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TransOst 2: MTB-Tour von Dresden gen Osten

TransOst: Eine MTB-Vision bis ans Schwarze Meer

Matthias Rotter/BIKE Magazin am 08.04.2015

Die TransOst ist etwa das Äquivalent zu einer Transalp. Der zweite Teil der MTB-Tour verläuft von Deutschland über Tschechien und Polen. Doch die MTB-Route soll bis ans Schwarze Meer ausgebaut werden.

Das Schild ist an einen Weidezaun genagelt und plärrt uns regelrecht an: "Teren prywatny!!! Zakaz wstepu!!!" Und das mitten in der grünen Landschaft, irgendwo im tschechisch-polnischen Grenzgebiet. Nieselregen. Tief hängende Wolken. Fragende Blicke. Unsere Kenntnisse der Landessprache: ungenügend. Die rote Grundfarbe der Tafel und insgesamt sechs Ausrufezeichen lassen jedoch erahnen, dass es sich höchstwahrscheinlich nicht um eine herzliche Einladung des Landbesitzers handelt. Das Hauptproblem: Der Weg, den wir seit Ewigkeiten entlanggekurbelt sind, hört vor dem Zaun einfach auf. Mitten in der Pampa.

Alles wieder zurück? Angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit keine Option. Jemanden fragen? Aussichtslos. Bis auf drei grobschlächtige Kerle auf einem grotesk überladenen Traktorgespann sind wir seit Stunden keiner Menschenseele begegnet. Und die Typen erwecken auch nicht gerade den Eindruck, als hätten sie verwertbare Informationen für Mountainbiker im Repertoire. Ganz zu schweigen von unseren stark eingeschränkten Möglichkeiten der verbalen Kommunikation. Die Angaben in der Landkarte? Eher zweifelhaft. "Also, laut der gestrichelten Linie muss dort hinten ein Weg sein", orakelt Stefan, einer der Guides, und deutet nach links in Richtung Waldrand. Doch die rund 300 Meter querfeldein werfen das nächste Problem auf: Zwei Tage Dauerregen haben die Wiese in ein respektables Feuchtbiotop verwandelt. Der Ausdruck in den dreckbespritzten Gesichtern der Gruppe verrät, dass sich unsere Lust auf Experimente in Sachen Wegfindung in Grenzen hält. Zum Glück hat Stefan als Guide gewisse Pflichten. Und anscheinend ist sein Tatendrang auch nach rund 2000 Tageshöhenmetern durchs Riesengebirge ungebrochen. "Ich geh’ mal nachsehen, wartet auf mein Zeichen", trompetet er in die Runde und nimmt die Durchquerung des Sumpfes heldenhaft in Angriff. Leider müssen wir ihm zehn Minuten später hinterherwaten. Ach, was soll’s. Es gibt eh keine Steigerung von nass und versaut. Wir wühlen uns weiter Richtung Osten.

Mit Transalp-Pionier Andi Heckmair auf der TransOst

Rückblende. Der Osten. Die wohl einzige Himmelsrichtung, die bei Mitmenschen eine gewisse Sorge hervorruft, wenn man eine Reise dorthin ankündigt. Die Sorgen handeln beispielsweise von Grenzzäunen, Stacheldraht, Kalaschnikows, Bestechungen und wenig Demokratie. Das Ganze garniert mit ungemütlichem Ambiente, komponiert aus Plattenbauten und grauen Industrieanlagen. Zumindest wird einem genau dieses Bild oft vermittelt. Im Gegensatz zu den inflationär kursierenden Schilderungen von Alpenüberquerungen, gibt es über Bike-Touren in den Osten kaum Informationen. Und das, obwohl die Grenzen schon längst nicht mehr verrammelt sind. An geeignetem Terrain für Biker mangelt es dort jedenfalls nicht. Das wird uns schon wenige Kilometer später klar, nachdem wir in Dresden losgerollt sind. Die Pillnitzer Elbhänge sind überzogen mit einem dichten Netz aus Singletrails. Das ständige Auf und Ab ist allerdings alles andere als eine lockere Einheit. Sprich, die Gruppe ist insgeheim froh, als die Guides an der sogenannten Rysselkuppe eine Pause anordnen. Der Aussichtspunkt hoch über dem Elbfluss bietet eine gute Gelegenheit, die Mitfahrer etwas näher kennen zu lernen. Das ist in der Hauptsache eine vierköpfige Gruppe aus Oberstdorf im Allgäu mit Andi Heckmair als prominentestem Teilnehmer. Ja genau, der Andi Heckmair, der 1989 als erster Biker überhaupt die Alpen überquerte. Der mittlerweile 73-jährige Allgäuer ist als einziger Teilnehmer auf einem E-Bike unterwegs. Die Idee, bei der TransOst mitzufahren, kam allerdings von seinem Freund Peter Ege, ebenfalls ein Oberstdorfer Mountainbike-Urgestein. Beide haben selbst schon viele Touren geführt. Und dann sind da noch die Allgäuer Stephan und Franz, die sich von der Ost-Begeisterung der beiden anderen haben mitreißen lassen. Die Truppe komplett machen David, Ingo, Markus und Stefan mit "f", wie dieser informiert. In Teamwork haben sie die Route über viele Monate hinweg ausgekundschaftet. Es ist die Weiterentwicklung der in Szenekreisen legendär TransOst 1.

Fotostrecke: TransOst 2: Die acht Etappen der MTB-Tour

TransOst 2 – der zweite Teil der MTB-Tour gen Osten

So, wie Heckmair als Erfinder der Transalp gilt, ist die Tour das Baby von Stefan und Markus Weinberg. Das ungewöhnliche Vater-Sohn-Gespann hat große Pläne. Bis in einigen Jahren soll es in weiteren Sektionen bis ans Schwarze Meer gehen. "Karpaten, Hohe Tatra, dort gibt es Berge ohne Ende!" Markus gerät schon jetzt ins Schwärmen. Doch auch auf den vor uns liegenden gut 500 Kilometern der TransOst 2 reiht sich ein Gebirge ans nächste. Das Riesengebirge ist in dieser Kette noch das bekannteste, aber nur eines von vielen. Über die Definition von "Gebirge" sind sich Oberstdorfer und Sachsen allerdings noch nicht ganz einig. "Dort hinten kann man schon das Elbsandsteingebirge erkennen", verkündet Markus, und reckt den Arm theatralisch in die Ferne. "Wo? Ich seh’ nur ein paar Buckel", kontert Andi und erntet prompt ein paar Lacher bei seinen Mitstreitern. Klar, wer mitten in den Alpen residiert, ist andere Dimensionen gewohnt. Doch das Lachen über die Buckel sollte der Oberstdorf-Gang in den nächsten Tagen noch vergehen. Ach was, bereits am ersten Abend in Sebnitz sind wir alle ziemlich schlapp. Die Elb-Trails fordern ihren Tribut. Alpenpässe, ja, das sind unsere Beine gewohnt. Aber dieses pene­trante Hoch und Runter, Antreten und Abbremsen ist definitiv eine andere Nummer. Und das belächelte Elbsandsteingebirge wies aus der Nähe betrachtet doch eine unerwartete Höhe auf. Aber eins muss man den Buckeln lassen: Optisch machen die Sandsteinfelsen ganz schön was her. Aufgetürmt zu bizarren Bastionen stehen die Gebilde zu Hunderten in der Landschaft. "Wartet nur, bis wir in Adrspach sind", sagt Markus, während wir von der Basteibrücke auf die tief unter uns dahinfließende Elbe schauen. "Dort erwartet Euch eine noch unglaublichere Felsenstadt." Doch die fünfte Etappe liegt noch in weiter Ferne. Irgendwo Richtung Osten, hinter den nächsten Buckeln.

"Pozor!" Hoppla, ohne das Schild hätte ich die Grenze fast übersehen. Mitten im Wald, eine Brücke über die Kirnitzsch, halbseitig mit rot-weißen Geländern beschrankt. Dabei heißt "Pozor" noch nicht einmal Grenze, sondern einfach nur "Vorsicht". Erst das Wappen der tschechischen Republik bringt Gewissheit. Wir sind drin im Osten. Zack, einfach so. Nix Kalaschnikow. Und die Landschaft sieht keinen Deut anders aus. Nur, dass wir uns jetzt im Lau­sitzer Gebirge befinden. Wir rasten an einer skurrilen Bahnstation, Jedlova, irgendwo im Nirgendwo. Eigentlich ist Ruhetag. Aber die beiden älteren Damen hinterm Tresen haben Mitleid und setzen den Zapfhahn in Betrieb. Wenigstens tschechisches Bier für "Einsfuffzich", das sind rund 40 Kronen. Lecker. Dazu künstlich-süße Waffelkekse und Kofola, eine Art Ost-Cola-Brause, die sich in unserer Beliebtheitsskala noch erstaunlich weit nach oben schieben soll. Derart überzuckert fallen wir dem Glauben anheim, das Tagespensum fast geschafft zu haben. Schließlich ist der Jeschken, ein markanter Buckel mit aufgepflanzter Zipfelmütze, bald schon am Horizont auszumachen. Die Wellen dazwischen übersehen wir alpengewohnt großzügig. Ein fataler Fehler. Denn unser Muskelapparat hat sich längst noch nicht an das landestypische Profil der Erdoberfläche gewöhnt. Und so kommen einige Teilnehmer, inklusive meiner Wenigkeit, am Ende ganz schön auf dem Zahnfleisch daher. Fast schon peinlich, bei einer Gipfelhöhe von sagenhaften 1012 Metern. Die Zipfelmütze entpuppt sich als futuristische Sendeanlage mit integriertem Restaurant. Jetzt aber zackig, die Küche schließt in einer halben Stunde!

Bereits seit dem Start in Dresden sitzt uns ein Tiefdruckgebiet im Nacken. Ein übles, kaltes Ding, wie uns die Wetterdienste täglich via Smartphone versichern. Langsam, aber stetig treibt uns der Wolkenwirbel vor sich her. Doch alle Hoffnung, die Flucht nach Osten könnte gelingen, ist vergebens. Die nassen Tatsachen kommen über uns, als wir mitten im Riesengebirge in der Falle sitzen. Pec heißt der Wintersportort zu Füßen der Schneekoppe, der mit einigen architektonischen Entgleisungen den Charme des alten Ostblocks verströmt. Schneekoppe. Klar, hätte man sich ja denken können. Der folgende Temperatursturz ist gewaltig, es fehlt nicht viel zum angedrohten Weiß in der Landschaft. Da kommt der wärmende Anstieg nach Mala Upa gerade recht. Und normalerweise könnte man sich auch auf den herrlichen Singletrail freuen, der sich oben an der polnischen Grenze entlangschlängelt. Heute allerdings tasten wir uns wie Gespenster durch die Nebelsuppe, kaum zehn Meter reicht die Sicht. Wasser, Matsch, Moder. Das halbe Riesengebirge hat sich mittlerweile auf uns verteilt. Und dann beginnt die Sache plötzlich doch, richtig Spaß zu machen. Einmal komplett eingeschlammt, ist eh alles egal! Die Dreckbrocken fliegen uns nur so um die Ohren, als wir auf der anderen Seite des Gebirges durch polnische Dörfer rasen. Bis uns das eingangs erwähnte Schild jäh ausbremst. Doch im Wald beginnt tatsächlich wieder ein Weg, der uns die letzten Kilometer zur Grenze führt und weiter ins tschechische Adrspach.

Entlang der tschechisch-polnischen Grenze

Erst zwei Tage später bessert sich das Wetter entscheidend, und die Sonne gewinnt wieder die Oberhand. Die Oberstdorf-Gang hat sich längst eingerollt. Vor allem Andi hat meinen vollen Respekt, wie er mit 73 Jahren und teilweise nur einem Akku am Tag mithält. Himalaja-Trips und andere Expeditionen härten eben ab. Zudem sorgt der schlagfertige Bike-Pionier ständig für amüsante Unterhaltung: "Du Sachsen, ich Allgäu." Mal duelliert er sich verbal mit Markus, wenn es um die Dimensionen von Bergen und Gebirgen geht. Mal lässt er uns an haarsträubenden Abenteuern auf seinen Fahrten durch Mongolei und noch fremdere Länder teilhaben. Aber von der Adrspacher Felsenstadt beispielsweise, ist selbst ein weit gereister Andi Heckmair beeindruckt. Auf engstem Territorium recken dort Hunderte Felsnadeln ihre Spitzen in den Himmel. Ein Nagelbrett für Riese Rübezahl, der ganz in der Nähe sein Unwesen treiben soll. Wir passieren polnische Bauerndörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Krzyzanow, Laczna, Szczepanow – die Ortsnamen klingen wie ein Kratzen im Hals. Misthaufen mitten auf der Straße, Hühner flattern beiseite, verwahrloste Hunde fletschen die Zähne, Gänsefamilien kreuzen im Konvoi. Die Armut auf dem Land ist oft ernüchternd.

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Allzu viele Mountainbiker dürften die polnischen Dorfbewohner in ihrer Gegend noch nicht gesehen haben. Sie hätten uns aber sagen können, dass wir auf dem Weg in eine Sackgasse sind …

Schon mal was vom Adlergebirge gehört? Oder vom Habelschwerdter Gebirge? Ich kann nun auf jeden Fall behaupten, über deren Höhenzüge schon mal drübergefahren zu sein. Und habe vom geschichtsbewanderten Stefan gelernt, dass die Gegend bis 1945 überwiegend deutsch besiedelt war. Bis die Bevölkerung vom Regime enteignet und vertrieben wurde. Auch die vielen Bunkeranlagen in der Region sind Mahnmale des 2. Weltkrieges. Ein dunkles Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte und wir mitten drin, auf der Suche nach der Ideallinie auf dem Trail. Irgendwie absurd. Dann gerät nach sieben harten Etappen endlich das Altvatergebirge ins Visier, die letzte Hürde auf der Tour. Der Altvater, in Landessprache genannt "Praded", misst knapp 1500 Meter. Oben stochert eine gigantische Antenne in den Wolken herum. Es zieht wie Hechtsuppe auf der kahlen Kuppe. Der knorrige Niederbewuchs erinnert irgendwie an Sibirien. Die Temperatur leider auch. Schnell noch ein Erinnerungsfoto am höchsten Punkt. Für einen Moment das Zähneklappern gegen ein Grinsen austauschen. Aussicht: sehenswert, wenn es nicht so arschkalt wäre. Nun aber nichts wie runter von dem frostigen Opa. Unglaublich, es geht ab jetzt nur noch bergab.
Finale auf dem Marktplatz von Bruntal: lachende Gesichter, Schulterklopfen, High five. Geschafft! Doch der Blick von Markus und Stefan geht bereits weiter gen Osten. Im nächsten Jahr soll die TransOst 3 ausgekundschaftet werden. Noch 1200 Kilometer bis ans Schwarze Meer.

Die Route der TransOst 2

In Teamwork haben Stefan und Markus Weinberg die Route der TransOst 2 über viele Monate hinweg ausgekundschaftet. Es ist die Weiterentwicklung der in Szenekreisen legendären TransOst 1. So, wie Heckmair als Erfinder der Transalp gilt, ist die Tour das Baby von Stefan und Markus Weinberg. Das ungewöhnliche Vater-Sohn-Gespann hat große Pläne. Bis in einigen Jahren soll es in weiteren Sektionen bis ans Schwarze Meer gehen. „Karpaten, Hohe Tatra, dort gibt es Berge ohne Ende!" Markus gerät schon jetzt ins Schwärmen. Doch auch auf den vor uns liegenden gut 500 Kilometern der TransOst 2 reiht sich ein Gebirge ans nächste. Das Riesengebirge ist in dieser Kette noch das bekannteste, aber nur eines von vielen.

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So soll die TransOst in ein paar Jahren aussehen: Von Deutschland bis ans Schwarze Meer.

Vision: Durch Crowdfunding bis ans Schwarze Meer

Mit dem Bike bis ans Schwarze Meer? Schon bald soll es möglich sein, denn das Team der Transost Challenge arbeitet an einer entsprechenden Erweiterung. Die TransOst 1 startet in Bayreuth, die TransOst 2 in Dresden. Geplant ist eine Aufteilung der 2.900 km und 47.500 Höhenmeter in fünf Teilstücke. Diese sind in je einer Woche, gegliedert in 7 bis 8 Etappen zu fahren. Die Etappen verlangen den Fahrern 50 bis 90 km Spaß und Anstrengung ab. So wird die Transost Challenge in fünf Wochen fahrbar. Unterstützung findet man in Form von geführten Gruppen. Wer es gerne gemächlicher angehen lässt kann wahlweise mit Support fahren oder komplett auf eigene Faust mit Hilfe von GPS-Tracking die Routen der Transost Challenge erkunden.


Mit dem Crowdfunding soll eine eigene App finanziert werden, mit der man die Route nachfahren kann. Mit der App soll der Fahrstand aufgezeichnet werden und mit der Challenger-Liste abgeglichen werden. Und ein Teil des Geldes soll für die weitere Erschließung der Route verwendet werden. Sie soll grob durch den Karpatengürtel und den westlichen Zipfel der Ukraine (1500 km vom Krisenherd entfernt) bis in den Osten Rumäniens an den Zielort Konstanza führen.

Die Transost-Challenge soll eine Route erschließen, um mit dem Mountainbike vom Fichtelgebirge ans Schwarze Meer zu fahren.

Anregungen zur TransOst-Erweiterung zeigt das Video oben.

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Matthias Rotter/BIKE Magazin am 08.04.2015