Seite 1: Italien: E-Mountainbike Trails um Massa Marittima

Toskana: El Dorado für Trail-Jäger auf dem (E)-Bike

  • Holger Meyer
 • Publiziert vor 4 Jahren

Mitten in der Toskana, rund um Massa Marittima, entdecken wir ein E-MTB-Eldorado der Extraklasse. Die Trails sind so perfekt, daß man sie einfach gefahren sein muss.

Mit einem vollen Glas Rotwein und einem randvollen Biker-Herz sitze ich am Kamin. Ich bin in der Toskana und habe einen absolut ausgefüllten Tag hinter mir. Verdammt, es hat mich voll erwischt. Niemals hätte ich das gedacht. Niemals. Und jetzt? Bin ich hier in Massa Vecchia, wo ich schon seit 15 Jahren immer wieder hinfahre, und habe eine Premiere hinter mir: Ich habe es getan. Ich war auf dem E-MTB unterwegs – und bin verdammt glücklich. James Bond hat uns einst gewarnt: "Sag niemals nie." Man lernt nie aus. Und das ist gut so.

Meine Augen gleiten über den Horizont und sehen die Sonne im goldenen Meer versinken. Der Himmel leuchtet orange. Wie eine riesige Seerose schwimmt die Insel Elba vor mir. Die Szenerie an diesem wunderbaren Trail am Meer wirkt magisch – und das auch, weil es wie von Geisterhand bergauf geht. Ich keuche nicht, sondern trage ein breites Lächeln im Gesicht. Nicht falsch verstehen: Mein Puls ist durchaus erhöht und mein Atemzugvolumen deutlich höher als beim Cappuccino-Trinken. Aber ich fahre garantiert doppelt mein normales Tempo – und somit doppelt sich meine normale Strecke. Fabrizio, Ernesto, Markus, Maxi und ich sind allesamt Mountainbiker. So Richtige. Doch in dieser Woche haben wir uns Unterstützung von Bosch & Co. geholt. Bis zum Meer haben uns die E-MTBs heute getragen. Hin und zurück. 45 Kilometer einfach. Und ganz ehrlich: E-MTB ist leider geil.

Italien: E-Mountainbike Trails in Massa Marittima

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Mitten in der Toskana, rund um Massa Marittima, entdecken wir ein E-MTB-Eldorado der Extraklasse. Die Trails sind so perfekt, daß man sie einfach gefahren sein muss. Und wer’s nicht glaubt, der muss zu seinem Glück gezwungen werden.

Wir folgen Fabrizio blind. Er kennt die Gegend hier wie seine Westentasche. Wir rocken den Bandite, einen Trail, der Teil der Enduro World Series hier in Punta Ala war. Es geht ruppig zur Sache: Auf Stein folgt wildes Wurzel-Ratatouille. Dann wird es flowig, und es öffnet sich der Blick aufs Meer. Das ist die toskanische Vielfalt, die ich so liebe: Auf dem Weg hierher waren wir noch im dichtesten Wald unterwegs. Einem Labyrinth, in dem man sich ohne ortskundige Führung verliert. Gut, dass wir Fabrizio haben. Er ist Etrusker und arbeitet bereits seit 20 Jahren in der Massa Vecchia – als Bikeguide, Trail-Bauer, Mechaniker und Baris­ta. Ein Mann, mit dem man getrost auf E-MTBs durch die toskanischen Wildschwein-Wäldertunnel schießen kann.

Ich löse meinen Blick vom Meer und konzentriere mich auf den technischen Trail bergab. Enge Kurven wollen unseren schweren E-MTBs an den Kragen. Aber sie rocken das locker. Genauso, wie mit ihnen die Schotterstrecken kurzweilig werden. Ich versuche, mich immer wieder zu sträuben. Das kann doch nicht sein, dass E-MTB so viel Spaß macht – und so viel Sinn. Vor allem hier in der Gegend um das Landgut

Massa Vecchia, das Ernesto vor 30 Jahren hier aufgebaut hat. Inmitten der Hügellandschaft, zwischen wilden Wäldern und sanften Sandbuchten, bietet sich ein Traum-Terrain für Biker. Das wusste Ernesto schon einst, und er wusste auch vor allem, wie viel Spaß das E-MTB bringt. Vor allem auch weit vor mir. Eigentlich müsste man jeden Biker zwingen, hier mit dem E-MTB Urlaub zu machen. Ein Zwangsurlaub, der dir garantiert die Augen öffnet.


Aus Ernst wurde Ernesto und aus Massa Vecchia ein Bike-Mekka. in 30 jahren hat der charismatische Schweizer hier seinen Bike-Mikrokosmos aufgebaut. Schon vor fünf Jahren entdeckte der Visionär das Potenzial des E-MTBs.

Ernesto Hutmacher, 65, Massa-Vecchia-Gründer

Ernesto hat sein E-MTB-Testcenter inzwischen perfektioniert. Es hat ja nicht nur Vorteile, mit Motorunterstützung unterwegs zu sein. Sind die Akkus leer, sind kurz darauf auch die Beine leer. Um einen kompletten, ausgefüllten E-MTB-Tag erleben zu können, braucht man also Wechsel-Akkus. So liegen auf unserer heutigen Tour zum Meer in einem Café in Puntone Akkus für die Rückfahrt bereit. Doch das Haushalten mit dem Saft muss auch gelernt sein. Mitten in einer fiesen Feuerschneise rutscht der Balken auf meinem Bosch-Display auf einen Balken. Ich schlucke, wechsle von Turbo auf Eco und frage Markus und Maxi nach ihrer Modus-Strategie. Auch sie fahren bereits auf Reserve. Immerhin: Das Schöne am E-MTB ist, dass man sich entspannt unterhalten kann und somit genug Luft hat, die Akku-Ladung und alle möglichen technischen Details ausführlich zu diskutieren – noch …

Es reicht! Wir landen am Aussichtspunkt. Von hier oben blickt man auf die längste Zypressen-Allee der Toskana. Schnurgerade führt sie auf ein prächtiges Anwesen zu, inmitten dieses wunderschönen Landstrichs namens Maremma. Einst war das hier eine feuchte Sumpflandschaft, in dem Moskitos und Malaria kreisten. Erst unter Mussolini wurde die Region trockengelegt und fruchtbar gemacht. Heute ist sie bekannt für Wein, Wildschwein und Wildnis. Keine schlechte Kombination. Und noch besser: Es gibt hier immens viele Trails, die das Team um Ernesto und Fabrizio mit viel Liebe und Schweiß auf Biker getrimmt haben. Mit den E-MTBs kann man sie auch ausschweifend genießen. Deshalb wechseln wir bei einem Espresso schnell die Akkus.

Abwechslung von den toskanischen Waldtunnel-Trails: Von diesem Zypressen-Trail oberhalb des Lago di Accesa blickt man tief in die toskanische Hügellandschaft.

Auf dem Rückweg vom Meer ins Landesinnere wird der Lorbeerwald wieder dichter. Wir schlagen uns wieder hinein ins Unterholz und hinein in den Fahrfluss. Wir hören einander laut den Trail-Verlauf kommentieren. Perfekter Boden, spannende Trails und dazu das richtige Material. Gerade in den hügeligen Trail-Passagen von Gavorrano macht sich der Vorteil des Antriebs bemerkbar. Schotterpassagen ziehen fast schon unbemerkt an uns vorüber. Im Mofa-Tempo können wir die grandiose Landschaft genießen und uns kurz unterhalten, bis der nächste Trail schon wieder abzweigt.

Mit E-Antrieb erhöht sich der Erlebniswert einer Tour um ein Vielfaches. Wir alle lieben das Biken – was, wenn man nun plötzlich davon noch mehr in seinen Tag packen kann? Wenn man Plätze erreicht, die sonst nicht realistisch waren – zumindest nicht ohne Qual oder stundenlanges Treten? Und das, ohne die Herausforderungen zu verlieren oder Spannung einzubüßen. Der Motor lässt uns nicht nur zig Trails erkunden, er liefert zudem leider geilen Bergauf-Flow. Für uns wird der Fahrspaß bei diesen Toskana-Tages-Touren dermaßen erhöht, dass wir es nicht glauben wollen: Trails, die wir normalerweise mit 7 km/h fahren, bewältigen wir mühelos mit 15 km/h. Die Abfahrten sind genauso spaßig wie mit dem normalen Bike, aber für mich liegt die Essenz der E-MTB-Erfahrung in der Auffahrt!

Folgendes Beispiel: Vor uns liegt diese Feuerschneise, die eigentlich nur mit dem Traktor zu bewältigen ist. Wir nicken uns kurz zu: "Kann man ja mal probieren", – und fahren die Rampe hoch. Klar, wir sind im Turbo-Modus, und es ist eine gute Portion Fahrtechnik gefordert, doch es ist machbar. Das E-MTB als Möglichmacher. Genauso gehen wir die Freeride-Strecke in Massa Vecchia an, bei der man normalerweise eine Stunde bergan strampelt oder sich shutteln lässt. Wir suchen uns mit den E-MTBs einfach die steilste Forststraße, schalten auf Turbo-Modus und fliegen in zehn Minuten zum Gipfel. Oben denke ich mir: "Der Motor ist eine bewusstseinserweiternde Maßnahme."

Eines ist klar: Diese Feuerschneisen, die sich schnurgerade quer durch die Hügel der Toskana ziehen, kann man mit normalen Bikes allenfalls schieben. Und selbst im Turbo-Modus haben wir hier zu kämpfen. Ohne Top-Fahrtechnik keine Chance.

Nach Stunden des Spielens im Wald, nähern wir uns Massa Marittima. Der Ort thront oben am Berg, noch ein, zwei Hügel liegen zwischen uns. Zum Abschluss lockt eines von Fabrizios Trail-Meisterwerken: der Canyon. Er ist super flowig angelegt und hat perfektes Gefälle. Nie zu steil und nie zu flach, verläuft er komplett in einem Graben mit vielen Anliegerkurven und kleinen Sprüngen. Am Ende spuckt er uns mit dem inzwischen eingemeißelten E-MTB-Grinsen auf der Straße aus, und wir treten entspannt zurück zum Agriturismo.

Maxi winkt kurz. Er will noch schnell Geld abheben. Er sei gleich wieder bei uns, sagt er, und biegt rechts nach Massa Marittima ab. Die Pasta türmt sich auf den Tellern vor uns, als Maxi schließlich einstrampelt. Sein Geldbeutel ist wieder voll – aber der Akku leer. Die 200 Höhenmeter zur Bank musste er auf dem 23-kg-Bike aus eigener Kraft bestreiten. Maxi braucht noch ein wenig Übung in Sachen

Akku-Haushalt. Dafür kann er seinen Körperhaushalt hier perfekt wieder in Einklang bringen.

Am Abend am Kamin ist es wie immer bei mir in der Toskana: Ich bin platt, glücklich, und mein Körper verlangt nach Regeneration in Form von gutem Wein. Doch heute sehe ich auch noch alles doppelt: Doppelt so viele Kilometer und doppelt so viele Höhenmeter hat unser GPS aufgezeichnet. Und auch mein Körper meldet sich doppelt. Nicht nur die Beine haben ihre Arbeit gemacht, sondern auch mein Oberkörper. Beim Bergauffahren ist Kraft und Geschicklichkeit gefragt, und da ist die Muskulatur oben rum ganz schön gefordert. Ich überlege mir, ob das alles wohl auch einen doppelt hohen Weinkonsum rechtfertigt. Salute!

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