MTB Trails an der Deutsch-Deutschen Grenze

Deutschland: Grenz-Tour Teil 3

Henri Lesewitz am 15.09.2009

Dichtes Grün hat den einstigen Todesstreifen überwuchert. Doch auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall kartografiert die ehemalige Grenze den Schrecken der deutschen Teilung.

Steven L. hatte sich gerade zum Sonnenbaden an die Münchner Isar gelegt, als Sebastian P. plötzlich mit einem Schwan auf ihn einprügelte. Der Schläger sei vom Ostdialekt des Dahindösenden genervt gewesen, gab er später zu Protokoll. “Wessis prügeln Ossi mit einem Schwan”, textete Deutschlands größte Tageszeitung und brachte die Empörung über die rassistische Hassattacke in der Headline auf den Punkt: “Brutale Tierquälerei”.

Irgendwas ist schiefgelaufen bei der Vereinigung von Deutschland Ost und Deutschland West, das wird gerade auch bei meinem Mountainbike-Abenteuer immer offensichtlicher. Seit sechs Tagen kurbele ich entlang der Nahtstelle, die das Zusammenwachsen symbolisiert. Bis gestern waren es vor allem Mentalitäten und Dialekte, die den Unterschied ausmachten. Hüben oder drüben? Oft nur zu erfragen. Bis der Brocken abflachte und der Harz, die touristische Relevanz, endet. Nun, zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, liegt der einstige Grenzverlauf plötzlich da wie ein Riss. Auf der einen Seite Wolfsburg, Braunschweig und Helmstedt mit ihren industriellen Hochleistungszentren, den Multiplex-Kinos und Reihenhaus-Brutstätten. Auf der anderen Seite Völpke, Weferlingen, Oebisfelde. Ruinen der Hoffnung. Treuhändisch abgewickelt, vergreist, entkoppelt vom globalen Jetzt. Ortschaften wie Brigitte Nielsen. Einst feurig und brodelnd. Irgendwann vom Zeitlauf überholt. Im Rausch des Umbruchs noch einmal aufgepudert und teilsaniert – und so trudelt es nun unaufhaltsam dem Irgendetwas entgegen. “Hier lässt es sich gut leben!”, behauptet ein Werbeschild für einen Eigenheim-Standort, das nicht so traurig vor sich hin verwittern würde, wäre es wirklich so.

Ich fahre östlich der ehemaligen Grenze. Hoch ist hier nur der Himmel. Doch die Natur, die sich langsam ihren Raum zurück erobert, ist allgegenwärtiger als anderswo. Herrlich, die vergessenen Kopfsteinpflaster-Alleen, aus deren Ritzen das Gras hüfthoch sprießt. Gnädig, die so genannten Berge, die den Muskelsensoren gänzlich verborgen bleiben. Von Ruhe übersättig die Dörfer, in denen die Geschäfte vier Räder haben, weil es ausreicht, aller paar Tage vorbeizukommen. Die gastronomischen Brennpunkte heißen Getränkestützpunkt und Klause. Einer, der zu Übertreibung neigt, hat “Kneipodrom” an sein Trinkhaus geschrieben. Unsichtbare Orte, einer wie der andere. Aber auch stetig anschwellende Weite.

PDF-Download Teil 3:

Grünes Band Der ehemalige Grenzverlauf zieht sich 1378 Kilometer durch Deutschland. Teil 2 der Tour führt von Eisenach knapp 300 Kilometer weit nach Oebisfelde.

Teil 1 dieser Reise an der Innerdeutschen Grenze finden Sie hier ->

Teil 2 dieser Reise an der Innerdeutschen Grenze finden Sie hier ->

Teil 3 dieser Reise an der Innerdeutschen Grenze wird gerade angezeigt. 

Henri Lesewitz am 15.09.2009
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