BIKE Header Campaign
Endlich doch als Spur zu erkennen. Der Tibet-Trail mit der Nummer 13. Auf der Pass-Straße würde man an ihm vorbeifahren – wenn da nicht doch ein Schild stünde … Endlich doch als Spur zu erkennen. Der Tibet-Trail mit der Nummer 13. Auf der Pass-Straße würde man an ihm vorbeifahren – wenn da nicht doch ein Schild stünde …
Italien

Italien: Tibet-Trail

Ralf Glaser am 06.05.2011

Wer den Trail von der Tibet-Hütte am Stilfser Joch im Sattel bewältigt, beweist eine solide Fahrtechnik. BIKE-Touren-Autor Ralf Glaser hat es versucht – und in einigen Kehren immer wieder den Kürzeren gezogen. Trotzdem gehört dieser Supertrail zu seinen absoluten Favoriten. Schon wegen der bombastischen Landschaft.

Was für eine Enttäuschung: Der Würstchenverkäufer am Stilfser Joch hat sich wohl noch mal umgedreht und unter seine Daunendecke verkrochen. Eine kleine Stärkung wäre uns gerade recht gekommen, auch wenn wir den Pass nur mit dem Shuttle erklommen haben. Als wir an der Tibet-Hütte die Bikes aus dem Auto hieven, kondensiert der Atem. Die Gebetsfahnen an der Hütte sind steif gefroren, und eine frische Schicht Pulverschnee verwischt die Konturen der Geröllwüste, durch die unser Trail führen soll. Es ist Ende September. Während des Shuttles hoch zum Pass in 2757 Metern Höhe ist das Thermometer in jeder der 48 Kehren gefühlt um ein halbes Grad gefallen. Immerhin blinzelt jetzt die Sonne über den Gipfelgrat des Ortlers und lässt zumindest für später auf humane Bedingungen hoffen. Ein Espresso in der Hütte ist allemal noch drin.

“Ah, jooo?!”, meint die Hüttenwirtin nur, als wir sie in den Plan einweihen, auf direktem Weg über den 13er-Trail abzufahren. Nur ein Unterton verrät, dass sie uns für nicht ganz bei Trost hält. Wir können es ihr auch wirklich nicht verdenken. Der nackte Felsrücken oberhalb der Pass-Straße lässt durch nichts vermuten, dass sich hier ein fahrbarer Trail versteckt. Und der Google-Earth-Flug über diese Flanke hatte auch nicht viel Hoffnung auf Abfahrtsspaß mit Flow genährt. Doch glaubt man dem Wegweiser, existiert unser Trail. Nur ist sein Verlauf heute, unter der Schneeschicht, leider nicht einmal ansatzweise zu erahnen. Grob der Perlenschnur des GPS-Tracks folgend, kämpfen wir uns zur nächsten Anhöhe hinauf. Und dort, endlich, das gewünschte Bild: Eine Trockenmauer hebt sich aus dem Schnee ab – ein typischer Militärweg aus dem Ersten Weltkrieg, der in weiten Kurven durch das Feld aus Kalkblöcken hinüber quert.

Also, der Spaß kann beginnen! Die Schneedecke trägt nicht, der Start wird zum Glücksspiel. Ist das ein Felsbrocken? Zieht mir gleich loses Geröll das Vorderrad weg? Doch ab der Schneegrenze eilt der Trail herrlich glatt in Richtung eines Felssporns dahin. Während die Séracs drüben am Ortler frisch gezuckert im Morgenlicht leuchten, macht die erste Steilstufe klar, dass ab jetzt Coolness und technische Raffinesse gefordert sind. Wie eine Murmelbahn windet sich unser Tibet-Trail hinunter. Mit Volleinschlag des Lenkers sind die ersten Kurvenradien so gerade eben noch weit genug. Doch dann ziehen sie ihre Schlingen plötzlich enger zu. Schluss mit Rollen: Geschicktes Versetzen des Hinterrades ist nun gefragt.

Matze Gruber, unseren Guide, packt der Ehrgeiz. Die meisten Kehren nimmt er mit Bravour. Ich versuche es auch, doch nach kurzer Zeit spielen die Nerven nicht mehr mit. Wer hier über den Lenker absteigt, nimmt den direkten Weg ins Tal. Also per “Ausleger-Technik”: Die Kehre eng angefahren, Stopp, das kurveninnere Bein raus und das Bike statisch ums Eck gehoben. Geht. Wenn auch anfangs recht zäh. Doch mit der Übung – und dazu hat man hier reichlich Gelegenheit, denn Kehren gibt es hier unzählige – kommt auch bei den Richtungswechseln langsam Flow auf.

Nach 500 Höhenmetern ist Schluss mit Murmelbahn. Jetzt fliegen wir in weiten Kehren, über Stufen, zum Teil immer noch ausgesetzt, der Franzenshöhe entgegen. Und als wir uns an diesem traditionsreichen Gasthof mit breitem Grinsen abklatschen, bringt es Gruber auf den Punkt: “Schade, dass der Goldseeweg drüben noch gesperrt ist. Aber mal ehrlich: Der Tibet-Trail führt ja eigentlich noch viel direkter ins Nirvana.”

Ralf Glaser am 06.05.2011