Schweden

  • Holger Meyer
 • Publiziert vor 10 Jahren

Der Skiort Åre ist ganz anders als der IKEA-Katalog: In der schier endlosen Weite Mittelschwedens finden Biker viel Landschaft, gutes Essen und traumhafte Touren.

Chötbullar faszinieren mich. Schon in unseren heimischen blau-gelben Einrichtungshäusern war ich von den kleinen, runden Fleischbällchen begeistert. Jetzt sitze ich mit Mattias, Jorgen, Janne und Karen im Tottebu und habe diese Dinger auf dem Teller. Nicht Kötbullar, sondern Chötbullar, mit weichem K. Schweden ist eben doch anders als Ikea. Auf der Tageskarte kann ich gar nichts lesen, und zum Glück weiß Karen nicht, was die Schwedische Krone wert ist, als ich ein weiteres Öl bestelle. Öl heißt Bier auf Schwedisch und ist verdammt teuer hier oben. Es ist unser zweiter Abend in Åre, dem größten Skigebiet Skandinaviens.

Es liegt in Jämtland in Mittelschweden, also nicht gerade um die Ecke. Von Hamburg aus sind es gute 1500 Kilometer mit dem Auto. Noch einmal 1000 Kilometer nach Norden, und man steht am Polarkreis. Wir sind zum Biken hier. Åre hat sich das Thema Mountainbike vor ein paar Jahren auf die Fahne geschrieben. Inzwischen gibt es viele Touren, Trails und einen Bikepark, der stark an Whistler erinnert.


So verschieden wie die Strecken sind auch unsere Begleiter: Jörgen steht morgens um vier Uhr auf und schleicht sich aus dem Haus, um an seinem Trail weiterzubauen. Er will nicht dabei gesehen werden, er hat schließlich einen richtigen Job im Wintersport-Business. Janne arbeitet im Winter als Skitrainer für den Nachwuchs der Schwedischen Freestyle- Nationalmannschaft und geht im Sommer biken. Er lebt mit seiner Freundin, seinem Hund und seinen Pferden auf einem Bauernhof etwas außerhalb von Åre. Mattias lebt seit zwölf Jahren in Åre. Er fotografiert überall auf der Welt die Freeride-Skistars. Im Sommer verbringt er so viel Zeit wie möglich auf den Trails. Auch dort zückt er seine Kamera. Etwas haben sie gemeinsam: ihren Verein, die Åre Bergcyclista. Unter diesem Namen vereinen sich 300 Biker aus Åre und Umgebung zu einer starken Lobby. So stark, dass sie die Investoren des Skigebiets überzeugen konnten, einen Bikepark zu bauen. Zum ersten Festival der Bergcyclista im vergangenen Juli kamen schon 600 Biker aus aller Welt.

Ich verabrede mich für den nächsten Tag zum Biken mit Janne, Markus und Klas. Es hat windige vier Grad. Karen und ich tragen Daune, die Jungs kommen im kurzen Trikot. Am ersten steilen Anstieg würde uns sowieso recht warm, sagen sie. Tritt für Tritt sammeln wir Höhenmeter. Oberhalb von Björnen kreuzen wir die Skipiste, dann geht es ins Trail-Vergnügen. Schmal und kurvig, links – rechts, Wurzeln, Steine, es geht tendenziell bergab, aber die kurzen Gegenanstiege tun weh, die Luft bleibt kalt.

“Sonstigen” (Sonnensteig) heißt der Weg, angelegt vor etwa 100 Jahren, als man als Wanderer in Åre tatsächlich noch die Sonne genießen konnte. Inzwischen erhascht man nur noch hin und wieder mal einen Blick durch den dichten Wald auf den See. Egal, das würde eh nur ablenken. Schwierig genug, an Klas und dem Rest der Gang dranzubleiben. Ein paar Kehren weiter unten stoßen wir auf die Trails des Bikeparks. Wir entscheiden uns für Blau und haben Riesenspaß, ein Anlieger jagt den nächsten. Nach viel Flow und ein paar hundert Höhenmeter weiter unten, rollen wir direkt ins beschauliche Åre.

Nach der kurzen Rast geht es wieder hoch. Diesmal mit der Kabinbana. Die einzige Großraumgondel Skandinaviens bringt uns auf den Åreskutan. Hier ist die Aussicht phänomenal. Endlose Weite bis Norwegen, Seen und Flussläufe, die sich in der Ferne verlieren. Kein Baum, kein Strauch hier, knapp 1400 Meter über dem Meer. Alles hochalpine Steinlandschaft, und wir mitten drin. Für den Weg ins Tal wählen wir den Easy Rider. Die Locals nennen den Trail liebevoll Rockrider. Nicht ganz von ungefähr – es rüttelt und scheppert. Etwas weiter unten nehmen wir Kurs auf Jorgens Trail. Ein Stückchen unberührte Natur, durch das sich ein schmales Trail-Band schlängelt und das mit viel Flow und vielen Preiselbeeren. Die Sonne scheint unter einer dunklen Regenwolkenfront hindurch und leuchtet uns das Ende des Tunnels, wir verlieren uns fast im Lichtspiel der Natur. Ich glaube, heute esse ich wieder Chötbullar, egal, was da drin ist …


Den gesamten Schweden-Artikel finden Sie unten als PDF-Download.

Raffiniert bergab: Karen genießt die Aussicht auf dem Easy-Rider-Trail

Regen in Åre, irres Licht auf dem Åreskutan. Im Hintergrund: Norwegen, auch nass

Da lacht das Biker-Herz: Wir weihen einen brandneuen All-Mountain-Trail oberhalb des Bikeparks ein.

Talstation: Die Standseilbahn von Åre ist hundert Jahre alt und transportiert auch Biker.

Themen: Schweden

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