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Deutschland: E-Mountainbiken im Ruhrgebiet Deutschland: E-Mountainbiken im Ruhrgebiet

Deutschland: E-Mountainbiken im Ruhrgebiet

Heimatkunde: Mit Holger Meyer auf den Ruhrpott-Trails

Eddie Wagner am 31.07.2017

Auf künstlichen Bergen im Ruhrgebiet gibt es ein spektakuläres Singletrail-Paradies. Bike-Profi Holger Meyer hat zusammen mit Pott-Local Eddie Wagner die Halden-Trails seiner Heimat gecheckt.

"Damals war auch Scheiße" – heißt es im Kohlenpott-Kultfilm "Radio Heimat", und auf nichts trifft dieses Zitat besser zu als aufs Biken. Die Bikes damals? Knallharte Knochenbrecher! Singletrails? Weder im Wortschatz noch am Boden vorhanden! Und ein Motörchen am Bergrad? Pure Phantasterei! Mountainbiken im Ruhrgebiet war für Freaks, die sich "aus nix was draus" machten.

Fast forward in die knallig bunte Gegenwart: Bike-Profi Holger Meyer öffnet die Heckklappe seines Bullis, und ein wahrgewordener Bike-Traum rollt auf Oversized-Schlappen auf den Parkplatz. Wir befinden uns am Fuße der gewaltigen Halde Hoheward, dem größten von Menschen erschaffenen Mittelgebirge Europas und gleichsam: Mountainbike-Hotspot Nummer eins der Metropole Ruhr. Die Halden-Trails rufen, das wird ein Höllenspaß! Holger entfährt bei so viel Superlativen ein enthusiastisches "Boa ey!". Wir schalten die Antriebe ein und rollen von der historischen Zeche Ewald bergan, um den Trails auf den Zahn zu fühlen. Da sind auch schon die ers­ten Wegweiser, und ein durchgestrichenes Fußgängersymbol verspricht freie Fahrt. Mit anderen Worten: Trailriding pur, ohne lästiges Falschfahren und ohne böse Blicke.

Zack, ein weiterer Wegweiser schickt uns steil links hoch, und schon geht’s los mit dem Trail-Vergnügen. Der schmale Pfad zieht zäh bergan und schmiegt sich dann gestreckt und kurvig an der Halde entlang. Idealer Stoff für elektrische Mountainbikes. Holger ist klar: "Bei der Planung waren Experten am Werk. Das fährt sich richtig gut."

Giftige Anstiege wechseln sich dramatisch mit flowigen Singletrails ab. Die Bikes mit dem tiefen Schwerpunkt, den phantastischen Bremsen und dem elektrischen Extrakick sind in ihrem Element. Je höher wir auf der Halde biken, desto weniger Büsche und Bäume wachsen. Das obere Drittel der Hoheward-Berglandschaft wird bewusst baum- und strauchfrei gehalten, um ein gewisses Alm-Feeling nicht zuwuchern zu lassen.

Deutschland: E-Mountainbiken im Ruhrgebiet

Drei echte Promis vom Team Edelhelfer bei der Arbeit: Das E-MTB hat sich auch unter Race-Profis als Trainings- und Spaßgerät durchgesetzt. Sowohl für die Cross-Country-Pilotinnen Kathrin Tesmer, Kim Große, aber auch für Downhill-Crack Fabian Seiffert (v. r. n. l.).
 

Noch mal heult der Bosch-Motor kurz auf, dann übermannt uns das Gipfelglück: unfassbare 151 Meter über dem Meer. Wir haben Wetterglück und volle Fernsicht. Unter uns brodelt das Ruhrgebiet. Es ist nur ein paar Generationen her, da war der Kohlenpott nicht mehr als Flachland mit ein paar Bauernschaften, Fiebersümpfen und einer handvoll Städten. Es folgte eine industrielle Explosion, befeuert von Kohle und Stahl, und das Ruhrgebiet boomte. Heute leben mehr als fünf Millionen Menschen hier dichtgedrängt. Unser Blick schweift weit. Wir sehen das Stadion des FC Schalke 04, die Skyline von Essen, Raubvögel nutzen die Aufwinde, endlose Häusermeere, jede Menge Grün, Halden ohne Ende und Industrieflächen. Von hier oben entwickelt die Metropole Ruhr einen rauen Charme, und es gibt viel zu entdecken. Ein leichtes Kaffeearoma liegt in der Luft, ein großer Lebensmittel-Discounter lässt in Haldennähe die Bohnen rösten. Der Funpark-Charakter der Halde lässt leicht vergessen, dass diese Berge durch die jahrzehntelange, knallharte Arbeit von Heerscharen von Kumpels unter Tage der Erde entrissen wurden.

Während unseres "Päuskens" mit Pott-Panorama kommt höchst flott eine Abordnung des erfolgreichen Biketeams Edelhelfer um die Kurve gerauscht: Kathrin Tesmer, Kim Große und Downhill-Crack Fabian Seiffert. Wir kommen ins Gespräch. Kim, Kathrin und Fabian sind unterwegs, um per E-Mountainbike Grundlage zu tanken. Die beiden Damen gehören zur deutschen Race-Elite und fahren Highend-Hardtails. Sie haben ein Transalp-Rennen in den Beinen und wissen voll Bescheid über alle Trainings-Tricks: "Gerade, wenn du für Langstreckenrennen trainierst, sind die Motor Bikes mittlerweile fast unentbehrlich", sagt Kathrin Tesmer. Klingt paradox, stimmt aber. Grundlagentraining beim Mountainbiken ist nämlich ein Problem. Im ständig wechselnden Gelände ist es schwierig, die Intensität konstant zu halten. "Aber mit E-Mountainbikes können wir auf der Halde beim Bergauffahren kontrolliert den Puls im grünen Bereich halten. Und es macht natürlich richtig Spaß, ab und zu den Turbo reinzuknallen!" Auch für Abfahrts-Crack Fabian Seiffert hat das E-Bike einen Vorteil: "Mit den Dingern kannst du super an deiner Downhill-Technik feilen. Ich kann 15 mal den Berg hochdüsen. Ohne Motor mit einem schweren Downhill-Boliden bist du nach zwei, drei Mal platt."

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Wir haben lange genug im kalten Novemberwind rumgestanden, time to ride on. Wir "verkasematuckeln" uns einen Trail, der sich wie gemalt die Halden-Alm herabschlängelt, um dann in verschieden stark gewürzten Anliegerkurven langsam im Tal auszulaufen. "Das ist ganz großes Kino!", findet Holger. Und das findet nicht nur auf den ausgeschilderten Mountainbike-Strecken statt. An allen Ecken und Kanten der Halde gibt es Mikro-Trails und Verbindungspisten, macht zusammen auf der Halde Hoheward und dem Nachbarberg Hoppenbruch locker 20 Kilometer Genuss ohne Reue. Holger ist regelrecht entzückt. "Die Qualität der Trails hier ist enorm. Und diese Landschaften! Du fährst ein paar Meter und bist in einem anderen Film. Von der Toskana ins Land der rauchenden Schlote in drei Minuten." Die Trail-Schilder sprechen dabei eine klare Sprache, und deshalb kann es nicht zu unliebsamen Begegnungen, Beschimpfungen und Interessenskonflikten kommen. Mit anderen Worten: alles in bester Butter und voll legal.

Wir fahren weiter auf den Trails der kleinen Halde Hoppenbruch. Die ist praktischerweise an die Hoheward-Halde angeschlossen. Hier ist das Revier des Freeride-Clubs Herten. Die Jungs haben ganze Arbeit geleistet. Die Trails sind gespickt mit Jumps, Gaps, Drops, Tables und Doubles, sehr zur Freude von Trail-Meister Meyer. Doch langsam werden die Akkus leer. Wir genehmigen uns eine letzte schwarze Pis­te, und schon wird es Zeit einzupacken und aufzuladen.

Zurück zur Zeche Ewald, wo der Bulli brav auf uns wartet. Unter einem stillgelegten Förderturm begegnen wir E-Mountainbiker Andreas Kleine auf seiner 29-Zoll-Maschine, voll ausgerüstet mit Scheinwerfern und Gepäckträgersystem für den täglichen Einsatz als Pendlerfahrzeug. Der hat erst mal recht wenig im Sinn mit Haldenromantik. "Ich muss jeden Tag 25 Kilometer nach Essen zur Arbeit fahren. Da steht man schnell mal eine Stunde im Stau auf der Autobahn und vergeudet wertvolle Lebenszeit," philosophiert der IT-Fachmann. Er benutzt sein E-Mountainbike, um dem Verkehrschaos im Ruhrgebiet zu entwischen, nebenbei Spaß zu haben und etwas für die Fitness zu tun. Er genießt auf seinem Weg zum Job einen erfreulichen Nebeneffekt der Halden: Um die Kohle per Schiene zu transportieren, wurden im ganzen Ruhrgebiet Zechenbahntrassen angelegt, die nun zu wunderbaren Fahrradwegen umgebaut sind. Oftmals fernab der Haupverkehrsstraßen und meistens idyllisch gelegen. Die Bike-Highways sind bei Ruhrgebietsradlern extrem beliebt, denn man fliegt praktisch fünf Meter über dem Boden dahin und kann in die Baumwipfel schauen oder in der Nähe des Ruhrzoos Gelsenkirchen einen Blick auf Braunbären erhaschen oder den Seelöwen bei der Fütterung zuhören. Bei schönem Wetter sind tausende von Radlern kreuz und quer durchs Ruhrgebiet unterwegs. So verbindet der gut ausgeschilderte Emscher-Park-Radweg auf 230 Kilometern Länge etwa 20 Halden aufs Pedelecfreundlichste.

In der denkmalgeschützten Zechenhaussiedlung am Fuß der Halde Hoheward genehmigen wir uns eine Hopfenkaltschale direkt aus der Pulle in der Trinkhalle "Zum Ruhrpott" – ja die heißt wirklich so. Dann machen wir uns auf die Suche nach stilvoller Nahrung: Sprich: Currywurst mit Pommes. Gar nicht so leicht zu finden, denn das Ruhrgebiet ist mit Döner überschwemmt worden. In einer schmucklosen Bretterbude werden wir fündig. Seit 56 Jahren serviert "Döveling" in Recklinghausen-Süd Pommes, Currywurst, halbe Hähnchen und Schaschlik ohne modernen Firlefanz in historisch korrekter Top-Qualität. Wir stürzen uns auf die Delikatessen und merken: "Damals war doch nicht alles Scheiße!"


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Eddie Wagner am 31.07.2017