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Italien: Stille Touren im Valle Maira

  • Matthias Rotter
 • Publiziert vor 5 Jahren

Das Valle Maira im Piemont gilt als vergessenes Tal. Keine Lifte, keine Parks, kein Halligalli. Alles Gründe für Touren-Biker, die wahrhaft göttlichen Trails rund um den Rocca la Meja zu entdecken.

Wir sitzen fest. Am Südhang des Monte Servagno, einem kahlen Gipfel in den Cottischen Alpen. Drei Schäferhunde umkreisen uns wachsam. Aggressiv schauen die Hunde nicht aus. Jedenfalls nicht, so lange wir stillhalten. Doch bei jedem Zucken fletschen sie die Zähne. "Die machen auch nur ihren Job", meint Michael und grinst dabei ein bisschen gequält in die Runde. Oliver und ich stimmen zu. Am Wegesrand liegt der Rucksack des Schäfers, den die Hunde offensichtlich verteidigen. Doch Rettung naht. Einige Minuten später ist der Bergfex von seiner Herde zu uns heraufgestiegen und hält seine dienstbeflissenen Wach-Bellos im Zaum. Was er zu uns sagt, verstehen wir nicht. Aber sein freundliches Gesicht verrät, dass er sich wohl über etwas Abwechslung hier oben in der Einsamkeit freut. Aus dem wettergegerbten Antlitz blitzen aufmerksame Augen, am Kinn wuchert ein schwarzer Bart. "Colle Vallonetto", sage ich und deute in unsere Fahrtrichtung. Doch eine Unterhaltung mag nicht so recht in Gang kommen. Später werde ich erfahren, dass man in den südlichen Tälern des Piemont selbst mit Italienisch kaum eine Chance zur Verständigung hat. Denn viele Einheimische sprechen Okzitanisch, eine alte Sprache aus dem südfranzösischen Raum. Bald schwingen wir uns wieder in die Sättel und sammeln weiter Höhenmeter. Am Colle Vallonetto blicke ich noch einmal zurück in das traumhafte Hochtal mit seinen weiß getupften Wiesen, wo die Hunde klein wie Ameisen um die Schafe tollen. Was für ein Arbeitsplatz!

Italien: Valle Maira im Piemont

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Das Valle Maira im südlichen Piemont gilt als vergessenes Tal. Keine Lifte, keine Parks, kein Halligalli. Triftige Gründe für Touren-Biker, die wahrhaft göttlichen Trails rund um den Rocca la Meja zu entdecken. Italienisches Dolce Vita inklusive!


Die Roadbooks und die GPS-Daten dieser Touren finden Sie unten als Download:



• Tour 1: Gardetta (49 km, 1972 hm, 6 h) - Roadbook und GPS-Daten
• Tour 2: Monte Servagno (24,4 km, 1250 hm, 5 h) - Roadbook und GPS-Daten
• Tour 3: Elva Trails ( 21,9 km, 1053 hm, 3.30 h) - GPS-Daten



Das Tal ist noch heute gezeichnet von der Abwanderung in den Sechzigern. Mit gerade einmal zwei Einwohnern pro Quadratkilometer zählt das Valle Maira zu den am dünnsten besiedelten Regionen Europas.



Aber die Szenerie jenseits des Kamms ist auch nicht zu verachten. Wolkenfetzen schweben aus dem benachbarten Valle Stura die Geröllhalden herauf. Lautlos zerfasern sie zu mystischen Luftgebilden. Schroffe Bergketten staffeln sich bis zum Horizont. Kein Regisseur der Welt könnte eine perfektere Dramaturgie inszenieren. Einmal mehr spielt die Natur ihr einzigartiges Theater. Und einmal mehr seit wir im Valle Maira unterwegs sind, sitzen wir gratis auf den besten Plätzen. Michael, Oliver und ich haben uns spontan übers Internet zusammengefunden, um einen der letzten weißen Flecken auf der Bike-Landkarte zu erkunden. Okay, ganz blütenweiß ist das Tal vielleicht nicht mehr. Immerhin hatten Michael aus dem oberbayerischen Pfaffenwinkel und Oliver aus München das Valle Maira auf ihrer To-do-Liste stehen. Aber zumindest unter Bikern wird die Gegend noch als Geheimtipp gehandelt.

Im Dorf Marmora muss die technische Neuzeit draußen bleiben.

Am Colle Vallonetto ist es nicht die dünne Luft, die unsere Pulsfrequenz in die Höhe schnellen lässt, sondern der Singletrail, der sich nun links an den Hang klammert. Wir balancieren auf dem schmalen Sims dem Rocca la Meja entgegen. Seine ebenmäßige Felspyramide beherrscht die Gardetta-Hochebene, ein Bergblumenparadies auf etwa 2000 Metern Höhe, ausgepolstert mit sanften Almwiesen. Doch so friedlich die Gardetta heute anmutet, so kriegerisch umkämpft war einst ihr Territorium. Denn wie die meisten Wege rund um die Ebene, wurde auch unser Trail zu militärischen Zwecken in den Berg gemeißelt. Hauptschlagader der Truppen war die Maira-Stura-Kammstraße zwischen dem Colle del Preit und dem Colle dei Morti. Und im Norden diente die Varaita-Maira-Kammstraße als Nachschubweg – heute ebenfalls eine beeindruckende Bike-Tour. In Grenznähe zu Frankreich ist fast jeder Pass mit Bunkern und Geschützstellungen gespickt. Doch durch die gespenstischen Fensteröffnungen und Schießscharten heult nur noch der Wind. Auch unser Höhenweg hinter dem Colle Vallonetto ist militärischen Ursprungs, davon zeugen die mit Mauern befestigten Abschnitte. Wenn man jenem dunklen Kapitel überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann, dass die Wege heute perfekte Biketrails sind. Nur Michael flucht ab und zu vor sich hin, wenn sein Twentyniner mal wieder über den groben Schotter bockt. Er murmelt irgendwas von "zu wenig Federweg". Zugegeben, der schmale Pfad ist ganz schön luftig, da geht man lieber kein Risiko ein und steigt freiwillig an allzu garstigen Stufen ab. Außerdem warten in den nächsten Tagen weitere Trail-Highlights, für die sich das Überleben lohnt.

Mit dem letzten Tageslicht rollen wir in Marmora auf den winzigen Dorfplatz, der zu unserer Pension gehört. Eng drängen sich die trutzigen Steinhäuser um die kaum zwei Meter breiten Gassen. Die Familie Galliano betreibt das
Ceaglio bereits in der zweiten Generation. Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche historische Bilder, Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte aus dem Tal zusammengetragen, die nun das Ambiente rund um den Dorfbrunnen bestimmen. Der Ort ist eine wunderbare Symbiose aus Vergangenheit und Gegenwart. Nach dem Abendessen treffen wir uns in der rustikalen Bibliothek mit Peter Vogt. Der Schweizer entdeckte vor 14 Jahren im Urlaub seine Liebe zum Valle Maira. Seine Sehnsucht nach diesem Kleinod in den Piemonteser Bergen war so groß, dass er immer wieder herkam und inzwischen praktisch zur Familie gehört.

"Das Mountainbike war schon damals ideal, um die Region zu erkunden", erzählt er bei einem Kräuterlikör. "Aber andere Biker gab es außer mir so gut wie keine", fügt er schmunzelnd hinzu. Auf seinen Streifzügen begann Peter Stück für Stück, die Trails zu erkunden, und zwar nach dem Trial-and-Error-Verfahren. "Die einzige bekannte Tour führte über die Gardetta-Hochebene. Dort kamen die ersten Westalpendurchquerer vorbei", erzählt der ehemalige Chemiker weiter. Die Tour über die Gardetta ist auch sein Tipp für den nächsten Tag, allerdings verfeinert mit einer Variante, die Singletrail-Fans die Tränen in die Augen drücken dürfte. Während die klassische Route beim Rifugio Gardetta kehrtmacht und in einem Bogen hinüber zum Colle dei Morti führt, überqueren wir geradeaus den Passo della Gardetta. Dort kippt ein Traumpfad in die Vertikale, der erst nach vielen Kilometern an der Alp Prato Ciorliero ausklingt. Vorbei an einigen monströsen Bunkern sorgt der Singletrail nach jeder Kurve für Abwechslung im Fahrwerk. Enge Serpentinen, Technikpassagen, dann wieder ein einziges Dahingleiten. Irgendwann kommt uns eine Gruppe Biker schiebend entgegen. Doch für Mitleid bleibt keine Zeit. Adrenalin mischt sich mit Glückshormonen zu einem süchtig-machenden Cocktail. Derart aufgeladen fällt uns die Entscheidung für einen weiteren Trail-Abstecher leicht. Zumal der kurvenreiche Anstieg zum Colle Ciarbonnet dank freundlicher Steigung außerordentlich genussvoll zu fahren ist. Von der Passhöhe aus reicht der Blick bis zum Talschluss. Dahinter liegt schon Frankreich. Von dort kamen auch die ersten Siedler über den 2700 Meter hohen Colle del Sautron ins Valle Maira und brachten die Okzitanische Sprache mit. Die Blütezeit des Tals ging jedoch nach dem ersten Weltkrieg erst einmal zu Ende, als große Teile der Bevölkerung abwanderten. Wenngleich heute der Tourismus wieder für einen kleinen Aufschwung sorgt, zählt das Valle Maira zu den am dünnsten besiedelten Regionen Europas. Der Singletrail vom Colle Ciarbonnet nach Saretto zeigt ein ganz anderes Gesicht: griffiger Waldboden, wilde Wurzelpassagen und Serpentinen bis zum Abwinken. Dauergrinsen und High Five am Dorfbrunnen in Saretto. Kann das wirklich wahr sein?

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