Griechenland: Von Thessaloniki zum Olymp Griechenland: Von Thessaloniki zum Olymp

Griechenland: Von Thessaloniki zum Olymp

Mountainbike-Abenteuer am Olymp

Julia Hofmann am 28.07.2018

Sommer, Sonne, Ouzo – diese Vorstellung gehört zu Griechenland sitzt. Reist man aber im November nach Thessaloniki und hat passionierte Local-Biker an seiner Seite, kehrt man mit neuen Bildern zurück.

Azurblauer Himmel, Inseln, gegrillter Tintenfisch auf dem Teller und Flipflops an den Füssen – Das ist für mich Griechenland. Doch leider holt uns George in dicker Daunenjacke vom Flughafen ab.

Thessaloniki, Ende November. Okay, zu dieser Jahreszeit hat man auch in Griechenland keine Flipflops mehr an. Aber wir haben schon besonderes Pech. Vor wenigen Tagen hat sich ein massives Tief über dem griechischen Festland ausgeschüttet. Es hat die letzte laue Sommerluft abgesaugt und ist damit gestern weiter gen Osten abgerauscht. "Die Trails oben am Olymp müssen wir leider streichen", eröffnet uns George, als wir auf dem Rücksitz seines Pickups sitzen und in den Stadtverkehr einfädeln. "Die Gipfel sind dick verschneit." Ein kleiner Obstlaster schneidet recht knapp vor uns aus dem Kreisverkehr. George schimpft dem Fahrer gestikulierend hinterher, doch seine Hand und Worte prallen am geschlossenen Seitenfenster ungehört ab. Der junge Grieche grinst. An die geschlossenen Fenster im Winter müsse man sich erst wieder gewöhnen. Wir stauen uns durch den dichten Verkehr in die Innenstadt und bleiben vor Georges dreistöckigem Laden stehen. Es ist eine Mischung aus Bike-Werkstatt, Trail-Planungsbüro und Tour-Agentur. Geschäftsteilhaber Tasos empfängt uns an der Tür, und wir marschieren durch den Laden hinter ihm her. Zunächst an polierten Schaufeln, Spaten und Hacken für den Trail-Bau vorbei, dann werden die Werkzeuge an der Wand filigraner. "Hier in der Werkstatt könnt Ihr gleich Eure Bikes zusammenbauen!", erklärt Tasos und deutet auf ein gut sortiertes Schraubenschlüssel- und Zangenarsenal. "Aber jetzt", Tasos schaut auf seine Armbanduhr, "machen wir erst mal Mittag."

Wir haben George und Tasos auf der Eurobike kennen gelernt. Ihr Sperrholzstand war mit zwei Postern dekoriert, es gab einen Flyer zum Mitnehmen und keine Oliven am Fähnchenspieß. Dafür sah man den beiden bärtigen Griechen ihre Passion für den Bike-Sport schon von Weitem an. Ihr Spezialgebiet: das griechische Festland – und nicht die touristischen Inseln in der Ägäis. Nach wenigen Sätzen war klar, dass wir uns die Trails anschauen kommen, die sie seit einem Jahr in ihren Wäldern hegen und pflegen. Doch bis Holger, Mario, Stefan und ich einen Termin gefunden hatten, wurde es eben leider Ende November.

Griechenland: Von Thessaloniki zum Olymp

Mittags geht es durch die Markthallen zur Lieblings-Taverne. Tasos (rechts im Bild) ist von der IMBA zertifizierter Bikeguide. Auch das nach­haltige Trailbau-Handwerk hat er nach deren Richtlinien gelernt.

Der Weg zur Stammtaverne unserer beiden Guides führt durch die Markthallen mit Fisch- und Fleischhändlern. Wir flanieren durch Torbögen und an kleinen Läden vorbei, die Säcke von Gewürzen und Kräutern anbieten. Man kann riechen, dass die orientalischen Länder nicht fern sind. Mitten in diesem Trubel drückt Tasos die Tür zu einer unscheinbaren Taverne auf und winkt uns herein. Drinnen schiebt er ein paar Tische zusammen und bestellt Ziegenkäse, gefüllte Weinblätter, Fisch und Fleisch in allen Variationen. Dazu gibt’s Raki, das Nationalgetränk der türkischen Nachbarn. "Schmeckt eben besser als Ouzo", grinst George, dann wird er ernst: "Nicht nur der Olymp ist gerade verschneit. Das halbe Trail-Netz, an dem wir den Sommer über geschufftet haben, ist vom sintflutartigen Regen weggespült worden." Egal, so was kennen wir zu Hause auch. Da muss man eben jetzt durch. Jamas!

Drei Stunden dauert die Fahrt am nächsten Morgen Richtung Olymp-Massiv. Man erkennt den 2918 Meter hohen Götter-Thron schon von Weitem an seinen weißen Schneekuppen. Deshalb steuert Tasos die weniger hohen Gipfel des Nationalparks an und stoppt schließlich am Katis-See. Am Ufer dieses kleinen Bergsees startet ein knapp zehn Kilometer langer Trail, der sich im Auf und Ab an einer Bergflanke entlangzieht. Dabei durchqueren wir herbstliche Kiefern- und Laubwälder und leuchtend grüne Lichtungen, die immer mal wieder einen Blick übers Land und die Ägäis freigeben. Das Meer bläst uns frischen Wind herauf, der sich aber überraschend mild anfühlt. Die Sonne und die kleinen Gegenanstiege wärmen zusätzlich, die engen Kurven und Kicker sowieso.

Wir lassen das Laub fliegen. Dass sich unter dem Blätterteppich auch ein paar Wurzeln verstecken, lerne ich in einem kleinen Gegenanstieg, den ich Vollgas hochtrete. Mein linkes Pedal hakt in einer nicht gesehenen Wurzel ein, ich schleudere durch die Luft – und kann gerade noch einen Ast am Trail-Rand greifen. Immer wieder erfrischend so ein Wachmachermoment. Spuren vom Unwetter haben wir bisher keine gesehen. Erst kurz vor dem Dörfchen Panteleimonas müssen wir für etwa 100 Meter absteigen. Hier haben die Regenmassen Furchen in den Trail gespült, Schlammwalzen aufgestaut und Steinbrocken in den Weg gewälzt. Unten am Strand machen wir nur kurz Pause, dann geht es mit dem Shuttle gleich wieder hoch. Noch mal auf 1650 Meter Höhe. "Im Sommer würden wir den oberen Trail-Einstieg nehmen. Der liegt auf über 2000 Metern Höhe", erzählt Georg und reicht uns eine Tupperdose mit Spinat-Teigtaschen. "Die hat meine Mutter für Euch gebacken."

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Am nun folgenden Trohalo-Singletrail haben die Jungs spürbar die Schaufel angesetzt. Solch perfekte Kurvenradien gibt es in der Natur nicht. Immer wieder müssen wir aber auch eine Rampe hoch und uns auf Stufen bergab konzentrieren. Dann folgt der Pfad einem kristallklaren Flüsschen nach Litochoro, wo unsere Unterkunft für die nächsten zwei Tage wartet. Fünf frisch renovierte Zimmer hat das kleine Boutique-Hotel. Wirtin Marouda hat mit ihrem Mann fünf Jahre lang jedes Detail selbst gestaltet. So wie das Vier-Gänge-Menü, das wir am großen Eichentisch serviert bekommen. Das Brot dampft noch vom Ofen, die Dips hat Marouda nach altem Rezept angerührt. Danach folgen Stifado und Fleischklößchen mit Salat, und zum Nachtisch gibt’s selbst gebackenen Kuchen.

Der Berg Kissavos steht da wie gemalt. Seine nicht ganz 2000 Meter hohe Felspyramide ruht auf einem bewaldeten Fundament und macht alle anderen Berge drumherum zu namenlosen Statisten. Laut griechischer Mythologie sind in seiner Gipfelregion die Nymphen zu Hause. Doch statt einem feenhaften Wesen erwartet uns oben ein Biker in Vollvisierhelm und Protektoren: Dimitris, einer der besten Downhiller Griechenlands. Wenn er nicht auf Rennen unterwegs ist, kümmert er sich um die Trail-Pflege am Kissavos. Gestern hat er sogar extra den Laubbläser ausgepackt, um seinen neuesten Downhill-Kurs für uns freizulegen. Zwanzig Minuten lang rollen wir zum Warmfahren einen befestigten Weg entlang, dann zweigt der Downhill links ab. Und zwar steil. Sehr steil sogar. Bis ich mich zum ersten gebauten Sprung runterbremse, sind Dimitris und Mario längst weg. Meine Bremsscheiben glühen, als ich die beiden auf halber Höhe wieder treffe. Und ich bin froh, dass Dimitris in die restliche Abfahrt schöne Kurven in den Wald gezogen hat.

Griechenland: Von Thessaloniki zum Olymp

Die Downhill-Strecke am Kissavos ist nur im oberen Segment gemein steil. Unten hat Trail-Bauer Dimitris wieder entspannte Kurven in den Hang gelegt; die Kopfsteinpflastersträßchen im Bergdorf Panteleimonas.

Zurück in Thessaloniki nimmt uns George noch mit auf den Chortiatis, den 1000 Meter hohen Hausberg der Stadt. Ein Trail durch Hinterhöfe führt uns aus der Innenstadt heraus, bald an Villen mit großen Balkonen vorbei, dann auf gut fahrbarem Trail die Bergflanken hinauf. Kleine Plateaus geben immer wieder einen Blick über Thessaloniki frei. Nur der Wind bläst eiskalt aus dem Norden. Doch das Highlight sind die unzähligen griffigen Wald-Trails, die den Berg umwickeln – und natürlich der Souflaki-Grillimbiss, der ganz unten auf uns wartet.


INFOS THESSALONIKI

Das Revier
Die zweitgrößte Stadt Griechenlands hat etwas mehr Einwohner als Karlsruhe und liegt direkt an der Ägäis, am Thermaischen Golf. Im Waldgürtel rund um die Stadt, aber auch durch Graffiti-besprühte Hinterhöfe, haben sich die Locals ein paar lohnenswerte Trails für ihre Feierabendrunden zusammengesucht, die rege befahren werden. Etwa eine halbe Rad-Stunde entfernt wartet der 1000 Meter hohe Chortiatis, der auch "das Dach Thessalonikis" genannt wird. Der Anstieg ist teils steil und anspruchsvoll, aber die Aussicht und die Vielzahl an Trails, die sich unterschiedlich kombinieren lassen, sind unschlagbar. Einige dieser Trails sind gebaut, andere Abschnitte naturbelassen und mit losem Geröll etwas anspruchsvoller. Ansonsten muss man nur aufpassen, dass man sich auf dem Piniennadelteppich nicht verbremst.

Für größere Bike-Ausflüge übers Wochenende steuern die Locals das 2918 Meter hohe Olymp-Gebirge, drei Autostunden südwestlich der Stadt, an. Auch hier gibt es jede Menge Wander-Trails, die von Mountainbikern befahren werden dürfen. Einigen Trails wurde per Schaufel Flow eingehaucht, andere Pfade – wie der am Kissavos – hat man adrenalinfördernd in die Direttissima gezerrt. Hier haben vor allem ambitionierte Downhiller ihren Spaß.

Anreise
Thessaloniki (SKG) wird von großen deutschen Flughäfen mehrmals täglich angeflogen. Von kleineren Flughäfen wie z. B. Memmingen zwar nicht so oft, dafür aber noch günstiger (Ryan Air). Flugpreis hin und zurück ca. 100 Euro, plus Bike-Transport.

Beste Reisezeit
Mai bis Oktober, wobei es im Hochsommer zu heiß zum Biken ist. Von November bis April liegt auf den höchsten Gipfeln meist Schnee. Darunter ist das Biken zwar gut möglich, aber es weht ein oft kühler Wind.

Geführte Touren & Shuttle
Outline Adventures hat seinen Sitz seit Mai 2016 mitten in der Stadt. Von hier aus organisieren George und Tasos Tages- und Mehrtages-Touren auf dem griechischen Festland, wenn gewünscht auch mit Shuttle. Bike & Bootausflüge auf die Inseln in der Ägäis sind in Planung. Daneben betreiben die beiden auch eine Bike-Werkstatt und Trail-Bau.
Infos: Tel. 0030/2310/270040, www.outlineadventures.com


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Julia Hofmann am 28.07.2018