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Profi-Revier Karl Platt: Pfälzerwald

Profi-Revier: Karl Platts Hometrails

Christoph Listmann am 25.06.2016

Karl Platt gehört zu den erfolgreichsten und beliebtesten Bikestars. Höchste Zeit, ihm einen Besuch abzustatten. Doch statt der Homestory schlägt er eine Mehrtages-Tour durch den Pfälzerwald vor.

Der Aufprall war hart. Wie ein Köpfer ins leere Schwimmbecken. Der Sprung – zu kurz. Die Landung – ein Fall für Youtube. Zerbrochener Helm, Brummschädel, ein verbogenes Bike. Karl Platt grinst, wenn er von seinen ersten Bike-Stunts in der Kiesgrube bei Abenheim erzählt. Wir schauen runter in die Grube, in der heute nur noch Motocrosser illegale Spuren ziehen. Karl war zehn Jahre alt, als die Familie Platt von Novosibirsk nach Osthofen in Rheinhessen umsiedelte. Mit Dreizehn stieß er mit einem Bike aus dem Otto-Katalog zur Biker-Gang in Worms. Im Jahr darauf startete er bei einem Downhill-Rennen. Das Geburtsjahr im Schülerausweis hatte er dafür gefälscht: Zugelassen waren nur Starter ab 15 Jahren.

Über 20 Jahre ist es her, dass Karl Platt in den Weinbergen und Sandgruben Rheinhessens das Biken für sich entdeckte. Im Rahmen der Hometrails-Serie darf ein Ortsbesuch an der Abenheimer Grube natürlich nicht fehlen. Doch zum spezifischen Bike-Training fährt der Osthofener längst in den Pfälzerwald, weswegen er sich für unsere Story etwas ganz besonderes ausgedacht hat. Eine epische, zweitägige Schleife durch sein Revier, die Pfalz. Von Neustadt nach Waldfischbach-Burg­alben und zurück. Kumpel Udo Bölts ist dabei, plus ein paar alte Radsportfreunde.

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Trainingsrevier Sandgrube: Vor über 20 Jahren waren die Steilwände noch Mutproben für den jungen Platt und die Wormser Biker-Gang.

Vom Neustädter Freibadparkplatz kurbeln wir rauf zur Wolfsburg. Dann geht es einmal im Zickzack durch alle Wanderer-Hotspots, die man in Stoßzeiten meiden sollte. Die Vorderpfalz ist Naherholungsgebiet für viele Menschen und birgt Konfliktpotenzial, das weiß auch Karl. Der 300 Höhenmeter lange Downhill hinunter nach Lambrecht wird jedoch wenig bewandert und flutet den Körper angenehm mit Adrenalin. Slalom um Sandsteine, Wurzeln wegdrücken, bloß keinen Baum touchieren. Bei der ersten Rast in Lambrecht, nach 1:40 Stunden Fahrzeit, zeigt der Computer gerade mal 22 Kilometer an. Mindestens 80 Kilometer sollen es heute werden. Wer Singletrails fahren will, muss seine Reiseplanung anpassen. Trails machen langsam, selbst in der Karl-Platt-Reisegruppe. Dass Karl bergab was draufhat, bezweifelt niemand. Selbst Fotograf Wolfi, ambitionierter Downhiller, muss auf dem Trail abreißen lassen. Karl lächelt: "Im Marathon muss ich materialschonend fahren. 160er-Bremsscheiben reichen aus, ich blockiere eh nie das Hinterrad. Das Risiko, dabei den Reifen zu beschädigen, ist zu groß." Die flüssige Linie schlägt die aggressive, das gilt gerade für Marathons. Karl rät: "Du musst bergab Energie sparen, sonst ist der Puls unten höher, als er beim Einstieg in den Downhill war." In der Pfalz, das merken wir sofort, sind dicke Bikes überdimensioniert. Viel Federweg bringt Langeweile. 100 bis 120 Millimeter reichen. Karl hat sein Racefully mit XTR Di2 gewählt.

Je weiter wir von Neustadt nach Westen radeln, desto einsamer wird es. Menschen trifft man kaum noch, Wanderer gar nicht mehr. Ein Paradies für Stollenreifen. Man fragt sich, warum man überhaupt zum Biken in die Ferne reist und warum man sich Bundesländer mit 2-Meter-Regel antut. Tief in der Pfalz soll es Orte geben, in denen die Stadtwerke manchmal vergessen, den Müll abzuholen. Den Schnee räumt hier kein Winterdienst. In Elmstein gibt es die Schwarze Katze. Eine Kneipe, in der Fremde dem Mythos nach mit einem harschen "Was willst du hier?", begrüßt werden. "Man hat das Gefühl, die Leute wollen einfach ihre Ruhe haben", so Karl, während ihm der Fahrwind die Worte aus dem Mund reißt.

Die Pfälzerwald-Trails sind fest mit der deutschen Geschichte verknüpft. Wir radeln durch die "tote Stadt" – the lost place – ein gespenstisch anmutender Ex-Stützpunkt der US-Armee. Wir passieren das ehemalige Giftgaslager bei Clausen. Man kann den kalten Krieg förmlich noch fühlen. Nicht weit weg davon erinnern die Bunkeranlagen des Westwalls an den Zweiten Weltkrieg.

Fotostrecke: Karl Platts Hometrails im Pfälzerwald

Boxen-Stopp im Naturfreundehaus Heltersberg: gut vier Stunden Fahrzeit, doch der Tacho zeigt noch keine 80 Kilometer. Staubige Gesichter und dunkle Augenringe. Nur Karl sieht frisch aus. Er bestellt ein Lachsbrot, grinst, kaut und erzählt: "Viele Rennfahrer wiegen ihr Essen ab. Für mich ist das nichts. Als ich in den Neunzigern das erste Mal im Trainingslager auf Mallorca war, habe ich mich durchs Buffet gefressen wie Pacman." Die Buffetfräse spielt Platt heute nicht mehr. Doch Genuss liegt ihm nicht fern. Das Biken in Südafrika hat ihn zum Star gemacht. Im Rampenlicht des legendären Etappenrennens Cape Epic zu stehen, bringt Annehmlichkeiten: guter Rotwein, Straußen-Steak, Luxusleben. Der viermalige Cape-Epic-Sieger wird in Stellenbosch bei jedem Kaffee-Stopp erkannt: "Fahre ich mit dem Bulls-Trikot aus Kapstadt raus, winken mir ständig Leute". In Südafrika ist Mountainbiken eine Sportart für die Oberschicht. Nicht wenige von Karls Anhängern dort scheffeln Millionen. "Im Dezember war ich mit einem Fan trainieren. Der Typ hasst Gegenwind. Also sind wir 180 Kilometer mit Rückenwind an die Küste gefahren. Anschließend hat uns der Typ mit dem Helikopter zurückfliegen lassen." Wäre Südafrika als Lebensmittelpunkt eine Option? "Nein", antwortet Karl: "Mein Leben führe ich hier".

Die Pfalz spielt als Trainingsrevier die entscheidende Rolle für Platt. Geprägt hat ihn die Schulzeit im Heinrich-Heine-Sportinternat in Kaiserslautern: "Die Trails machen dich automatisch zu einem besseren Biker. Wenn ich hier im Wald fahre, wird es immer intensiv. Langsam bergauf geht halt nicht." Dennoch stehen hoch intensives Training und Intervalle selten auf Karls Trainingsplan. Kürzlich haben ihm Trainingswissenschaftler bestätigt, dass er lange Distanzen braucht, um in Form zu kommen. "Ich muss fleißig sein. Andere Typen erreichen die gleiche Leistung mit weniger Aufwand. Das ist schon lästig, denn mich kostet das viel Zeit". Zeit, die dem dreifachen Familienvater an anderen Stellen fehlt. "Sicher, ich habe gute körperliche Anlagen für den Sport. Ich bin aber doch mehr Arbeitstier als Supertalent." Karls Jugend in Novosibirsk hat ihn abgehärtet. Er wird selten krank. Das ist ein Vorteil. Doch seinen Lebensstil könnte man als Nachteil interpretieren. Während sich Konkurrenten kompromisslos auf den Sport konzentrieren, schweift Karls Aufmerksamkeit immer wieder ab: Mit dem GT3 auf die Nürburgring-Nordschleife. Zu Events, bei denen er es liebt, neue Kontakte zu knüpfen. Auf die Baustelle seines Einfamilienhauses, zu Sponsorenterminen und zu Meetings. Platt berät regelmäßig die Entwicklungsabteilung seines Arbeitgebers. Und dann kommt auch noch eine Steuerprüfung dazwischen. Etwas ungeduldig wirkt er unterwegs gelegentlich. Unsere Story kostet ihn wertvolle Tage. Er hat dafür ein Rennen sausen lassen. Karl weiß, dass ihm in den letzten Jahren Top-Ergebnisse fehlten. Dass es Leute gibt, die ihn schon abgeschrieben haben, glaubt er jedoch nicht. "Die letzten drei Jahre haben mich viel Energie gekostet, ich musste Zeche zahlen. Aber ich habe mein Leben neu sortiert. Wenn das Haus fertig ist, wird es ruhiger. Jetzt brauche ich wieder mal einen richtigen Erfolg." Und das geht so: "Hat man ein gutes Rennen, ist das so, wie wenn ein Surfer eine Welle kriegt. Dann surfst du auch die Nächsten ab, fährst von Erfolg zu Erfolg. Läuft es nicht, nimmst du die Brechstange, und es klappt gar nichts." Dass zu viele Rennen der Form eher schaden, ist eine Binsenweisheit. "Es ist ja nicht so, dass ich schwach bin", erzählt Karl. "Bei einem Rennen wie dem Cape Epic kannst du dich nicht durchmogeln. Ich bin technisch top, und wenn der Kopf stimmt, geht alles. Ich habe gelernt: Im Frühjahr fahre ich stark und dann erst wieder ab Mitte Juli zur Transalp."

Sind die zwanzig Jahre im Rennsport ein Vorteil, oder überwiegt die Ermüdung? "An dem Punkt, wo ich aufhören wollte, war ich schon mal. Ich hatte auf nichts mehr Lust, war ausgebrannt. Nach drei Monaten Pause ging es wieder. Mein Körper hat noch Energie für ein paar Jahre. Ich kann enorme Kraft entwickeln, wenn mich ein Projekt reizt." Solch eine Anziehungskraft hatte im vergangenen Dezember das The Munga Race. 750000 Dollar Preisgeld – die perfekte Exit-Strategie. Doch das Rennen wurde wegen Finanzierungsprobleme abgesagt.

Abends im Hotel in Waldfischbach bleibt es nicht bei einem Glas Rotwein. Alte Geschichten kommen auf den Tisch: Wie man im Heinrich-Heine-Gymnasium einem Lehrer die Tür zugemauert hat. Wie sich die Putzfrauen geweigert haben, das Zimmer zu putzen, weil es mit Pin-ups tapeziert war. Wie man nachts getürmt ist – die klassischen Streiche. "Ich hatte in der zehnten Klasse ja schon den Führerschein" plaudert Karl und schiebt einen Lausbubenstreich hinterher: "Wir haben Ersatzschläuche mit Buttermilch gefüllt, bei Mitschülern unter der Zimmertür durchgeschoben und dann mit der Gaspatrone aufgeblasen. Bis zum Platzen."

Vom Rotwein etwas verbogen, steigen wir morgens zur nächsten Etappe in den Sattel. Der Rückweg nach Neustadt ist gut 60 Kilometer lang. Erst schießen wir ein Stück über den Felsenpfad. Später windet sich der "Ewige Weg" vier Kilometer lang am Hang entlang Richtung Johanniskreuz. Fischerfelsen, Toter Wal, Eschkopf-Turm. "Wenn du alle Trails hier abfahren willst, musst du ein zweites Biker-Leben dranhängen", sinniert Karl. Nach 35 Kilometern endlich Kuchenpause im Forsthaus Taubensuhl. Wir lassen uns stattliche Stücke vom Käsekuchen abschneiden, und Fotograf Wolfi hat seine Kaffee-Stopp-Motive im Kasten. Doch die vielen Pausen stören den Flow. Immer wieder anhalten, Fotos machen – irgendwann wird es Karl zu bunt. Er übernimmt die Führung und fährt einfach. Damit sind Fakten geschaffen: Es wird nicht mehr geknipst. Wir folgen der Kennzeichnung mit dem roten Kreuz. Der Pfälzerwald ist für die Wanderer bestens markiert. Verfahren ist praktisch unmöglich. Karl ist ein Rennpferd, braucht Zug auf der Kette, "am besten immer so um 280 Watt". Leicht gesagt für einen Profi. Die staubigen Gesichter und die Augenringe der Freunde sagen: Es wird Zeit für die Zielankunft.

"Der Downhill flutet den Körper angenehm mit Adrenalin. Slalom um Sandsteine. Die Wurzeln wegdrücken. Und bloß keinen Baum touchieren!"

Wir schlängeln uns weiter ostwärts in Richtung Zivilisation. Immer mehr Wanderer kreuzen unseren Weg, auf der Totenkopfstraße rauschen Rennradfahrer vorbei. Carsten Bresser begleitet uns die letzten eineinhalb Stunden. Mit Carsten hat Karl 2002 seine erste Transalp-Challenge gewonnen. Die erste von sieben – bis heute Rekord. Für Karl gehört Carsten zur Pfalz wie die Weißweinschorle. Unzählige Trainingsstunden haben beide hier verbracht. Carsten lenkt uns weg vom Wanderer-Hotspot Kalmit auf den Trail Richtung Kaltenbrunner Tal. Eine schnelle, sandige Abfahrt führt durch lichten Wald. Dann der Showdown am Teufelstisch: An der Trial-Passage scheitern alle – bis auf Karl. Die letzten Höhenmeter poltern wir über Treppen nach Neustadt hinunter. Karl grinst. Ein Finale ohne Köpfer – diesmal bleibt der Helm ganz. 

Steckbrief Karl Platt

Von Novosibirsk nach Osthofen, mit 13 das erste Baumarkt-Bike, die ersten Rennen. Karl Platts Karriere begann Anfang der 90er. Mit dem Wechsel aufs Heinrich-Heine-Internat in Kaiserslautern stand Spitzensport im Stundenplan. Der 37jährige hat die Transalp sieben Mal und das Cape Epic vier Mal gewonnen. Kurios: seinen ersten DM-Titel errang Platt als Junior im Downhill. Nach der Produktion dieser Story feierte er den ersehnten Erfolg: Zwei Etappensiege und der 2. Platz bei der Transalp.

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Christoph Listmann am 25.06.2016