Garantie und Gewährleistung

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 13 Jahren

Biken bedeutet Verschleiß, passieren kann immer etwas. Garantieversprechen wirken beruhigend, doch ist das Bike einmal Schrott, geht der Ärger oft erst los.

Der Frust fraß sich ruckelnd und zuckend in die Finger. Immer tiefer. Bei jeder Bremsung ein wenig mehr. Schließlich war das komplette Nervenkostüm befallen. Schon bei den ersten Ausfahrten mit dem neuen Bike hatte Fridl Lang ein seltsam flattriges Bremsverhalten bemerkt. Im Wechsel bissen die Beläge hungrig in die vordere Bremsscheibe, um eine Sekunde später nur müde daran zu lutschen, dann wieder zuzuschnappen, zu lutschen und immer so weiter, während der gezogene Hebel dabei nervös zuckend in den Fingern lag. Eine Analyse mit der Schieblehre brachte Aufschluss: Die Scheibe war ungleich dick. Umtauschen wollte der Versandhändler nicht, trotz des zweijährigen Garantieversprechens auf alle Teile. Irgendwann werde sich die Scheibe schon einbremsen, so die 08/15-Begründung. „Erst als ich wegen der un terschiedlichen Bremsleistung mit dem Vorderrad wegrutschte und Schadensersatz im Falle eines gröberen Unfalls androhte, kam prompt eine neue Scheibe“, ärgert sich Fridl Lang noch immer. Ein Jahr hatte der Nervenkrieg gedauert.

Garantie – ein Wort wie aus einem Sparkassen-Prospekt für die Altersvorsorge. Einlullendes Synonym für Sicherheit und Nullrisiko, das die Kauflust anfeuern soll. Kaum ein Hersteller, der nicht mit vollmundigen Garantieversprechen in die Verkaufsoffensive geht. Doch die Praxis steckt voller Tücken. Und das für Hersteller und Kunden gleichermaßen. Da kollabieren Dämpfer auf harmlosen Waldwegen, der Umtausch aber wird wegen angeblicher Überlastung abgelehnt. Da werden Federgabeln mit radikalen Rennfotos beworben, der Rennbetrieb aber im ganz klein Gedruckten der Garantiebestimmungen ausgeschlossen. Oder es landen Bikes in den Service-Abteilungen, die bei der Einfahrt in die Tiefgarage noch auf dem Dachgepäckträger standen.

Solche Fälle landen zuhauf bei Dirk Zedler. Der Gutachter hat sich auf die Untersuchung strittiger Schadensfälle spezialisiert. Was ist unsinnig benutzt, was durch dilettantische Montage vermurkst, was falsch konstruiert? Über mangelnde Arbeit kann Zedler nicht klagen. Sein ganzes Büro steht voller Glasvitrinen, in denen er den Horror konserviert. Geteilte Lenker, zerknickte Sattelstützen, gespaltene Kurbeln. „Die Gesetzeslage ist eigentlich absolut klar, nur kennt sich damit kaum einer richtig aus“, sagt Zedler und fügt hinzu: „Bei der Gewährleistung wird viel Schindluder getrieben, auch von den Endverbrauchern, das muss man ganz klar sagen. Manche bauen sich dicke Reifen auf ihr Touren-Bike, kippen den Sattel nach hinten und denken, sie haben ein Dirtbike. Und dann zerbricht die Gabel bei der Landung am Sprunghügel.“ Leichtsinn, der die Service- Abteilungen zumüllt und nicht selten auch Krankenakten.

Ist das Bike einmal Schrott, geht der Ärger los. Wer haftet und vor allem: bei was? Die theoretische Antwort ist einfach und hat mit Garantie erst einmal wenig zu tun. So verbreitet der Begriff auch ist, so sehr führt er in die Irre. Garantie ist nichts weiter als ein freiwilliges Zusatzversprechen des Herstellers. Und dieses auch nur zu deren ganz eigenen Bedingungen, dem oft nicht zu Unrecht sogenannten „Kleingedruckten“. „Will eine Firma zum Beispiel die ausgefüllte Garantiekarte innerhalb von zwei Tagen zugeschickt haben und ich verpasse diese Frist, kann ich schon Pech haben“, weiß der Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Michael Heidelbach, auf derartigen Trouble spezialisiert. So oder so: Wirklich entscheidend ist für Biker zunächst einzig die sogenannte „Sachmangelhaftung“. Diese gilt ab Kauf automatisch für die Dauer von zwei Jahren und regelt, dass der Kunde ein mangelfreies Produkt für sein Geld bekommt. Bricht ein Rahmen, eiert ein Laufrad oder haucht ein Dämpfer sein Leben aus, muss der Händler Ersatz liefern. Oder nachbessern. Natürlich nur, wenn das Teil entsprechend seiner Bestimmung eingesetzt worden ist. Das zu entscheiden, ist bei einem Mountainbike die große Schwierigkeit. Zu groß ist der Einsatzbereich, zu unterschiedlich die Fahrweise. Ist eine Trail-Abfahrt am Gardasee noch eine Tour, oder schon radikaler Downhill? Zählt eine kniehohe Felsstufe als normales Hindernis, oder schon als Drop? Wann ist ein Sturz ein Sturz? Wann ein Fahrfehler ein Fahrfehler? Fotos können helfen. Zeugen auch. Denn, wird die Reparatur oder der Umtausch abgelehnt, bleibt nur der Gang zum Anwalt.

Vor allem die Hersteller von Dämpfern und Federgabeln versuchen mit eng gesteckten Wartungs-Intervallen unnötiger Verschrottung vorzubeugen. Alle 50 Betriebsstunden muss eine „Bomber“-Gabel von Marzocchi laut Benutzerhandbuch zum Ölwechsel, was Vielfahrer gut und gerne jeden Monat in die Werkstatt zwingen kann. Das Ölbad einer Rock Shox „Reba“ will ebenfalls alle 50 Stunden auf gefrischt werden. Fox schreibt die große Durchsicht einmal jährlich vor. Federung ist Hightech im Dauerschlammbeschuss. Doch die Notwendigkeit zur Pflege sehen die wenigsten Biker ein. „Ich kenne keinen, der solche Service-Intervalle einhält. Ehrlich gesagt empfinde ich solche Vorgaben als Zumutung für die Kunden“, schimpft Ralf Hein vom Bruchsaaler „Bunny Hop Shop.“ Und selbst beim Shop-Giganten Stadler muss Service-Mann Ben Keller zugeben: „Das Leute alle paar Monate zur Durchsicht kommen, gibt es nicht.“ Wirklich kontrollieren lässt sich das sowieso nicht. „Wir müssen erst einmal davon ausgehen, dass der Kunde die Wahrheit sagt. Wenn wir einen Dämpfer aufmachen, sehen wir aber sehr genau, was damit passiert ist“, so Marzocchi-Sprecher Francesco Marzari.

Stuttgart, eine Zweckhalle am östlichen Stadtrand. Millionenfach streut die Firma Lange & Co von hier aus Shimano-Parts und anderes Zubehör in alle Winkel Deutschlands. Manches kommt in einem desolaten Zustand zurück, aus welchen Gründen auch immer. Um jeden einzelnen Fall zügig bearbeiten zu können, unterhält die Firma ein zwölfköpfiges Team, das sich ausschließlich um die Reklamationen kümmert. „Nur zufriedene Kunden sind treue Kunden“, predigt Abteilungsleiter Frank Prüwer, während er einen eingeschickten Sattel prüfend in den Händen wendet. Das Leder im mittleren Flankenbereich ist abgeschubbert. „Hmm“, brummt Prüwer nachdenklich, „der Typ hat einfach zu dicke Oberschenkel, anders kann das nicht sein.“ Ein Telefonat mit dem Kunden soll Klärung bringen. Doch erst einmal wird die Datei angelegt. Damit auftretende Defekte künftig möglichst nicht mehr vorkommen, tippt die Crew um Prüwer sämtliche Schäden in eine EDV-Maske und schickt die Daten direkt in die Shimano-Zentrale nach Japan. Dort landen sie in der Entwicklungsabteilung. Ist ein Problem neu, werden sogar die Teile eingeschickt. Natürlich mühen sich auch andere Firmen um Kundenzufriedenheit. BIKE-Leser Michael Ulmer zum Beispiel wollte es gar nicht glauben, als sich keine zwei Stunden nach Reklamation seines Scott der Service bei ihm meldete. Das Dekor hatte sich an einer Stelle vom Klarlack gelöst. Drei Tage später traf der Ersatz ein. Mehr als einhundert Mal schneller als die Bremsscheibe bei Fridl Lang.


INTERVIEW MIT RECHTSANWALT MICHAEL ALBERT
„IMMER DAS KLEINGEDRUCKTE LESEN“

Ob Reklamationen flutschen oder sich zum Nervenkrieg aufblähen, lasst sich schon beim Kauf beeinflussen.


Auf was sollte man beim Kauf achten, um sich den Reklamationsärger möglichst zu ersparen?
Vor dem Kauf sollte man das Produkt ganz genau unter die Lupe nehmen, es, wenn möglich, sogar an- und ausprobieren. Je besser die Ware geprüft wird, desto geringer ist das Risiko. Auch sollte man sich einen Eindruck vom Verkäufer verschaffen. Mit ihm muss man schließlich eventuelle Reklamationen abwickeln. Ein Kauf auf Ebay ist zwar bequem, aber man sieht die Ware vor dem Kauf nicht. Da sind Ärger und Missverständnisse vorprogrammiert.


Viele Hersteller werben mit Garantieversprechen. Wie wichtig ist dabei das Kleingedruckte?
Dies nennt sich „Allgemeine Geschäftsbedingung“ und ist Bestandteil des Vertrages. Dazu bedarf es allerdings auch eines ausdrücklichen Hinweises von Seiten des Verkäufers, damit der Kunde auch über das Kleingedruckte Kenntnis erhält. Das beim Verkaufsgespräch im Detail zu erzählen, ist in der Praxis natürlich schwierig. Deshalb muss der Kunde zumindest die Möglichkeit bekommen, sich in zumutbarer Art und Weise über die Geschäftsbedingungen zu informieren, etwa durch ein Handbuch. Ich kann nur raten, das Kleingedruckte tatsächlich zu lesen. Es ist Bestandteil des Kaufvertrags. Manch unliebsame Überraschungen lassen sich so auf jeden Fall vermeiden.


Betreffen Garantieausschlüsse, etwa bei Renneinsatz, auch die Sachmangelhaftung?
Garantie und Sachmangelhaftung sind zwei völlig verschiedene Dinge. Während Sachmangelhaftung kraft Gesetz besteht und auch nicht durch allgemeine Geschäftsbedingungen ausgeschlossen werden kann, bedeutet die Garantie eine vertragliche Zusicherung des Verkäufers. Ein Garantieausschluss betrifft deshalb niemals die Sachmangelhaftung.


Wie soll man vorgehen, wenn ein Streitfall abzusehen ist?
Das defekte Teil nicht aus den Händen geben, ehe man es nicht fotografiert hat. Von Vorteil ist es, wenn man alle Unterlagen aufbewahrt hat.


Wie hoch sind denn die Chancen bei einem Rechtsstreit im Ausland?
Das ist rechtlich kompliziert und kommt immer sehr auf den Einzelfall an. Handelt es sich um einen Verkäufer aus einem der Staaten, die das „Europäische Gerichtsstandsund Vollstreckungsabkommen“ unterzeichnet haben, so können Verbraucher den Rechtsstreit über Gerichte in ihrem Heimatland abwickeln. Die USA allerdings, in der ja viele Biker über Internet kaufen, haben diesen Vertrag nicht unterschrieben. Da wird es dann kostspielig. Im Normalfall lohnt sich das nicht.


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