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Das Moab des Ostens: 3 MTB Touren im Ostharz

  • Gitta Beimfohr
 • Publiziert vor 4 Jahren

Alte Panzerwege und der Brocken – das weiß man vom Harz. Aber: Wenn man den höchs­ten Gipfel als Wetterschutzschild nutzt, dann steht man im Osten plötzlich in einer skurrilen Felsenlandschaft.


Dieser Felsenkamm sieht aus wie aus einer anderen Welt. der gehört hier doch gar nicht hin! Oder hatte hier tatsächlich der Teufel seine Finger im Spiel?

Wie das gezackte Rückgrat eines urzeitlichen Sauriers ragt das Ungetüm aus der sonst so sanft geschwungenen Hügellandschaft. Ingo hat nicht zu viel versprochen. Schmal wie die Schneide eines Messers hat die Erosion windschiefe Steintürme freigelegt, die allen physikalischen Gesetzen zu trotzen scheinen. "Die Teufelsmauer", raunt Ingo und schaut andächtig zu den kariösen Zähnen, die aussehen, als könnten sie jederzeit umkippen. Und zwar ziemlich genau auf den Trail, der sich verlockend vor uns durchs Gras schlängelt. "Mittelsteine" nennt man die Felsengruppe hier beim Ort Weddersleben, was entgegen der dramatischen Optik nicht wirklich reißerisch klingt. In Amerika würde das Ding sicher "Demons Needle" oder so ähnlich heißen. "Jetzt aber los, wir werden am Ende der Runde nochmals an einem anderen Teil der Mauer vorbeikommen." Ingo schwingt sich in den Sattel und fädelt in den Pfad ein. Teufelsmauer. In grauer Vorzeit konnten sich die Menschen die Entstehung des steinernen Mirakels nicht erklären. Weshalb für Vorkommnisse dieser Art landläufig übersinnliche Kräfte zur Verantwortung gezogen wurden. Der Teufel soll’s mal wieder gewesen sein, der sich mit dem lieben Gott ums Terrain zankte. "Die Hexen waren grade anderweitig beschäftigt", witzelt Ingo und deutet hinüber zu den dunklen Harzbergen. Doch dazu später.


Die GPS-Daten zu diesen Touren finden Sie unten im Download-Bereich:


• TOUR 1: Teufelsmauer-Ritt (48,9 km, 796 hm, 5 h)
• TOUR 2: Talsperren-Runde (36,3 km, 990 hm, 4 h)
• TOUR 3: Bodetal-Panorama (26,8 km, 750 hm, 3 h)

Deutschland: Mountainbike Revierguide Harz

12 Bilder

Alte Panzerwege und natürlich der Brocken – das verbindet man mit dem Harz. Was viele nicht wissen: Wenn man den höchs­ten Gipfel des Mittelgebirges als Wetterschutzschild nutzt, dann steht man in seinem milden Osten plötzlich in einem Eldorado aus skurrilen Felsen und sandigen Pfaden.

Der Pfad schwenkt nach Norden und nimmt uns mit in Richtung Quedlinburg. Neben uns gluckert die Bode, die nach Verlassen des Harzes zufällig denselben Weg einschlägt. Das Flüsschen ist Dreh- und Angelpunkt des Reviers rund um die alte Bergbaustadt Thale. Im Vorland des Harzes zeigt sich die Bode friedlich, aber in den Bergen spielt sie regelrecht verrückt. In dutzenden Schleifen hat ihr Wasser ins Gelände eine Schlucht gefräst, die alpine Dimensionen erreicht. Fast 300 Meter hoch ragen die Wände am Ausgang des Canyons steil in die Höhe. "Im Ostharz findest du Trails ohne Ende", schwärmt Ingo bei der Kaffeepause in Quedlinburg. Um uns herum: UNESCO-prämiertes Fachwerk, Kopfsteinpflaster und enge Gassen. Auch die Burg ist postkartengerecht. Auf den Tellern vor uns türmen sich monströse Kuchenstücke, bei deren Anblick jeder Sporternährungsexperte Schnappatmung bekäme. Ingo fährt fort, mir den Mund wässrig zu machen. "Mein persönliches Highlight ist der Singletrail über die Thekenberge. Den wirst du gleich kennen lernen." Ingo Schramma gilt als Urgestein in der hiesigen Bike-Szene. Gleich nach der Wende, endlich im Besitz von geländegeeignetem Fahrmaterial, begann er, die heimischen Wälder im Sattel zu erkunden. Und weil das alleine nur halb so viel Spaß macht, suchte er in einschlägigen Internetforen nach Gleichgesinnten. Die Resonanz war überwältigend. "Zeitweise standen zwei Dutzend Biker bei mir auf der Matte, die mitfahren wollten", erzählt Ingo, während wir aus der Stadt kurbeln. "Das ging so weit, dass ich irgendwann Trail-Wochenenden und geführte Touren organisierte." Einen kommerziellen Hintergrund gab es dabei nicht, doch irgendwann wuchs ihm die Sache über den Kopf.

"Zum Glück ist nie was passiert", resümiert Ingo. Heute lässt es der Local entspannter angehen. Den ellenlangen Singletrail über die Thekenberge hat er bei einem seiner Streifzüge entdeckt. Wie mit dem Lineal gezogen verläuft die besagte Hügelkette nordwestlich von Quedlinburg. Und kaum, dass die ersten Meter des schmalen Pfades hinter uns liegen, weiß ich auch, warum mich diese erstarrten Wellen an Dünen erinnern: Der sandige Boden schluckt nicht nur Geräusche, sondern auch einiges von meiner Tretenergie. Heidekraut kräuselt sich wie ein Teppich darüber. Knorrige Bäume und stacheliges Buschwerk zeugen von der Trockenheit der Gegend, die im Wetterschatten des Harzes liegt. Hier regnet es so wenig, wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Kilometer um Kilometer rankt sich die Pfadspur an der Hangkante entlang. Gerade einmal 230 Meter misst hier der höchste Gipfel. Na und? Wer braucht schon die Alpen angesichts dieser Überdosis Flow. Der Trail endet am Gläsernen Mönch, einer markanten Felsklippe. Über eine Leiter entern wir die winzige Aussichtsplattform auf der Spitze. Das 360-Grad-Panorama zeigt sich heute bestmöglich, und so reicht der Blick bis zum 50 Kilometer entfernten Brocken. Beim Abstieg melden meine Beine, dass der Sandboden und das ständige Auf und Ab doch mehr Körner gekostet haben als gedacht. Es zuckt jedenfalls verdächtig in den Oberschenkeln. Und das weitere Streckenprofil macht es nicht besser. Am Ortsrand von Blankenburg rückt wieder ein Teil der Teufelsmauer ins Blickfeld. Über Wurzelteppiche hoppelnd und durch Baumlabyrinthe zirkelnd arbeiten wir uns wieder zurück in Richtung Thale. Ein grandioses Finale, gekrönt von einer Trial-Einlage am Hamburger Wappen, eine Art Miniatur-Moab mit bizarren Felsnadeln und griffigen Sandsteinkonturen. Wer würde ein solches Naturschauspiel mitten in Deutschland erwarten?

Matthias Rotter Zügige Abfahrt vom Aussichtspunkt Weißer Hirsch nach Treseburg hinunter.

Für die nächsten Touren hat mich Ingo mit Christian Henkel verkuppelt. Die beiden kennen sich noch aus der Zeit der Forumstreffen. Christian, genannt "Henk", ist Anführer der Dessau Nightriders, einer durchaus bike-verrückten Truppe. Jedenfalls verrückt genug für grenzwertige Unternehmungen wie beispielsweise eine winterliche Nachtfahrt auf den Brocken. Aus purem Spaß versteht sich. "Unten war’s gar nicht so kalt", erinnert sich Henk grinsend. "Aber oben am Gipfel ist uns dann bei minus zwanzig Grad das Grinsen ins Gesicht gefroren." Zum Glück wird auf den Nightrider-Trips traditionell Kukkis Erbseneintopf gereicht, der auch die Teilnehmer des Himmelfahrtskommandos wieder auftaute. Als Henk mir die geplanten Trails auf der Karte zeigt, kommen die Verben "hochschrauben" und "runterscheppern" in jedem zweiten Satz vor. Mehr Worte braucht es in Wahrheit auch nicht, um die Topografie des Harzes treffend zu charakterisieren. Und als nächstes lerne ich, dass auch abfahrtsorientierte Biker – zu denen die Jungs angesichts ihres Equipments zu zählen sind – verdammt gut bergauf fahren können.

Jedenfalls entschwinden deren Hinterräder beim Anstieg zum Hexentanzplatz unerwartet zügig aus meinem Blickfeld. Einige Hundert schmerzhafte Höhenmeter sind es von Thale hinauf zu der Kultstätte. Ich freue mich über den menschenleeren Pfad, denn der gemeine Tourist nimmt die Seilbahn. Teufelswerk! Da sind sich die Locals hier noch einig. Entsprechend krass ist der Zivilisationsschock am Gipfel. Der Sage nach starteten hier oben die Hexen in der Walpurgisnacht zu ihrem Flug auf den Brocken. Heute bevölkert ein umherschlenderndes Konglomerat aus Luftschnappern, Kaffeetrinkern und Spaziergängern das Plateau. "Hexen ab 1,50 Euro" verkündet das Pappschild eines Hexen-Discounters. Überquellende Souvenirstände. Hexen nach Größen gestaffelt, Hexen auf Besen, Hexen mit Kopftuch, Hexen mit Hut. Der Handel mit dem Harz-Andenken Nummer Eins treibt skurrile Blüten. Fehlt nur noch eine Hexe mit farbig blinkenden Augen. Sorry, gibt’s auch schon!


Eine Örtliche Imbissbude lockt mit Kulinarischen Donnerschlägen. Darunter auch "Geile Hexe". Was auch immer sich für ein Getränk dahinter verbergen mag – selbst der Chronisch unterzuckerte Daniel aus Henks Truppe, auch "Der Hungrige" genannt, verzichtet auf eine Kostprobe. 

Wir würdigen noch das atemberaubende Panorama ins Bodetal, dann tauchen wir ab in die Tiefen des Harzer Waldes. Unser Thema ist also jetzt das Runterscheppern. Zum Beispiel vom Weißen Hirsch nach Treseburg, eine der Lieblingsabfahrten der Nightrider.

Das wildromantische Bodetal lockt jährlich zahlreiche Touristen nach Thale. Zu Recht, denn die Natur selbst ist Attraktion genug. Doch wer zum ersten Mal in die Stadt am Ostharz kommt, darf keinen aufgesetzten Schickeria-Treffpunkt mit Flaniermeile erwarten. Am Ende der Bahnstrecke verströmen die Industriehallen des Hüttenmuseums sogar noch einen Hauch von alten DDR-Zeiten. Der Bergbau bestimmte viele Jahre lang den Rhythmus der Stadt. Heute bröckeln die Fassaden mancher Häuser im Stillen vor sich hin. Doch inzwischen hat man auch das Potenzial des Tals und der umliegenden Berge als Bike-Revier erkannt. Nicht, dass man – wie im Westteil des Mittelgebirges – bereits Bike-Routen ausgeschildert hätte, aber mit etwas Gespür fürs Gelände und Übung im Kartenlesen lassen sich feinste Singletrails leicht aufspüren. Für Biker verboten ist nur der Abschnitt des Bodetals zwischen Thale und Treseburg. Dafür gibt’s aber eine offizielle Downhill-Strecke an der Roßtrappe, die auch die Nightrider zum Training besuchen. Besser gesagt runterscheppern. Und auf dem brachliegenden Gelände am Zieleinlauf soll in Kürze ein Feriendorf entstehen. Ein ideales Basislager für Bike-Touren.

Das Motto lautet auch am dritten Tag, wie könnte es anders sein: Hexen! Einige Abschnitte des Hexenstiegs stehen auf dem Etappenplan. Der rund einhundert Kilometer lange Wanderweg führt von Osterode quer durchs Gebirge bis nach Thale. Besonders die Trails zwischen Treseburg und der Rapp­bodetalsperre sind ein Eldorado für Biker. Heute sind noch Matthias und Alex zur Gruppe gestoßen, die uns noch ein paar Pfadmeter mehr verraten können. Zum Beispiel den versteckten Einstieg zum Philosophenweg, der allen zum Auftakt ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Aber das Hochschrauben lässt nicht lange auf sich warten. Am ersten Anstieg gleich hinter Altenbrak stellen die Jungs einmal mehr ihre Kletterfähigkeit unter Beweis. Absteigen kommt überhaupt nicht in Frage! Ich kann mich nur mit letzter Kraft im Sattel halten, ohne nach hinten zu kippen. Verdiente Pause am Aussichtspunkt Schöneburg. Mein Kopf pendelt von links nach rechts übers Panorama. Liegt es am vernebelten Blick, dass ich die Orientierung verloren habe? Oder handelt es sich um eine Verwirrungstaktik des Teufels? Das Bodetal scheint sich kreuz und quer in alle Richtungen zu winden. Ein Blick auf die Karte bringt Erstaunliches zu Tage: Bis zu 270 Grad ändert das Flüsschen in den Kurven seinen Kurs. Doch zum Glück geleiten uns die Hexen durchs Labyrinth der Pfade. Ihr Symbol an den Bäumen ist unser Wegweiser zum Flow. Ausgetrickst, Luzifer!


Matthias Rotter, BIKE-Touren-Autor, ist fast schon Stammgast im Harz: "Ich habe zu Hause die Alpen vor der Tür. Aber ich muss zugeben, dass mich auch die deutschen Mittelgebirge immer wieder begeistern. Was den Flow-Faktor der Trails betrifft, belegt der Ostharz sogar einen Spitzenplatz in meinen persönlichen Charts."

Privatfoto Matthias Rotter, BIKE-Touren-Autor


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