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BIKE-Revierguide Italien: San Martino di Castrozza BIKE-Revierguide Italien: San Martino di Castrozza

BIKE-Revierguide Italien: San Martino di Castrozza

Geheimtipps: Bike-Touren in San Martino di Castrozza

Gitta Beimfohr am 11.10.2016

San Martino liegt mitten in den Dolomiten, wo sich viele Touren-Klassiker um die Felsformationen ranken. Marc Schneider war nun im Herbst dort und hat sich die echten Geheimtipps zeigen lassen.

Das letzte Mal habe ich Maurizio inmitten des ganzen "Tschingderassa Bumm Bumm" der BIKE-Transalp getroffen. Lautsprecheransagen! Musik! In den Gassen von San Martino di Castrozza hat es vor Bikern nur so gewimmelt. Wir waren beide in die Organisation des Rennens so eingebunden, dass an eine gemeinsame Feierabendrunde nicht zu denken war. "Du musst halt im Herbst noch mal kommen, dann zeige ich Dir ein paar Trails abseits der Transalp-Strecke", hatte Maurizio zum Abschied gemeint. Und hier bin ich nun. Es ist bereits Ende September, die Bike-Saison in San Martino di Castrozza neigt sich dem Ende zu. Maurizio hat sein Hotel jetzt für ein paar Wochen zugesperrt. Neben den Renovierungsarbeiten bleiben ihm endlich ein paar Stunden Zeit, um selbst aufs Bike zu steigen. Doch nicht nur sein Haus, der ganze Ort, auf 1500 Metern Höhe an der Bergstraße zum Passo Rolle gelegen, ist in den Herbstschlaf gefallen. Fensterläden sind zugeklappt, die Straßen leergefegt. Ich habe wohl die ruhigste Zeit des Jahres erwischt, aber sicher nicht die schlechteste. 

Unten im Tal, in Fiera di Primiero, habe ich ein Hotelzimmer bekommen. Und biken kann man hier noch überall. Das hat die Runde, die wir gerade gedreht haben, eindrucksvoll bewiesen. Die letzten zwei Stunden ging es zum Greifen nah an den Westwänden der Pale di San Martino entlang. Unterhalb des Sass Maor, einem der markantesten Zacken des Massivs und seiner Nachbarspitze, der Madonna, deren Schleierkante ihr die Umrisse einer Klosterfrau verleiht. Es ging über flowige Trails und ruppige Waldwege dahin, aber auch bissige Rampen hinauf. Genau, was ich sehen wollte: die andere, nicht Transalp-erprobte Seite von San Martino. Und nach eben dieser Essenz spuckt uns der Bergwald jetzt wieder aus. Die Sonne schickt endlich ein paar Strahlen auf die Almwiesen der Westseite. Erst jetzt, gegen Mittag, hat sie es um das Dolomitenmassiv herumgeschafft. Maurizio hält an, um die Wärme in die Poren eindringen und den Blick auf San Martino di Castrozza wirken zu lassen. Zwei Stunden lang haben wir keine Menschenseele getroffen. Da waren nur der Wald, die Trails und wir. Mein Magen knurrt. "Hunger? Dann komm!" Tatsächlich findet Maurizio in all den hochgeklappten Gassen von San Martino noch eine Pizzeria, die den Holzofen eingeschürt hat.

BIKE-Revierguide Italien: San Martino di Castrozza

So flowig beginnt der MTB-Trail von der Malga Tognola hinunter. Der weitere Weg ins Vanoi-Tal wird ruppiger.

Am Nachmittag gibt es eine kleine Zugabe. Wir steigen ins Auto und kurven den Passo Rolle nördlich von San Martino hinauf. Von hier aus geht es mit den Bikes weiter zur Malga Juribello auf der anderen Seite des Passes. Ein buckeliger Teppich aus mittlerweile herbstlich angegilbten Almwiesen breitet sich vor uns aus. Darauf eine Hütte, die im Sommer bewirtschaftet wird, und ein paar Ställe. Selbst die Kühe wurden schon ins Tal getrieben. Wieder sind wir ganz allein hier oben. Maurizio zeigt auf die Waldgrenze unterhalb der Hütte: "Da hatte Stradivari das Holz für seine Geigen her." Gehört habe ich von dem edlen Holz "Legno di Risonanza" schon. Wobei ich jetzt ein bisschen enttäuscht bin, denn dieser Fichtenwald sieht aus wie jeder andere. Für satte Töne sorgt hier gerade nur das Farbenspiel der Natur. Ganz rechts zeigt uns die Marmolada, der mächtigste Dolomitengipfel, ihre rötliche Schulter. Hinter uns, an den Pale die San Martino, regelt die Nachmittagssonne bereits die Grauwerte herunter. Die Luft wird kälter, das Licht der Berge wärmer. Herbst eben. Unser Weg führt schließlich geradeaus durch den Wald ins Tal hinunter. Erst am Ende der Abfahrt setzt ein kurzer, ruppiger Trail ein fahrtechnisches Ausrufezeichen für diesen Tag. Eigentlich wollten wir übers Val Venegia zum Passo Rolle zurückfahren, doch wir haben uns verquatscht und die Zeit vertrödelt. So fällt der berühmte Transalp-Abschnitt für uns heute aus. Wir rollen auf direktem Weg auf der Pass-Straße zum Auto.

Beim Abendessen wird aus der für morgen geplanten Tour ein Projekt. Große Konferenz. Giuseppe ist dazugestoßen. Er ist der Kopf der Transalp-Organisation vor Ort. Etwas abgehetzt rutscht auch Massimo de Bertolis später mit seinem Stuhl an unseren Tisch. Der Marathon-Weltmeister von 2004 und Transalp-Sieger der Masters-Kategorie ist ebenfalls im Primiero-Tal zu Hause und wie alle anderen in dieser Runde ein ausgewiesener Kenner der Region. Schon nach der Vorspeise wird die Karte auf dem Tisch ausgebreitet. Finger wuseln über die eingezeichneten Wege. Ich mische mich nicht ein, nur einmal, als die Option "Trail oder nicht Trail?" auf den Tisch kommt, plädiere ich für den Fahrspaß, trotz eines Ex­trapacks an Höhenmetern. Alle nicken, die Karte wird zusammengeklappt, der Hauptgang serviert.

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Der Weltmeister muss am nächsten Morgen leider passen. Dafür steht Loris, mein italienischer Partner für die Transalp-Streckenplanung, auf der Matte. Der hat gleich Walter, seinen Nachbarn aus Arco, mitgebracht. Ein Anruf hatte genügt, und die beiden haben sich auf den Weg gemacht. Maurizio verzurrt die Bikes auf dem Dach seines Jeeps. Die Expedition kann beginnen. Es geht hinauf zur Malga Tognola, an der Panoramascheide zwischen Dolomiten und Lagorai. Da hinten noch kupferbraune Zacken, da vorne bereits graue Pyramiden – und rechts eine Hütte mit angeheizter Kaffeemaschine.

"Normalerweise shutteln Biker mit der Gondel hoch. Der Lift endet direkt am Eingang der Downhill-Strecke – nur jetzt ist er leider schon außer Betrieb", erklärt Maurizio bei einem Espresso. Wir interessieren uns aber ohnehin nicht für die Bikepark-Strecke nach San Martino zurück, sondern für das Neuland auf der anderen Seite des Passes. Zum Beispiel für die Malga Fiamena, die auf einem Aussichtsplateau über dem Vanoi-Tal thront. Hier gibt es leider keine Wirtschaft, nicht mal eine, die schon geschlossen hat. Dafür ein paar Holzstämme, die genügend Sitzkomfort für die mitgebrachte Brotzeit bieten. Dabei schweift der Blick ungestört über die Gipfel der Lagorai. Dann beginnt hier die Abfahrt nach Canal San Bovo mit eben diesem Trail, der gestern zur Diskussion stand. Der Einstieg ist holprig, doch dann folgt eine Spaßbahn durch den Bergwald, deren Flow nur durch ein paar Spitzkehren unterbrochen wird. Erst als wir im Tal wieder aus dem Wald rausschießen, merken wir, wie kühl und dunkel es schon ist. Gerade mal die Bergspitzen stehen jetzt am Nachmittag noch im Sonnenlicht.Heute kramt Maurizio aus seiner Hotelküche, was noch da ist: Rotwein,

Käse, Salami, Speck. Mit dem altbackenen Weißbrot fabrizieren wir ein Krümelmeer am Tisch. Es ist halt keine Saison mehr in San Martino. Und genau diese Stimmung ist einfach unbezahlbar.

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Gitta Beimfohr am 11.10.2016