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Reisereport Kirgisien aus BIKE 4/2016 Reisereport Kirgisien aus BIKE 4/2016

Mountainbike-Abenteuer: Kirgisien

94 Prozent gebirgige Landfläche: Kirgisien

Nikolai Holder am 24.11.2016

Kirgisien gilt als neuer Hotspot für Abenteurer. Das karge, gebirgige Land bietet uns Bikern beste Aufstiegschancen. Auf den Gipfeln gibt es außer tollen Panoramen nichts – was auch seine Tücken hat.

Voller Sorge schauen Basti und ich zu Sebastian zurück. Lethargisch wankt er mit seinem Bike auf dem Rücken hinter uns her. Die ganze Nacht hindurch hatte er sich immer wieder erbrochen – das erste Mal direkt in unseren einzigen Kochtopf, um Zelt und Schlafsäcke nicht zu versauen. Fraglich, ob er dabei die Prioritäten richtig gesetzt hat. So gab es heute Morgen nur Wasser mit Haferflocken. Keine gute Grundlage für zweitausend Höhenmeter Tragestrecke. Aber ich habe mich ohnehin schon damit abgefunden, dass wir unser Vorhaben abbrechen müssen. Sebastian hat mehr Ähnlichkeit mit einer Leiche als mit einem Lebewesen. Ein weiterer Ruhetag ist nicht drin. Der Flieger zurück in die Heimat wartet schließlich nicht.

Wir befinden uns in Kirgisien, einem dünn besiedelten Land zwischen China und Kasachstan. Genauer gesagt südlich von Karakol, mitten im Terskej-Alatau Gebirge, wo wir einen Beinahe-Viertausender oberhalb des Alaköl-Sees besteigen wollen. Die Erhebung trägt scheinbar keinen Namen, weshalb wir hoffen, die Ersten dort oben zu sein. Der Gipfelsturm ist der Höhepunkt unseres fünfwöchigen Kirgisien-Trips. Doch dass es so zäh wird, hätten wir nicht gedacht. Ein steiler, teilweise verwucherter Pfad führt entlang eines Flusslaufes bergauf. Ständig verhakt sich das Gestrüpp in den Rädern, was die ohnehin angespannte Stimmung nicht gerade hebt. Sebastian ist nach wie vor kreidebleich, weshalb mein schwacher Glaube daran, dass er diesen Aufstieg vielleicht doch schaffen wird, zunehmend schwindet. Immer wieder legt er sich flach auf den Boden, als wäre er bereit, den Erschöpfungstod zu akzeptieren.

Reisereport Kirgisien aus BIKE 4/2016

Schritt für Schritt: Nach zwei Tagen Plackerei fragen sich Nikolai Holder, Sebastian Dörr und Fotograf "Basti" Marx, ob sie die Tour vielleicht zu sehr auf die leichte Schulter genommen haben. 

Vier Tage wird das Abenteuer insgesamt dauern. Samt Essen, Ausrüstung und Bikes lasten jeweils etwa dreißig Kilo auf unseren Schultern. Wegen des miserablen Frühstücks und den mangelnden Versorgungsmöglichkeiten unterwegs, steuere ich langsam auf meine Belastungsgrenze zu. Je näher ich dieser allerdings komme, desto meditativer geht es voran. Immer weiter driften meine Gedanken vom eigentlichen Aufstiegsprozess ab. Wie ein trommelspielender Sklaventreiber peitscht ein hoher Wasserfall auf riesige Felsen. Ein dumpfer Takt, an den sich meine Schrittgeschwindigkeit unterbewusst anpasst. Meine Füße gleiten regelrecht aneinander vorbei. Wie automatisch. Ich bin wie in Trance.

Bastis Hand auf meiner Schulter holt mich in die Realität zurück. Sebastian, der inzwischen weit zurückhängt, hat sich schon wieder auf den Wiesenboden sinken lassen. Besorgt gehen wir zu ihm zurück. Doch er will auf keinen Fall umkehren. In der Ferne kann man bereits den Pass erkennen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht. Einerseits dürfte es nicht mehr allzu weit sein. Anderserseits wird die Bergflanke sichtbar steiler. Zudem ist sie offenbar von viel Geröll und umgestürzten Bäumen gesäumt. So langsam kommen in mir Zweifel auf, ob der Abstieg ins andere Tal überhaupt besser aussehen wird. Die Vorstellung, nach so viel Quälerei bergauf vielleicht keinen fahrbaren Meter bergab zu finden, drückt auf meine Stimmung. Google Earth und wenige Wanderberichte stellten unser einziges Informationsmaterial dar. Militärkarten der UdSSR brachten auch keinen sonderlichen Mehrwert. Bergführer in Karakol erklärten uns darüber hinaus für verrückt und versicherten uns, dass wir nicht fahrend den Berg hinunterkommen werden. Basti bleibt allerdings optimistisch und treibt uns weiter an.

Nach neun Stunden erreichen wir tatsächlich den auf 3532 Metern gelegenen Alaköl-See. Es ist mir ein Rätsel, wie Sebastian in seinem Zustand diesen Aufstieg bewältigen konnte. Daher sind wir ihm auch nicht böse, als er in einem Moment der Unachtsamkeit die fast fertig gekochten Nudeln vom Kocher wirft. Immerhin, sie schmecken auch vom Boden. Nicht zuletzt deshalb, weil wir dabei den Sonnenuntergang hinter dem Ensemble der Fünftausender bestaunen können, die uns umgeben.

Reisereport Kirgisien aus BIKE 4/2016

Der türkisblaue Alaköl-See – einer der bevorzugten Fluchtpunkte aus der Großstadt Bischek.

Schon am Yssykköl-See, dem zweitgrößten Bergsee der Erde, den wir in den Tagen zuvor mit unseren Bikes besucht haben, übertrafen sich die Sonnenuntergänge täglich. Was besonders den rot schimmernden Lehmhügeln zu verdanken war, die sein Ufer flankieren. Ab und an wichen wir von unserer Route ab, um einige dieser Hügel zu befahren. Ganze Tage verbrachten wir damit, immer und immer wieder die kaum einhundert Meter hohen Erhebungen hinaufzuschieben und anschließend hinabzufahren. Allerdings blieb auf den schmalen Ridgelines nicht viel Platz für Fahrfehler. Auf den Lehmmassiven geht es links und rechts bis zu zwanzig Meter tief in den Abgrund. Aber diese Miniaturausgabe der Rampage fährt sich einfach enorm spaßig. Zumindest solange, bis Regenfälle den Lehm zu einer glitschigen Masse verklebten. Seit wir in Bischkek, der Hauptstadt von Kirgisien gelandet sind, hatten wir häufig Pech mit dem Wetter. Doch für den Aufstieg zum Alaköl-See scheinen wir das richtige Fenster erwischt zu haben.

Der nächste Morgen: Angenehm lauwarme Sonnenstrahlen kitzeln uns sanft aus der Nachtruhe. Wir haben gut geschlafen und fühlen uns voller Tatendrang. Der restliche Weg zum Gipfel ist steil und saugt mit seinem losen Untergrund an der Kraft. Aber heute ist die Motivation so überschwänglich, dass wir nahezu hinauffliegen. Beim Anblick der letzten Rampe spüren wir sogar den Drang zum Sprinten. Als wir dann endlich auf dem Gipfel die Räder von den Schultern heben, offenbart sich uns eine Aussicht, die alles übertrifft, was ich je sehen durfte. Während der Alaköl-See zu unseren Füßen in fast schon unrealistischem Türkisblau schimmert, werden wir von gletscherüberzogenen Bergriesen umringt.

Das Glück scheint uns jedoch nur kurz vergönnt. Während wir den Ausblick inhalieren, kippt das Wetter binnen weniger Minuten. In höllischem Tempo ziehen dichte, schwarze Wolken auf und entleeren sich in einem Hagelschauer. So heftig, dass die Einschläge der Eiskörner auf unseren Körpern schmerzen. Aber wirklich getrübt wird unsere Stimmung dadurch nicht, denn der Blick ins Tal offenbart einen kilometerlangen Trail, der sich handtuchbreit ins Tal schlängelt. Wir schneiden durch den Hagel und rutschen die glitschigen Steine hinunter. Meine Finger sind beinahe gefroren. Doch der Pfad verlangt mit seinen Spitzkehren nach Feingefühl. Plötzlich hält Sebastian an, da er sich einen Plattfuß eingefangen hat. Mitten im Hagel wechselt er unter unserem schallenden Gelächter den Schlauch. Der Ärmste. Erst die Magenverstimmung. Und nun das. Wir zittern erbärmlich, aber diese Abfahrt lässt alles vergessen. Während der obere Part noch von schwierigen Spitzkehren und technischen Stellen dominiert ist, wandelt sich der Pfad zunehmend zu einem Wiesen-Trail, den man von Hand nicht besser hätte anlegen können. Unsere Arme brennen, aber der Endorphin-Rausch verbietet ein Anhalten. Obwohl wir bereits restlos begeistert sind, scheint uns der Berg noch mehr für die Strapazen entschädigen zu wollen. Wir tauchen in einen dichten Nadelwald ein, der mit dem dafür typischen, extrem griffigen Boden aufwartet. Unsere Reifen wirbeln Staub und Nadeln auf, während ein Grüppchen Wanderer bei unserem Anblick begeistert johlt. Je weiter wir absteigen, desto flacher wird der Pfad, bis er in ein sägezahnblattähnliches Auf und Ab entlang eines Flusses übergeht. Mit voller Kraft treten wir in die Pedale, um die letzten Meter zu genießen. Die Oberschenkel brennen, allerdings auf beste Art und Weise. Das Gefühl, das Ziel erreicht zu haben, ist unbeschreiblich.

Am Ende des Trails werden wir wieder in die Zivilisation entlassen – und zwar direkt bei den heißen Thermalquellen Altyn Araschans. Voller Euphorie steigen wir ab. Auch von Sebastians Leichenblässe gibt es keine Spur mehr. Er grinst von Ohr zu Ohr. So sprudelnd vor Lebensenergie haben wir ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. 

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Nikolai Holder am 24.11.2016