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Mit dem Mountainbike von der Ruhrquelle zur Mündung

  • Matthias Rotter
 • Publiziert vor 5 Jahren

Seit in den Zechen Schicht im Schacht ist, hüllen sich die Halden des Ruhrpotts in sattes Grün. Zahlreiche Trails verführen zu flowigen Spielchen. Hauptgewinn: eine Etappen-Tour auf dem Ruhrhöhenweg.

Stephan ist verzweifelt. 1799 Höhenmeter zeigt das Display seines Computers am Ende des Tages. Stattlich, für eine Mittelgebirgsetappe! Aber anscheinend gefällt ihm diese Zahl nicht. Anders sind seine merkwürdigen Leibesübungen kaum zu erklären. Er stemmt das Bike über den Kopf. Schaut aufs Gerät. 1799. Er klickt das widerspenstige Ding vom Lenker und schwenkt es durch die Luft. 1799. Wie eingefroren. Er klopft gegen das Display. Zwecklos. Die ersehnte 1800, eine seiner Meinung nach den Strapazen deutlich angemessenere Zahl, bleibt irgendwo in der Elektronik stecken. Seine Kumpels Klaus und Volker schmunzeln. "Wie wär’s mit einem kleinen Anstieg als Nachschlag?" Doch das kommt angesichts der malträtierten Beinmuskulatur heute nicht mehr in Frage. Der Ruhrhöhenweg hat uns fix und fertig gemacht.


Die GPS-Daten der Tour können Sie im Downloadbereich weiter unten kostenlos herunterladen.

Ruhrgebiet: MTB-Tour auf dem Ruhrhöhenweg

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Seit in den Zechen Schicht im Schacht ist, hüllen sich die Halden des Ruhrpotts in sattes Grün. Zahlreiche Trails verführen zu flowigen Spielchen. Hauptgewinn: eine Etappen-Tour auf dem Ruhrhöhenweg.

Viele Wege führen in den Pott – mal abgesehen von den vierspurig-betonierten. Der Logischste für Biker: Man folgt einfach dem Fluss, der für den Namen des Reviers verantwortlich ist. Und damit die Sache keine halbe ist, startet man am besten direkt an seiner Quelle. So weit, so logisch. Da jedoch Am-Fluss-entlang-Radwege kein besonders heldenhaftes Flair verströmen, habe ich den Ruhrhöhenweg für die Fahrt auserkoren, der sich schon alleine durch das „höhen“ im Namen für echte Mountainbiker qualifiziert.

Für Gesellschaft unterwegs sorgen Locals aus dem Ruhrgebiet, die mir quasi im Vorbeifahren ihre Lieblingstrails zeigen wollen. So weit der Plan. Für die erste Etappe brauchte es keine große Überredungskunst, um Klaus Stiller-Marl zu begeistern. „An dem alten Klassiker haben wir uns schon vor zwanzig Jahren mit Starrbikes die Zähne ausgebissen“, schwärmt der Chef des Vereins Haardbiker, als er mit Klaus und Stephan im Gefolge in Winterberg aus dem Zug steigt. Er hätte also wissen müssen, dass der Höhenweg alles andere ist als eine Spazierfahrt. Doch die Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden.

Voller Tatendrang fädeln wir also an der Ruhrquelle in den "XR" ein. Aus diesem lächerlichen Rinnsal soll ein richtiger Fluss werden? Rein rechnerisch müsste es bis zur Mündung ab jetzt 650 Höhenmeter bergabgehen – was aber nur für Treibholz gilt. Den XR kümmert das selbstverständlich kein bisschen, und so lassen die ersten Rampen nicht lange auf sich warten. Gefühlte Ewigkeiten rotiert die Kette im kleinsten Gang. Im Gegensatz zu den Höhenmetern summieren sich die Kilometer in Zeitlupe. Auf den Singletrail-Passagen hakeln widerborstige Brombeersträucher nach Trikot und Hose, Brenn­nesseln brandmarken die Waden. Doch unser Forscherdrang, neue Pfade zu entdecken, ist geweckt: echte Perlen, wie der Höhenweg zwischen Meschede und Freienohl, der garantiert noch nicht viele Stollenreifen gesehen hat. Unglaublich, wie viele Trails sich in den deutschen Wäldern verstecken. Aber das permanente Auf und Ab saugt durstig unsere Akkus in den Beinen leer. 1799. In 50-Höhenmeter-Häppchen. Rhythmus? Vergiss es!

Matthias Rotter Die Hertener Freerider rocken nach Feierabend ihre selbst gebauten Downhill-Strecken auf der Halde Hoppenbruch. Industrial-Ambiente inklusive.

Auf der zweiten Etappe steigt meine Spannung. Neheim, Menden, Schwerte – der berüchtigte Pott rückt näher. Was wird mich im Revier erwarten? "Hundert Schornsteine, aufgestreckte Zeigefinger, Säulen des Rauchhimmels, Altäre des Gottes Rauch. Schienen auf der Erde, korrespondierende Drähte in der Luft. Eine einzige, grausame Stadt aus Stadthäufchen, aus Städtchengruppen. Aber darüber wölbt sich ein einheitlicher Himmel aus Rauch, Rauch, Rauch." So dramatisch beschrieb der Schriftsteller Joseph Roth das Ruhrgebiet im Jahr 1930. Da darf man wohl ein bisschen gespannt sein. Doch alles, was ich auf dem XR weiterhin sehe, ist ein Dschungel aus explodierender Natur. Okay, wir haben 2015, und Klaus hatte mich bereits am ersten Tag meiner Illusionen beraubt: "Wenn Du Ruß und Kohle suchst, bist Du etwa 20 bis 30 Jahre zu spät gekommen. So grün wie jetzt war das Ruhrgebiet noch nie!" Ganze zwei Zechen von ehemals über zweihundert sind heute noch in Betrieb. Und auch deren Tage sind gezählt.

An der Hohensyburg werde ich von einem knappen Dutzend bunt gewandeter Biker herzlich begrüßt. Die Berge rund um das markante Kaiser-Wilhelm-Denkmal sind das Heimrevier der Truppe um Frank Reuber. Seit über 20 Jahren treffen sich die Locals aus dem Dortmunder Süden regelmäßig an Franks Bikeshop und machen die Trails unsicher. Ihre hochgezüchteten Maschinen lassen einiges befürchten. Aber anscheinend ist mein Anblick nach den Torturen auf dem Ruhrhöhenweg so mitleiderregend, dass es die Enduro-Fraktion auf der Sightseeing-Tour entspannt angehen lässt. Zur Einstimmung geht’s auf dem Steinbruch-Trail ordentlich durchs Unterholz, dann etwas ruppiger und serpentinenlastiger über "Klein Gardasee" zur Ruhr hinunter. Die Nordflanken des Ruhrtals weisen im Ardeygebirge eine beachtliche Steilheit auf. Ein natürlicher Abwehrwall, dem im Mittelalter sogar strategische Bedeutung zukam. Davon zeugen zahlreiche Burganlagen zwischen Syburg und Essen auf dem Kamm. Auch die Industrialisierung der Region begann an den Steilhängen des Ruhrtals. Im 16. Jahrhundert entdeckte man, dass die Kohleflöze hier direkt an die Erdoberfläche traten. Damit konnte der Rohstoff bequem abgebaut werden. Erst als die Vorräte am Fluss erschöpft waren, dehnte sich das Ruhrgebiet mit dem Untertagebau extrem nach Norden aus. Im idyllischen Ruhrtal erinnern heute noch alte Stollenportale und ein paar rostige Fördertürme an die alte Zeit.

Tapetenwechsel. Am dritten Tag unterbreche ich meine Fahrt auf dem Höhenweg. Ich freue mich darauf, mit den Jungs vom Freerideclub Herten eine Runde über die Halden zu drehen. Ich will nach der Überdosis Natur jetzt endlich einen Hauch urbane Atmosphäre schnuppern. Wenigstens einen Schornstein sehen! Von mir aus auch ohne Rauch. Und danach eine Currywurst am Imbiss verdrücken. "Alles machbar", begrüßt mich David Breuckmann am Fuß der Halde Hoppenbruch, umringt von einer Horde Freerider. Und schon pumpen die Jungs mit mir im Schlepptau heftig bergauf. Mit einem hässlichen, schwarzen Schuttberg hat Hoppenbruch aber schon lange nichts mehr gemein. Schwungvoll angelegte Singletrails schlängeln sich durch dichtes Grünzeug. Regelmäßig legen die Jungs vom Verein selbst Hand mit an, um die Strecken instand zu halten. Erst am Gipfel unter dem Windrad öffnet sich das erhoffte Panorama. Zwar keine Spur von grausamen Städten, wie Joseph Roth sie beschrieb, aber am Horizont, tief im Westen, qualmen sogar ein paar Schlote vor sich hin. Herrlich. Ich bedaure fast, dass es am nächsten Tag wieder zurück auf den Ruhrhöhenweg geht. Doch auch auf den verbleibenden zwei Etappen erwarten mich begeisterte Ruhr-Locals, die mir ihre Lieblingstrails zeigen wollen. Zum Beispiel Enduro-Pro Antje Kramer oder Bikeguide Melanie Hundacker, die den Pott kennt wie keine Zweite. Und am Ende werde ich über 5000 Höhenmeter auf der Uhr haben. Ganz schön stattlich – für ein Industriegebiet.

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    GPS-Daten: Ruhrpott – Ruhrhoehenweg

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