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4 Islands-Etappenrennen in Kroatien

Bike Ahoi: Marathon als Inselhüpfen

Henri Lesewitz am 13.02.2016

Etappenrennen gelten als elende Schinderei. Das neue 4 Islands über vier Kroatische Inseln versucht nun Extremsport mit Wellness zu verzurren. Ein kühnes Vorhaben.

Die Yacht ist kaum auf das funkelnde Mittelmeer hinausgeglitten. Da eruptiert die Stimmung an Bord in einer Art emotionaler Erektion. Mit einer Mischung aus Faszination und Grusel haben die Rennteilnehmer gerade im pompösen Salon der Beschreibung der morgigen Startetappe gelauscht, als nun plötzlich die Rufe des Bootsmanns vom Sonnendeck hallen: "Delfine! Delfine!" Alle hetzen nach draußen, die Begrüßungs-Snacks noch in den Händen. Tatsächlich. Delfine! Echte, putzige, plantschende Delfine! Die Truppe applaudiert hingerissen, als wäre sie inmitten einer spektakulären Erlebnis-Show. Dabei ist es nur die Fahrt zur Startnummernausgabe. Die Welt des Mountainbikens strotzt vor Events. Touren-Wochen, Trainingscamps, Gebirgsüberquerungen, Rennen, Festivals. Ein Menschenleben würde nicht ausreichen, um auch nur die Hälfte der Veranstaltungen zu besuchen. Freie Auswahl am Erlebnis-Buffet. So schien es. Doch auf eine Idee war noch niemand gekommen: die Verschmelzung von Qual und Genuss. Nicht diese seichte Art Qual, wie sie bei jedem längeren Anstieg durch die Oberschenkel bebt. Und auch nicht die Sorte Genuss, die beim Nuckeln eines Recovery-Shakes aufflackert. Sondern echte Qual und echter Genuss. Das 4 Islands in Kroatien füllt genau diese Lücke. Vier Tage, vier Inseln. Schinden im Sattel, relaxen an Deck. Das Insel-Hopping mit Startnummer ist die ultimative Verquickung von Kreuzfahrt und Etappen-Marathon. Ein Rundumpaket, das die diametralen Gegensätze Entspannung und Selbstzermürbung ins Gleichgewicht zu bringen versucht. Halb und halb, Yin und Yang, Work-Life-Balance. Wie auch immer man es nennen mag.

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Alle von Board: Der Start zur Etappe auf der Insel Rab wurde standesgemäß vom Fährschiff aus inszeniert.

"Awesome!", haucht die US-Amerikanerin Beth Miletich (28), die mit ihren drei Biker-Freundinnen aufgeregt nach Delfinen Ausschau hält. Eigentlich sind die Mädels nach Kroatien gekommen, um ein, zwei Hektoliter Schweiß aus ihren kilometerhungrigen Körpern zu wringen. "Ride Bikes. Drink Beer.", prangt in stolzen Lettern auf den Trikots. Eine hat sich ein Band aus kleinen Ironman-Logos um den Fuß herum tätowieren lassen. Die rot ausgemalten Logos symbolisieren die bisher bestandenen Triathlon-Prüfungen. Beim Briefing im Salon hatten sich die Mädels noch jeden Stein der morgigen Etappe beschreiben lassen. Jetzt wirken sie von den vielen Eindrücken etwas überfordert. Was zuerst tun? In den Sonnenstuhl legen? Oder die Fullys auf die angekündigten Höllenpisten abstimmen? Erst mal ein Erfrischungsgetränk.

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Schnelle Beine, austrainierte Nerven: Die US-Amerikanerin Beth Miletich hatte Spaß.

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In voller Blühte: Obwohl Vorsaison, präsentierte sich die Kvarner Bucht von ihrer kuschelig warmen und kunterbunten Seite.

Etappenrennen sind die Quoten-Hits des Marathon-Sports. Doch so vielfältig die Austragungsorte inzwischen sind, so ähnlich sind stets die Erlebnisse. Man kaut staubige Haferflocken, um dann in überfüllten Flatterbandparzellen auf den Startschuss zur Tagesetappe zu warten. Sobald die hechelnde Menge der ersten Bergflanke entgegenbrandet, geht es los mit dem Laktatschmerz. Irgendwann am Nachmittag eiert man schließlich mit rigoros ruiniertem Mineralhaushalt unter dem Aufblaszielbogen hindurch. Radwäsche, Dusche, essen, schlafen. Dann geht am nächsten Tag alles von vorne los. Wer die ganz hohe Kunst des Quälens zelebrieren will, bucht eine Mehrtageshatz in einem dieser spärlich asphaltierten, überhitzten Länder. Südafrika, Mongolei, Costa Rica. Nah-Tod-Erfahrungen durch Sauerstoffmangel. Magen-Darm-Desaster inklusive. Nur das Universum weiß, warum sich gerade diese Sparte so großer Beliebtheit erfreut. Nun also als Wellness-Variante.

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Immer Vollgas: Nach Stunden im Sattel kann auch mal die Zunge raushängen.

Es ist Mittwochmorgen, kurz nach 9 Uhr. Das Örtchen Bašca am südlichen Zipfel der Ferieninsel Krk dämmert friedlich dem nahenden Saisonbeginn entgegen. Die Hafenbars sind noch zu. Nur die Biker, die sich in den Gassen mit kurzen Aufwärm-Sprints auf Betriebstemperatur bringen, sorgen für einen Hauch von Leben. Um 10 Uhr startet die Etappe. Eurodance-Kracher stampfen. 200 Biker aus 19 Ländern wuseln umher. Ausgemergelte Semi-Profis in grellfarbigen Lycra-Häuten. Graumelierte Helden mit angenaschten Problemzonen. Schlabberhosen-Biker auf übertrieben gefederten Enduro-Brummern. Rennchef Tomislav Zobec (36) hetzt nervös über das Gelände. Zobec, der eine Agentur für Mountainbike-Reisen betreibt, hatte das Rennen im November noch kurzfristig ausgeschrieben, obwohl die Premiere ursprünglich für 2016 angedacht war. Er kennt sich aus in der Gegend. Es ist auch nicht das erste Rennen, das er mit seiner Agentur organisiert. Dennoch wirkt er angespannt. Ein Marathon über vier Inseln ist ein logistischer Kraftakt. Ein Teil der Starter wohnt auf Hotelbooten, die direkt neben dem Start anlegen. Der Großteil aber wird per Sammelfähre von Insel zu Insel geschippert. Jeder Zwischenfall kann das präzise geplante Räderwerk ins Stocken bringen.

"Eine Challenge für alle Beteiligten", grinst Zobec. Die Worte sind kaum zu verstehen. Das Knattern des Führungsmotorrades dröhnt in das Eurodance-Gedudel.

Die Küste von Kroatien ist eine geologische Sensation. Ein Ensemble aus 1246 Inseln, dessen Perle die nördlich gelegene Kvarner Bucht darstellt. Von Deutschland aus sind es keine sechs Autostunden bis dorthin. Trotzdem sind die Inseln vom Massentourismus verschont geblieben. Liebreizende Örtchen kuscheln sich an karge Bergflanken, die aus dem türkisen Wasser des Mittelmeers zu wachsen scheinen. Die Inseln haben kompakte Ausmaße. Weshalb die Etappenlängen des 4 Islands auch nur zwischen 50 und 70 Kilometern sowie 1000 bis 1700 Höhenmetern schwanken. Doch die pointierte Art der Streckenführung garantiert dennoch ein Höchstmaß an körperlicher wie psychischer Belastung.

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Für Kroatien-Guide Sabrina Neuert war das Rennen auch Job.

Erste Etappe, erste Abfahrt: Die Topographie hat bereits beträchtliche Löcher in das Fahrerfeld gerissen. Da schockt eine Fahrtechnikprüfung der Königskategorie. Ein scharfkantiges Trail-Biest, das mehr Ähnlichkeiten mit einem Steinbruch hat als mit einem Weg. Kenner der Region wissen: Die Wege auf Kroatien sind direkt verschwägert mit den berüchtigten Knochenschüttlern der Gardasee-Gegend. Viele schieben, fluchen, stolpern. Doch dann kommen sie: die volltätowierte Amerikanerin Beth Miletich und ihre crazy Team-Partnerin Jordan Salman (34), die ihre Nerven bei jahrelangen Freeride-Ritten in den Wäldern von North Carolina austrainiert haben. Kommen mit Mords-Speed angekachelt in ihren saucoolen "Ride Bikes. Drink Beer."-Trikots und schreien "Yee-haw!!!", als wären sie teufelswilde Cowboy-Bräute beim Zureiten störrischer Mustangs. Die Lycra-Männer hüpfen erschrocken zur Seite und starren mit Schlotterknien dem Duo hinterher. Herrjemine! Was war das?

Es ist Donnerstag, die zweite Etappe ist gerade zu Ende gegangen. Vom Sonnendeck der Yacht ist der Zielbogen zu sehen. Die laue Brise weht ein paar schwache Sound-Fetzen aus den Streckenboxen herüber. Die Andela Lora ist das Prunkschiff des Reiseanbieters Inselhüpfen, der seit mehr als zehn Jahren Bike-Touren in der Kvarner Bucht anbietet. Inselhüpfen ist Partner des 4 Islands und bietet die komfortabelste Art, das Rennen zu bestreiten. Die Gäste bewohnen gediegene Doppelkabinen samt Dusche und Toilette. Im Bike-Raum kann geschraubt werden. Gespeist wird im hochglanzpolierten Salon auf cremefarbenen Polstermöbeln. Ein geradezu feudales Vollverwöhnprogramm im Vergleich zur Pensionensvariante, bei der sich die Biker täglich dem Fahrplan der Fähre unterordnen müssen.

"Herrlich!", schnurrt Louise Hemmes (47) randvoll mit Glückshormonen und lässt sich neben ihrem Gatten Pax Mosterd (48) in die Sofalandschaft fließen. Das Pärchen aus Südafrika war vor Jahren schon mal zum Biken hier. Mosterd ist Event-Manager. Sein Etappenrennen Gardenroute 300 ist eines der größten in Südafrika. Er war es, der Tomislav Zobec während des Kroatien-Urlaubs den Tipp gab, die Inselhüpf-Tour als Rennen auszutragen.
"Ich sagte: Wenn Du es nicht machst, macht es ein anderer", erzählt Mosterd. Und er scheint tatsächlich einen guten Riecher gehabt zu haben. Das 4 Islands, das wird mit jeder Etappe klarer, hat das Potenzial zum Marathon-Hit. Die brachialen Schotterwellen über die Insel Krk. Das herrliche Schlängeln durch die Wälder von Rab. Der Höhenmeterknaller auf Cres. Und dann der finale Sprint über das niedliche Inselchen Lošinj. Alles premiummäßig.

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Ganz schön platt: Hagen Grube war einer von drei Deutschen am Start. Wie er litt auch das Material. Halb so wild, bei so einer Werkstatt-Kulisse.

Es ist Samstag, kurz vor 13 Uhr. Ein Tiefdruckgebiet hat das verschlafene Hafen­örtchen Mali Lošinj gründlich abgeduscht. Die US-Girls Beth Miletich und Jordan Salman huschen yee-haw-johlend unter dem Aufblaszielbogen durch, die Hände in Triumphgeste Richtung Himmel gereckt. Jetzt müssten nebenan im Hafenbecken noch ein paar Delfine aus dem Wasser springen. Aber gut, das wäre vielleicht wirklich ein Tick zu viel des Guten.

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Henri Lesewitz am 13.02.2016