Sram zeigt für das RIDE-GREEN-Bike eine nachhaltige MTB-Schaltung

Ludwig Döhl

 · 08.01.2022

Sram zeigt für das RIDE-GREEN-Bike eine nachhaltige MTB-SchaltungFoto: Georg Grieshaber
Nachhaltigkeit: SRAM - MTB-Schaltung der Zukunft

Frank Schmidt, Andreas Kölsch und Alex Büttner von Sram entwickeln Schaltgruppen für Mountainbikes und präsentieren für unser RIDE-GREEN-Bike ein nachhaltiges Schaltungs-Ensemble.

Lässiger Pumptrack im Innenhof, historische Prototypen zum Anfassen und jede Menge Profimaterial. Hausbesuche bei Sram sind immer ein Highlight. Aber das Thema unserer heutigen Runde durch die heiligen Schaltungshallen ist neu und gleichzeitig etwas kratzig: Nachhaltigkeit. Andreas Kölsch, Frank Schmidt und Alex Büttner warten im Foyer der Firmenzentrale in Schweinfurt. Sram – der zweitgrößte Komponentenhersteller der Welt – schickt hochrangige Vertreter, um uns heute zu erklären, wie man künftig mit den Ressourcen umgehen will. Vor allem das Duo aus Kölsch und Schmidt wird in der Branche als Erfolgsgarant für Innovationen gehandelt. Produkte, die an den Schreibtischen dieses Teams entstehen, haben das Potenzial, den kompletten Markt zu verändern. Bester Beweis dafür: Srams 1x12-Eagle-Schaltungen oder die AXS-Funktechnologie. Kölsch blickt auf die Produktauslagen, die überall im Raum verstreut stehen und steigt dann ins Gespräch ein: „Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Wir haben jede Menge Potenzial, nachhaltiger zu werden. Und wir reden heute mal nicht nur über das Thema Produktverpackungen, sondern über die tatsächliche Produktentwicklung.“ Wums, das hat gesessen und macht eins schon zu Beginn des Tages klar: Heute geht es mal nicht nur ums Marketing. Keine Phrasen, keine Versprechungen, kein Greenwashing. Es geht um einen Abriss des Status quos, die möglichen Wege in eine grünere Zukunft und die ersten kleinen Schritte dorthin.

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  Schmidt, Kölsch und Büttner diskutieren über Schaltröllchen aus Bio-Polymer.Foto: Georg Grieshaber
Schmidt, Kölsch und Büttner diskutieren über Schaltröllchen aus Bio-Polymer.

Als wir vor einem Jahr nach Partnern für unser RIDE-GREEN-Projekt gesucht haben, hat sich auch Sram bei uns gemeldet. Der zweitägige Workshop, den die Öko-Profis der Cradle-to-Cradle NGO für alle am Projekt Beteiligten abgehalten haben, brachte dann in der Entwicklungszentrale in Schweinfurt einen Stein ins Rollen. „Die Öko-Profis der Cradle to Cradle NGO haben uns mit ihren Ansichten begeistert“, erklärt Frank Schmidt. Im Workshop Anfang Mai wurde schnell klar, dass man im Jahr 2021 das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr nur mit einer Produktverpackung aus Altpapier abfrühstücken kann. Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Produktion, Funktion und Recycling-Möglichkeiten berücksichtigt, lassen sich wirklich nachhaltige Produkte entwickeln. „Die Sichtweisen der Referenten des Workshops haben mich begeistert“, erinnert sich Kölsch an die zwei Tage im Frühling. Und wenn solche Worte in der Kreativabteilung eines Branchenriesen fallen, stehen die Chancen gut, dass in Zukunft auch andere Hersteller anfangen umzudenken.

Inspiriert vom Öko-Workshop haben die Entwickler im Nachgang drei zentrale Säulen erarbeitet, die künftig jedes Lastenheft für neue Produkte beeinflussen sollen. Neben der Haltbarkeit wurden eine bessere Reparaturfähigkeit und die Möglichkeit zum sortenreinen Recycling als wichtigste Ansatzpunkte für nachhaltigere Produkte definiert. Sinnbildlich dafür haben die Entwickler nun eine futuristisch anmutende Schaltgruppe auf drei Holzblöcken drapiert. Kölsch ergreift erneut das Wort, um keine falschen Erwartungen zu wecken: „Ein Entwicklungs­zyklus für eine Schaltgruppe dauert bei uns drei bis fünf Jahre.“ Was uns heute präsentiert wird, sind bestehende Produkte oder unverkäufliche Prototypen (siehe Details auf Seite 110). Es war wohl kaum zu erwarten, dass ein Schwergewicht wie Sram – mit über 200 Mitarbeitern alleine am Standort Schweinfurt – mal eben sein Produktportfolio auf Grün umkrempelt. Doch die ersten Details sehen vielversprechend aus, und die Gedankengänge für das Projekt „Schaltung der Zukunft“ sind klar strukturiert.

Erfolgreiches Team: Frank Schmidt, Andreas Kölsch und Alex Büttner (von links) entwickeln die neusten Schaltgruppen für Mountainbikes und präsentieren uns ein nachhaltiges Schaltungs-Ensemble
Foto: Georg Grieshaber

Alex Büttner – verantwortlich für die Entwicklung der Kassetten – demonstriert am Prototypen, den er für unser Projekt gefertigt hat, welche Faktoren es beim Thema Nachhaltigkeit abzuwägen gilt. Wenn es um die Haltbarkeit des Antriebs geht, hat der Kunde schon heute die Wahl. Srams XO-Eagle-Kassetten genießen nicht nur den Ruf, nahezu unzerstörbar zu sein, sondern halten auch laut unserem Verschleißtest etwa drei Mal so lange wie das deutlich günstigere NX-Pendant. Es ist ähnlich wie mit Lebensmitteln im Supermarkt: Wer bereit ist, mehr Geld auszugeben, bekommt schon heute eine nachhaltigere Alternative. Laut einer repräsentativen Umfrage auf unserer Web-Seite zu Beginn des Projekts sind das immerhin 50 Prozent der Biker.

Um die Ökobilanz nochmals zu verbessern, wurde zudem das größte Ritzel der Prototypen-Kassette aus Stahl und nicht, wie im Original, aus Aluminium gefertigt. „So kann man die Kassette sortenrein recyceln, ohne sie mit viel Aufwand zerlegen zu müssen“, erklärt Büttner die Beweggründe dafür. Ein minimales Mehrgewicht müsse man als Biker dafür aber in Kauf nehmen.

Auch Frank Schmidt hat sich mit dem Thema Rohstoffrück­gewinnung intensiv beschäftigt. Schmitt, selbst Vollblut-Biker und regelmäßig mit Startnummer am Lenker unterwegs, ist kein Lautsprecher. Aber wenn er etwas sagt, dann schlägt das auch bei seinen amerikanischen Kollegen ein. Denn Schmidt untermauert seine Aussagen ingenieurstypisch mit harten Fakten. „Ich hab’ mir mal die Mühe gemacht, unser XO-Eagle-Schaltwerk komplett zu zerlegen,“ schmunzelt der schlaksige Entwickler. Selbst als geübter und auf das Produkt geschulter Mechaniker braucht man fast 15 Minuten, um die verschiedenen Rohstoffe im Schaltwerk zu trennen. Schmidt präsentiert eine Sortierbox mit dem Ergebnis seiner Analyse. Stahl, Federstahl, geschmiedetes Aluminium, gegossenes Aluminium, Carbon, Kunststoff, faserverstärkter Kunststoff und Gummi liegen darin fein säuberlich sortiert. Strebt man eine sortenreine Rohstoffrückgewinnung an, wie sie für eine Kreislaufwirtschaft nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip angedacht ist, muss das schneller gehen. In einem Fach der Sortierbox liegen außerdem Teile, die aus mehreren, unzertrennbaren Materialien bestehen. „So etwas wollen wir in Zukunft vermeiden, wo es nur geht,“ erklärt Schmidt und begutachtet dabei das Bauteil des Schaltwerks in dem die Schaltwerksdämpfung sitzt. Denn immer dann, wenn Teile unterschiedlicher Rohstoffe unzertrennbar miteinander vernietet, verpresst oder verklebt wurden, ist das Recycling extrem komplex und ineffizient. Eine Firma, die wirklich nachhaltig sein will, muss ihre Produkte bis ins kleinste Detail neu denken. Noch wird bei Sram viel im Konjunktiv gesprochen. Doch wenn sich der Leiter der Entwicklungsabteilung selbst die Mühe macht, ein Produkt bis auf die kleinste Schraube zu zerlegen, muss man davon ausgehen, dass das Thema ernstgenommen wird.

  Frank Schmidt, Technischer Entwicklungsleiter für Schaltungen: „Am Anfang schon ans Ende denken. Wenn wir nachhaltigere Produkte entwickeln wollen, müssen wir nicht nur langlebigere Teile bauen, sondern auch bei der Konstruktion das Recycling bereits berücksichtigen. Das ist wichtig, aber erhöht natürlich auch die Komplexität.“Foto: Georg Grieshaber
Frank Schmidt, Technischer Entwicklungsleiter für Schaltungen: „Am Anfang schon ans Ende denken. Wenn wir nachhaltigere Produkte entwickeln wollen, müssen wir nicht nur langlebigere Teile bauen, sondern auch bei der Konstruktion das Recycling bereits berücksichtigen. Das ist wichtig, aber erhöht natürlich auch die Komplexität.“

Tim Janßen, Vorstand der Cradle-to-Cradle NGO, meidet dagegen den Konjunktiv und zeichnet im Workshop Anfang Mai ein klares Bild von der Zukunft: „Der Wettstreit um Rohstoffe wird immer brutaler.“ Wer physische Produkte fertigt und langfristig überleben will, muss jetzt anfangen, eine eigene Rohstoffrückgewinnung aufzubauen, um sich von Materiallieferanten unabhängiger zu machen. Ein Fakt, der sich bereits in den Lieferproblemen während der Corona-Pandemie bestätigt hat. Was logisch und einfach klingt, zieht allerdings einen Rattenschwanz nach sich. Denn eine Rückwärtslogistik für kaputte oder verbrauchte Produkte aufzubauen, ist komplex und aufwändig. „Wir können als großer Komponentenhersteller hier wichtige Akzente setzen“, ist sich Kölsch bewusst. „Doch ohne die Bikeshops, Materiallieferanten und natürlich die Biker selbst können auch wir die Welt nicht verändern.“ Der Produkt-Manager will die Verantwortung keinesfalls weiterschieben, gibt sich aber realistisch. Für eine grünere Zukunft müssen alle Marktteilnehmer in die Pflicht genommen werden.

Rückwärtslogistik, sortenreines Recycling, längere Haltbarkeit. Leider versprühen die wichtigsten Begrifflichkeiten der Nachhaltigkeit den Charme einer Excel-Tabelle. Wenn das Thema richtig Fahrt aufnehmen soll, muss es für die Biker greifbarer werden. Wie auf Kommando cruist Chris Hilton, Vordenker der Eagle-Technologie, auf seinem Fully in die Industriehalle am Rande von Schweinfurt. Mit seinem Lunchride demonstriert das Urgestein der Branche, worum es beim Thema Nachhaltigkeit auch geht. Um den Alltag auf den Trails. In der Mittagspause, am Wochenende, nach Feierabend. Doch wo spiegelt sich hier das Thema Nachhaltigkeit wider? Schmidt und Kölsch haben auf die Frage gewartet, wollen aber keine ganz konkrete Antwort geben. Auch wenn sich der Punkt, an dem Ingenieur und Produkt-Manager ansetzen könnten, förmlich aufdrängt. Denn wo gebikt wird, geht auch so manches Teil kaputt. Defekte an der Schaltung sind bei standesgemäßer Ausübung des Sports genauso unumgänglich wie dreckverschmierte Waden. Die exponierte Lage unter der Kettenstrebe hat schon so manches Schaltwerk sein Leben gekostet. Verbiegt beim Kontakt mit der Natur das Parallelogramm oder reißt die Spannfeder ab, bedeutet das in den meisten Fällen den Tod des kompletten Bauteils. Das soll sich ändern.

  Andreas Kölsch, Produkt-Manager für Schaltungen: „Im Thema Nachhaltigkeit steckt noch viel Potenzial für die ganze Branche. Da müssen gewachsene Strukturen auf den Prüfstand, und so manches Geschäfts-, Vertriebs- und Service-Modell neu gedacht werden. Das ist ein wichtiger, aber langer Prozess für alle Marktteilnehmer und geht nicht von heute auf morgen.“Foto: Georg Grieshaber
Andreas Kölsch, Produkt-Manager für Schaltungen: „Im Thema Nachhaltigkeit steckt noch viel Potenzial für die ganze Branche. Da müssen gewachsene Strukturen auf den Prüfstand, und so manches Geschäfts-, Vertriebs- und Service-Modell neu gedacht werden. Das ist ein wichtiger, aber langer Prozess für alle Marktteilnehmer und geht nicht von heute auf morgen.“

Kölsch spricht das Zauberwort aus: „Reparierbarkeit“. Schon heute gibt es Schaltröllchen und Teile des Käfigs einzeln nachzukaufen, um Defekte oder Verschleiß am Schaltwerk zu beheben. Doch in Zukunft soll dieser Punkt noch stärker ausgebaut werden. „Vor allem bei ganz teuren Bauteilen ist es nicht nur im Sinne der Natur, sondern auch im Sinne des Kunden, wenn man Einzelteile einfacher tauschen kann und nicht das ganze Schaltwerk wegwerfen muss“, erklärt Kölsch seine Gedanken. Konkreter will er dabei aber nicht werden. Der Grund für die Geheimniskrämerei lässt sich jedoch leicht ausrechnen. Wenn ein Entwicklungszyklus für eine Schaltung, wie eingangs erwähnt, drei bis fünf Jahre dauert, und die Sram-XO1-Eagle im Jahr 2016 präsentiert wurde, kann es nicht mehr lange dauern, bis ein Relaunch der Schaltgruppe ansteht. „Wir können dazu nichts sagen“, schmunzelt Kölsch. Nur so viel lässt er sich noch entlocken „Jedes zukünftige Bauteil, das hier bei Sram entwickelt wird, hat im Lastenheft die drei Kapitel: Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Recycle-Fähigkeit.“ Wie die Punkte dann konkret umgesetzt werden, wird sich in künftigen Produkten zeigen.

Noch ist der Weg in eine nachhaltigere Zukunft lang, und er birgt auch viele Hindernisse. Doch hier in Schweinfurt ist man zumindest schon mal losmarschiert.

Die Öko-MTB-Schaltung im Detail

Um den ökologischen Fußabdruck bei der Schaltgruppe gering zu halten, hat Sram besonders haltbare Schaltungskomponenten zu einer Gruppe kombiniert und mit eigens angefertigten Prototypen ergänzt. Wir werden mit Hilfe dieser Schaltung unser RIDE-GREEN-Konzept-Bike vervollständigen und in Kürze darüber berichten.

Die Kurbel entstammt dem aktuellen Sram-NX-Eagle-Ensemble und wurde ausgewählt, weil nur bei ihr die Kurbelarme und die verpresste Welle aus derselben Aluminiumlegierung bestehen. So kann das verwendete Material sortenrein recycelt werden. Das verbaute Stahlkettenblatt kostet nur 19 Euro im Handel und wurde montiert, weil seine Haltbarkeit deutlich besser ist als bei den teureren, aber leichteren Aluminiumkettenblättern.
Foto: Georg Grieshaber

Sram - das Unternehmen

Sram ist nach Shimano der zweitgrößte Komponentenhersteller der Welt. Die Firma wurde 1987 in Chicago (USA) gegründet. Anfangs bestand die Produktpalette nur aus Drehgriffen für Schaltungen. Mitte der 90er wurde die deutsche Firma Fichtel und Sachs aufgekauft und zeitgleich das Produktportfolio stetig erweitert. Heute gehören auch die Marken Rockshox, Zipp, Truvativ, Time und Quarq zum Sram-Konzern. Der ehemalige Fichtel-und-Sachs-Standort in der Romstraße 1 in Schweinfurt ist immer noch Srams Entwicklungszentrale für Antriebe.

Mit unserer RIDE-GREEN-Kampagne widmen wir uns gemeinsam mit Partnern aus der Industrie und Experten der Cradle-to-Cradle NGO dem Thema Nachhaltigkeit. In BIKE 1/22 präsentieren wir die dabei entstandenen Bauteile an unserem nachhaltigen Mountainbike.

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