopf wie ein witternder Hund in den Wind. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er den motorisierten Feind jetzt hören oder erschnuppern will. Trotz aller Verbote finden die Ruhestörer immer einen Weg, um in die Macchia vorzudringen. Mit konspirativem Blick deutet mir Alessandro, vom Trail nach rechts abzubiegen. Gleich hinter dem ersten Baum bleiben wir wieder stehen. Alessandro knickt einen Ast von einem Busch und wedelt hinter mir unsere Reifenspuren aus dem Sand. Diesmal sollen die Motocrosser seinen Trail nicht wieder finden.

Serpentinen helfen uns ein steiles Stück hinunter, dann schneiden wir den Hang einen Kilometer ohne Kurven. Wir rasen dahin und ich spüre, wie sich die Macchia in meine Beine ritzt. Der Trail ist zu schmal, um die dornigen Büsche nicht zu berühren. Jetzt wird der Pfad flach. Pause für die Bremsen und für meine Konzentration. Plötzlich ein steiniger Untergrund, der Weg wird breiter. "Das hier ist die Strecke des San-Remo-Downhills", erzählt Alessandro. Das Rennen werde jedes Frühjahr ausgetragen und sei Teil der Italienischen Downhill-Meisterschaft.

Es handelt sich um ein drei Kilometer langes Stück, das von einem Bergkamm die direkte Linie Richtung Meer nimmt. Die schwierigsten Passagen sind die mit scharfen Steinen gespickten Steilstücke. Hier zu stürzen würde ziemlich böse Verletzungen bedeuten. Insbesondere, wenn man, wie ich, mal wieder die Protektoren vergessen hat. Ich taste mich vorsichtig an die Kante, lasse zögernd die Bremse los, nehme das Flachstück weiter unten ins Visier und rutsche beherzt drauflos. Das ist die einzige Möglichkeit, um hier das Gleichgewicht zu halten. Das Geräusch meiner blockierten Reifen auf den rutschenden Steinen erinnert an Fingernägel auf einer Wandtafel. Groß ist die Erleichterung, als wir den flowigen Teil der Downhill-Strecke erreichen und wieder mit flatternden Trikots durch die Macchia schießen.

Nach drei Tagen in San Remo hat sich meine Fahrtechnik an das Gelände angepasst. Relaxter als zuvor erreiche ich die Aussichtsstelle, wo Alessandro in die Ferne zeigt. Diesmal sehe ich sie, die Umrisse von Korsika. Ja, ja stimmt, zum Greifen nah irgendwie – aber hoffentlich doch deutlich weiter entfernt als unsere nächste Aperitivo-Bar? Alessandro sieht mich verdutzt an, muss dann aber doch lachen. Scheinbar hat er jetzt auch Hunger, denn er vergisst zum ersten Mal, unsere Spuren zu verwischen...

Die Macchia gibt und nimmt: Die Trails rund um San Remo sind schnell wieder zugewachsen.

MTB-INFOS SAN REMO


LAGE UND ANREISE
San Remo liegt westlich von Genua am Mittelmeer, 30 km von der französischen Grenze entfernt. Anreise: München–Innsbruck–Brenner–Brescia–Genua–San Remo. Entfernung: 800 km, Fahrzeit: ca. 8 Stunden.


KARTE
Kompass-Karte Nr. 640: "Nizza-Monaco-San Remo", Maßstab: 1:50 000.


TOUREN
Die Orientierung ist mangels markierter Wege schwierig. Wer aber GPS hat, kann sich gratis Touren herunterladen: www.mtbsanremo.it und www.alpidelmareinbici.it


INFO
www.sanremoguide.it


Alle Infos über die MTB-Trails rund um San Remo finden Sie im gratis PDF-Download.

Themen: ItalienLigurienSan Remo

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