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Cityguide: MTB-Touren in Stuttgart

Deutschland: MTB-Guide Stuttgart

  • Matthias Rotter
 • Publiziert vor 11 Jahren

Wenn Stuttgart mit irgendetwas nicht geizt, dann mit Bergen, Sonne, Schlössern, Trails und prominenten Bikern, die uns ihre Lieblingsrunden verraten. Unser Cityguide der Schwaben-Metropole für Biker.

Schlossplatz, Königstraße, Schlossgarten, Königsträßle, Königsplatz und so weiter und so fort. Seitdem ich in Stuttgart verweile, erhärtet sich mein Verdacht, dass man in der Schwaben-Metropole der Monarchie nachtrauert. Wir stehen vor dem Bärenschlössle und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Ja, das waren noch Zeiten, als man sich als Herrscher ein Lustschloss in den Wald setzen konnte, gerade so, wie es einem in den Sinn kam. Der kleine Pavillon steht auf einer Anhöhe im Wald, auf halber Strecke zwischen der City und dem ungleich bekannteren Schloss Solitude, darunter ruht in einer Senke der Bärensee. Doch die Idylle trügt. Denn die Lust der Monarchen, in diesem Fall Wilhelms des Ersten, trug mitunter durchaus blutrünstige Züge. So bestand ein beliebter Zeitvertreib des S Königs und seiner Gefolgschaft darin, etliche Hundert Stück Rotwild durch die Wasserlache zu treiben, sodass die armen Tiere schön außer Atem gerieten, und den am gegenüberliegenden Ufer wartenden Jägern vor die Flinten torkelten. Schaujagden nannte man jene fragwürdigen Schießereien, denen eine entsprechende Fressorgie folgte.

Beliebt für Feierabendrunden in Stuttgart

Das Waldgebiet zwischen dem Stuttgarter Stadtteil Botnang und dem Schloss Solitude ist unter den Locals beliebt für ihre Feierabendrunden. Kühler Schatten, sanfte Steigungen und ein dichtes Wegenetz sind Verlockung genug. Am Wochenende allerdings kann es zwischen Wildschweingehege und den drei Seen ziemlich betriebsam zugehen, wenn die Stuttgarter mit Kind und Kegel ausrücken. Aber zum Glück gibt es genügend Ausweichziele, wie mir mein Begleiter versichert. Und Christian Deger muss es ja wissen. Schließlich jobbt der alteingesessene Stuttgarter nebenbei als Bike-Guide und kennt nicht nur von Berufs wegen jeden Hügel und jeden Schwaben-Trail. Wir verlassen die Stätte der historischen Gemetzel und rollen zurück in Richtung Stadt. Am Birkenkopf erwarten uns Cannondales Marketing-Chef Jens Haug und sein Kumpel Mario. Jens ist vor einem Jahr wieder in seine schwäbische Heimat zurückgekehrt, nachdem er vier Jahre in Basel und ein Jahr in Garmisch verbrachte.

Der Birkenkopf ist ein ganz besonderer Berg. Ein kegelförmiger Steinhaufen, um den sich ein Weg spiralförmig, wie die Windungen einer Feder, nach oben wickelt. Auf gewisse Weise unnatürlich – was sich auf der Gipfelkuppe bestätigt. Denn dort liegt der Kern des Bergs frei, der aus nichts als riesigen Trümmern besteht. Ein Mahnmal, aufgeschüttet aus den Fragmenten des Zweiten Weltkriegs. Fast gespenstisch ragen Bruchstücke alter Säulen und geschwungene Fresken aus dem Tohuwabohu. Einstige Kirchen, Paläste und Fassaden von Bürgerhäusern. Doch abgesehen von seiner traurigen Vergangenheit ist der "Monte Scherbelino", wie der Birkenkopf bei den Einheimischen heißt, einer der besten Aussichtspunkte über der Stadt. Oder besser gesagt den "Kessel". Denn die schwäbische Metropole hockt, umgeben von einem fast geschlossenen Hügelkranz, tief unten in einer Mulde. Immerhin sind es bis zu 300 Höhenmeter vom tiefsten Punkt am Neckarufer hinauf bis zum Rand. Diese Kessellage Stuttgarts ist aber auch schuld daran, dass im Sommer selbst ohne Anstrengung ständig der Schweiß auf der Stirn steht. Bei Hitzestau hilft nur eins: hemmungsloses Chillen auf den Grünflächen am Schlossplatz, einer Art Copacabana mitten in der City.

Matthias Rotter Jens Haug auf seinen Feierabendtrails mit Blick aufs Daimler-Stadion.

Von Stuttgart durch den Schurwald

Am nächsten Tag steht eine Tour durch den Schurwald auf dem Programm, dem Lieblingsrevier von Jens Haug. Mit von der Partie sind Friedemann Schmude, Ex-Rennfahrer und Chef des Bulls-Teams, sowie Stephan, Inhaber des Shops Fischer & Wagner Radsport in Kirchheim. Schon auf der steilen Anfahrt zum Start in Rotenberg wird wieder deutlich, wie bergig das "Ländle" rund um Stuttgart ist. Hier sind es Weinberge, die sich an den Ufern des Neckars auftürmen. Neigungswinkel etwa 45 Grad. Reichlich rankt er sich der Sonne entgegen. In früheren Jahren soll es so viel von dem Rebensaft gegeben haben, dass die Maurer ihren Mörtel damit anrührten. Erzählt man sich jedenfalls. Auch unsere Stollenreifen zeigen sich begeistert über die fruchtbare Bodenbeschaffenheit. Pikant-liebliche Waldpfade mit teilweise ausgeprägt herbem Abgang zeichnen den Schurwald aus. Als Appetizer führt uns Jens zum Kappelberg, der den Bergrücken wie eine Aussichtskanzel nach Nordwesten hin abschließt. Die Stadt zeigt sich aber diesmal von ihrer industriellen Seite. Entlang des Neckars reihen sich Hafenanlagen, Docks und Fabriken. Weiter hinten die heiligen Hallen von Mercedes Benz und Gottlieb-Daimler-Stadion. Dann tauchen wir ein in den Wald. "Egal welcher Weg, verirren geht nicht", ruft Jens noch, bevor er im Gebüsch verschwindet. Doch nach gefühlten dreiundzwanzig Abbiegungen, Anstiegen und Abfahrten leide ich unter akutem Orientierungsverlust. Also, immer dranbleiben, auch wenn’s schmerzt. Nach Erkundung der Schurwald-Trails tut es dringend Not, eine landestypische Mahlzeit einzunehmen: Maultaschen. Nur fällt die Entscheidung für die Art der Zubereitung nicht leicht. Es gibt die gefüllten Teigtaschen in der Brühe, gebraten, geschmälzt oder auch überbacken – um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Da kommt der Tipp von Jens gerade recht: "Egal! Hauptsache, der Ranzen spannt."

Als ich am späten Nachmittag nochmals über den Schlossplatz cruise, treffe ich die Freerider Sam und Liro. Ihre maximal gefederten Maschinen lehnen am Denkmal Christophs von Württemberg, der mal ausnahmsweise kein König war, sondern nur ein Herzog. Wo sie beim Shredden waren, wollen mir die beiden zwar nicht verraten, aber ich könne mich gerne bei der nächsten Ausfahrt anschließen. Ich erfahre, dass Sam die Interessengemeinschaft "Stuttgarter Rider" gegründet hat. "Wir sind kein Verein", erklärt Sam. "Wir verabreden uns nur übers Internet." Leicht hat es die Stuttgarter Freeride-Szene nicht gerade. Erst recht nicht, seit im Jahr 2007 der Plan der Grünen gescheitert war, zwischen Degerloch und Heslach eine offizielle Downhill-Strecke einzurichten. Die Voraussetzungen wären optimal gewesen: runter auf gesichertem Kurs, rauf mit der "Zacke". Die mit Fahrradwagon ausgerüstete Zahnradbahn klettert ohnehin alle Viertelstunde vom Marienplatz nach Degerloch.

Matthias Rotter Auf Maguras Testrunde auf der Schwäbischen Alb. Hier kurz vor der Steilabfahrt mit Stefan Pahl.

Rund um Stuttgart weitere MTB-Hotspots

Wenn’s den Stuttgarter Bikern zu eng wird in ihrem Kessel, dann finden sich im Umkreis von etwa 50 Kilometern weitere Wirkungsstätten. Zum Beispiel im Schönbuch, einem riesigen Waldgebiet zwischen der Landeshauptstadt und Tübingen. Hier dreht Merida-Team-Fahrer Hannes Genze oft seine Trainingsrunden. Der Marathon-Europameister von 2005 und letztjährige Zweitplazierte bei der Craft BIKE Transalp wohnt in Sindelfingen, am Westrand des Schönbuchs. Hannes schwärmt: "Natur pur! Und die Trails sind unter der Woche menschenleer."

Oder man fährt noch ein paar Kilometer weiter Richtung Süden zur Schwäbischen Alb. In Bad Urach bin ich verabredet mit Stefan Pahl, Produkt-Manager bei Magura. Es geht auf Panorama-Tour. Mit am Start ist Produktentwickler Reiner Künstle, der die bergige Strecke auf einem Singlespeed-Bike in Angriff nimmt. Die Runde ist gespickt mit Highlights: von der Burg Hohenneuffen, bis zu den Höllenlöchern, wo die Erosion bizarre Felsformationen in den Karst gefressen hat. Und immer wieder fantastische Ausblicke übers Ländle. Bei der letzten Abfahrt sausen wir über die sogenannte Ziegelsteige nach Bad Urach hinunter. Eine geschichtsträchtige Strecke. Stefan erinnert sich: "Ich weiß noch, wie wir hier zusammen mit Uli Stanciu die erste Gustav M. getestet haben." Die Scheibenbremse der schwäbischen Tüftler gilt heute als Meilenstein der Bike-Technik.

Zurück im Kessel lege ich mich noch ein bisschen am Schlossplatz ins Gras. Barocke Brunnen plätschern und die Fantastischen Vier wummern irgendwo aus einem Ghetto-Blaster: "Sommer, Sonne, Sonnenschein zieh ich mir furchtbar gerne rein." So ist es.

Infos zum Mountainbiken in Stuttgart


FAHRTECHNIK UND GEFÜHRTE TOUREN

Bei Flowride (Bikes & Rides, Lerchenstr. 22, www.flowride.de) kann man Fahrtechnik- und Schrauberseminare buchen. Außerdem: der "Traufride", eine Etappenfahrt entlang der Nordkante der Schwäbischen Alb, und Trail-Wochenenden. Ausfahrten mit Locals: Treffpunkt samstags um 14 Uhr am Shop Transvelo (Strohberg 7-9, www.transvelo.de).


BIKE-SHOPS

Flowride, Lerchenstraße 22 (Tel. 0711/40746709, www.flowride.de ),
Bikes ’n’ Boards, Tübinger Straße 55 (Tel. 0711/51872402, www.bikesnboards
.de ),
Subseven Cycles, Reinsburgstraße 68a (Tel. 0711/3589315, www.subseven-cycles.de), Transvelo, Strohberg 7-9 (Tel. 0711/6492153, www.transvelo.de),
Rad und Reisen, Arnoldstraße 1 (Tel. 0711/532127, www.radundreisen.de),
Bike & Style, Notkerweg 2 (Tel. 0711/4141515, www.bike-and-style.de),
Bike Sport, Hauptstätter Straße 154 (Tel. 0711/6070066, www.bikesport-stuttgart.de).


KARTEN

Kompass-Karte Nr. 775 (Stuttgart und Umgebung), 1:75.000, Nr. 776 (Schönbuch, Schurwald), 1:50.000, Nr. 779 (Schwäbische Alb), 1:50.000. Unabdingbar: die Radel-Thon-Karte mit dem kompletten Radwegenetz und allen Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel: für 4,50 Euro am i-Punkt in der Königstraße 1a oder per e-Mail bestellen: radel-thon@stuttgart.de . Digital: MagicMaps, Tour Explorer 25 Baden-Württemberg (Info www.magicmaps.de).


DIRT-SPOTS

Der Stuttgarter Dirtrider Tim Nemelka verrät die nächstgelegenen Dirtspots der Stadt. Hohes Trainings-Niveau: Fourcross-Strecke in Großheppach. Vier Race-Tracks, Dirtline mit sieben großen Doubles, Trickjump mit Absprungrampe. Info: www.freebikers-weinstadt.de . Schöner Park für Rider mit Erfahrung: Bikepark Aichwald. BMX/4X-Strecke mit neun Sprüngen. Ein Waschbrett, vier Anliegerkurven. Drei Dirtlines mit zwölf Sprüngen und Wallride. Samstags von 13 -17 Uhr. Eintritt vier Euro. www.bsc-aichwald.de Guter Spot für Sprung-Einsteiger: Dirtpark Rommelshausen. Drei Dirtlines mit je vier Tables, Drops zum Üben, Wallride, Step-up-/Step-down-Box. Eintritt frei. www.bikepark-kernen.de 50 Kilometer entfernt, aber gut: Bikepark Gomaringen. Wettkampftauglicher Fourcross, CC-Strecke, zwei Dirtlines, Northshores. www.bikepark-gomaringen.de Nicht immer in Top-Zustand, aber nur acht km entfernt: Dirtline Sommerrain (S-Bahn-Halt).

Die Insider-Tipps der Stuttgarter Locals


Erst mal Frühstück: ausgiebig am besten in der Academie der schönsten Künste (Charlottenstr. 5) oder sonntags beim Brunch im Zadu (Reuchlinstr. 4b) – reservieren! eilige holen sich Kaffee und Brötchen (für unterwegs) besser in der Markthalle (Dorotheenstr. 4). Nach der tour kühlt man am schönsten in einem der Stuttgarter Biergärten ab: Der Tschechen auf der Karlshöhe (Humboldtstr. 44) taucht in der Bestenliste eines jeden Locals auf. ebenfalls on top: das Teehaus im Weißenburgpark (Hohenheimer Str. 119). Ein Muss sind natürlich die schwäbischen Maultaschen – und die werden nirgends besser gefüllt als im Todis, einem originellen Imbiss (Bolzstr. 7). Nach alter Schwabentradition geht’s auch in der Küche der Kochenbas zu (Immenhofer Str. 33). Riesen-Burger brutzeln bei Udo’s Snack (Calwer Str. 23) oder bei XXL Burger (Steinstr. 9) auf dem Grill. Beim Kaffee hinter der Schaufensterfront des Suite 212 (Theodorheuss Str. 15) wird man auf jeden Fall gesehen, aber deutlich angesagter noch ist ein Bier im umgebauten Toilettenhäuschen Palast der Republik (Friedrichstr. 27): hier steht der versiffte Downhiller gleichwertig neben dem piekfeinen Banker. Danach noch einen Abstecher ins Viertel beim Hans im Glück Brunnen (Nähe Rathaus). Sehr angesagt dort: Vegi Voodoo King (vegetarisch, Falafel!), Mata Hari (szenige Bar) oder das abgefahrene Café Weiß (oldstyleKult). auch cool: Kap Tormentoso (Seefahrerambiente). Und ab 23 Uhr ins Transit Bergamo mit DJ.

Die besten MTB-Touren in Stuttgart

• Tour 1: Schlösser-Tour (29 km, 600 hm, 2:00 h)
• Tour 2: Rössleweg (54 km, 1000 hm, 4:00 h)
• Tour 3: Fernsehturm-Trails (20 km, 500 hm, 2:00 h)
• Tour 4: Schurwald (24 km, 730 hm, 2:30 h)
• Tour 5: Bad Urach (39,4 km, 1070 hm, 3:30 h)
• Tour 6: Schönbuch (45,4 km, 800 hm, 3:00 h)


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