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Island: Laugavegur Island: Laugavegur

Mountainbike-Abenteuer-Tour in Island

Island: Auf dem Laugavegur Trekking-Pfad

Moritz Ablinger am 20.11.2014

Wochenlang gebüffelt für den Schulabschluss – da braucht man wieder frische Luft, dachten sich Moritz Ablinger und Andi Selthafner. Auf dem Trekking-Pfad Laugavegur durch Island wurden sie fündig.

Ich drücke den Auslöser. Nichts rührt sich. Ich drücke erneut, doch die Kamera bleibt stumm. Irgendwann merke ich, dass meine Finger einfach zu kalt sind, um den silbernen Knopf zu betätigen. Ich schüttele meine Hände, stecke sie in die Hosentaschen, versuche die Finger zu bewegen. Endlich kribbelt das Gefühl zurück, doch jetzt ist die Sonne weg. Der Wind bläst graue Nebelschwaden vom Gletscher herüber. Also packe ich zusammen und folge Andis Reifenspuren im Sand. Das Wetter spielt wieder mal so richtig schön mit uns.

Seit eineinhalb Wochen sind wir jetzt schon in Island unterwegs. Dass hier Wind und Wetter darüber entscheiden, ob es ein guter oder ein schlechter Tag wird, macht uns die Natur gleich am ersten Tag klar. 60 Kilometer kämpfen wir uns vom Flughafen Keflavik in die Hauptstadt Reykjavik, gegen einen Sturm, der auf Europas Festland längst eine Orkanwarnung, einen Vornamen und eine Sondersendung bekommen hätte. Also ändern wir den Plan, verwerfen den ersten Teil der Route und steigen gleich in den Bus ins Hochland, nach Landmannalaugar. So sparen wir einiges an Zeit. Vorgenommen haben wir uns den Laugavegur, den wohl bekanntesten Trekking-Weg des Landes. Er führt über 54 Kilometer von den Mondlandschaften Landmannalaugars ins bewaldete Tal von Thorsmörk, verbindet dabei zwei Nationalparks und passiert unterwegs unterschiedlichste Landschaften. "The landscape changes as fast as the weather!" Die Landschaften wechseln so rasch wie das Wetter. Ein Satz, der wohl nirgends so oft gesagt wird, wie hier.

Island: Laugavegur

Die bunten Berge von Landmannalaugar: Hier gibt es Trails für mehrere Tagesausritte.

In Landmannalaugar treffen wir einen Mountainbike-Guide, der hier im Hochland mit seiner Touren-Gruppe Station macht. "Ihr müsst den Trail dort oben probieren. Und den, den Ihr von dort drüben aus sehen könnt. Und könnt Ihr den Gipfeln dahinten sehen?", überschlägt er sich fast mit dem Geben von Insider-Tipps. Obwohl er an uns keinen Cent verdient, liegt es ihm am Herzen, dass wir die schönsten Trails seines Landes entdecken. Letzten Sommer habe er mit dem deutschen Extrem-Biker Harald Philipp einige Szenen für ein Video gedreht, plaudert er. Und diesen Sommer einen Clip für Red Bull.

Neidisch werfe ich einen Blick auf das Equipment der Reisegruppe: 4x4-Truck, Bike-Anhänger, Benzinkocher, Feldbett. Auf unsere Frage nach dem Laugavegur meint er nur: "Unglaubliche Trails, aber mehr wandern als biken …!" Na, mal sehen.

Island: Laugavegur Trekking-Pfad

Bergauf muss man das Bike oft tragen. So wird einem wenigstens mal wieder warm.

In den folgenden Tagen erkunden wir die Trails um Landmannalaugar, die uns der Guide empfohlen hat und merken, dass er nicht zu viel versprochen hat. Allerdings heißt es erst mal, Bikes tragen und schieben, denn wenn man hier einen Wanderweg runterfahren will, muss man ihn zuerst hochlaufen. Schon dabei wird klar, dass die Abfahrt gleich ein Erlebnis wird, mit dem noch nicht einmal die Schweizer Flowtrails mithalten können. Abgesehen von den Lavafeldern ist hier alles fahrbar. Die Wege schmiegen sich teilweise in wadenhohe, natürliche Anlieger, und die Reifen verbeißen sich regelrecht im Boden. Wie kleine Bäche schlängeln sich die Trails durch eine unglaublich bunte Landschaft. Es geht vorbei an Wasserfällen, weißen Rauchsäulen und Wiesen voller Wollgras bis zum nächsten Schaf. Mehrmals stoße ich fast mit einem der großen, weißen Wollknäuel zusammen. Unvermittelt steht immer mal wieder eines in der Landschaft. Nach der Tour freuen wir uns jedes Mal auf ein Bad in einer der heißen Quellen. Aber auch nach einer kalten Nacht im Zelt hilft der überdimensionale Schwimmteich mit bis zu 40 Grad warmem Wasser, die Lebensgeister zu wecken. Leider stellt sich nämlich heraus, dass unsere Ultralight-Schlafsäcke den Temperaturen nicht ganz gewachsen sind. Wir schlafen mit zwei Paar Wollsocken, Daunenjacke, Baumwoll-Inlet, Alu-Decke und einer Wärmflasche. Schnell wird klar, dass die für die Nacht notwendigen Klamotten hier niemals nass werden dürfen. Gar nicht so leicht, bei den Regengüssen, die hier oft und plötzlich wie aus dem Duschkopf übers Land hinwegfegen. Also verpacken wir alles doppelt in Müllsäcke, damit ja nirgends Wasser einsickert. Unsere Klamotten zwischendurch mal zu waschen, steht sogar völlig außer Frage. Wir würden sie nicht mehr trocken bekommen. Lieber riechen wir ein wenig als nass zu erfrieren.

Nach drei Tagen in Landmannalaugar geht es weiter. Der Laugavegur wird von den meisten Wanderern in drei bis vier Tagen absolviert, wir wollen es in zwei schaffen. Auf der ersten Etappe zum See Alftavatn kommen wir zügig voran. Oft können wir sogar bergauf fahren und machen damit ordentlich Strecke. Kaum haben wir

Fotostrecke: Island: Laugavegur Trekking-Pfad

Landmannalaugars bunte Berge hinter uns gelassen, öffnet sich vor uns ein Wahnsinnspanorama. Von einer Kuppe aus überblicken wir eine gigantische Ebene. Aus ihrer schwarz-grünen Fläche sprießen Berge, die aussehen wie Baumstümpfe. Dazwischen liegen spiegelnde Seen und winden sich Flüsse in unzähligen Schlaufen. Und am Horizont strahlt das Weiß von Eyafjalla­jökull und Mýrdalsjökull. "Mich würd’s nicht wundern, wenn jetzt gleich noch eine grüne Elfe übern Weg schwebt …!", merkt Andi staunend an. Doch stattdessen schieben sich von Westen nun dunkle Gewitterwolken ins Bild. Wir müssen uns beeilen, nur führt hier leider ein verblockter Weg ins Tal. Irgendwann beginnt er aber, Spaß zu machen, und so schießen wir im Flow am richtigen Abzweig direkt vorbei. Unter vollem Regenguss pedalieren wir wieder zurück und müssen sogar noch den Fluss furten. Am Alftavatn wirft Andi das Handtuch ins Gras und stürmt als Erster ins Wasser. Nach 100 Metern beginnt er zu gehen, nach 200 dreht er sich um und hebt die Arme. Er steht mitten im See, doch das Wasser reicht nicht mal bis zu den Knien.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf in Richtung Thorsmörk. Anfangs führt der Weg noch über sattgrüne Wiesen, und wir glauben schon fast durch Irland zu fahren. Doch nach mehreren Flussfurten endet das Grün. Jetzt kurbeln wir auf einer Hochlandpiste durch eine Art Steinwüste. Aber nicht lange, dann werden die Steine kleiner, der Boden trockener und es fängt wieder Gras an zu sprießen. Von Irland sind wir jetzt sozusagen direkt in Kenias Steppe gelandet. Mir ist plötzlich auch ganz heiß! Andi hat sich ebenfalls den Fleece-Pullover vom Körper gezerrt. Das Gleichgewicht auf dem Bike zu halten, ist angesichts des nun tiefen, schwarzen Sandes nicht einfach. Gerade in den Kurven rutscht das Vorderrad einfach weg. Die Antriebe der Bikes beginnen zu knirschen. Dann reißt mir die Kette. Doch wir sind natürlich vorbereitet.

Hunger meldet sich, als wir in den Wald von Thorsmörk eintauchen. Links und rechts neben dem Weg wachsen lecker aussehende Pilze und verschiedenste Beeren. Alles blüht, und es riecht wie in einem Teeladen. Der Weg führt jetzt im Zickzack unter niedrigen Birken dahin, ist aber dennoch gut zu fahren.

Hier gefällt es uns. Auch wenn wir hier feststellen müssen, dass das Wasser in Island auch kalt sein kann. Die Wege hier sind ganz anders als die im Norden. Oberhalb der Baumgrenze sehr lose und sandig, dann verblockt und mit Steinen aus vulkanischem Glas übersät. Letztere haben es auf unsere Reifen nur so abgesehen. Am Abend kochen wir mit dem, was der Wald hergibt, also Steinpilzen, Schwarzbeeren, Sauerampfer, und dem, was wir in den Free-Food-Kisten der umliegenden Campingplätze finden. Wer hier abreist, hinterlässt den nicht mehr gebrauchten Proviant in Behältern. So ernähren wir uns vier Tage lang gratis von Nudeln, Reis, Konservendosen, Obst und Gemüse.

Eigentlich endet der Laugavegur in Thorsmörk, doch fast alle Wanderer gehen noch weiter zwischen den Gletschern Eyafjallajökull und Mýrdalsjökull hindurch bis ans Meer nach Skógar. So auch wir. Im Grunde wäre das Ganze halb so wild. Doch der schwere Rucksack mit Zelt, Ausrüstung und wippendem Bike darüber macht jeden Schritt im lockeren Boden zur Qual. Ich weiß nicht, ob es am beißenden Wind liegt, dass meine Augen tränen. Oder doch an dem Bild, das sie nicht fassen können: Direkt neben mir glänzt das tiefblaue Eis des Eyafjallajökull und dahinter stoßen aus breiten Rissen im Boden weiße Rauchsäulen empor. Einfach unfassbar.

Moritz Ablinger

Wenn die Bedingungen auf der Tour mal wieder hart wurden, hasste sich der Österreicher dafür, dass er seinen Schulabschluss nicht einfach – wie alle anderen auch – mit einer rauschenden Party gefeiert hat. (Moritz Ablinger, Autor)

INFOS ZUR TOUR

Die Route Der Laugavegur ist Islands bekanntester Trekking-Weg. Auf 54 Kilometern Länge verbindet er die im Süden gelegenen Naturschutzgebiete Landmannalaugar und Thorsmörk miteinander. Meist wird er von Nord nach Süd begangen, fast alle Wanderer hängen noch eine Etappe ans Meer nach Skógar an. Den höchsten Punkt erreicht der Weg auf der 1116 Meter hohen Fimmvörðuháls-Ebene. Bergauf gibt es nur wenig fahrbare Stücke, bergab ist er oft sehr verwinkelt und technisch anspruchsvoll, meist aber von den tausenden Wanderfüßen perfekt ausgetreten. Beste Reisezeit Ende Juli bis Mitte August. Vorher liegt auf den Pässen meist noch Schnee, danach gibt es zunehmend mehr Niederschlag.

Ausrüstung Warme und regentaugliche Bekleidung verstehen sich von selbst. Noch wichtiger aber sind ausreichend Ersatzteile fürs Bike, da der Verschleiß auf dem oft mahlenden Untergrund immens ist. Und nicht vergessen: einen warmen Schlafsack!

Geführte Tour Das Guiding-Unternehmen Icebike bietet geführte Mehrtages-Touren in der gesamten Region an, mit Gepäcktransport, sogar Jeep- und Heli-Unterstützung. Infos: www.icebikeadventures.com

Infos allgemein www.islandprotravel.de

Den ausführlichen Reise-Report zu Island können Sie unten als PDF herunterladen, in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder die Ausgabe im DK-Shop nachbestellen:

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Moritz Ablinger am 20.11.2014