Seite 2: Schweißgeruch in Sportkleidung

Schluss mit Schweißgeruch: Die Laborergebnisse

  • Stefan Frey
 • Publiziert vor 3 Jahren

Nie wieder mufflige Sportbekleidung. Das wünschen sich wohl viele Biker. Doch woher kommt der Gestank eigentlich und was kann man dagegen tun? Wir gehen dem Schweißgeruch auf die Spur.

Nach dem Laborversuch bestellt uns Claudia Beimfohr zur Auswertung ein. Das Ergebnis überrascht sogar die Forscherin: Auf den Proben der beiden fabrikneuen Shirts drängeln sich die Bakterienkolonien wie Groupies auf einem Pop-Konzert. Eine Auszählung ist kaum noch möglich. Allein von der sportlichen Betätigung kann das nicht kommen, rätselt die Expertin. Ihre Vermutung: Schon bei Produktion, Verpackung und Transport könnten die Funktions-Shirts in Kontakt mit Bakterien kommen. Auch wenn es sich dabei um ungefährliche Arten handelt, rät Beimfohr ausdrücklich dazu, ein neues Teil vor dem ersten Tragen einmal gründlich zu waschen. Ein anderes Bild zeigt sich auf den Nährmedien der zehnmal gewaschenen Shirts. Die Bakterienzahlen gleichen eher dem Bild der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten vor dem Kapitol. Es ist noch relativ viel Platz frei in den Schälchen. Das Ergebnis verstärkt unsere erste These, wirft aber weitere Fragen auf. Warum wachsen auf dem Shirt mit der Silberausrüstung noch immer deutlich nachweisbare Kolonien der Stinke-Bakterien? Eigentlich sollten sich die Mikroben nach dem Silberkontakt doch nicht mehr weiter vermehren, verspricht zumindest der Hersteller.



DIE GRÖSSTEN STINKER

Schweiß an sich ist geruchsneutral. Für den Gestank in der Funktionsbekleidung sind Bakterien zuständig. Zwei Exemplare konnten wir als maßgebliche Übeltäter entlarven.


Staphylokokken: Kugelförmige Zellen mit einer Größe von 0,5 bis 1,5 μm, die in weintraubenähnlichen Haufen als Hautbakterien vorkommen. Ihr Temperaturoptimum liegt zwischen 30 und 37 Grad. Die Staphylokokken-Arten, die auf der menschlichen Haut und auf den Schleimhäuten vorkommen, haben in der Regel keine Krankheitsbedeutung und sind ungefährlich.

Staphylokokken


Corynebacterium: Diese keulenförmigen (griechisch coryne = Keule) Bakterien sind zwischen drei und fünf μm lang. Bestimmte Vertreter der Gattung können, durch Bakteriophagen infiziert, Diphterie auslösen. Die Vertreter, die sich auf der menschlichen Haut und auf den Schleimhäuten befinden, sind in der Regel jedoch nicht krankheitserregend.

Corynebacterium


Die keimtötende Wirkung von Silber kannte man übrigens schon in der Antike. Heute wird Mikrosilber in Deos, Kosmetika und vor allem auch in Funktionsbekleidung eingesetzt. Die Silberionen dringen in die Bakterien ein, verändern deren Zellstoffwechsel und stoppen so ihre Vermehrung. Die Anwendung ist allerdings umstritten. Die Göteborger Umweltbehörde hat in einem Test neu gekaufte und zehnmal gewaschene Kleidungsstücke untersucht. Das Ergebnis: Alle Textilien geben in der Wäsche Silberionen ab, die so in den Wasserkreislauf gelangen können. Forschungsergebnisse des Hohenstein Instituts legen zumindest nahe, dass die Silberionen nicht der natürlichen Hautflora schaden, aber auch hier liefern andere Untersuchungen widersprüchliche Ergebnisse. Der Nutzen der Silberausrüstung für den sportlichen Gebrauch scheint den Forschern von Vermicon begrenzt zu sein. Offensichtlich schafft es das Produkt nicht, alle Bakterien zu "entschärfen". Somit könne man auch auf die Ausrüstung verzichten, schließt Beimfohr aus dem Ergebnis.

Auf der Probe des fabrikneuen Merino-Shirts hat sich ein ganzer Bakterienteppich ausgebreitet. Allein im unteren Viertel der Probe zählen wir 550 Kolonien. Unwahrscheinlich, dass die alle von Hautbakterien stammen. 

Auch die Wirkungsweise der Merinowolle lässt sich mit unserem Laborversuch nicht sicher belegen. Auf der Probe des zehnmal gewaschenen Shirts wachsen ebenfalls Bakterienkolonien. Die Wirkung der Merinowolle liegt eher in ihrer Faserstruktur. Hierzu haben die Hohenstein-Wissenschaftler eine spannende Entdeckung gemacht: Wolle bindet die Geruchsmoleküle stärker und länger an sich als beispielsweise Polyester – und fängt daher auch erst später an zu stinken. Von den Kunstfasern können sich die Moleküle, die für den Geruch verantwortlich sind, scheinbar leichter lösen und in unsere Nasen vordringen.

Für welches Produkt man sich letztendlich auch entscheidet: Allein durch das Bekleidungsmaterial oder eine antimikrobiotische Ausrüstung wie Silberionen wird man die Stinktierchen nicht los.


SILBER VS. MERINO

Naturfaser oder chemische Keule – um sportlern lästige schweißgerüche in der funktionsbekleidung zu ersparen, gehen die hersteller unterschiedliche wege. Das Ziel jedoch bleibt gleich: die bakterien sollen daran gehindert werden, den schweiß zu zersetzen. so funktionieren die beiden ansätze.


Silberionen: Um die Nano-Silberpartikel mit der Faser zu verbinden, gibt es zwei Methoden. Entweder wird das Nano Silber in ein Polymer eingemischt und dann zu Fasern versponnen, oder es wird als Finish im Nachhinein auf die Faseroberfläche aufgebracht. Ersteres ergibt eine besonders feste Verbindung mit der Faser. In beiden Anwendungen wird die antimikrobielle Wirkung von Nano-Silber genutzt. Durch die Freisetzung von Silberionen (Ag+) werden beim Tragen der Bekleidung die Bakterien abgetötet. Die Silberionen dringen in die Bakterien, verändern deren Zellstoffwechsel und können so deren Vermehrung stoppen.


Merinofaser: Die Oberflächenstruktur der Fasern funktioniert wie Dachziegel. Dort finden die Bakterien nur wenig Halt und bleiben so vorwiegend auf der Haut. Weil Merinowolle schnell und viel Feuchtigkeit aufnimmt, bleibt den Bakterien nur wenig Zeit, den Schweiß zu zersetzen. Grundbaustein der Merinowolle ist das Eiweißmolekül Kreatin. Die Besonderheit daran: Diese Moleküle machen es den Bakterien besonders schwer, sich zu vermehren. Der Zersetzungsprozess von Schweiß wird so natürlich verzögert, und der unangenehme Geruch entsteht erst viel später (man spricht von einer Selbstreinigungsfunktion) als bei einer Kunstfaser.


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Schlagwörter: Bakterien BIKE 4/2017 Funktionsbekleidung Funktionsshirt Geruch Gestank Schweiß schwitzen Sport- und Funktionsunterwäsche stinken Unterwäsche


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