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Afrika

The Munga – Lesewitz-Blog #2: Wieso? Oder: Mentales Training

Henri Lesewitz am 02.10.2014

Training nennt er es nicht, 600 Kilometer lang die deutsche Einheit auf dem Mountainbike zu feiern. Henri wuchs mit dem Radsport auf und lernte früh, sich genüsslich zu quälen.

Abenteuer-Rennen gibt es viele. Doch dieses hier ist einfach irre: 1000 Kilometer nonstop, Siegprämie eine Million Dollar! Das Munga Race durch Südafrika soll das spektakulärste Rennen der Mountainbike-Geschichte werden. Die Webseite warnt: Vor der Registrierung solle man noch einmal in sich gehen. Das Rennen könnte das Leben verändern. Oder es jäh beenden. Klar, dass BIKE-Reporter Henri Lesewitz bei diesem Irrsinn selbstverständlich auf der Starterliste steht. Seine Vorbereitungen schildert er in seinem Blog. Hier. Teil 2.

"Meine Mutti hat angerufen. Sie hat von der Munga-Geschichte Wind bekommen. Und ich drücke es mal so aus: Sie ist gar nicht begeistert. "Mensch, Junge, musst Du immer so verrückte Sachen machen?", sprach sie und es klang, als wäre da sogar ein Hauch Enttäuschung in ihrer Stimme gewesen.

Dabei habe ich das Ganze doch schließlich nicht zuletzt ihr zu verdanken. Ja, wirklich! Wie oft hatte sie mir wonnevoll erzählt, dass sie damals dem Charme meines Vaters erlegen sei, weil der ein eisenharter Radsport-Held mit sehnigen, rasierten Beinen gewesen war. Die Mädels im Ort hätten alle geschwärmt, berichtet meine Mutti heute noch stolz.

Kein Wunder also, dass ich schon als Sechsjähriger stolz die Trikots meines Vaters trug, die an mir runterhingen wie Abendkleider. Mit neun Jahren rasierte ich mir das erste Mal die Beine. Nicht, weil es aufgrund üppiger Behaarung nötig gewesen wäre, sondern weil mir das von meinem Vater beigebracht wurde, wie das Zähneputzen: Ein Radsportler hat glatte Beine. Fertig!

Blutgeschmack im Mund, die Beine schmerzen – "Kette straff!"

Ich war zehn Jahre alt, als mein Vater einmal mit feierlicher Miene nach Hause kam: "So, ich habe Dich beim Herrn Torge angemeldet!", sprach er und ich wusste, dass dies der Tag X war, auf den ich seit Jahren gewartet hatte. Herr Torge war Trainer beim örtlichen Radsport-Verein BSG Lokomotive Torgau. Radsport war in der DDR der größte und populärste Sport überhaupt. Wir Steppkes trainierten an 5 Tagen in der Woche. Dabei ging es wenig zimperlich zu. An jedem Ortschild war Sprintwertung.

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Papa Jürgen, der alte Drücker (re.): Von ihm hat Henri Lesewitz gelernt, dass der Weg in den Radsport-Himmel auch mal durch die Hölle führen kann.

Herr Torge, der ein cooler Typ war und einen lässigen Schnauzbart trug, kurbelte immer mit seinem Rennrad mit und hielt bei jedem Spurt voll rein. Beim sagenumwobenen Klassiker "Rund um Wedelwitz", dessen sieben Kilometer langer Rundkurs über eine verhältnismäßig steile Rampe führte, quälte ich mich am Rande zur Besinnungslosigkeit zur Kuppe hoch. Im Mund hatte ich Blutgeschmack. Die Beine schmerzten, als hätte mir jemand mit einem Nagelbrett gegen die Oberschenkel gedroschen. Und Herr Torge rannte nebenher und schrie: "Mensch, mach’ die Kette straff! Schlafen kannste daheeme!"

Es gibt wahrscheinlich Menschen, die das pädagogische Konzept von Herrn Torge für diskussionswürdig halten. Mir gefiel es. Dieses Harte. Dieses Kämpferische. Dieses Standhaftbleiben gegenüber Schmerz, Gegnern, Anstiegen. Das Fahrrad ist für mich so etwas wie ein Körperteil. Radfahren tut manchmal weh. Vor allen Dingen aber macht es irren Spaß.

Und genau das nährt meine Hoffnung, die 1000 Kilometer des Munga-Rennens trotz Alltags-Verpflichtungen, Familie und Vollzeitjob zu schaffen. Ich MUSS nicht 1000 Kilometer durch Südafrika fahren. Sondern ich darf 1000 Kilometer lang genau das machen, was ich mit am meisten liebe: in die Pedale treten. Ich überlege auch schon die ganze Zeit, ob ich nicht Herrn Torge als Betreuer engagiere. Er könnte sich dann an neuralgischen Strecken-Punkten postieren und uns zurufen, dass wir gefälligst die Ketten straffmachen und daheeme schlafen sollen. Was ein schönes "Rund um Wedelwitz"-Feelig garantieren würde.

Kein Training: Der Kopf ist der größte Gegner

Trotzdem: Die Zweifel sind im Moment größer als die Zuversicht. Mehrere Nächte lang lag ich schon mit kaltem Angstschweiß auf der Stirn wach. Mein Kopf, so viel ist jetzt schon klar, kann bei diesem Projekt zu meinem größten Gegner werden. Er wird aber auch der Hauptgrund dafür sein, wenn wir die Höllendistanz tatsächlich schaffen sollten. Die Beine sind bei einem Rennen dieser Art nur ausführende Organe. Das Kommando hat der Kopf.

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Laune der Natur: Abenteuer lassen sich nicht trainieren. Wenn unvorhersehbare Dinge passieren, wie hier bei der Mongolia Bike Challenge, ist vor allem Nervenstärke gefragt.

Ich bin das Race Across the Alpes gefahren, 540 Kilometer und 14 000 Höhenmeter in 28 Stunden. Ab der Hälfte trieb mich nur noch der Wille vorwärts.
Ich fuhr das 660 Kilometer lange Nonstop-Rennen von Marrakesch zur Sahara. Die Beine waren am zweiten Tag schlapp, allein mein Kopf zwang sie durchzuhalten.

Und so war es im Grunde genommen bei jedem Rennen, das ich fuhr. Die Faktoren, die letztlich über den Ausgang entschieden, waren Gesundheit und meteorologische Launen. Bei der Mongolia Bike Challenge schlug das Wetter einmal über Nacht von Hochsommer auf Tiefwinter um. Na, da hat der Sieg-Aspirant vielleicht dumm aus seinem luftigen Führungs-Trikot geguckt. Ich habe mich deshalb dazu entschieden, meine bewährte Vorbereitungs-Methode auch diesmal knallhart durchzuziehen: Kein Training.

Ja, richtig gelesen. Ich werde nichts tun, was sich der Bezeichnung "Training" verdächtig macht. Es wird in den nächsten Wochen einzig und allein darum gehen, meinen Kopf bei Laune zu halten. Mir ist nach Radfahren? Okay, dann fahre ich zwei, drei Stunden. Ich habe keinen Bock? Dann fahre ich nicht. Lust auf ein Bierchen? Dann Prost! Gummibärchen? Her damit! Ein Stück Mandarinen-Schmand mit einem Tässchen Cappuccino? Na logo! Der Kopf ist der Boss.

Ich bin Etappen-Rennen auf der ganzen Welt gefahren. Ich habe austrainierte Typen übel eingehen sehen und Typen mit Wampen-Ansatz, die wohl gelaunt das Ziel erreichten. Was zählt, ist am 3. Dezember so gesund, erholt und gut gelaunt wie möglich an der Startlinie zu stehen.

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Kurzer Prozess: Wer beim Supercross in München bei der Frau mit der Apachen-Perücke einen Tequila auf ex schluckte, durfte abkürzen.

Deshalb habe ich am Wochenende auch auf einen Start beim "Rapha Supercross" im Münchner Olympiazentrum verzichtet. Ich liebe Cyclocross. Als 13-Jähriger war ich Vize-DDR-Meister. Das Rennen in München wäre genau mein Ding gewesen. 40 Minuten Renndauer. Wer sich einen Tequila in den Hals schüttete, durfte abkürzen.

Doch im Hinblick auf das Munga-Rennen erschien mir das Verletzungs-Risiko zu hoch. Ich bin dann lieber drei Stunden mit dem Crosser entspannt durch den Wald gerollt und habe das Rennen dann vom Streckenrand aus verfolgt. Erbärmlich, wie manche platzierungsgeil die Abkürzung nahmen, um den Pflicht-Tequila ein paar Meter weiter heimlich ins Gras zu spucken.

Zur Feier des Tages: 600 Kilometer von der Wiesn zum Oktoberfest

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Original: Die Wiesn. Von hier sind es rund 600 Kilometer bis München, Brandenburg. Dort gibt es auch ein Oktoberfest.

Das Telefonat mit meiner Mutti hat mich auf eine Idee gebracht. Am Freitag ist der Tag der Deutschen Einheit. 25 Jahre Mauerfall! Eine gute Gelegenheit, endlich mal die Tour in die Tat umzusetzen, die mir schon seit Jahren im Kopf rumgeistert. Ich fahre mit dem Mountainbike vom Oktoberfest in München (Bayern) zum Oktoberfest nach München (Brandenburg).

Das kleine Nest in Brandenburg hat gerade mal 20 Einwohner. Es befindet sich nur wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt, in dem meine Eltern leben. Tausende kommen jedes Jahr dorthin, um das legendäre "Ost-Oktoberfest" zu feiern. Alle haben Trachten an, es gibt bayerische Uffta-Uffta-Musik und original Löwenbräu-Bier. Absoluter Kult! Ich kurble da jetzt mal hin. 600 Kilometer, vielleicht ein paar mehr. Ein deutsch-deutsches Mini-Munga, quasi.

"Mensch, Junge. Musst Du immer so verrückte Sachen machen?", wird meine Mutter wieder entsetzt sein und sich gleichzeitig natürlich riesig freuen, dass sie ihren "Großen" mal wieder so richtig schön bemuttern kann.

Unterwegs werde ich genug Zeit haben, über die Material-Frage bezüglich Munga-Rennen zu grübeln. Dazu mehr beim nächsten Mal.

Bis dahin: Entspannt Vollgas!

Oder mit den Worten des großartigen Joey Ramone: 'Hey ho, let’s go!' "

Infos zum The Munga gibt's auf der offiziellen Webseite: www.themunga.com

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Start in München, Bayern. Let's go!

Henri Lesewitz am 02.10.2014