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Deutschland: MTB Revier-Guide Westerwald

3 Mittelgebirgs-Touren im Westerwald für Mountainbiker

  • Matthias Rotter
 • Publiziert vor 4 Jahren

Den Bikern im Westerwald sagt man ja eine gewisse Verschlossenheit nach. Klar, wer verrät schon gerne seine Trails vor der Haustür. Doch irgendwann tauten Carboni und 24-Stunden-Uwe auf …


Der Feind ist schon wieder Grün. Nein, nicht der Förster. Und auch nicht irgendwelche Marsmännchen. Der Feind heißt Urtica Dioica, zu deutsch: Große Brennnessel. Ein Monster, bis an die Zähne ihrer Blätter mit feinen, aber harten Härchen bewaffnet. Schon bei leichter Berührung brechen diese Härchen wir sprödes Glas. Unter dem Mikroskop ähnelt jede scharfkantige Bruchstelle einer Injektionsnadel mit Brennflüssigkeit. So bohren sich also beim leichten Streifen Dutzende dieser Giftspritzen in die Haut des wehrlosen Opfers – und uns peitschen die Stängel gerade nur so um die Ohren. Ja, um die Ohren! Das Klima im Westerwald scheint bei den Brennnesseln enorme Wachstumsschübe auszulösen. Vor allem meine Waden sehen inzwischen aus wie die eines Aussätzigen. Aber das ist der Preis, den man für die extra schmalen Pfade im Brexbachtal bezahlen muss. Außerdem sind wir nicht gerade im Schneckentempo unterwegs.



Die GPS-Daten zu diesen Touren finden sie unten im Download-Bereich:

  • Tour 1: Zum Köppel (39,7 km, 731 hm, 3:15 h)
  • Tour 2: Brexbach-Trails (26 km, 575 hm, 3 h)
  • Tour 3: Sayn und Rhein (39,7 km, 906 hm, 4:30 h)

Deutschland: MTB Revier-Guide Westerwald

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Den Bikern im Westerwald sagt man ja eine gewisse Verschlossenheit nach. Klar, wer verrät schon gerne seine Trails vor der Haustür. Doch irgendwann tauten Carboni und 24-Stunden-Uwe auf …


Ich wundere mich sogar über meinen Guide Jörg, der angesichts der kurvigen Herrlichkeiten mit jedem Kilometer mehr auftaut. Den Westerwäldern sagt man ja eigentlich eine gewisse Verschlossenheit nach. Das hatte ich vor meiner Anreise gewissenhaft recherchiert. Und dass man die Bewohner dieses Mittelgebirges auch als "Wäller" bezeichnet. Witzig war nur, dass Google bei der Eingabe des Begriffs erst mal Hunderte Websites über eine gleichnamige Hunderasse ausspuckte. Die langhaarigen Vierbeiner werden als "sportlich, von guter Gesundheit, unerschrocken und keineswegs bösartig" beschrieben. Passt! Nein, Spaß beiseite, Jörg ist wirklich ein Pfundskerl. "Gechillt" würde man neudeutsch sagen. Neben seinem Beruf bei der Post ist seine Berufung Bikeguide. "Wenn du mal mit einer Gruppe über die Alpen fährst, dann ist Ruhe bewahren deine oberste Pflicht", erzählt der geprüfte Trailscout, als der Weg mal ein paar Meter Platz lässt, um nebeneinander zu rollen. "Denn irgendwas passiert unterwegs immer. Und wenn’s nur ein Platten ist."

Auch seine Enduro-Touren-Maschine zeugt von der Tendenz zum Genuss. "Biken muss schließlich Spaß machen." Ganz in meinem Sinne. Nur, wenn Jörg einen Singletrail sichtet, wird er – sagen wir mal – unruhig. Kaum gedacht, schon ist es wieder so weit: In engen Serpentinen fällt der Pfad eine Steilstufe hinunter. Jörg zirkelt routiniert um die Ecken und schießt die Zwischengeraden entlang. "Einfach geil", entfährt es ihm grinsend am Ende der Kurvenparade. "Wer braucht schon die Alpen?" Jörg ist zu Recht begeistert von seinen Hometrails. Einer der längsten Pfade folgt dem kurvigen Lauf des Brexbachs. Und einer mysteriösen, überwucherten Bahntrasse. Fast wie in der Schweiz schnörkeln die Gleise über Viadukte und durch Tunnels. Vor weit über 100 Jahren war das eine bautechnische Meisterleistung in diesem engen Canyon. Doch die Wirtschaftlichkeit der Strecke ging ins Minus, trotz des wachsenden Tourismus’ und eines Rettungsvereins. Jetzt erobert die Natur ihr Terrain zurück, das Brexbachtal sinkt wieder in den Dornröschenschlaf.

Matthias Rotter Wenn es den perfekten Trail gibt, dann ist der Hasenpfad ein heißer Kandidat. (Jörg Pfeifer, Trailscout aus Neuwied)

Die Nähe zum geschäftigen Rheintal darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben im Westerwald seit jeher kein Zuckerschlecken war. Der Boden gab nicht viel her, sein Geld verdiente man hier nur als Korbmacher, Kesselflicker oder Besenbinder. Im Jahr 1852 gaben die hungerleidenden Dorfbewohner von Sespenroth schließlich auf und wanderten geschlossen nach Amerika aus. Sie rissen ihre Häuser ab und verkauften alle Sachgüter, um die Überfahrt bezahlen zu können. Heute erinnert nur noch ein Kreuz an das alte Dorf nahe Montabaur. Kaum zwei Kilometer entfernt rasen die Menschen heute auf der neuen ICE-Trasse durch den Westerwald. Schnurgerade, den Blick aufs Smartphone gerichtet, weil wegen der vielen Tunnels die Schönheiten der Landschaft ohnehin verborgen bleiben.

Aber wir nehmen uns die Zeit. Irgendwie scheinen die Uhren im Westerwald wirklich langsamer zu ticken. Herrlich. Das muss die sagenumwobene Entschleunigung sein, von der die Stressforscher ständig erzählen. Und wir spüren die Anstiege. Zum Beispiel hinauf auf den Köppel, immerhin 250 Höhenmeter. Dann noch rauf auf den Turm, eine Beton-Bausünde aus den Sechzigern, aber mit toller Rundumsicht. Angeblich war jeder Wäller hier schon mal oben. Wir treffen keine Menschenseele, außer dem kauzigen Wirt der Köppelhütte. "Zu warm heute zum Wandern", brummelt er, ohne von seiner Tageszeitung aufzublicken. "Die Leute liegen lieber irgendwo am Badesee." Soll uns recht sein. Oben auf der Plattform weht ein angenehmes Lüftchen. Der Blick schweift am Horizont entlang. Taunus, Eifel, Siebengebirge – Deutschland, ein einziges Wellenmeer. Und all die unentdeckten Trails darin! Wie mit dem Lineal gezogen durchschneiden Auto- und Schnellbahn die Spielzeugwelt in der Ferne. Doch außer Vogelgezwitscher dringt kein Laut herauf. Das Baumwipfelmeer wogt sachte unter dem blauen Himmel.

Am Abend treffen wir uns mit den Brexbachgemsen. Gegen Acht sollten die Locals von ihrer Mittwochs-Feierabendausfahrt zurückkehren. Nach und nach treffen Splittergruppen ein. Sieht aus, als wäre die Runde mal wieder ziemlich selektiv ausgefallen. Bald lehnt ein gutes Dutzend Bikes vor der Vereinsgaststätte in Sayn. "Wir sind kein Verein", betont Thorsten, der die Locals 2005 erstmals zusammentrommelte. "Wir nennen es Gemeinschaft." Ist ja auch egal. Immerhin sind es inzwischen rund 50 Biker, die in verschiedenen Gruppenstärken zweimal pro Woche die Trails in der Gegend unsicher machen. "Gäste sind herzlich willkommen", wirft Kollege Jens in die Runde. "Wer mitfahren möchte, kommt einfach zum Treffpunkt am Schloss in Sayn." Start ist Mittwochs um 17 Uhr und Samstags um 13 Uhr. "Und danach gibt’s immer unsere legendäre Schnitzelsemmel," empfiehlt der Chef der Truppe. "Das Rezept haben wir selbst kreiert." Sporternährungsexperten werden hier erst gar nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Stimmung an den Tischen ist ausgelassen. Und mit jedem Hopfenkaltgetränk werden die Schilderungen der Hometrails blumiger. Das muss dringend überprüft werden. Wir verabreden uns für eine gemeinsame Tour am nächsten Tag.

Matthias Rotter Serpentinen, Wurzelteppiche, Höhenmeter. Der Westerwald kennt alle Spielarten des Mountainbikens. (Michael Pretz aus Horchheim)

Punkt neun Uhr scharren die Jungs mit den Hufen. Es stoßen dazu: Dirk alias Carboni, 24-Stunden-Uwe und Michael, der einfach nur Michael heißt. Weit in den Nordwesten des Reviers soll es gehen. Sayntal, Isenburg und Rheinsteig versprechen maximale Trail-Ausbeute. Doch die will hart erarbeitet werden, das Etappenprofil sieht aus wie die Pulsfrequenz eines erschrockenen Kaninchens. Bereits nach wenigen Kilometern ist klar: Ein Mittelgebirge verzeiht keine Formschwäche. Die Anstiege sind zu kurz, um einen Rhythmus zu finden, die Abfahrten zu kurz für echte Erholung. Ergo, man ist ständig irgendwie außer Atem. Uwe macht das Spaß. Als Spezialist für 24-Stunden-Rennen bastelt er sich oft die ganz langen Trainingsrunden zusammen. Zum Beispiel "Dark Side of Köppel", bei der sich auf 80 Kilometern rund 2000 Höhenmeter addieren. Und selbstverständlich ist er auch schon den Westerwaldsteig abgefahren. 235 Kilometer in zwei Tagen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vor mir treibt Carboni sein Hightech-Fully den schmalen Waldweg hinauf. Sein Nickname kommt nicht von ungefähr. "In meiner Garage stehen nur Räder aus Carbon", erzählt Dirk, natürlich an der steilsten Stelle. "Das Material fasziniert mich einfach." Ich habe das Sprechen mangels Sauerstoff seit einer Weile eingestellt und höre nur noch zu. Wir arbeiten uns an der steilen Flanke des Saynbachtals nach oben. Unten liegt Isenburg mit seiner imposanten Burgruine. Überall im Westerwald zeugen alte Gemäuer von einer bewegten Vergangenheit. Besonders die engen Täler ließen sich perfekt kontrollieren. Der nächste Pfadabschnitt mündet an der Wallfahrtskapelle Hausenborn. Ein mystischer Ort, der uns innehalten lässt. Mitten im Wald ragen gotische Steinbögen in die Höhe. In einem Schrein hängen kleine Tafeln, auf denen sich Menschen für erfahrene göttliche Hilfe bedanken. Ein großes Kreuz wacht über unsere weitere Abfahrt. In der Nähe des Rheintals treffen wir auf den Limes. Der römische Grenzwall zieht sich stets am Rand des Westerwaldes entlang. Es gibt Teilstücke mit rekonstruierten Holzpalisaden und Wachtürmen. Meist jedoch ist nur ein Erdwall oder Graben im Gelände zu erahnen. Dort auf der Höhe fädeln wir in den Hasenpfad ein, laut einhelliger Meinung der Locals der beste Singletrail weit und breit. Auch bei Jörg steigt die Vorfreude sichtlich. Es beginnt eine gut drei Kilometer lange Achterbahnfahrt durchs Unterholz. Mit jeder Kurve wird mir klarer, warum ich inzwischen so manchen Pfad im Mittelgebirge den bockigen Alpen-Trails vorziehe – Panorama hin oder her. Der Boden ist weich und griffig, man kann sich so richtig treiben lassen. Da beißt es wieder an meinen Beinen: Eine weitere Armee aus Brennnesseln fingert gierig nach meinen Waden. Zähne zusammenbeißen und mit Karacho durch!



BIKE-Touren-Autor, Matthias Rotter: Der Westerwald hat mich wieder einmal gelehrt: Man muss nicht immer gleich die Alpen ansteuern. In unseren deutschen Mittelgebirgen lassen sich die besten Flowtrails aufspüren.

Georg Grieshaber Matthias Rotter, BIKE Touren-Autor


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