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The Munga – Lesewitz-Blog #3: Vorläufiges Ende

Henri Lesewitz am 22.10.2014

Herbstregen trommelt gegen das Fenster. Seit Tagen dümpelt Henri in einer Gefühlsmischung aus Leere und fröhlicher Melancholie. Das The Munga ist abgesagt!

Abenteuer-Rennen gibt es viele. Doch dieses hier ist einfach irre: 1000 Kilometer nonstop, Siegprämie eine Million Dollar! Das Munga Race durch Südafrika soll das spektakulärste Rennen der Mountainbike-Geschichte werden. Die Webseite warnt: Vor der Registrierung solle man noch einmal in sich gehen. Das Rennen könnte das Leben verändern. Oder es jäh beenden. Klar, dass BIKE-Reporter Henri Lesewitz bei diesem Irrsinn selbstverständlich auf der Starterliste steht. Seine Vorbereitungen schildert er in seinem Blog. Hier. Teil 3.

"Es war ein Montag. Ich grübelte gerade darüber nach, welchem meiner Bikes die Ehre gebühren würde, mit mir auf die Eine-Million-Dollar-Jagd zu gehen. Das grazile Independent Fabrication aus Stahl, in dessen Sattel ich bereits Monate meines Lebens verbracht habe? Oder das strapazierfähige Firefly aus Titan, dessen anthrazit schimmernde Oberfläche meinen Puls in maximale Wallung bringt. Die Bike-Frage war das Letzte, das es in Sachen Ausrüstung noch zu klären galt. Da las ich die Mail von Alex Harris. "Hi Henri! Please give me a call when you can."

Alex Harris ist der Mann hinter dem Munga-Rennen. Er organisiert mit seiner Firma Abenteuer-Reisen. Er hat das Konzept erfunden. Als er die Mail schickte, befand er sich gerade auf einer Munga-Promo-Tour durch Europa. Was er mir mitteilte, ließ mich erst mal zusammenzucken. Das Munga-Rennen – abgesagt! Der Hauptgeldgeber habe sich überraschend zurückgezogen. Er, Harris, sei selbst sehr sehr traurig. Doch einen kleinen Trost gäbe es. Das Rennen wäre lediglich auf nächstes Jahr verschoben worden. Alle bezahlten Startgebühren würden innerhalb der nächsten Tage zurückgezahlt. Selbst die Kosten für die Flüge. Doch man konnte es der Stimme von Harris anhören. Er war niedergeschlagen.

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Beim Treffen in München zeigte sich Organisator Alex Harris (Mitte) zuversichtlich, genügend Sponsoren für das auf 2015 verschobene Munga-Rennen aufzutreiben. Reporter Henri Lesewitz und Kumpel Michi Veith (li.) löcherten ihn zwei Stunden lang mit Fragen.

Alternativen gesucht: welches Abenteuer jetzt?

Ich war erst sprachlos, dann fühlte ich seltsamerweise eine tiefe Erleichterung. Gut, ich hatte mich auf das Rennen gefreut. Okay, ich hatte bereits einiges in die Vorbereitung investiert. Klar, die Flüge waren auch schon bezahlt. Aber die Rennabsage nahm auch den gewaltigen Druck von mir, der seit der Anmeldung auf mir lastete. Als Familienvater trägt man große Verantwortung. Aber ein Rennen wie das Munga birgt Gefahren, die man mit kluger Herangehensweise vielleicht minimieren, letztlich aber niemals ausschließen kann. 1000 Kilometer nonstop durch das Outback von Südafrika sind der pure Wahnsinn. Hitze, Staub, keine Ortschaften.

Eine Woche vor Harris’ Mail hatte ich noch mit Karl Platt telefoniert. Karl gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den besten Marathon-Fahrern der Welt. Er hat Cape Epic wie BIKE Transalp schon mehrmals gewonnen. Das Munga-Race, das er zusammen mit Team-Partner Thomas Dietsch fahren wollte, sollte seine unglaubliche Karriere krönen. Doch selbst Karl war angesichts der Renndistanz nervös. "Ich rechne mit einem 25er-Schnitt", sagte er: "Zweieinhalb Tage, vielleicht drei. Dann muss man im Ziel sein, wenn man gewinnen will. Schlafen? Eher nicht", sprach Karl, der testweise noch eine 600er-Einheit vor dem Abflug nach Südafrika abspulten wollte.

Mein Team-Partner Michi fiel aus allen Wolken, als er von der Absage hörte. "Mist, meine Süße zu bequatschen hat Wochen gedauert!", rief er geschockt in den Telefonhörer. Wir verabredeten uns für 20 Uhr im berühmt-berüchtigten "Bergwolf", um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Unser schönes Abenteuer hatte sich in Luft aufgelöst. Im Jahreskalender drohte plötzlich eine Erlebnis-Lücke zu klaffen, die es dringend zu schließen galt. Unsere Gattinnen hatten schließlich ihr Okay für zehn Tage "Jungs-Ausflug" gegeben. Und das wollten wir nicht einfach so verfallen lassen.

"Ey, Mann! Was gibt’s denn sonst noch so für krasse Abenteuer?", tippte Michi hektisch auf dem Smartphone rum. "Ey, das La Ruta ist doch noch!", ließ ich einen genialen Gedankenblitz in den so trüben Moment einschlagen. Die Veranstaltungs-Website zertrümmerte die Hoffnung. Der Termin für das mythenumrankte Etappen-Rennen durch Costa Rica war Anfang November. Zu kurzfristig.

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Energie-Gel mit Tomaten-Aroma? Uff, das erfordert robuste Geschmacksnerven!

Es klang maximal absurd, wie wir uns in unserer Verzweiflung und natürlich befeuert von zahlreichen frisch gezapften Bier in immer schrägere Ideen hineinsteigerten: Nonstop-Durchquerung des Grand Canyon! Nonstop nach Berlin! Mit den Bikes nach Moskau! Umrundung von Madagaskar! Überquerung aller kanarischen Inseln. Ein wunderbarer Abend! Immerhin das.

Mini-Munga: mit dem Mountainbike von München nach München

Und jetzt? Warten auf nächstes Jahr? Und dann noch einmal anmelden in der Hoffnung, dass das Munga-Rennen dann auch wirklich stattfindet? Mal sehen. Im Moment genieße ich es, mich innerlich frei zu fühlen. Diese ganze Munga-Aktion war ja auch nicht für die Katz’. Sie hat auch so ein riesiges Erlebnis-Plus beschert. Allein schon das Pläneschmieden mit Michi. Die herrliche Aufregung, nachdem unser Name auf der Startliste stand. Das Grübeln darüber, was man im Falle eines Sieges wohl mit einer Million Dollar anstellen würde? Die Freude darüber, dass einem nicht wirklich was einfällt, abgesehen natürlich von der Anschaffung diverser Colnagos, Wiesmanns, Fireflys, Rennstahls und Groovy Cycleworks.

Ohne das Munga hätte ich mir viele wichtige Fragen nicht gestellt. Was traue ich mir zu? Was für Ängste habe ich? Ist der Körper fit? Und ich wäre wohl auch nicht mit dem Mountainbike vom Oktoberfest in München/Bayern zum Oktoberfest nach München/Brandenburg gefahren. Eine Art persönliches Test-Munga, über das ich ausführlicher in der Dezember-Ausgabe von BIKE berichten werde (ab 4. November am Kiosk!). In dem Heft ist übrigens auch das Interview, das ich mit Alex Harris geführt habe. Auf seiner Munga-Promo-Tour kam er auch nach München, obwohl da bereits das Finanzkonzept zerbröselt war.

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Wildbeerschnitte und Windbeutel: Bei der 640 Kilometer langen Hatz von München nach München tankte Henri Lesewitz nur Bio-Kraftstoff.

"Das Konzept ist gut. Ich glaube fest daran, dass wir genügend Sponsoren finden werden, um das Rennen im kommenden Jahr auszutragen", sagte Harris. Er klang durchaus zuversichtlich. Sollte der Plan tatsächlich klappen, werde ich wieder ein Problem haben: Irgendeine Stimme aus den Tiefen meiner Psyche wird mir sagen, dass ich da unbedingt mitfahren muss. Oh je: Ich weiß echt nicht, ob meine Nerven diesen Stress dauerhaft aushalten.

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Ein schneller Tanke-Cappuccino, irgendwo zwischen München in Bayern und München in Brandenburg.

Wie singt der von mir hoch geschätzte Morrissey so schön in fröhlicher Melancholie: Everyday is like sunday!

In diesem Sinne: Hoffentlich bis bald!"

Infos zum The Munga gibt's auf der offiziellen Webseite: www.themunga.com

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Ankunft im Bandenburger Mini-München mit 16 Einwohnern: Kurzes Posen am Ortsschild, dann stürzen sich Reporter Lesewitz und BIKE-Fotograf Peter Neusser ins Oktoberfest.

Henri Lesewitz am 22.10.2014