Italien: Mountainbike Revier-Guide Bormio - Stilfser Joch Italien: Mountainbike Revier-Guide Bormio - Stilfser Joch

Italien: Mountainbike Revier-Guide Bormio - Stilfser Joch

3 MTB Natur-Trails im Nationalpark Stelvio

Sissi Pärsch am 28.01.2018

Ein Nationalpark für Alpen-Abenteuer: Über den berühmten Kehren des Stilfser Jochs zweigen wilde Natur-Trails ab und führen entlang des Ortlermassivs. Drei Top-Touren in Bormio und Santa Caterina.

Gedränge, Geknatter, Gestank – die Kennzeichen der Autos und Motorräder sind so bunt wie die Trikots der Rennradler, die am Stilfserjoch-Pass-Schild für den Hero-Shot Schlange stehen.

Unglaublich, dass sich nur wenige Meter weiter das komplette Kontrastprogramm öffnet – und das in einer gewaltigen Dimension. Es ist riesig, es ist weit, es ist wild. Es ist durchzogen von sensationellen Trails, geprägt von einer ursprünglichen Natur und von der Historie gezeichnet. Der Parco Nazionale dello Stelvio rund um die Ortler-Gruppe ist eines der größten Naturschutzgebiete Europas mit einer Fläche von 1350 Quadratkilometern, das über vier italienische Provinzen und bis an den Schweizer Nationalpark im Engadin reicht.


Die GPS-Daten zu diesen Touren gibt's unten im Download-Bereich:

  • Bocchetta di Forcola (28,8 km, 674 hm, 2139 tm 4:30 h)
  • Passo Zebru (31,4 km, 1370 hm 1852 tm, 6 h)
  • Santa Caterina Dynamite (20,7 km, 519 hm, 1464 tm 3 h)

Alberto Pedranzini, unser Guide, ist in ihm groß geworden. Für ihn ist es der "Stelvio Natural Trail Park". Der Local wird uns die nächsten Tage die Augen für seine Heimat öffnen und das Herz gleich dazu. Und den Magen schließen, denn mit Alberto landet man stets dort, wo es schmeckt. Den Start macht die hübsche Garibaldi-Hütte auf der Dreisprachenspitze. Gerade einmal 90 Höhenmeter über dem Stilfser Joch gelegen, markiert sie die italienisch-deutsch-rätoromanische Grenze. Bevor Südtirol 1919 an Italien fiel, trafen hier die drei Länder aufeinander. Es wurde gehandelt, geschmuggelt – und Krieg geführt. Die Kämpfe, die man heute austrägt, sind Gott sei Dank anderer Natur. Radler aus aller Herren Länder quälen sich die legendären 48 Kehren von Südtirol zum Pass herauf. Dem mächtigen Ortler scheint es herzlich wurscht zu sein, was die Menschen zu seinen Füßen treiben. Doch das täuscht. Speziell hier sieht man, wie angreifbar die Natur ist. Der Monte Braulio gegenüber musste in den explosiven Kriegsjahren viel Fels lassen. Heute setzt der Klimawandel dem Stilfser Gletscher massiv zu. Wir wenden unseren Blick in die andere Richtung, lassen uns die alten Pfadkehren zum Schweizer Zollhaus am Umbrail-Pass hinab und klettern dann zur Bocchetta di Forcola hinauf. Am Scheitel versuchen wir, die Szenerie aufzunehmen. Rechts und links Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg, oben am Grat Steinböcke, vor uns die einsame Bergwelt. Am Hang machen wir einen dünnen Faden im mächtigen Geröllfeld aus: unseren Trail. Sensationell. Diese Landschaft geht ganz tief hinein, ob in den Kopf oder die Knochen.

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Der Stelvio-Nationalpark fordert uns, er zehrt, er haut um, und er überrascht. Nach der Bocchetta di Pendelo schießen wir plötzlich über einen flowigen Wiesenpfad, bevor uns in der nächsten Kurve extrem abschüssige Spitzkehren tief blicken lassen. Bei aller Konzentration grüble ich über die Worte: abschüssig, Kämpfe austragen – welch’ Glück wir haben, dass wir das Vokabular so harmlos einsetzen dürfen. Das sieht auch Alberto so, der ebenfalls für eine Sache kämpft. Der Mann – halb Hipster, halb Hippie – hat mit Ride Clean ein Projekt gegründet, das Biker für das Naturschutzgebiet sensibilisieren soll. Er grinst in seinen pechschwarzen Kräuselbart: "Das bedeutet aber eben nicht, dass wir die Wege flowig putzen. Ganz im Gegenteil", meint er.

Das betont er auch am nächsten Tag im Sunny Valley, oberhalb seines Heimatdorfes Santa Caterina: "Das sind alte Pfade, und sie sollen auch alt bleiben." Die Gondel hat uns von 1738 Metern im Tal fast 1000 Höhenmeter nach oben gehievt und direkt auf einen Trail ausgeleert. Einen Natur-Trail, betont Alberto. Seine Ini­tiative soll den Bikern genau das bewusst machen. "Die Wege sind so, wie sie sind, und wir werden sie nicht einfacher shapen. Die Leute sollen verstehen, wo wir uns bewegen und die Natur entsprechend wahrnehmen und respektieren." Bike-Ballermänner werden hier nicht ihr Shredder-Handtuch ausbreiten. Doch wer denkt, dass Alberto mit angezogener Bremse durch die Landschaft trudelt, irrt. Der 36-Jährige tritt an und zieht auf dem Dynamite-Trail davon – schon wieder ein alter Militärweg, auf dem die Truppen einst Munitionsnachschub hochkarrten. Uns hingegen erwartet hinter der Kurve eine friedlich mähende Schafherde mit Eseln und Hirtenhund. Der Trail auf der anderen Seite des Gavia-Passes geht genauso abwechslungsreich weiter: flüssige Fahrten unterbrochen von Rumpeleien, kniffligen Ecken und abfallenden Kanten. Schnell durchrauschen ist nicht. Und das ist auch gut so. Das ist kein Bikepark, wir sind in einem Naturpark. "Mit Risiko solltest Du hier nicht fahren", meint Alberto. "Wenn was passiert, dann ist es nicht so einfach, Dich hier rauszuholen."

Kräftig durchgeschüttelt, aber heil und verdammt glücklich sitzen wir am Ende in Santa Caterina beim Espresso, und unser Hippie-Hipster wird zum Historiker. Alberto erzählt, wie die Region einst von ihrer strategischen Top-Lage profitierte. Durch das Valtellina führten wichtige Handelsstraßen, die den Bewohnern der kargen Berglandschaft blühende Geschäfte bescherten. Doch auch der Boden diente als Geldquelle – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Heilwirkung des Thermalwassers am Fuße der Rätischen Alpen schätzten schon die Römer, und so wurde Bormio vor Jahrtausenden zum Kurort. Die Italiener kombinieren bis heute ihre Sommerfrische in den Bergen mit heißen Thermenbesuchen – so wie die durchgerüttelten Biker und passgeprüften Rennradler.

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Am Zebrù-Scheitel eröffnet sich dem Biker das ganze Ortler-Kamm-Spektakel. Zum über 3000 Meter gelegenen Passo muss man sich aber erst einmal heraufarbeiten.

Auch in Santa Caterina entdeckte man 1698 eisenhaltige Quellen. Der Tourismus boomte, man füllte das Heilwasser in Flaschen und verdiente gutes Geld. Dann kamen die Kriegsjahre, und um 1950 versiegten auch noch die Quellen. Heute lebt Santa Caterina vom Sport- und Naturtourismus, von Bergsteigern und Schmetterlingssammlern. Und natürlich von den Radfahrern. Die ehemalige Acqua Teca im Dorfzentrum hat Alberto mit Freunden in einen Bikeshop verwandelt, um den sich ein Kindertrainingsgelände rankt. Was die Skischule im Winter, ist inzwischen die Bike-Schule im Sommer. Am nächsten Tag rollen wir direkt daran vorbei und quatschen noch entspannt über den Laufradnachwuchs, der uns in ein paar Jahren wohl alt aussehen lassen wird – bis der Anstieg zum Rifugio Pizzini beginnt. Kleiner Gang statt Smalltalk und auch mal schieben in den Rampen. Man hätte sich ja auch shuttlen lassen können. Aber sobald wir in den flacheren Passagen aufblicken, bereuen wir nichts. Das Parkpanorama in all seiner Weite, die Gletscherarena oben, die Weidelandschaft unten, all das verdient es, aus eigener Kraft erfahren zu werden.

Nach knapp 1000 Höhenmetern sitzen wir Polenta-schaufelnd auf der Pizzini-Hütte. Über uns thront Il Gran Zebrù, die Königsspitze. Mit 3854 Metern fehlen ihr nur knapp 51 Meter zum Ortler. Uns fehlen noch 300 Höhenmeter zum Passo Zebrù – und die haben es in sich. Die Beine sind müde, die Luft dünn, die Polenta schwer, der Weg unfahrbar. Wir schieben, schultern und schnaufen uns nach oben. Dann kommt der Sattel auf 3005 Metern – und alles ist egal. Alles. Alles. Die Kulisse ist unfassbar. Das Tal, auf das wir tief hinunterblicken, schneidet sich spektakulär durch den Ortler-Hauptkamm. Grauer Fels, weiße Schneeflecken, schimmerndes Grün – und rechter Hand wieder ein dünner Strich am Hang: unser Trail.

Die ersten Meter sind eine Ansage. Doch dann folgt eine Sensationsabfahrt, die nur von einigen Schlüsselstellen, Durchschnauf- und Staunmomenten ausgebremst wird. Unsere Körper schütten schubweise Glückshormone aus, und wir schütteln am Ende nur noch den Kopf. Wir blicken zurück – ohne Worte. Wir wissen, was der andere sagen will. 


Sissi Pärsch, BIKE-Touren-Autorin:
Da kurbeln die Leute die 48 Kehren auf das Stilfser Joch, aber schon die 90 Höhenmeter zur süßen Garibaldi-Hütte auf der Dreisprachenspitze legt kaum mehr einer zurück. Eine halbe Stunde später war auf der Bocchetta di Forcola dann keine Menschenseele mehr zu sehen – dafür aber vier Steinböcke oben am Grat.

Sissi Pärsch

Sissi Pärsch, BIKE-Testerin und -Autorin


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Sissi Pärsch am 28.01.2018